Dieser Künstler ist käuflich

Der Basler Künstler Florian Graf hat ein Buch geschrieben, mit dem er sich selbst als Auftragskünstler in den unterschiedlichsten Rollen anpreist. Wir wollten von ihm wissen wieso.

Florian Graf und sein Buch – eine Art Selbstporträt, erkennbar an den Haaren.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Der Basler Künstler Florian Graf hat ein Buch geschrieben, mit dem er sich selbst als Auftragskünstler in den unterschiedlichsten Rollen anpreist. Wir wollten von ihm wissen wieso.

Florian Graf, Künstler, vor 36 Jahren in Basel geboren, hat schon an den unterschiedlichsten Orten gewohnt und reist viel für seine Kunst. Manchmal ist es für ihn deshalb nicht so ganz einfach, einen Wohnort anzugeben – gerade jetzt zum Beispiel beantwortet er die Frage danach damit, dass er in erster Linie in seiner künstlerischen Arbeit zu Hause ist.

Für ein paar Tage aber ist er jetzt wieder in Basel, um sein neues Buch zu präsentieren. «FG: Artist Service Group. The Artist’s Jobs» heisst es oder auch «Everything Artists Offer» – alles, was Künstler anbieten. Auf knapp 120 Seiten lässt sich das nachlesen: 54 Künstlertypen vom «Aktivisten» bis zum «Visionär» bieten dem interessierten Publikum ihre Dienstleistungen an.

Das sieht dann so aus:




Der «Hofnarr».

Wir haben uns mit dem Künstler darüber unterhalten, wie ernst gemeint sein neuestes Werk ist – ist es ein Kunstwerk oder eine humoristisch-theoretische Analyse?

Florian Graf, ich musste lachen, als ich sah, wohin Interessenten Ihrer Künstlertypen ihre Offerten schicken sollen – ich nehme nicht an, dass Sie tatsächlich ein Zimmer im Café Schiesser haben …

… Nein …

… aber der Umstand führt zu meiner ersten Frage: Wo wohnen Sie eigentlich aktuell?

Das ist im Moment tatsächlich nicht ganz klar. Zwischen Amsterdam und Basel.

Sie sind im Sommer für ein Kunstprojekt auf einem skulpturalen Floss von Basel nach Rotterdam den Rhein hinabgefahren – kam das daher?

Es war eher umgekehrt: Dass ich das Projekt in Angriff nahm, lag daran, dass ich schon in Basel und in Holland gewohnt habe. Und der Fluss verbindet ja diese Orte. Es war auch eine Hommage an Erasmus, er lebte und starb in Basel und war in Rotterdam geboren worden.

Mit dem neuen Buch sind Sie nun wieder in Basel präsent, stellen es am Donnerstag in der Kunsthalle vor. Wie entstand die Idee dazu?

Aus dem eigenen Leben als Künstler. Bei vielen jungen Künstlern ist es manchmal nicht mehr so ganz klar, wie sie sich identifizieren, wie sie ihre Rollen finden. Es gibt zwar einzelne Künstler, die sich beispielsweise einfach als Maler verstehen, aber die meisten machen auch noch Installationen und Performance und noch anderes. Der Begriff der Kunst an sich ist schon schwer zu definieren, derjenige des Künstlers aber noch schwerer. Also habe ich versucht herauszufinden, was ich mache. Was ich eigentlich kann. Was meine Rolle ist, mein Beitrag in der Gesellschaft. Auch vor dem Hintergrund, dass ich festgestellt habe, dass in den letzten zehn Jahren die meiste Kunst wieder Auftragskunst ist, also Dienstleistung.

Ein Galerist oder Kurator kann mit Ihrem Buch hingehen und bestellen, was er braucht?

Genau. Auch Privatpersonen. Königshäuser. Firmen. Staatliche Institutionen. Sie alle können mich buchen.

«Ich habe versucht herauszufinden, was ich mache.»

Sie sind also alle diese Künstler im Buch?

Ja. Als ich die Kategorien aufgestellt habe, meinte ich das zunächst ganz ernst. Es ging mir ums Geldverdienen, und deshalb habe ich die Arbeitsbedingungen ganz klar erwähnt. Ich wollte ein Buch mit Text und einem Bild zum jeweiligen Angebot gestalten. Als Platzhalter habe ich zunächst eigene Bilder genommen für die einzelnen Typen – eigentlich wollte ich dann extra Fotos dafür anfertigen. Doch dann habe ich gemerkt, dass ich alle Bilder schon hatte – und dass ich all das, was ich beschreibe, heute schon mache.

