«Es ist für jeden Menschen Pflicht, Krafttraining zu machen»

Er selber hat für seine Leidenschaft, schwere Gewichte zu heben, drei Beziehungen aufgegeben. Ganz so weit muss der Rest der Menschheit nicht gehen, findet Ramon Gysin. Aber er ist überzeugt: Zu ein bisschen Krafttraining müsste sich jeder überwinden – zum eigenen Wohl.

(Bild: Nils Fisch)

Er selber hat für seine Leidenschaft, schwere Gewichte zu heben, drei Beziehungen aufgegeben. Ganz so weit muss der Rest der Menschheit nicht gehen, findet Ramon Gysin. Aber er ist überzeugt: Zu ein bisschen Krafttraining müsste sich jeder überwinden – zum eigenen Wohl.

Ramon Gysin könnte Ihre Waschmaschine in die Höhe heben. Problemlos. Oder Ihren Smart umkippen. Er stemmt Dinge, die so schwer sind, dass sie fast einer Verankerung gleichkommen. Was schwer ist, hat für ihn Gewicht.

Aus der Liebe für das Schwere und Gewichtige resultierten bis zur Stunde drei Weltmeistertitel im Powerlifting, einer Art Dreikampf des Kraftsports, bestehend aus Kreuzheben, Bankdrücken und Kniebeugen. In letzterer Teildisziplin hat Gysin am 11. Mai seinen eigenen Weltrekord verbessert. In Belfast, bei der Europameisterschaft der World Drug Free Powerlifting Federation packte er ein halbes Kilo drauf und verbesserte die Marke auf 274 Kilogramm in seiner Gewichtsklasse.

Hinzu kommen diverse Schweizer Meistertitel im Powerlifting, im olympischem Gewichtheben und in Strongman, einer Mischung aus Autos-Anheben und Zementblöcke-Transportieren. Daneben ist Gysin der Propagierer der Crossfit-Kultur im deutschsprachigen Raum. Die US-amerikanische Fitnessbewegung arbeitet mit ganzheitlichen Übungen alter Schule – also Klimmzügen, Kniebeugen oder Schwüngen mit Kugelhanteln, sogenannten Kettlebells.

Die Teilnehmer machen dabei in der Gruppe oft individuelle Grenzerfahrungen. Crossfit ist aber nicht bloss Training, sondern auch Wettkampfsport. Und auch hier hat Gysin bereits seine Spuren hinterlassen. Im Jahr 2012 fand sich niemand in Europa, der bei der Disziplin Snatch Ladder (minütlich erhöhtes Gewicht, das über den Kopf gerissen wird, kombiniert mit doppelten Seilsprüngen) mehr Punkte erzielte als er. Um beim gesamten Crossfit-Wettkampf aber nach ganz vorne zu kommen, fehlt ihm ein bisschen der lange Atem.

Ramon Gysin, sind starke Menschen bessere Menschen?

Zum einen hat ein starker Mensch körperliche Vorteile, und zum anderen spiegelt sich die physische Verfassung oft auch in der psychischen. Wer stark ist, fühlt sich auch stark. Am Krafttraining wächst man auch geistig. Was ein besserer Mensch ist, ist natürlich eine Frage der Definition.

Aber habe ich irgendwelche Vorteile, wenn ich stark bin? Ich muss ja mein Auto nicht zuerst aus dem Parkplatz heben, bevor ich damit zur Arbeit fahren kann.

Ein stärkerer Mensch ist robuster gegenüber jeglichen Einflüssen. Er nimmt die Anstrengungen der alltäglichen Aktivitäten weniger wahr, er verletzt sich weniger schnell, ist widerstandsfähiger. Ältere Menschen, die Krafttraining machen, sind länger selbstständig und gehen schneller. Wer Krafttraining macht, hat eine bessere Körperhaltung – was dann eben auch schnell in die Psyche übergehen kann. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, Krafttraining zu machen.

Ramon Gysin bei der Verbesserung seines eigenen Weltrekords am 11. Mai in Belfast:

Und wieso machen es trotzdem eher wenige?

