«Ich bin leidenschaftlich gelassen»

Am 3. Dezember besuchte Harald Schmidt das Volkshaus. Im Interview erzählt der Satiriker, warum er Basel lieber mag als Berlin, wie man bei Laune bleibt, und warum ein Mann Krawatte tragen sollte.

Harald Schmidt in seinem Studio in Köln. Seit es seine Show nicht mehr gibt, vermietet er es: «Ich bin jetzt Hausmeister.»

Am 3. Dezember besuchte Harald Schmidt das Volkshaus. Im Interview erzählt der Satiriker, warum er Basel lieber mag als Berlin, wie man bei Laune bleibt, und warum ein Mann Krawatte tragen sollte.

Am 3. Dezember ist Harald Schmidt im Volkshaus zu hören. Thema des Gesprächs mit Alain Claude Sulzer: die Tagebücher der Brüder Goncourt, die erstmals auf Deutsch erschienen sind. Das ist nicht gerade, was man von Deutschlands grösstem Satiremoderator erwarten würde. Aber seit die Harald Schmidt Show im März vom Bezahlsender Sky wegen niedriger Einschaltquote abgesetzt wurde, hat er Zeit zum Lesen. Wir haben in Köln angerufen und Harald Schmidt gefragt, was er für seine Schweizreise in den Koffer packt.

Herr Schmidt, Sie kommen bald in die Schweiz – mit welchen Gefühlen?

Ich bin begeistert von der Schweiz. Das ist mit der Grund, warum ich der Veranstaltung zugesagt habe, weil ich gern was in der Schweiz mache.

Was denn?

Eigentlich Urlaub, aber wenn sich das mit etwas Arbeit verbinden lässt, umso besser.

Also gehen Sie nach der Veranstaltung im Volkshaus Ski fahren.

Nein, ich fahre nicht Ski. Ich mache überhaupt keinen Sport.

Wie Churchill: No Sports.

Das ist schon ein bisschen abgedroschen, aber warum nicht.

«Wenn ich im Ausland bin, benehme ich mich als Gast. Ich fahre nicht in die Schweiz, um anzuecken.»

Was mögen Sie an der Schweiz?

Die Landschaft ist grossartig, ich komme mit der Mentalität sehr gut zurecht. Ich mag all das, was man an Klischees über die Schweiz verbreitet.

Haben Sie einen Koffer mit Geld dabei?

Nein.

Und womit eckt man in der Schweiz an?

Keine Ahnung, ich benehme mich, wenn ich im Ausland bin, als Gast. Ich fahre nicht in die Schweiz, um anzuecken.

Geben Sie uns einen Tipp für Leute, die in die Gegenrichtung reisen: Wo erlebt man die Deutschen gerade am typischsten?

Weiss ich nicht. Das interessiert mich nicht.

Wenn es Ihnen hier so gut gefällt, könnten Sie doch, wo die Harald Schmidt Show in Deutschland abgesetzt wurde, zum Abgewöhnen eine kleine Sendung in der Schweiz machen.

Nein, damit bin ich durch. Und im Grunde ist ein Land wie die USA ideal, von der Grösse her. Schon Deutschland ist da fast schwierig.

Warum?

Was die mögliche Vielfalt der Gäste angeht und das Material. Es muss ja gut etwas passieren jeden Tag. Für eine Sendung würde die Grösse der Schweiz nicht ausreichen.

Ein Klassiker: Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu Gast bei Harald Schmidt.

Sie kommen nach Basel, um mit Alain Claude Sulzer über die Tagebücher der Brüder Goncourt zu sprechen. Der Text ist 7000 Seiten lang. Haben Sie die wirklich gelesen?

Ja, habe ich. Er auch.

Wie liest man ein Buch, das aus 11 Bänden besteht?

Man schlägt es auf und dann immer von links nach rechts.

Ich habe das Buch nicht gelesen…

Das war mir klar.

… haben Sie ein schönes Detail?

Nein. Das gibt es am Abend selbst.

Von Teasern halten Sie nichts?

Nein. Die stören mich schon im Fernsehen. Also wollen wir diese Unart nicht in der Presse einführen.

Harald Schmidt wurde 1957 in Westbayern geboren. Zunächst war er Schauspieler, dann kam das Kabarett dazu. Vor wenigen Jahren stand er unter dem Regisseur René Pollesch auf der Bühne. Seine Fernsehkarriere begann er Ende der 80er-Jahre bei der ARD. Für seinen unzimperlichen Humor nannte man ihn Dirty Harry. Nach mehreren Senderwechseln und zwei Pausen wurde die «Harald Schmidt Show» im März nach 19 Jahren abgesetzt. Schmidts Kommentar: «Okay.»