Sie haben nicht geschummelt und Künstlertypen wieder gestrichen, für die kein Foto da war?

Nein, aber die, die ich nicht unbedingt machen will, die sind relativ teuer … (lacht).

Das bedeutet aber: Das Buch, das sind Sie.

Es ist im Grund auch ein Selbstporträt, ja. Viele Künstler hatten irgendwann im Leben das Bedürfnis, ein Selbstporträt zu fertigen, doch aus diesem Gedanken heraus entstand das bei mir nicht. Ich nenne das Resultat ein «Shelf-Portrait» – also ein Porträt, das man sich ins Buchregal stellt, nicht aufhängt. Das ist etwas diskreter als ein Gemälde.

Wie reiht sich das Buch eigentlich in Ihr bisheriges Schaffen ein?

Hinter dem Buch steht ja eine Agentur: FG, was ja eigentlich meine Initialen sind, allerdings anonymisiert. Unter diesem Namen habe ich auch schon andere Agenturen gegründet, zum Beispiel eine Immobilienagentur. Daneben gibt es verschiedene Alter-Ego-Kurzfilme von mir. Darin geht es ebenfalls um Selbstfindungsfragen oder Rollenmodelle. Kunstimmanente natürlich, aber auch generellerer Art. Das Buch bringt nun beides zusammen.

War es schwierig, sich in einzelne Künstlertypen zu sezieren?

Am Anfang, ja. Aber irgendwann kommt man rein. Man hat das ja vorher schon gemacht, mit anderen Künstlern. Hat sie verstanden durch eine Typologie. Joseph Beuys zum Beispiel kann man als Heiler und als Sozialarbeiter verstehen. Mit diesen Begriffen hat er sich selbst als Künstler definiert. Und auf diese Art kann man heute jeden Künstler mit verschiedenen Kategorien des Buches definieren. Und wenn man selber arbeitet, dann merkt man, dass einem gewisse Teile mehr liegen, andere weniger.

Können Sie die drei wichtigsten Typen im Buch nennen, in denen Sie sich selber wiedererkennen?

Ich glaube, es sind sehr viele, die auf mich zutreffen. Einige darunter aber sind sehr wichtig. Ich bin zum Beispiel etwas zwischen Vagabund und Einsiedler für den Denkprozess. Um die Musse zu haben, den Freiraum, um überhaupt künstlerisch tätig zu sein. Dann der Conceptual Engineer, der Ideen generiert und Dinge hinterfragt, aber dann auch der Bildhauer und ganz stark der Zeichner, der dann etwas umsetzt, aus der gedanklichen und emotionalen in die reale Welt übersetzt.




So sieht es aus, das Buch. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Das Buch ist aber auch mehr als ein Selbstporträt, oder? Kritik am Kunstmarkt schimmert da durch, und es hat auch was Ironisches …

Es hat etwas sehr Ernsthaftes, indem es versucht, ein Künstlerbild zu umreissen. Ich unterlege das ja auch kunsthistorisch, indem das Buch Künstlerrollen aus vergangenen Zeiten aufnimmt – den Ornamental Hermit, den Schmuckeremiten, zum Beispiel. Und darin erkennt man auch eine kritische Note, ja. Man merkt zum Beispiel, dass das heutige Residency-Wesen nicht so weit entfernt ist vom Schmuckeremiten. Das waren im 18. Jahrhundert Leute, die von Fürsten bezahlt wurden, um dekorativ in deren Park zu wohnen. Mit Residencys ist das ziemlich ähnlich: Man kommt als Künstler an einen fremden Ort, an dem man niemanden kennt, und ist so gezwungenermassen eine Art Einsiedler – und dafür bekommt man etwas Geld.

Sie sind ausgebildeter Architekt, haben dann an verschiedenen Kunsthochschulen die Kunst gelernt und in Ihrer Rolle als Künstler sich sehr oft mit Architektur auseinandergesetzt. Sie haben also auf einer Metaebene Ihren Beruf hinterfragt. Nun, so habe ich das Gefühl, gehen Sie einen Schritt weiter und tun dasselbe mit der Kunst?

Das interessiert mich, ja.

Das ständige Hinterfragen?