Wir machen dann etwas, wenn es uns etwas kostet, nichts zu tun. Es bestehen einfach nicht genügend Anreize, uns fit zu halten. Und wir haben die Fähigkeit verloren, für etwas hart zu arbeiten. Meiner Meinung nach ist es für jeden Menschen eine Pflicht, Krafttraining zu machen.

Man wird die Menschen wohl kaum an die Hanteln zwingen können.

Die tatsächlichen Konsequenzen des Nichtstuns kommen meistens erst sehr spät. Man müsste also bei der Krankenkasse ansetzen und jene belohnen, die etwas für ihre Gesundheit machen.

Benachteiligt das nicht Menschen, die einen schweren Zugang zu Sport haben?

Ich glaube, jeder erwachsene Mensch ist selbstverantwortlich genug, um sich ein wenig fit zu halten. So viel braucht es gar nicht. Und es geht auch nicht nur ums Finanzielle. Ein gesunder Lebensstil wirkt sich auf die ganze Lebensqualität aus.

«Wenn ich nur den Bizeps trainiere, bringt mir das für meine Fitness ziemlich wenig.»

Max Muster hat am 3. Januar ein Fitnessabo gemacht und trainiert zweimal pro Woche. Dabei trainiert er die grossen Muskelpartien an den Geräten und macht am Schluss noch eine halbe Stunde Ausdauer.

Sagen wir es so: Es ist besser, als auf der Couch zu sitzen. Falls Max Muster nicht gerne Sport treibt, dann ist es nicht besonders ökonomisch, weil er in relativ viel Zeit nicht besonders viel erreicht. Das Training ist bei den meisten Max Musters nicht intensiv genug. Falls Max Muster gerne Sport treibt, dann gäbe es Herausfordernderes.

Nämlich?

Beim Crossfit arbeiten wir fast ausschliesslich mit freien Gewichten, also z.B. Langhanteln oder Kettlebells. Mit ganzheitlichen Bewegungen trainieren wir den Körper als Gesamtes und nicht nur einzelne Puzzleteile. Wenn ich nur den Bizeps trainiere, bringt mir das für meine Fitness ziemlich wenig. Zudem sollte das Training abwechslungsreich sein – aber nicht willkürlich. Wenn man immer das gleiche Programm abspult, gewöhnt sich der Körper schnell daran. Beim Training geschehen Anpassungen an neue Reize. Also muss man auch immer wieder neue Reize setzen.

Ist Crossfit nicht einfach ein Fitness-Trend wie etwa Tae Bo oder Zumba?

Dann wäre es aber ein wirklich langanhaltender Trend. Es gibt mittlerweile fast 10’000 Affiliates auf der ganzen Welt, Tendenz steigend. Crossfit hat «Training» mit messbaren Leistungssteigerungen zurück in die Fitnessbranche gebracht. Ich denke, dass es wie Olympisches Gewichtheben, Powerlifting, Strongman oder Bodybuilding auf lange Zeit populär bleiben wird. Und falls es nur ein Trend sein sollte, glaube ich, dass das, was ich anbiete, nämlich korrektes und intensives Krafttraining, auch in zehn Jahren noch funktioniert.

«Meine Mutter hat auch angefangen, Kraftsport zu betreiben. Es liegt als etwas in der Familie.»

Sie persönlich sind weiter gegangen, als ein bisschen abwechslungsreich zu trainieren: Sie sind dreifacher Weltmeister. Was opfern Sie dafür?

Nahezu alles. Ich habe in den letzten fünf Jahren nie mehr als drei Tage am Stück nicht mit Gewichten trainiert – und in dieser Zeit leider auch drei Beziehungen aufgegeben. Der Kraftsport ist der Mittelpunkt meines Lebens geworden. Er ist Selbstzweck und gleichzeitig mein Beruf. Aber wahrscheinlich habe ich auch ein gewisses Talent in die Wiege gelegt bekommen. Meine Mutter hat vor einiger Zeit auch angefangen, Kraftsport zu betreiben – und ist nun in ihrer Alterskategorie Schweizer Meisterin im Kreuzheben. Es liegt also etwas in der Familie.