In den Tagebüchern haben die Goncourts aufgeschrieben, was die Pariser Intellektuellen im 19. Jahrhundert während Soirées von sich gegeben haben, häufig im Rausch und unter der Gürtellinie. Alle werden genannt: Balzac, Hugo, Flaubert. Die Veröffentlichung Jahre später hat die Betroffenen entsprechend aufgebracht. Mögen Sie Tratsch?

Sehr. Der Unterschied zu heute ist, dass die Tagebücher erst viel später veröffentlicht wurden. Sonst wären die Brüder nicht mehr von den Leuten eingeladen worden, über die sie insgeheim geschrieben haben. Das würde heute nicht mehr funktionieren, weil jeder selbst über die sozialen Netzwerke sofort alles raushaut.

Kann man heute weniger schön tratschen als früher?

Ich finde ja. Heute ist ohnehin jeder in der Öffentlichkeit präsent. Ein Tratsch hat nicht mehr die explosive Wirkung, wie diese Tagebücher, die erst nach dem Tod der Brüder und komplett erschienen sind. Und die Toleranzschwelle ist sehr viel höher. Worüber sollten sich die Leute heute noch aufregen?

Was war für Sie der letzte Skandal?

Ich kann mich an keinen erinnern. Und ich wüsste nicht, was man heute noch als Skandal empfinden sollte. Die Presse versucht natürlich, im 15-Minuten-Takt Skandale aufzublasen, weil sie Material braucht. Aber das verpufft. Das findet rein inzestuös innerhalb der Medien statt.

«Ich wüsste nicht, was man heute noch als Skandal empfinden sollte.»

Haben Sie als Moderator mal jemanden so fertig gemacht, dass Sie es danach bereut haben?

Nein. Meine Worte wurden zum Teil falsch interpretiert. Aber ich habe nie jemanden fertig gemacht. Ich war ein aufmerksamer Beobachter.

Aber Sie haben auch gespottet.

Es gab das feine Florett der Ironie, was unterschiedlich auf die Betrachter gewirkt hat.

Wo ist die Grenze?

Bei der Justiz. Ich habe allerdings nie eine Klage bekommen.

Welche Haltung steckt hinter dem Satiriker: Nehmen Sie das Leben als einen Irrsinn wahr oder als etwas Sinnvolles?

Das Leben ist für mich heiter und von grosser Leichtigkeit.

Wie bleibt man heiter?

Indem man sagt: Alles ist schon mal da gewesen, und jeden Tag geht die Sonne auf. Das ist der Segen der schlichten Gemüter.

Woher haben Sie das?

Mein Naturell. So war ich schon immer.

Auf die Frage, wie es seit Ihrem Abgang aus dem Fernsehen weitergehen soll, pflegen Sie zu sagen: Genau so wie immer. Ist Ihnen Eitelkeit fremd?

Nein. Aber meine Eitelkeit hat nichts mit meinen Fernsehsendungen zu tun.

Wann sind Sie eitel?

Naja, wenn man mal ein Auto streichelt, weil es so schön ist. Oder wenn man meinen Vorgarten lobt, um den ich mich so sehr kümmere. In Bezug auf das, was ich im Fernsehen erreicht habe: Ich bin ausgeglichen und von Leichtigkeit getragen.

Das klingt leidenschaftslos.

Nein. Schreiben Sie doch, ich bin leidenschaftlich gelassen.

Ist gekauft. Ich frage nicht nach, sonst mache ich es noch kaputt.

(Lacht)

Das gefällt Ihnen jetzt!

Ja, sehr.

«Es wird kein Nachruf über mich geschrieben, weil es dann keine Presse mehr gibt.»

Sie kommen in die Jahre. Hat das sein Gutes?

Ich finde es grossartig. Der Stress ist weg und man gehört zu einer komfortablen Mehrheit.

Ihr Geschäft war die Tagesaktualität. Da besteht die Gefahr, man könnte Sie vergessen. Macht Ihnen das Kummer?

Dass man mich vergisst? Darauf arbeite ich hin! Ich hatte alles. Jetzt ist eine Phase, wo ich das mache, was mich interessiert. Wenn damit Vergessenheit einhergeht, umso besser.

Wenn Sie also einmal wirklich von uns gehen, wäre es Ihnen am liebsten, wenn kein Nachruf über Sie geschrieben würde?

Den wird es nicht geben, weil es dann keine Presse mehr gibt. Die Verlage haben bis dahin alle in Katzenfutterversand investiert. Aus den Journalisten werden – weiss ich nicht. Es wird keine Presse mehr geben, weil es keine Leser mehr gibt.

Meinen Sie auch das Internet?

Auch das Internet. Fernsehen wird es noch lange geben, weil die Gesellschaft altert. Was das Internet betrifft: Kein Mensch ist mehr bereit, für Nachrichten zu bezahlen. Wenn sie nicht gratis sind, schaut sie keiner an.

Wie informieren Sie sich?

Gratis im Netz. Und manchmal mit einer Gratiszeitung im Zug. Ich bin auch nicht mehr so auf Informationen versessen wie früher. Stattdessen schlafe ich viel und verfolge die Börse. Ich habe angelegt.

