«Der Kampf um Kobane ist für mich eine Herzensangelegenheit»

Die SP-Bürgergemeinderätin Edibe Gölgeli über Basels besondere Beziehung zu den Kurden und die Hilfsaktion für die vom Islamischen Staat belagerte Stadt Kobane.

«Bei uns Kurden in der Schweiz gibt es die übliche Trennung zwischen Beruf, Familie, Freizeit und sozialem Engagement nicht. Die Familien sind gross und die Bindungen stark», sagt die Basler Bürgergemeinderätin Edibe Gölgeli.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Die SP-Bürgergemeinderätin Edibe Gölgeli über Basels besondere Beziehung zu den Kurden und die Hilfsaktion für die vom Islamischen Staat belagerte Stadt Kobane.

Es ist nicht einfach, mit Edibe Gölgeli einen Termin zu finden. Als Mutter eines zweijährigen Kindes, Betriebsökonomin, Bürgergemeinderätin (SP), Mitglied der Einbürgerungskommission und Präsidentin des Schweizerisch-kurdischen Vereins hat die 36-jährige Schweizerin mit kurdischen Eltern schon in ruhigen Zeiten viel zu tun.

Im Moment verbringt sie jede freie Minute damit, gemeinsam mit anderen kurdischstämmigen Baslerinnen und Baslern Hilfsgüter für die von IS-Kämpfern belagerte Stadt Kobane an der syrisch-türkischen Grenze zu organisieren.

Frau Gölgeli, wie ist es zu Ihrer Hilfsaktion für Kobane gekommen?

Für mich ist der Kampf um Kobane eine Herzensangelegenheit. Es trifft mich, als wenn es hier passieren würde. Bei uns Kurden in der Schweiz gibt es die übliche Trennung zwischen Beruf, Familie, Freizeit und sozialem Engagement so nicht. Die Familien sind gross und die Bindungen stark. Schon als Kind sass ich an jedem zweiten Wochenende in einem Reisebus und bin kreuz und quer durch Europa zu kurdischen Demonstrationen gefahren.

Ihre Aktion stösst auf viel Goodwill in Basel. Worauf führen Sie das zurück?

Allein in Basel leben rund 10’000 Kurdinnen und Kurden. Das sind 80 Prozent der Bevölkerung mit türkischer Herkunft. Es ist mit Abstand die grösste kurdische Gemeinde in der Schweiz. Und fast jeder ist auf irgendeine Weise mit Kobane verbunden. Über Familie und Freundschaften. Es gibt den Verein Städtepartnerschaft Basel-Van. Basel-Stadt, Riehen und Bettingen beteiligen sich grosszügig an unserer Hilfsaktion für Kobane. Und auch der Kanton Baselland hat Hilfe zugesagt.

Was genau tun die Basler Kurden für Kobane?

In einer ersten Aktion veranstalten wir zusammen mit dem Schweizerisch-kurdischen Verein, dem MED Kultur Zentrum und dem Verein Städtepartnerschaft Basel-Van an den kommenden Wochenenden Kuchenverkäufe auf dem Claraplatz und fordern die Leute auf, 50 Franken für Wintermäntel und Stiefel für die Kinder in Kobane zu spenden. Ausserdem sammeln wir, wo immer es geht, Geld, um wintertaugliche Zelte und Wohncontainer für das Flüchtlingslager in der angrenzenden Stadt Suruç zu organisieren. Unser Ziel ist es, 100 Wohncontainer zu errichten.

Von wie vielen Flüchtlingen reden wir?

Allein im türkischen Suruç von mindestens 75’000 Flüchtlingen aus Kobane. Rund um Kobane gibt es insgesamt sieben Flüchtlingslager. Und etliche Flüchtlinge, die weiter ins Inland und nach Diyarbakir geleitet wurden. Die genauen Zahlen kennt keiner. Aber es sind Hunderttausende.

Warum werden die offiziellen Hilfswerke nicht aktiv?

Das werden sie schon noch tun. Normalerweise läuft die Nothilfe über NGOs wie den Roten Halbmond, Médecins Sans Frontières und andere Organisationen. Aber die Türkei lässt die Helfer nicht zu den kurdischen Gemeinden durch und hat auch den humanitären Korridor nach Kobane, über welchen die eingekesselte Zivilbevölkerung versorgt werden sollte, geschlossen. Kommt dazu, dass die humanitäre Lage in der ganzen Welt desolat ist.

Wie meinen Sie das?

Wir haben die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) um 700 wintertaugliche Familienzelte gebeten. Aber der Deza sind die Mittel ausgegangen. Wir bekamen zur Antwort, dass es 2014 weltweit gleichzeitig eine nie gesehene Zahl humanitärer Krisen grossen Ausmasses gibt. Syrien, Irak, Gaza, Zentralafrikanische Republik, Überschwemmungen in Serbien und Bosnien, Südsudan, Ebola in Westafrika, und jetzt noch die Taifune auf den Philippinen. Da haben wir beschlossen, die Sache per Direkthilfe selbst an die Hand zu nehmen.

Wer betreut die Flüchtlinge derzeit?

Die Flüchtlinge werden zurzeit von kurdischen Freiwilligen betreut. Der türkische Staat tut nichts, ausser die Grenzen zu blockieren und die Hilfsleistungen zu behindern. Es gibt Gerüchte, der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan unterstütze sogar indirekt den Islamischen Staat.

Warum sollte er das direkt an der türkischen Grenze tun?

Kobane ist ein Experiment. Eigentlich ist die Region Kobane das erste selbstverwaltete kurdische Gebiet ausserhalb des Iraks. Die dort vorherrschende syrische YPG und die Kurdische Arbeiterpartei PKK arbeiten eng zusammen und haben in Kobane eine funktionierende Selbstverwaltung organisiert. Und nun verteidigen sie die Stadt. Die iranischen Peschmerga stellen nur 150 von rund 7000 Kämpfern.


An den kommenden Wochenenden sammeln die Basler Kurdinnen und Kurden auf dem Claraplatz für ihre Kobane-Hilfsaktion.
Weitere Infos: Schweizerisch-kurdische Gemeinschaft (melden Sie sich per Mail unter «Projekte», wenn Sie helfen möchten); Verein Städtepartnerschaft Basel-Van; MED Kultur Zentrum (keine Homepage): St. Jakobsstrasse 170A, 4132 Muttenz.

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