«Ich hätte Hesse nicht als Ehemann gewollt»

Zum fünfzigsten Todestag des Schriftstellers Hermann Hesse sagt Autorin Bärbel Reetz im Interview, wie es um die Frauen des Dichters stand. Zu den drei Gattinnen gehörte auch die Baslerin Mia Bernoulli.

Starke Frau, die Hesse 15 Jahre lang den Rücken freihielt: Mia Bernoulli. (Bild: Sibylle Siegenthaler-Hesse)

Er war launisch, egoistisch, leidend und oft abwesend: Bärbel Reetz porträtiert Hesses Frauen und gibt dabei auch aufschlussreiche Einblicke ins Leben und Werk des grossen Dichters.

Dreimal war Hermann Hesse verheiratet: Mit der Baslerin Mia Bernoulli, die als erste Schweizer Frau ein professionelles Kunstfotografie-Atelier betrieb. Dann mit den bedeutend jüngeren Frauen Ruth Wenger (deren Familie die berühmten Armeemesser herstellt) und mit der Kunsthistorikerin Ninon Dolbin-Ausländer. In ihrem Buch «Hesses Frauen» zeigt Bärbel Reetz auf, wie der verschrobene Dichter und Denker Hermann Hesse nicht nur selber am Leben litt, sondern auch das Unglück von anderen mitzuverantworten hatte – manches floss dabei in seine Werke, etwa in den «Steppenwolf» oder «Klingsors letzter Sommer».

Hermann Hesse ist für viele von uns ein Held aus der Jugend, dessen Werke wir verschlungen haben. «Siddhartha»! «Der Steppenwolf»! Sind auch Sie damit aufgewachsen?

Bärbel Reetz: Ja, ich las in meiner Jugend vieles von ihm, von «Demian» bis «Steppenwolf». Als Studentin legte ich dann seine Bücher zur Seite, jahrzehntelang, bis ich vor 15 Jahren für eine Biografie zu Emmy Ball-Hennings recherchierte und dabei zu meinem Erstaunen erfuhr, dass sie und ihr Gatte Hugo Ball, zwei Dadaisten, mit Hesse eng befreundet waren. Das fand ich spannend, und so las ich viele seiner Bücher noch einmal mit anderen Augen und lernte neue Aspekte in seinem Werk schätzen.

Man erschrickt ein wenig, wenn man aus Ihrem Buch «Hesses Frauen» erfährt, wie der Autor als Gatte und Vater war: oft launisch, abwesend, dennoch bestimmend. Es fällt reichlich schwer, Sympathien für den Familienmenschen Hesse aufzubringen. Ging es Ihnen selber auch so?

Ja. Als Teenager interessierten mich nur seine Bücher. Ich hatte ein Bild des asketischen, weisen Mannes von Montagnola und entdeckte auf einmal einen ganz anderen Hesse, einen Ehemann, den zu lieben schwerfällt. Er war geprägt durch die zeitgebundenen hierarchischen Strukturen, forderte für sich Freiräume ein, um schreiben zu können. Und erlebte den Zwiespalt des Kreativen mit der bürgerlichen Realität als so belastend, dass er diesen Konflikt 1912 in dem Roman «Rosshalde» gestaltete und damit das Scheitern seiner Künstlerehe mit Mia Bernoulli vorwegnahm. Im Alter jedoch konnte sich Hesse seinen Söhnen und deren Kindern sehr liebevoll zuwenden, unterstützte sie und verfolgte deren Wege mit Interesse.

Trotz Bindungsangst heiratete er dreimal. Keine seiner Frauen wurde glücklich mit ihm, er selber bezeichnete sich als Egoisten.

Richtig. Auch ich hätte Hesse nicht gerne als Ehemann gehabt. Aber es ist klar, dass man sein Verhalten zeitgebunden betrachten muss: Er wurde im 19. Jahrhundert in eine streng pietistische Familie hineingeboren, in der die Frauen «dem Manne untertan» sein sollten. Und Sexualität war ein Tabu. Beides prägt sein Verhalten gegenüber den Frauen. Einerseits suchte er ihre Nähe, andererseits floh er sie, weil Nähe ihn einengte und bedrängte. Dennoch: Das Verhältnis der Geschlechter zueinander hat sich bis in unsere Zeit so verändert, dass ich wohl manches in Hesses Verhalten nachvollziehen kann, was zu billigen mir schwerfällt …

1904 heiratete Hesse Mia Bernoulli. Ihrem Buch entnimmt man, dass sie eine aufopfernde Frau und Mutter war, der die Belastung eines Tages über den Kopf wuchs.