Gewichtheben sieht auf den ersten Blick nicht nach grossem Spass aus.

Das Schöne am Kraftsport ist, dass man sich ein Ziel setzen kann und dieses dann mit aller Leidenschaft verfolgt. Ich glaube, das ist es, was einen Menschen glücklich macht: Ziele verfolgen. Das kann man natürlich auch im eigenen Garten oder in der Politik, aber im Kraftsport ist es sehr einfach zu überprüfen. Entweder du hebst das Gewicht oder nicht. Darin liegt für mich ein grosser Reiz. Zudem ist es für mich enorm befriedigend, wenn eine lange Planung aufgegangen ist und ich am Wettkampftag eine neue Bestleistung abrufen kann.

Hat die lange Zeit, in der Sie sich akribisch und teilweise monoton auf einen Wettkampf vorbereiten, nicht fast etwas Klosterhaftes?

Das weiss ich nicht. Aber es ist in der Tat so, dass ich während Wettkampfphasen einen sehr geregelten Tagesablauf habe. Mein Leben ist generell sehr einfach. Ich bin materiell mit sehr wenig zufrieden. Das Training mit den Gewichten und das auch anderen Menschen weitergeben zu können, ist mein Reichtum. Sportlich hingegen gebe ich mich mit fast nichts zufrieden. Da will ich immer mehr. Ich frage mich manchmal, wieso ich immer mehr machen muss. Ich kann es Ihnen nicht sagen.

«Wer einmal positiv getestet wird, wird lebenslänglich gesperrt. Da macht es wenig Sinn, sich vom Arzt helfen zu lassen.»

Ihr Sport hat den Ruf, dass manchmal medizinisch etwas nachgeholfen wird.

Da muss man unterscheiden: Es gibt beim Powerlifting verschiedene Verbände. Die World Drug-Free Powerlifting Federation, in der ich bin, ist nicht nur der strengste Kraftsportverband, sondern überhaupt der weitaus strengste Sportverband der Welt. Wer einmal positiv getestet wird, wird lebenslänglich gesperrt, und all seine Resultate werden rückwirkend gelöscht. Da macht es wenig Sinn, sich vom Arzt helfen zu lassen.

Entsprechend sind die gestemmten Gewichte in den anderen Verbänden noch grösser?

Ja. Das hat aber zwei Gründe: Zum einen wird nicht ganz so rigoros getestet und bestraft wie bei uns. Und zum anderen ist bei manchen Verbänden noch eine Art Hilfsanzug erlaubt, der das Gewicht bremst. Dort liegt die Bestmarke etwa 40 Kilogramm höher.

Was schwer ist, hat für ihn Gewicht: Ramon Gysin. (Bild: Imhof)

Was schwer ist, hat für ihn Gewicht: Ramon Gysin. (Bild: Imhof) (Bild: Chrigu Imhof)

Welchen Stellenwert hat Krafttraining im Spitzensport ausserhalb des Kraftsports?

Auch im Spitzensport müsste man diese Kultur eines intensiven Krafttrainings stärker pflegen. In einigen Sportarten wird da zwar schon etwas gemacht, aber man könnte noch viel mehr tun. Als ich in an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen war, habe ich gesehen, dass so mancher Spitzensportler im Bereich Kraft noch sehr viel Potenzial hat.

Und da können Sie helfen?

Ich glaube einfach, dass die Rolle des Krafttrainings massiv unterschätzt wird. Einem jungen Athleten, der in ein Leistungszentrum kommt, müsste man unbedingt beibringen, wie man Kniebeugen macht und richtig mit einer Hantel umgeht. Und da habe ich schon anderes gesehen. Jeder Verband macht ein bisschen etwas für sich. Manche besser, andere schlechter. Ob ich die Person bin, die da weiterhilft, weiss ich nicht.

Aber in professionellen Strukturen wird doch bestimmt richtig trainiert, auch im Bereich Kraft.

Nicht zwingend. Ich hatte einmal zwei Spieler des FC Basel hier. Die waren mit den leichtesten Kettlebells überfordert – und dem FC Basel kann man ja nicht unbedingt Mangel an Professionalität vorwerfen.

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