«Die Preise sind zu tief»

Food Waste entsteht durch ein unseliges Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, sagt Experte João Almeida. 

João Almeida: «Man müsste den enorm wachsenden Fleischkonsum und die Abläufe in der gesamten Nahrungsmittelkette unter die Lupe nehmen.»

Food Waste entsteht durch ein unseliges Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, sagt Experte João Almeida. 

Herr Almeida, Ihre Master-Studie in Sustainable Development zeigt erstmals für die Schweiz, wie viele Lebensmittel verloren gehen. Was kommt da zusammen? 

Mit einer gewissen Sicherheit und auch bei Nutzung von jeher konservativen Zahlen kann man von einem Drittel ausgehen. Meine Berechnungen zeigen, dass von allen verfügbaren Nahrungsmitteln – also inklusive der Importe – jährlich ein Drittel an essbarer Nahrung verloren geht und in den meisten Fällen im Abfall landet. Schaut man einzig die Verluste im Bereich Brot und der Vorläuferprodukte wie Mehl an, muss man sogar von einem Verlust von 37 Prozent ausgehen.

Die Grossverteiler Migros und Coop sagen, sie hätten praktisch keine Verluste, weil das meiste recycelt oder an Tiere verfüttert werde. Geht diese Rechnung auf?

Nein, nicht wirklich. Zwar hat sich die Wissenschaft noch nicht auf einen eindeutigen Food-Waste-Begriff geeinigt, aber in der Regel wird die Definition der Food and Agriculture Organisation FAO beigezogen, so wie ich sie auch in meiner Studie verwende. Der Begriff wird präziser als Food Losses and Food Waste, also Nahrungsmittelverluste und -verschwendung, umschrieben. Das umfasst alle essbaren Teile der Lebensmittel, die in die menschliche Nahrungskette eingeführt, jedoch nicht vom Menschen verzehrt werden. Sie landen bei Konsumenten, Grossverteilern oder Verarbeitern im Abfall; oder sie werden vergärt, kompostiert, energetisch verwertet sowie an Tiere verfüttert. Kein Food Waste sind gemäss dieser Definition Biotreibstoffe oder sonstige Verwendungen von Nahrungsmitteln als Werkstoffe.

Und wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?

Man kann den Bericht der FAO als Referenz nehmen. Dieser veranschlagt den weltweiten Verlust an Lebensmitteln ebenfalls auf rund einen Drittel. Doch der Graubereich ist hoch, die FAO gibt eher vorsichtige Zahlen heraus. Die tatsächlichen Werte könnten noch einiges höher liegen.

Kürzlich hat Coop mit dem Fleischverkauf Schlagzeilen gemacht: Die Metzger haben Ware kurz vor oder nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums aus der Verpackung genommen, in die Vitrine gelegt und zur Tarnung mariniert. Wie beurteilt der Food-Waste-Experte diese Vorfälle?

Ob Coop hier richtig oder falsch gehandelt hat, ist keine Frage von Food Waste. Die Lebensmittelsicherheit sollte immer an erster Stelle stehen. Das Problem liegt tiefer. Man müsste den enorm wachsenden Fleischkonsum und die Abläufe in der gesamten Nahrungsmittelkette unter die Lupe nehmen. Es geht um das Angebot der Supermärkte und die Nachfrage der Konsumenten – diese verlangen ständig gute und frische Ware in grösster Auswahl. Dabei müssen die Regale doch nicht immer prallvoll sein! Die Konsumenten sollten die Qualität eines Supermarktes nicht primär anhand der Auswahl beurteilen, sondern anhand der Nachhaltigkeit des Sortiments.

Da stellt sich die Frage nach dem Huhn oder dem Ei. Was war ­zuerst: Das grosse, kom­merzielle Angebot oder die Nachfrage der Konsumentinnen und Konsumenten?

Alle Akteure sind beteiligt und verantwortlich. Trotzdem spielen die Konsumenten die zentrale Rolle. Selbst wenn sie nicht persönlich die Verluste verursachen, etwa in der Landwirtschaft, können sie diese sehr stark beeinflussen. Ein Beispiel: Warum kauft niemand krumme Gurken oder unförmige Tomaten? Die Supermärkte bieten das nicht mehr an, weil es in den Regalen liegen bleibt. Und solche Entscheidungen beeinflussen Grossverteiler, Verarbeiter und Landwirte. Wenn Nahrungsmittel einen höheren Preis hätten, würden auch unperfekte Waren wieder interessant. Die Preise sind zu tief, weil sie die negativen Externalitäten nicht erfassen. Würden Aspekte wie Bodenerosion, Energie- oder Wasserverbrauch einbezogen, wären die Preise viel höher.

Was könnten Migros oder Coop besser machen?

