«Ich bin selber noch ein Kind»

Zum 50. Geburtstag des Märchen-Räubers Hotzenplotz am 1. August spricht Hotzenplotz-Darsteller Roland Herrmann über Märchen und das echte Leben.

Roland Herrmann als Räuber Hotzenplotz im Fauteuil. (Bild: zVg)

Der Basler Schauspieler Roland Herrmann (44) stand etliche Male als Räuber Hotzenplotz auf der Bühne. Am 1. August 2012 wird der Märchen-Räuber 50 Jahre alt. Und Roland Herrmann erinnert sich an seine eigene Kindheit.

Herr Herrmann, was heisst Räuber Hotzenplotz auf Chinesisch?

Ähm, Diongdinghong? Ich hab mal sowas gehört, aber Sie sagen es mir jetzt bestimmt…

Es heisst «Dadao Huochenbuluci». Sie waren sechs Jahre alt, als der «Räuber Hotzenplotz» erschien und neun, als die Geschichte erstmals auf die Bühne kam. Welche Erinnerungen haben Sie an das Märchen?

Ich kannte nur das Buch. Da ich auf dem Land in Reigoldswil aufwuchs, kam ich nicht so häufig in die Stadt und schon gar nicht ins Theater, das hatte bei uns zu Hause keine grosse Tradition. Das Buch wurde mir aber vorgelesen.

War es Ihr Lieblingsbuch – oder hatten Sie einen anderen Favoriten?

«Trotzli» war mein Lieblingsbuch. Das ist die Geschichte eines vorwitzigen Lausbuben, der auch ein Trotzkopf ist. Das passte zu mir (lacht).

Im Zusammenhang mit dem Räuber Hotzenplotz ist das Wort vorwitzig eher unpassend, er ist mehr trottlig als schlau. Passt diese Figur überhaupt noch in die heutige Zeit mit ihren vielen perfekt perfiden Bösewichten?

Unser Publikum auf der Märchenbühne im Fauteuil ist noch sehr klein, die jüngsten sind erst drei Jahre alt und noch nicht so verblendet von «Starwars» und dergleichen. Ich denke, Dreijährige sind immer gleich, die heutigen Kleinkinder sind im selben Stadium, wie ich es damals war.

Der Räuber Hotzenplotz wurde in über dreissig Sprachen übersetzt und mehr als sechs Millionen Mal verkauft. Das ist ein Riesenerfolg für ein Märchen, das nicht aus der Feder der Gebrüder Grimm stammt. Was macht den Räuber Hotzenplotz so beliebt?

Es ist eine typische Lausbubengeschichte und weniger ein Märchen. Solche Geschichten funktionieren immer, was man ja auch beim Kasperli sieht. Die Kinder haben keine Angst vor dem Räuber, sondern eher vor dem bösen Zauberer, der auch vorkommt. Die Kinder merken, dass Hotzenplotz «dappig» ist und lachen darüber. Das funktioniert besser als moralische Figuren mit erhobenem Zeigefinger.

Kinder haben also keine Angst vor Ihnen, wenn Sie als Räuber kostümiert mit borstigen Augenbrauen und strengem Blick auf sie zukommen?

Nur am Anfang. Bald merken sie, dass die anderen Figuren den Räuber reinlegen. Dann rufen sie ihm «Du bist so dumm» und Ähnliches zu.

Wie häufig werden Sie von Freunden gebeten, privat den Hotzenplotz zu geben?

Das passiert zum Glück nie. Da käme ich mir auch doof vor.

Sie wirken meistens in Stücken für Erwachsene mit, der Räuber Hotzenplotz bildet eine Ausnahme. Worin unterscheidet sich das Spielen für Kinder vom Spielen für ein erwachsenes Publikum?

Kinder sind gnadenlos und achten sehr auf Slapstick. Sie hören weniger auf Worte und schauen mehr auf Ausdruck und Gesten. Ich will nicht sagen, dass Kinder manipulierbarer sind. Aber es ist einfacher, Kinder abzuholen, da sie immer sofort reagieren. Bei Erwachsenen ist die Distanz grösser. Gnadenlos können aber auch sie sein, wenn sie nach einer Premiere zum Beispiel auf einen zukommen und sagen, das Stück sei ein «Seich» gewesen.

Kommen Sie sich nicht manchmal komisch vor, wenn Sie als Erwachsener den Räuber Hotzenplotz spielen?

Nein – wobei, das habe ich generell in diesem Beruf, dass ich mir manchmal komisch vorkomme und mich frage: Was mache ich da überhaupt (lacht)? Aber sonst, nein, denn ich bin ja selber noch ein bisschen ein Kind.

Was nehmen Sie aus ihren Rollen für Ihr eigenes Leben mit?

Ich hole aus dem Schauspiel etwas für das Leben heraus und umgekehrt. Beim Musical «Titanic» am Thunersee, wo ich derzeit spiele, bin ich ein Ehemann, der am Ende des Stücks stirbt. Ich muss mich da hereindenken können…

Sie haben durch diese Rolle angefangen, über den Tod nachzudenken?

Nein, das schon nicht. Es geht mehr um das Gefühl, jemanden zu verlieren. Das kennen wir alle, wenn sich Beziehungen auflösen zum Beispiel. Das ist ja auch wie ein kleiner Tod. Solche Erfahrungen helfen mir, mich in den Rollen wiederzufinden.

Welche Rolle wollen Sie einmal spielen?

Ich würde gern einmal in einem Western mitspielen.

Als Macho-Cowboy?

Hm, ja, vielleicht schon. Ein bisschen wie Clint Eastwood halt. Aber das müsste dann schon ein Spielfilm sein.

Quellen

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