«Der Kuss ist so etwas wie eine Zugabe»

Alexandre Lacroix hat ein Buch übers Küssen geschrieben. Der französische Philosoph erzählt, was Küsse mit Pizza gemein haben, wie ein Riechkuss funktioniert und was Bond-Filme übers Küssen verraten.

Lippenbekenntnisse zwischen Politikern, Paaren und Gläubigen: Der Kuss. Besonders die Filmwelt hat ihn global bekannt gemacht. (Bild: Lukas Gloor)

Alexandre Lacroix hat ein Buch übers Küssen geschrieben. Der französische Philosoph erzählt, was Küsse mit Pizza gemein haben, wie ein Riechkuss funktioniert und was Bond-Filme übers Küssen verraten.

Alexandre Lacroix zählt sich selbst nicht zu den guten Küssern. Kein Wunder, dass seine Frau ihm eines Abends vorwarf, sie zu selten zu küssen. Doch anstatt seine Liebste häufiger in die Arme zu nehmen, verfasste der Franzose ein Buch über die Kulturgeschichte des Kusses, garniert mit Anekdoten aus seiner persönlichen Kuss-Biografie. Entstanden ist ein so leidenschaftliches wie heiteres Plädoyer für diese zärtliche Geste. Schliesslich gesteht Lacroix ein: «Es gibt kein besseres Barometer für den Zustand eines Paares als den Kuss.»

Herr Lacroix, kann man besser küssen, wenn man ein Buch darüber geschrieben hat?

Die theoretische Recherche zu einem Buch lässt sich sicher nicht automatisch in der Realität anwenden. An diese direkte Form von Metamorphose glaube ich, ehrlich gesagt, nicht.

Sie küssen Ihre Frau nun nicht häufiger?

Nein, ich gehöre wohl einfach nicht zu den guten Küssern, und meine «manière d’être», also meine Art, zu sein, hat sich nicht geändert. Ich gehöre zu einer Generation, die mit Pornografie aufgewachsen ist, wo der Kuss nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit ist. Das war zum Beispiel zu Zeiten von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre noch anders.

Die beiden galten als sehr liberales Paar, gerade auch in Sachen Liebe.

In der Tat. Gerade deshalb finde ich eine Anekdote sehr interessant, die Simone de Beauvoir in einem Tagebucheintrag erzählt. «Heute Abend hat mir Jean-Paul keinen Gute-Nacht-Kuss gewährt und ich habe die ganze Nacht geweint.» Daran zeigt sich, wie kulturell aufgeladen der Kuss ist. Die Arbeit an diesem Buch hat mir einen völlig neuen Zugang zu einer Geste ermöglicht, die im Grunde recht banal und zudem biologisch nicht notwendig ist. Es ging mir also darum, den Sinn des Liebeskusses wiederzuentdecken, dessen Praxis alles andere als universell ist.

Sondern?

Vor der Globalisierung wussten viele Kulturen überhaupt nichts vom Kuss, der zum Beispiel im 19. Jahrhundert in Afrika gänzlich unbekannt war. Als die Afrikaner in Kontakt mit den Weissen kamen und die ersten Küsse ihres Lebens beobachteten, waren sie schockiert und angeekelt.

Wie hat man dort seine Liebe gezeigt?

In Teilen Afrikas leckte man sich damals offenbar gegenseitig die Augen, um sich zärtlich zu zeigen. Und in Asien ist der Kuss überhaupt seltener, weil er dort als untrennbar mit dem Sex verbunden gilt. Umgekehrt ist einem Grossteil der Europäer der Riechkuss fremd, den man etwa in Lappland und China praktiziert.

Wie funktioniert ein Riechkuss?

Man legt die Nase an die Wange der geliebten Person und atmet bei geschlossenen Augen lang ein und wieder aus.

Wem haben wir den Lippenkuss zu verdanken?