Vor allem saisonale und lokale Produkte verkaufen. Und je stärker die Lebensmittel verarbeitet werden, desto mehr Food Waste entsteht. Deshalb wäre es wichtig, weniger Convenience Food zu produzieren.

Und warum wird in der Schweiz noch so wenig gegen Food Waste getan, wogegen in Deutschland Staat und Konsumentengruppierungen viel aktiver sind?

Ich denke, das hat finanzielle Gründe. In der Schweiz geben die Haushalte für Nahrungsmittel nur etwa 11 Prozent des Gesamtbudgets aus, für die Gesundheitspflege 15 Prozent, für Freizeit und Kultur 8 Prozent. In anderen Ländern sind die Ausgaben für die Ernährung im Vergleich viel höher, sodass Food Waste viel mehr ins Geld geht – und auch viel mehr weh tut.


João Almeida (25) lebt in Bern und ist Ökonom mit ­Master in Sustainable Developement der Universität Basel, Abteilung für Umweltökonomie. Seine Studie ist noch nicht publiziert; weitere Informationen auf foodwaste.ch

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 02/12/11

Konversation

  1. Réjeanne, du leuchtest weitgehend das Problematik ein. Meine Gefühle bringen mir auch zu den Punkt, dass ich oft Mangel und Krise als „Lösung“ sehe, zu unserer Unfähigkeit, Werte und Ressourcen zu schätzen. Aber da sollten wir von Fukushima lernen: Was vor weniger als einem Jahr passierte, ist für den Meisten nur eine Erinnerung. Wie schlecht müssten also die Krisen sein, damit wir davon lernen würden, unser Verhalten zu ändern? Klar: wir müssten selber unmittelbar und längerfristig betroffen sein. Aber lange bevor jeder Herrn und Frau Durchschnittsschweizer von Mangel betroffen werden, werden für Milliarden (ja, so wie jetzt) von Menschen diesen Mangel lebensbedrohlich. So komme ich zum Schluss, dass wir auf eine andere Weise unser Dankbarkeit lernen müssen.

    Danke Empfehlen (0 )
  2. João Almeida, Claudio Baretta (Autor der Food Waste Studie von ETH Zürich), Markus Hurschler und ich (siehe http://www.tageswoche.ch/de/2011_48/schweiz/117762/Tag-für-Tag-wird-Brot-zu-Abfall.htm), gründeten eine Website zum Thema Food Waste: http://www.foodwaste.ch. Vorläufig ist unser Anliegen die Öffentlichkeit zum Thema Food Waste zu sensibilisieren. Das braucht aber engagierte Menschen, die bereit sind, viel Zeit für eine Veränderung an der heutigen Lebensmittelpolitik zu investieren. Besuchen Sie unsere Website und werden Sie aktiv mit uns. Nur durch eine starke Basisbewegung werden wir nachhaltige Änderungen in der Lebensmittelindustrie erzielen können.

    Danke Empfehlen (0 )
  3. Es stimmt traurig, wie weit es unsere Wohlstandsgesellschaft gebracht hat. Wir haben Methoden entwickelt, aus unseren Böden so viel Ernte herauszupressen, dass man damit die gesamte Menschheit ernähren könnte. Aber statt dass wir diesen Reichtum und Überfluss würdigen, wird er so zur Normalität, dass wir verschwenderisch damit umgehen. Das Brot wurde im Artikel angesprochen: wenn ich an die Kreativität denke, mit der in früheren mageren Zeiten altes Brot verwertet wurde, treibt es mir die Tränen in die Augen. Heute wird – um das schlechte Gewissen zu beruhigen – hartes Brot in Unmengen an Pferde, Enten und Schwäne verfüttert. Es ist ja so herzerwärmend, diesen armen Tierchen etwas von unserem Tisch abzugeben. Dass diese unnatürliche Nahrung den Tieren zum Teil geradezu schadet, sei mal dahingestellt. Das Grundproblem bleibt: wir haben zu viel und verfetten dadurch. Nicht nur körperlich sondern auch geistig. Natürlich kann man versuchen, das Ganze über das Portemonnaie zu regeln, indem die Lebensmittel monetär wieder den Wert haben, den sie unter Berücksichtigung aller effektiven Kosten haben. Nur: das trifft wieder einmal jene, die sowieso schon jeden Rappen umdrehen müssen, die Nachfrage nach Organisationen wie „Tischlein deck Dich“ etc redet da eine deutliche Sprache. Also was tun? Ich weiss es nicht. Vielleicht braucht es wieder eine Krise, die uns vor Augen führt, wie viel wir eigentlich haben, wie gut es uns eigentlich geht. Die Menschen scheinen so gestrickt zu sein (und da nehme ich mich überhaupt nicht aus), dass sie erst durch Mangel den wahren Reichtum erkennen können.

    Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel