«Herr Dittmann, wie sieht der perfekte Mord aus?»

Jahrzehntelang beschäftigte sich Volker Dittmann mit Toten. Jetzt tritt der Leiter des Basler Instituts für Rechtsmedizin zurück. Ein Gespräch über Ethik, Psychostress und den perfekten Mord.

«Was uns grosse Sorgen bereitet, ist die Zunahme des assistierten Suizids mit Sterbehilfeorganisationen wie Exit und Eternal Spirit»: Volker Dittmann. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Jahrzehntelang beschäftigte sich Volker Dittmann mit Toten. Jetzt tritt der Leiter des Basler Instituts für Rechtsmedizin zurück. Ein Gespräch über Ethik, Psychostress und den perfekten Mord.

Im Büro von Volker Dittmann am Institut für Rechtsmedizin an der Pestalozzistrasse 22 in Basel deutet nichts auf Abschied hin. Der 63-Jährige hat seine Sachen noch nicht eingepackt. In nur wenigen Tagen wird er als Institutsleiter pensioniert.

Sein Weggang scheint ihm nicht schwer zu fallen – er freut sich, künftig mehr Zeit für andere Sachen zu haben. Im Interview blickt Volker Dittmann, der zu den profiliertesten forensischen Psychiatern im deutschen Sprachraum gehört, noch einmal auf seine Karriere zurück und sagt, welche zunehmende Todesfälle ihm Sorgen bereiten.

Herr Dittmann, wie sieht der perfekte Mord aus?

Das Einfachste ist, wenn man einen Hausarzt findet, der unsorgfältig arbeitet und einen natürlichen Tod auf dem Totenschein ankreuzt. Wenn er das macht, wird die Leiche sofort zur Bestattung  freigeben – und wir haben nichts damit zu tun.

Das hört sich nach einem illusorischen Plan an.

Noch schwieriger ist es aber, eine Leiche vollständig verschwinden zu lassen. Ein Laie schafft dies nicht, ohne Spuren zu hinterlassen. Man sollte schon gar nicht versuchen, jemanden zu vergraben oder zu verbrennen. Das kommt irgendwann ohnehin ans Tageslicht. Nicht empfehlenswert ist ausserdem, jemanden zu vergiften. Erstens ist es schwierig, ein geeignetes Gift zu beschaffen, und zweitens sind unsere Toxikologen äusserst fit. Die sehen sofort, wenn im Blut eines Toten eine fremde Substanz auftaucht.

Wie viele Tote sehen Sie pro Jahr?

Rund 300 bis 400 – mindestens einen pro Tag, an den Wochenenden auch mal vier oder fünf.

Und was fasziniert Sie daran?

Der Tod selbst ist ja schrecklich. Faszinierend ist für mich aber schon der menschliche Körper – und dass wir nach dem Tod noch in der Lage sind, rückblickend zu rekonstruieren, was mit diesem Körper geschehen ist.

Sie setzen sich seit fast 40 Jahren intensiv mit Leichen auseinander. Was war der schlimmste Fall?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, ich kann sie aber nicht beantworten. Ich habe ein paar tausend Fälle in meinem Leben gesehen, so dass es schwierig ist, einen besonderen herauszupicken. Es sind jedoch nicht die Tötungsdelikte, die am spannendsten sind. Von denen gibt es in unserer Region auch «nur» etwa fünf im Jahr. Das klingt jetzt schrecklich: Aber die meisten Tötungsdelikte sind von der Ausführung her sehr viel banaler, als es im Fernsehen dargestellt wird. Es sind zu über 80 Prozent Beziehungsdelikte – Täter und Opfer kennen sich. Und bei diesen Aggressionsdelikten kommen immer wie die gleichen Werkzeuge zum Einsatz. Wir haben es in dem Bereich überwiegend mit Stich- und Schussverletzungen zu tun. Diese sind von der Untersuchung her meistens relativ klar und nicht so schwierig aufzuklären.

Wann wird es denn schwierig?