Den Römern. Im römischen Reich wurden drei Formen von Küssen praktiziert: Es gab das unschuldige Basium innerhalb der Familie, das zum Beispiel zwischen Vater und Sohn ausgetauscht wurde. Ein Osculum gaben sich Mitglieder von gleichem sozialen Stand als Zeichen der Anerkennung. Schliesslich existierte aber auch das Suavium, also der Kuss zwischen Liebespaaren mit offenem Mund. Die frühen Christen haben diese Bräuche dann begeistert übernommen und sie bis ins 13. Jahrhundert praktiziert.

Warum haben die Katholiken damit aufgehört?

Es gab wohl zu viele Gerüchte über Ausschweifungen, sodass sich Papst Innozenz III. zu Beginn des 13. Jahrhunderts gezwungen sah, den Kuss zu verbieten. Indem er den Kuss im religiösen Kontext untersagte, machte er ihn aber erst der Zivilgesellschaft zugänglich. Die Christen haben dem Kuss also eine weitere Dimension hinzugefügt, nämlich eine metaphysische Tragweite. Die kann man durchaus spüren, auch wenn man nichts von der Geschichte des Kusses weiss.

Neben Innozenz hat aber auch Hollywood viel für die Verbreitung des Kusses getan.

Oh ja, das war die zweite grosse Werbekampagne für den Kuss! Im Hollywood-Film der 1940er- und 1950er-Jahre war der Kuss ein Symbol für die Liebe in all ihren Dimensionen, aber keinesfalls als Zeichen von sexueller Freizügigkeit. Die amerikanischen Regisseure durften nach dem sogenannten «Hays Code», einer Art Selbstzensur der grossen Studios, nicht mehr zeigen.

Die Schicksale des Kusses und der Pizza sind vergleichbar

Was schrieb denn der «Hays Code» vor?

Seine Direktiven in Sachen Sittlichkeit und Sexualität waren sehr präzise: Es durften zum Beispiel keine zweideutigen Tänze gezeigt werden, Ehebruch durfte nicht positiv dargestellt werden, Bett- und Schlafzimmerszenen waren tabu und so weiter. Und so wurde eben viel geküsst. Weil amerikanische Filme zu dieser Zeit konkurrenzlos waren, wurden sie in die ganze Welt exportiert. Überall, selbst in den entlegensten Dörfern in der Türkei oder Japan, begannen die Menschen, auf der Leinwand diese amerikanischen Paare zu sehen, die sich immer wieder küssten. Dies hat dem Kuss Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer weltweiten Verbreitung verholfen. Insofern ist das Schicksal des Kusses mit dem der Pizza vergleichbar, die heute weltweit verzehrt wird.

Was passiert beim Küssen?

Nun ja, zunächst befinden wir uns in dieser Situation allein aus physischen Gründen in einem oralen Konflikt: Im Gegensatz zum Sex können wir während des Küssens schon mal nicht mit dem anderen sprechen; Sprechen und Küssen gleichzeitig schliessen sich aus. Dieser orale Konflikt erklärt vielleicht zumindest teilweise die relative Stille, von der diese Geste umgeben ist. Es gibt unglaublich viele Bücher zur Pornografie oder zu Sexualpraktiken, aber nahezu nichts über das Küssen.

Gibt es nicht auch ziemlich wenig Synonyme dafür?

Das stimmt in der Tat. Der Psychoanalytiker Adam Phillips schrieb einmal, dass sich das Küssen einer sprachlichen Darstellung entziehe. Es existiert zwar ein Wörterbuch des Küssens, das aber nirgends hinterlegt ist. Wir wissen natürlich, dass jeder seinen persönlichen Kuss-Stil hat und über ein eigenes Kussrepertoire verfügt. Wenn sich also ein Paar kennenlernt, entdeckt es auch dieses «Wörterbuch» des anderen und erlebt dabei positive oder auch deprimierende Erfahrungen …

Sie beschreiben in Ihrem Buch verschiedene Techniken wie den «Trommel»-, «Pinsel»-, «Stab»- und den «Endoskop»-Kuss. Sind das eigene Wortschöpfungen?

Ja, es war amüsant, diese Typologie zu erstellen, weil wir tatsächlich über kein Vokabular verfügen. So ist die Technik des «Trommel»-Kusses eine Anspielung auf die Waschmaschine und auf die Knutschereien der Jugendlichen, die fürchterliche Angst haben, etwas falsch zu machen. Die Einfallsreichen wechseln immerhin von Zeit zu Zeit die Richtung des Kreisens.

