«Die Klischees sind kompletter Bullshit»

Heute Freitagabend findet das «22. Literatur-Openair grenzenlos» der Stadtbibliothek Basel statt. Aus ihren Büchern lesen Endo Anaconda, Constantin Seibt und Michèle Roten. Die TagesWoche hat die Kolumnistin getroffen und mit ihr über die Themen in ihrem Buch «Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung» gesprochen.

(Bild: Tom Haller/Echtzeit Verlag)

Am «22. Literatur-Openair grenzenlos» der Stadtbibliothek Basel heute Abend lesen Endo Anaconda, Constantin Seibt und Michèle Roten. Die TagesWoche hat die Kolumnistin getroffen und mit ihr über Frauen und Männer, über Klischees und Missverständnisse gesprochen.

Sie sitzt auf der Treppe vor dem Eingang zum Tamedia-Haus in Zürich und raucht. Es ist Mittagzeit und Michèle Roten hat Hunger. Sie möchte etwas essen, am liebsten irgendwo draussen, wo man rauchen kann. Was mir sehr gelegen kommt. In ihrem Lieblingscafé am Stauffacher – «so ein richtiges, gemütliches Altwiiber-Kafi» – sind alle Tische besetzt. Wir gehen ins ehemalige «Coopi», damals tradi­tioneller Treffpunkt der Zürcher Linken, das jetzt «Certo» heisst.

Frau Roten, Sie haben viele Fans, haben Sie auch viele Neider?

Oft, wenn du kritisiert wirst und das Leuten erzählst, sagen die, diese Kritiker sind doch nur neidisch. Ich bin damit aber sehr vorsichtig, ich nehme Kritik immer ernst und versuche, sie nicht als Neid abzutun. Das wäre eingebildet und – ja, wie sich selber auf die Schulternklopfen. Es kann schon sein, dass es Neider gibt, aber ich versuche, sie nicht als solche wahrzunehmen.

Leiden Sie beim Schreiben? Wenn ich Sie lese, habe ich immer das Gefühl, das ist so locker hingerotzt.

Nein, ich leide extrem, das heisst, vor allem in der Phase, bevor ich schreibe. Wenn ich dann schreibe – in den guten Fällen –, dann läuft es. Aber vorher ist es oft schrecklich. Du musst ja einen Plan haben, wissen, was werden soll. Bis der Plan steht, Horror.

Ich habe auch ein bisschen rumgefragt, wer was von Michèle Roten wissen möchte. Zwei Reaktionen: Eine junge Frau zog eine Schnute und meinte: «Ach, mich interessiert deren Vagina nicht.» Ein Kollege aber bekam leuchtende Äuglein, und zwei Stunden später schickte er mir etwa zehn Fragen. Kommen Sie bei den Männern besser an als bei den Frauen?

Früher ja, das war glaub ich so. Aber damals passierte das, was Frauen oft widerfährt, wenn sie über Sex schreiben: Sie werden für manche Männer zum Sexobjekt. Je länger, je mehr sprechen meine Texte jedoch auch Frauen an. Ich würde sagen, jetzt ist es etwa ausgeglichen.

Mir ist aufgefallen, dass viele ältere Frauen Freude an Ihnen haben.

Ja? Wenn diese Frauen Spass haben, an dem, was ich mache, dann ehrt mich das besonders. Das sind ja Frauen, die schon einen langen Weg gemacht haben, und dass sie mich nicht total schlecht finden, beweist, sie können neue feministische Ideen akzeptieren. Deshalb ist auch der Preis der Somazzi-Stiftung so wichtig für mich. Dass die Auszeichnung genau aus der Ecke der gestandenen Feministinnen kommt, finde ich – uuschön! Ich hatte nämlich, als ich das Buch geschrieben habe, eine Riesenangst davor, dass die sagen würden: Du gehörst im Fall nicht zu uns. Dass sogar das Gegenteil eintraf und sie sagten: Das ist gut, was du machst, das freut mich wahnsinnig.

Diese Reaktion widerspricht jedoch dem Klischee, das Sie immer wieder hervorholen – von den schmallippigen Feministinnen in Caritas-Säcken, mit unrasierten Beinen. Die gibt es doch kaum.

Eben, es ist ein Klischee, das sage ich aber auch immer wieder. Zugegeben, es ist wahrscheinlich nicht gut, dass ich dieses Klischee so oft benutze. Aber eben, ich bin in einem Lernprozess. Doch das Normative, das der Feminismus haben kann, das ist etwas, was mich enorm abschreckt. Wie die Vorschriften eines Clubs, da musst du die und die Haltung haben. Alles, was du machst, auch das Privateste, wird sofort politisiert. Deshalb plädiere ich für eine modernere Variante des Feminismus.