Schwierig sind Verstorbene, die sich bereits in einem sehr veränderten Zustand befinden. Es kommt jede Woche vor, besonders jetzt bei den hohen Temperaturen, dass Leute tot in der Wohnung liegen und erst von den Nachbarn entdeckt werden, wenn sich üble Gerüche ausbreiten oder plötzlich viele Fliegen kommen. Diese Leichen sind oft sehr entstellt. Es braucht enorme Kenntnisse und komplizierte Untersuchungen, um dann festzustellen, ob die Veränderungen am Körper durch die Hitze nach dem Tod oder zu Lebzeiten entstanden sind. Eine grössere Herausforderung als Tötungsdelikte sind auch manche Suizide. Denn Menschen, die sich selbst töten, befinden sich oft in einem psychischen Ausnahmezustand. Sie weisen dann ein sehr seltsames Verhalten auf, das oft nur schwer nachvollziehbar ist.

«Was uns am meisten an solchen TV-Serien ärgert, ist die Art und Weise, wie die Rechtsmediziner dargestellt werden.»

Nehmen die Suizide zu?

Die Zahlen sind seit Jahren weitgehend konstant. Was uns aber grosse Sorgen bereitet, ist die Zunahme des assistierten Suizids mit Sterbehilfsorganisationen wie «Exit» und «Eternal Spirit». Es kommen vermehrt Leute aus dem Ausland in die Region, um sich in den Tod begleiten zu lassen. Das hat stark zugenommen.

Wie viele solche Fälle gibt es jährlich etwa?

In diesem Jahr haben wir allein in der Region Basel schon 47 Fälle untersucht. Das Problem ist, dass sich zunehmend Leute mit Depressionen und anderen psychischen Problemen in den Tod begleiten lassen. Die Beihilfe zum Suizid ist in der Schweiz im Strafgesetzbuch klar geregelt: Sie ist nur dann straffrei, wenn die sterbewillige Person voll urteilsfähig ist, selbst handelt und die Helfer keine eigennützigen Motive verfolgen. Das grösste Problem ist nach unserer Erfahrung, dass die Urteilsfähigkeit oft zu leichtfertig bescheinigt wird.

Es wird also gepfuscht?

Ich finde es nicht korrekt, wenn die gleichen Ärzte, die den Entscheid zur Suizidbeihilfe treffen, auch noch das Gift besorgen und die Urteilsfähigkeit bescheinigen. Ich halte es für geradezu anmassend, wenn fachfremde Ärzte sich zutrauen, mit nur wenigen Zeilen und ohne nähere Begründung die volle Urteilsfähigkeit zu attestieren – eine Abklärung, für die sogar ausgebildete Psychiater jahrelange Erfahrung und spezielle Kenntnisse benötigen.

Welche Eigenschaften benötigt man als Rechtsmediziner?

Man muss sehr sorgfältig arbeiten und darf nicht zu kreativ sein. Wir haben für alle Situationen eine Checkliste. Wenn beispielsweise jemand auf dem Dachboden hängt, weiss jeder von uns, welche Schritte sofort getan werden müssen. Man darf nichts überspringen, ein sorgfältiges Vorgehen ist unabdingbar. Zudem braucht man ein gutes logisches Denkvermögen und ein gutes visuelles Gedächtnis – man muss ein Augenmensch sein. Und man braucht einen guten Ausgleich ausserhalb des Berufs. Man muss abschalten können. Ich musste schon einigen jungen Medizinern raten, etwas anderes zu machen. Weil ich gesehen habe, dass sie diesen Job auf Dauer nicht aushalten und ihnen die Fälle zu nahe gehen.

Sie haben da eine dicke Haut?

Man muss schon sensibel bleiben, man darf nicht zu sehr abhärten. Es ist aber ein Unterschied, ob ich Emotionen habe – oder ob ich mich von diesen Emotionen auch leiten lasse. Letzteres dürfen wir nicht. Natürlich erleben wir schreckliche Dinge. Was uns allen am meisten Mühe macht, sind Fälle mit Kindern. Gleichwohl muss man aber in der Lage sein, aus diese Fälle streng wissenschaftlich zu sehen. Selbstverständlich sprechen wir im Team über die psychische Belastung. Wenn jemand sagt, dass es ihm zu nahe gehe, wird er abgelöst. Es kam auch schon vor, dass der Tote ein Bekannter war. Dann muss natürlich jemand anderes den Fall betreuen. Es ist wichtig, am Ende des Tages einen klaren Schlussstrich zu ziehen. Die Arbeit nehme ich nicht nach Hause. Sobald ich auf dem Heimweg bin, ist der Arbeitsalltag auch in meinem Kopf vorbei. Ich kann gut abschalten.