Wer erwartet denn schon beim ersten Kuss Perfektion.

Richtig, darum geht es nicht. Was uns berührt, ist ja die Verwundbarkeit des anderen. Was zählt, ist die Bekundung von Gefühlen, nicht die Performance. Aber unabhängig von der praktizierten Technik lässt sich über das Küssen Folgendes sagen: Der Kuss schafft eine partnerschaftliche Atmosphäre zwischen Mann und Frau.

Wollen Sie damit sagen, dass Küssen Gleichberechtigung bedeutet?

Nun ja, zumindest können die Frauen beim Küssen leichter die Führungsrolle übernehmen. Anders als beim Sex gibt es bei der Vereinigung der Münder nicht die Penetration. Insofern ist ein egalitärer Aspekt sicher vorhanden, da es schliesslich dasselbe Organ ist, mit dem Mann und Frau voneinander profitieren.

Sex lässt sich durchaus auch ohne Liebe praktizieren, während Küssen ohne Liebe wohl eine Qual ist. Ist der Kuss also intimer als der Geschlechtsakt?

Nein, das sehe ich anders. Beim Sex werden wir nun mal von unseren Trieben gesteuert, und wenn Sie jemanden ins Gefängnis, in die Wüste oder auch in ein englisches Internat stecken, wird er immer einen Weg finden, seine Sexualität zu praktizieren. Beim Kuss verhält es sich genau umgekehrt, denn man kann sehr gut darauf verzichten. Er steht aber für das, was das Paar lebt. Man küsst sich, weil man Lust hat, sich zu küssen: Der Kuss ist so etwas wie eine kostenlose Zugabe.

Aber im Kuss zeigen wir uns dem anderen doch wirklich.

Der Ansicht bin ich nicht. Ich glaube, dass es ein Interpretationsfehler ist, der aus der Praxis der Prostituierten hervorgeht, die ihre Kunden ja bekanntermassen nicht küssen, weil dies zu intim sei. Vorhin erwähnte ich bereits die Römer: Ein Römer hätte niemals eine Prostituierte geküsst, er hätte sich geweigert. Es erscheint mir deshalb viel wahrscheinlicher, dass die Prostituierten ein Verbot, das über sie verhängt wurde, schliesslich selbst eingefordert haben, und zwar aus Stolz. Ich halte diese Kussverweigerung daher eher für ein Phänomen einer bedrohten und missachteten Minderheit. Ich würde es so formulieren: Der Kuss ist nicht intimer, er ist aber gewiss ein untrügliches Zeichen.

Wofür?

Der Kuss ist ein Barometer für den Zustand eines Paares. Wissen Sie, wie die allererste Frage französischer Sexualtherapeuten an Paare mit Beziehungsproblemen lautet?

Wie?

Küssen Sie sich noch? Und wenn ja, wie oft? Wenn ein Paar vergisst, sich zu küssen, ist das der Anfang vom Ende der Beziehung. Sehr interessant ist meiner Meinung nach, dass sich die Klientel von Sexualtherapeuten deutlich geändert hat. Vor 15 bis 20 Jahren kamen hauptsächlich Männer in der Lebensmitte, die mit ihrer nachlassenden Libido zu kämpfen hatten, doch die suchen in Zeiten von Viagra deutlich seltener einen Sexualtherapeuten auf. Neuerdings sind unter den Patienten offenbar viele Paare, die unter 30 sind.

Worin liegt das Problem dieser jungen Leute?

Diese Paare verstehen sich offenbar sehr gut, fahren zusammen in die Ferien, wollen heiraten und Kinder haben, aber im Bett klappt es nicht.

«Wenn ein Paar vergisst, sich zu küssen, ist das der Anfang vom Ende der Beziehung.»

Was sagen die Sexualtherapeuten dazu?