Und wie sieht die aus?

Wo dieses Normative nicht mehr so stark ist. Ich finde, man sollte die Frauen zum Nachdenken anregen, zum Beispiel: Hast du dir schon mal überlegt, warum du dich in High Heels so gut fühlst? Aber man soll eine solche Frau nicht grad auf die Wiibli-Schiene abschieben und sagen, so eine kann keine Feministin sein. Damit habe ich Mühe. Mein Anliegen ist darum, dieses Normative genauso abzuschaffen wie das Klischee der unrasierten Caritas-Säcke.

Sie stellen dem Klischee Ihre Generation gegenüber: pro Sex, pro Mann, pro Spass. Als ich das las, dachte ich: Hallo! Wir hatten wohl mindestens so viel Spass wie die Jungen von heute. Wir sind einfach älter geworden, und alt zu werden ist verdammt schwierig. Du merkst plötzlich, dass Frauen eben doch auf ihr Aussehen reduziert werden.

Absolut. Das tun sie aber gern auch selber. Aber ich glaube, es ist kein Zufall, dass ich jetzt, wo ich über dreissig bin, mich mit dem Thema Feminismus auseinandersetze. In den Zwanzigern war ich Verfechterin von Das-Leben-ist-geil-und-ich-kann-machen-was-ich-will. Es ist jetzt nicht gerade so, dass ich konkret merke, jetzt bist du älter geworden und erlebst Benachteiligungen … aber ich glaube, dass mein Bewusstein langsam geschärft ist für solche Sachen. Und je mehr ich mit diesen gestandenen Feministinnen von damals Kontakt habe, desto mehr merke ich, was für ein kompletter Bullshit die Klischees sind. Und ich glaube, die sind bewusst und absichtlich von den Feminismus-Gegnern geschürt worden: Verpassen wir denen ein blödes Image, damit sie in die Ecke gedrängt werden und Ruhe geben.

Das ganze Interview ist in der aktuellen Printausgabe nachzulesen.

PS: Bei schlechtem Wetter findet das «22. Literatur-Openair grenzenlos» im Zunftsaal Schmiedenhof statt.

 

An den Kolumnen der 33-jährigen Frau, die seit ein paar Jahren regelmässig im «Magazin» der Tamedia AG erscheinen, scheiden sich die Geister: Einige verehren Michèle Roten wie einen Popstar, andere schnöden über sie. Und viele lesen sie ganz einfach gerne, weil sie – was nur wenige können – lustig auch über ernste Dinge schreiben kann. Zum Beispiel über Feminismus. Für ihr Buch «Wie Frau sein. ­Pro­tokoll einer Verwirrung», erschienen im Echtzeit Verlag, erhielt sie letzten Herbst den Somazzi-Preis, der besondere Verdienste in der Frauen­förderung auszeichnet. Roten ist verheiratet und Mutter eines 16-monatigen Buben. TagesWoche-Leser erhalten das Buch statt für 29 für 26 Franken, inkl. Porto und Spesen. Bestellung über die Website des Verlags.

 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 24.08.12

Konversation

  1. Ich habe mich gefreut über das Interview mit Michèle Roten. Wichtig ist, dass unbezahlte Arbeit endlich die gleiche Wertschätzung erfährt wie bezahlte Arbeit. Michèle Roten und alle anderen Teilzeitarbeitenden haben keineswegs „arbeitsfreie Tage“. Sie kümmern sich an den „lohnfreien Tagen“ um Kinder, Haushalt und manch andere(s) und arbeiten richtig! Dies ist besonders für viele Männer, die nebst ihren Teilzeit-Partnerinnen zu 100% arbeiten, wichtig zu verstehen. Er 100%, sie Teilzeit ist nämlich das am wenigsten gleichberechtigte Partnerschaftsmodell überhaupt.

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  2. Liebe Frau Rothen
    Als Ihr Fan habe ich das Interview in der TaWo grad sofort gelesen. Nun bin ich ganz irritiert. Wäre Ihr Quotenvorschlag etwa anders herausgekommen, wenn Sie sich frisch der Entomologie oder dem Wasserfahren zugewandt hätten? Nun flehe ich Sie an, dass Sie durch Ihre Mutterschaft nicht ganz klischeemässig Ihren einzigartigen Humor verlieren. Also so als Betroffenheits-Kolumnistin in einem weiteren todlangweiligen Mamablog sollten sie nicht enden. Dann werde ich nämlich nicht mehr für Sie fänden – imfall ;-)))!

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