Ihr Job wird immer wieder mit Serien wie «Tatort» oder «CSI» verglichen. Ist dies mühsam?

Ich sehe das differenziert. Ich schaue mir durchaus auch mal gerne einen «Tatort» an – wenn er gut gemacht ist.

Und ist er das?

Hin und wieder. Leider meinen viele Zuschauer, dass Serien wie «Tatort» oder «CSI» die Wirklichkeit abbilden. Was uns am meisten an solchen Serien ärgert, ist die Art und Weise, wie die Rechtsmediziner dargestellt werden. Der Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boern von «Tatort Münster» beispielsweise ist eine derartige Karrikatur. Über ihn nerve ich mich manchmal so fest, dass ich den Fernseher ausschalten muss. Bei solchen Serien gibt es viele fachliche Fehler. Ich durfte einmal, das ist schon lange her, eine Zeit lang die Drehbücher für die schweizerischen «Tatorte» anschauen. Ich habe es dann aufgeben.

Wieso?

Immer wenn ich dem Regisseur oder dem Drehbuchautor gesagt hatte, das gehe so wissenschaftlich nicht, wurde ich mit der Begründung abgewiesen, dass es dramaturgisch so sein müsse.

Welche Klischees stören Sie an solchen Serien?

Es wird zum Bespiel immer wieder gezeigt, wie der Rechtsmediziner den Toten nur kurz anfasst und dann sofort die Todeszeit auf die Minute genau weiss. Das ist unrealistisch. Was auch gar nicht geht, sind Angehörige im Obduktionsaal. Nie kommt das bei uns vor, weil das absolut unethisch ist. Es ist undenkbar in unserem Institut, dass die Angehörigen die nackte Leiche mit Blutspuren und den Obduktionsschnitten sehen. Die Verstorbenen weden bei uns in einem separaten Raum gezeigt, gereinigt und mit Tüchern abgedeckt. In den Serien wird viel mit Sensationsmache gearbeitet, das transportiert ein falsches Bild von unserem Beruf. 

Es macht Ihren Beruf aber auch interessanter.

Ja, für Aussenstehende schon. Aber es wirkt sich nicht so aus, dass wir nur deshalb bessere Mitarbeiter bekämen. In der Öffentlichkeit und im Fernsehen wird auch immer wieder Pathologie mit Rechtsmedizin verwechselt, dabei haben wir ganz unterschiedliche Aufgabengebiete. Die Pathologen haben heute zu über 90 Prozent mit Biopsien und Operationspräparaten zu tun. Die untersuchen leider nur noch wenige Tote. In den Kliniken werden nur noch sehr wenige Menschen obduziert, weil sie sich verweigert haben oder die Angehörigen es nicht wollen.

Kommt Verweigerung auch bei Ihnen vor?

Wir haben ja einen Auftrag der Staatsanwaltschaft. Wenn eine Obduktion behördlich angeordnet wird, dann können sich die Angehörigen nicht dagegen wehren. Wir gehen ja bei einem Einsatz davon aus, dass es sich um eine Straftat handeln könnte – bis wir genug Beweise haben, dass das Gegenteil der Fall ist. Es kann oft sehr lange dauern, bis wir sicher sind, dass kein Verbrechen dahinter steht.

«Man muss schon sensibel bleiben, man darf nicht zu sehr abhärten. Es ist aber ein Unterschied, ob ich Emotionen habe – oder ob ich mich von diesen Emotionen auch leiten lasse.»

Pro Jahr schauen Sie und Ihr Team sich ausserdem 500 bis 600 Verletzte an. Ist eine Tendenz feststellbar?