Daher auch kein Koffer Geld in der Schweiz. Sind Sie ein Freund des Staates?

Absolut. Ich zahle Steuern und freue mich, was der Staat Tolles damit anstellt. Ich hoffe, dass er es noch eine Weile macht. Der Staat funktioniert nur, wenn man an ihn glaubt. Mal eine Frage von mir: Sie sind Berliner oder? Wie sind Sie denn nach Basel gekommen?

Für den Job.

Da haben Sie aber Glück gehabt. Basel ist eindeutig besser als Berlin.

Warum?

Andere Lebensqualität, gutes Bürgertum, aufregende Lage im Dreiländereck. Keine Frage, Basel ist viel interessanter als Berlin.

«Die Basler gefallen mir. Von ihrer Erscheinung her.»

Was meinen Sie mit gutem Bürgertum?

Die Leute sind gut angezogen. Wenn man mit dem Zug von Zürich nach Paris fährt, dann ist interessant, wer in Basel aus- und einsteigt. Das sind Leute, die mir gefallen. Von der Erscheinung her, von der ganzen Haltung.

Wie kleiden sich die Basler?

Es gibt zumindest eine Schicht, die sich sorgfältig kleidet.

Von wegen in Berlin kann man mit Jeans in die Oper gehen?

Nein, das macht ja mittlerweile der Sparkassenvorsitz von Brandenburg, weil er es für hip hält. Ich gehe vom Kapuzenpulli aus und vom neuen Trend der Männer, keine Krawatte zu tragen. Was einem da an Männern in meinem Alter entgegenschlackert, sieht aus wie ein Truthahn kurz vor der Pfanne. Das ist nicht sehr fair den Mitmenschen gegenüber. Die Krawatte hat ja doch das alte Fleisch ein bisschen zusammengehalten.

Das heisst, die Basler haben Anstand.

Das würde ich als Gast dieser Stadt so sehen.

Tragen Sie in diesem Augenblick Krawatte?

Nein. Ich sitze gerade in meiner Klause und bin casual dressed.

«Schreiben Sie, ich hätte ein Nervenleiden. Das klingt so literarisch.»

Es gab Zeiten, in denen die Krawatte überall war. Trauern Sie dem auch nach?

Für viele Leute ist es ästhetisch ein Vorteil, wenn sie Uniform tragen können. Weil sie dann von ihrem privaten Geschmack befreit sind. Das weiss jeder, der mal ein Sinfonieorchester in Privatklamotten gesehen hat.

Heute kann jeder sein Ding durchziehen.

Er zieht aber nicht sein Ding durch, sondern er zieht den Einheitslook durch. Egal wo auf der Welt Sie sind, die Leute sind gleich angezogen.

Ist das auch auf der gesellschaftlichen Ebene so? Zu viel Freiheit tut den Menschen nicht gut?

Das ist mir zu kompliziert. Was ich nicht ertrage, sind die Politiker ohne Krawatte, die man täglich zu sehen bekommt.

Falsche Gelassenheit?

Falsches Verständnis von Lockerheit.

Als Moderator haben Sie gern mit einem Auge gezwinkert. Machen Sie das noch?

Teilweise. Ich habe es eigentlich ziemlich unter Kontrolle. Manchmal wird der Tick wieder ein bisschen stärker.

Das ist ein Tick?

Schreiben Sie bitte, das ist ein Nervenleiden. Das klingt so literarisch.

Ich dachte, Sie zwinkern, wenn Sie etwas ironisch meinen.

Es ist eine Frechheit, dass Sie mir das unterstellen, aber auch das muss ich ertragen im Rahmen der Meinungsfreiheit.

Das ist grosszügig.

So bin ich nun mal.

Herr Schmidt, ich halte Sie nicht länger auf.

Den Satz hätte ich gern schon früher gehört.

Das ist fies. Sie hätten was sagen sollen.

Und belästigen Sie mich nicht mit diesem kleinkarierten Gegenlesen, ja? Ich erwarte, dass Sie diesen Artikel in Goncourt-hafter Schärfe verfassen. In meiner Liga liest man nicht mehr gegen.

Das kommt ins Interview. Es ist noch nicht vorbei.

Ich weiss. Ich habe lange Zeit Interviews für die «Bunte» gemacht. Die entscheidenden Sätze fallen in den letzten fünf Minuten auf dem Weg zum Taxi.

Deswegen wollten Sie meinen Satz, dass ich Sie nicht länger aufhalte, schon früher hören.

Nein. Aber die Pointe musste raus. Alte Komödienregel: Pointe geht vor Inhalt.

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Harald Schmidt im Gespräch mit Alain Claude Sulzer: Mittwoch, 3. Dezember, 19 Uhr, Volkshaus Basel. Mehr dazu: www.literaturhaus-Basel.ch

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