Die waren zunächst völlig hilflos. Eine der Erklärungen dafür liegt darin, dass diese jungen Leute schon sehr früh mit pornografischen Bildern zum Beispiel im Internet konfrontiert waren und darüber hinaus in Sachen Sex auch schon einiges ausprobiert haben, egal ob nun Gruppensex oder homosexuelle Erfahrungen. Diese 25- bis 30-Jährigen schauen sich abends im Zweifelsfall lieber eine DVD an, als Sex zu haben.

Wenn sich selbst junge Paare weniger oder gar nicht mehr küssen: Ist der Kuss in Gefahr?

Auf jeden Fall. In einer Gesellschaft, in der die Pornografie eine grosse Rolle spielt und zugleich alles auf Beschleunigung und Konsum ausgerichtet ist, haben Erotik und Langsamkeit den Geruch des Veralteten. Ein Beispiel dafür sind sicher auch die James-Bond-Filme. Sind Sie Bond-Fan?

Ich habe ein paar Filme gesehen.

Ich habe mir mit meinem ältesten Sohn, der jetzt 13 ist, ziemlich viele Bond-Streifen angesehen, und das ist im Hinblick auf den Kuss sehr aufschlussreich. Denn die Filme gibt es ja bereits seit 50 Jahren – insofern lässt sich die Entwicklung des Kusses als gesellschaftlicher Spiegel dort sehr schön verfolgen.

Die Kuss-Szenen mit Sean Connery sind legendär.

Und sie sind natürlich erotisch sehr aufgeladen. Pierce Brosnans Küsse zu Beginn der 2000er-Jahre würde ich dagegen eher athletisch nennen und als Zugabe zu den Sexszenen bezeichnen. Der letzte Bond-Film «Skyfall» mit Daniel Craig in der Hauptrolle hat mich allerdings absolut verblüfft, weil Craig kein einziges Mal ein Bond-Girl küsst. Man könnte also durchaus sagen, dass sich der Kuss in der Rezession befindet. Und weil es jammerschade wäre, wenn diese Zärtlichkeit zur banalen Geste verkäme, liesse es sich fast schon als politisches Projekt bezeichnen, den Kuss zu retten.

Welche Küsse sind für Sie persönlich im Rückblick besonders kostbar?

Ich mag besonders gern Küsse vor der Kulisse einer sehr schönen Landschaft. Möglicherweise, weil ich so den Eindruck habe, mit dieser zärtlichen Geste auf die Schönheit der Umgebung zu antworten. Es ist eine interessante Art und Weise, den Kuss so zu zelebrieren – und natürlich auch sehr romantisch! Mein Kussverständnis ist da offenbar nachhaltig von Jean-Jacques Rousseau geprägt, der schon von dieser authentischen Geste schwärmte.

Sie sehen im Kuss also eine sinnliche Alternative zum Erinnerungsfoto?

Ganz genau. Ich finde es interessant, sich an bestimmten Orten zu küssen, sozusagen als Momentaufnahme für den Zustand einer Liebe zwischen zwei Menschen. Wenn wir uns auf Reisen an einem wunderschönen Ort befinden, dessen Anblick uns überwältigt, wissen wir oft nicht, wie wir reagieren sollen, und greifen dann zum Fotoapparat. Spannender ist es meiner Ansicht nach, diesen Moment in Form eines Kusses festzuhalten.

Alexandre Lacroix

Alexandre Lacroix, Jahrgang 1975, ist Philosoph und Politologe. Er lebte nach seinem Studium einige Jahre in einem kleinen Dorf im Burgund. 2005 kehrte er nach Paris zurück, um die Philosophie-Zeitschrift «Philosophie Magazine» zu gründen, die er seitdem als Chefredaktor leitet. Gleich die erste Ausgabe wurde zur besten Zeitschrift des Jahres 2007 gekürt. Seit 2011 gibt es auch ein deutsches Schwestermagazin, das eng mit der Pariser Redaktion zusammenarbeitet.Lacroix unterrichtet neben seiner journalistischen Tätigkeit am Institut d’études politiques de Paris. Zusammen mit seiner Frau Chiara hat er drei Kinder und lebt in Paris. Sein Buch «Kleiner Versuch über das Küssen» ist 2013 beim Matthes & Seitz-Verlag erschienen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 16.08.13

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