Wir werden mehr bei solchen Fällen beigezogen als auch schon. Aus unseren Zahlen kann ich nicht belegen, dass die Anzahl der Gewaltdelikte zugenommen hat. Was jedoch deutlich zugenommen hat, ist die Brutalität. Die Verletzungen sind schwerer geworden, wir sehen beispielsweise mehr Leute mit schweren Gesichtsverletzungen. Opfer, die am Boden liegen, werden noch getreten, obwohl sie bereits kampfunfähig sind.

Also ist alles schlimmer geworden?

Nicht generell bei allen Straftaten. Früher hat man oft auch nicht derart intensive Untersuchungen durchgeführt. Die Beweisführung vor Gericht ist aufwendiger geworden. Die Beweise müssen sehr sicher sein, bevor jemand verurteilt wird. Wenn wir tätig werden, geht es meistens um sehr viele Jahre Haft, unter Umständen auch um lebenslänglich. Und da sind die Beweisanforderungen sehr intensiv – das ist auch richtig so. Ausserdem hat sich die Geschwindigkeit rasant erhöht. Heute brauchen wir für DNA-Analysen nur noch wenige Stunden. Vor 20 Jahren dauerte es teilweise Tage, bis ein Ergebnis vorlag.

Haben Sie sich schon mal grundlegend in einem Fall geirrt, so dass es Konsequenzen gab.

Nicht, dass ich wüsste. Die Verteidiger vor Gericht schauen sich unsere Berichte aber schon sehr genau an, im Zweifelsfall ziehen sie noch ein weiteres Gutachten von einem anderen Institut bei. Ich kann mich jedoch nicht an einen wirklich grossen Fauxpas erinnern, in all den Jahren hat jedenfalls das Bundesgericht noch nie eines unserer Gutachten als unzureichend zurückgewiesen.

Wollten Sie immer schon Rechtsmediziner werden?

Noch lieber wäre ich Musiker geworden, Tenor oder Dirigent, aber dazu reichte mein Talent nicht aus (lacht).

Würden Sie nochmals denselben Beruf aussuchen?

Auf jeden Fall! Verlockend fände ich auch noch Zoologie, was meine Tochter Marie studiert hat.

Ende Juni werden Sie pensioniert. Was werden Sie nicht vermissen?

Die Arbeitsbelastung und die ständige Verpflichtung, unter Umständen auch mehr als 12 Stunden intensiv und konzentriert arbeiten zu müssen. Wir können nicht wählen, wann wir einen Einsatz haben. Wir richten uns nach den Toten und den Verletzen. Das absolut konzentrierte Arbeiten kann schon sehr anstrengend sein. Ich bin aber zum Glück ein sehr gelassener Mensch, sonst hätte ich den Job nicht während 37 Jahren machen können.

Und was wird Ihnen fehlen?

Der Kontakt mit meinem Team. Und vielleicht auch ein bisschen die intellektuelle Herausforderung. Denn jeder Fall ist zunächst mal ein Rätsel, das wir mit unseren medizinischen und naturwissenschaftlichen Mitteln versuchen zu lösen. Das ist schon eine schöne Aufgabe.

Was sind Ihre Pläne nach der Pensionierung?

Ich werde nichts ganz Neues machen. Ich werde einfach Dinge, die ich bisher aus Zeitgründen auf Sparflamme betrieben habe, ab jetzt intensiver machen. Beispielsweise bin ich ein leidenschaftlicher Gärtner und Tomatenzüchter. Ausserdem habe ich eine grosse Bibliothek, die ich jetzt neu ordnen muss, weil ich meine Bücher vom Büro nach Hause nehme. Und ich beschäftige mich sehr gerne mit Kunst und Musik. Ich werde viele Reisen zu Opern und Konzerten machen. Mir wird es garantiert nicht langweilig!

Volker Dittmann

Volker Dittmann (1951) studierte Medizin in Münster und Lübeck. Anschliessend machte er eine Ausbildung zum Facharzt für Rechtsmedizin sowie zum Facharzt für Psychiatrie. Seit 1997 ist er Direktor und Chefarzt des Instituts Rechtsmedizin der Universität Basel. Ende Juni wird er pensioniert. Dittmann ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Liestal.

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