Ja, auf eine Art. Das Meta interessiert mich. Das Dazwischen und das Weitergehen. Die Suche und der Versuch. Im Buch gibt es den Vagabunden, der auch ein Flaneur sein könnte. Das Gehen und Suchen und Immer-Wieder-Neues-Finden. Das gehört zu meinem Selbstverständnis als Künstler.

«Mich stört, dass die Arbeitsbedingungen für Künstler nicht klar sind.»

Stört es Sie denn, dass der Künstler heute immer noch auf eine Art und Weise Auftragskünstler ist?

Nein, mich stört, dass die Arbeitsbedingungen nicht klar sind. In der Schweiz ist ganz klar geregelt, wie es läuft, wenn man beispielsweise einem Sanitärinstallateur einen Auftrag gibt. Dass man die Anreise zahlt, den Stundenansatz etc. Beim Künstler hat man immer das Gefühl: Der findet das so toll, was er macht, der sitzt da in einer Bar und hat plötzlich eine Idee, was er machen kann. Man verkennt dabei, dass es sich dabei um eine intensive Investition handelt und dass auch der Künstler Miete zahlen und Essen kaufen muss.

Künstler ist in dem Sinne noch kein gesellschaftlich anerkannter Beruf?

In gewisser Weise ja. Irgendwann wurde die Kreativwirtschaft geboren – ein ganz schrecklicher Begriff, wie ich finde, der mich wirklich sehr stört – und die Künstler sind da irgendwie Teil davon. Es gibt nun unterschiedliche Designkategorien, Game-Design etc., die aus der Kunst geboren wurden und die sich als Berufsbild etabliert haben. Aber der sogenannte Künstler ist vogelfrei. Einerseits ist das eine gute Freiheit – die Autonomie, die die Künstlerschaft sich seit hundert Jahren erkämpft hat. Andererseits gibt es die Kehrseite der Vogelfreiheit – wenig Verbindlichkeiten, keine Klarheit. Das lässt sich auf allen Ebenen beobachten.

Zum Beispiel?

Schaut man beispielsweise 50 Jahre alte Biografien von Künstlern an, dann steht da vielleicht: Gewann diesen oder jenen Kunstpreis und kaufte sich ein Haus. Mit einem Kunstpreis kauft man sich heute einen Schleckstängel oder lebt vielleicht zwei Monate davon. Die staatliche Förderung ist so geregelt, dass man gerade so überlebt. Das ist eine sehr prekäre Situation. Und das ärgert mich, wie wenig bewusst das vielen ist.

Trotzdem richtet sich Ihr Buch hauptsächlich an andere Künstler?

Nein, das Buch funktioniert auf verschiedenen Ebenen: Es richtet sich an Leute, die wissen wollen, was der Künstlerberuf heute beinhaltet. Was man alles können sollte, wenn man Künstler sein will. Es hat also neben der persönlichen auch eine sehr generelle Seite. Das interessiert mich als Künstler: Wie kann ich etwas ganz spezifisch Persönliches auf eine generelle, allgemeingültige Ebene bringen? Und ich habe einige Leute getroffen, die das Buch wollten, die keine Künstler sind. Die vielleicht Künstler sein wollten oder sich in ihrem Beruf künstlerischer einbringen möchten. Sie suchen also nach Wegen, wie sie das kreative Potenzial in ihrem Beruf mehr ausleben.

Buchhandlungen könnten Ihr Buch also im Bereich für Ratgeberliteratur auslegen?

Genau (lacht)!

Was geschieht, wenn sich tatsächlich jemand meldet auf Ihr Angebot?

Dann wird der Wunsch ausgeführt – wenn die Arbeitsbedingungen stimmen.

Und das Café Schiesser nimmt Ihre Post entgegen?

Das weiss ich noch nicht (lacht)! Das habe ich nicht abgesprochen. Ich sitze da halt oft … Es interessiert mich, was passieren würde.

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Buchpräsentation mit Florian Graf, Donnerstag, 20. Oktober, 19 Uhr, Kunsthalle Basel. Dort diskutieren verschiedene Gäste, unter anderen Philippe Bischof und Werner von Mutzenbecher, die Fragen, welche Rolle wir den Künstlern heute zuschreiben wollen und wie viel wir bereit sind, dafür zu zahlen.
«FG Artist Service Group: The Artist’s Jobs», Kodoji Press, 2016, 23 Franken.

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