Ja. Hesse wohnte mit ihr von 1904 bis 1912 zunächst am Bodensee, überliess ihr die Arbeit mit Haus und Kindern, oft auch mit dem grossen Garten. 1911, drei Wochen nach der Geburt des dritten Sohnes, reiste er für Monate nach Indien. Da kann man sich vorstellen, wie seiner Frau zumute war. 1912 zog die Familie nach Bern, wieder ein grosses Haus mit Garten, Kinder die versorgt werden mussten. 1918 erlitt Mia Hesse einen Zusammenbruch und wurde in einem Sanatorium interniert.

Nachdem ihr Mann schon viel Zeit in Sanatorien verbracht hatte.

Richtig. Hesse war schon während der Gaienhofener Zeit und verstärkt nach einem psychischen Zusammenbruch 1916 mehrfach in Sanatorien, unterzog sich einer jahrelangen Psychoanalyse. Und entschloss sich, seine Familie zu verlassen. Das war für Mia eine Situation, in der sie zusammenbrach. Ich habe ihren Fall mit Psychoanalytikern diskutiert. Diese sagten mir, dass man heute von Depression und einem Burn-out sprechen würde.

Statt Verständnis zu haben, erklärte Hesse sie für verrückt und sorgte dafür, dass ihr zeitweise die Kinder weggenommen wurden. Dies, nachdem sie ihm jahrelang den Rücken freigehalten hatte, damit er sich auf seine Gesundheit und Arbeit konzentrieren konnte.

Mia Bernoulli ist eine besonders bewundernswerte Frau, die nach ihrer Entlassung aus dem Sanatorium darum kämpfte, ihre Kinder bei sich haben zu dürfen. Aber auch wenn es darüber mit Hesse zu Auseinandersetzungen kam, bestimmen Grossmütigkeit und Noblesse ihre Briefe. Sie war nie nachtragend, war gütig und voll positiver Lebenskraft. Das bestätigten mir auch ihre Enkel, die ich in der Schweiz traf.

Sie haben also auch hierzulande Nachforschungen betrieben?

Ja. Ich hatte viele Gespräche mit Silver Hesse in Zürich, der den Nachlass verwaltet und mir die Erlaubnis gab, 600 unveröffentlichte Briefe von Mia Bernoulli zu lesen und daraus zu zitieren. Ich war auch in Bottmingen, wo eine Enkelin von Hesse lebt, die viele Briefe und Fotos besitzt, und mit der ich mich über die Grosseltern unterhalten konnte. Ich traf aber auch Nachkommen der Familie Bernoulli, die mir sowohl Einblicke in die Familiengeschichte als auch in ihre Erinnerungen an die Grosstante Mia gaben.

War Mia Bernoulli eine tragische Figur? Alleinerziehend, nach der Scheidung darauf angewiesen zu arbeiten, ohne Entscheidungsmacht über Geld und Kinder?

Ich glaube nicht, dass sie sich als tragische Figur sah. Ich hatte jedoch bei meinen Recherchen streckenweise grosses Mitleid mit ihr. Sie selber versuchte nach der Scheidung von Hesse ihre Lebenssituation positiv zu sehen, gab Klavierstunden, vermietete Zimmer an Gäste und brachte daneben viel Kraft für ihre Familie auf. Eine faszinierende und sehr emanzipierte Frau.

Hesse heiratete in den 1920er-Jahren zwei bedeutend jüngere Frauen: Ruth Wenger und Ninon Dolbin. Beide verliebten sich in den berühmten Dichter. Waren sie das, was man heute Literaturgroupies nennen würde?

Das geht in die Richtung, ja, vor allem bei Ninon Dolbin-Ausländer. Sie war 14, als sie «Peter Camenzind» las und Hesse erstmals kontaktierte. Voller Bewunderung schrieb sie ihm jahrelang Briefe, erträumte sich ein Bild des Autors. Heute würden wir ihre drängenden Annäherungsversuche, die Hesse immer wieder zurückwies, wohl als Stalking bezeichnen. Ninon liess sich jedoch, obwohl selbst verheiratet, nicht zurückweisen. Allerdings musste sie nach der Eheschliessung mit dem widerstrebenden Dichter erleben, dass ihre Projektion und die Realität einander ausschlossen. Eine tragische Erkenntnis!

Die Heirat war für ihn ein bürgerlicher Zwang, dem er sich widerwillig hingab. Nicht der einzige Widerspruch, mit dem er lebte. Er kritisierte auch gerne das Grossbürgertum, profitierte gleichzeitig von diesem.

Das machte ihm seine zweite Gattin Ruth Wenger auch zum Vorwurf. Hesse und sie lebten einige Monate im Basler Hotel Krafft in verschiedenen Zimmern, für die Ruths reicher Vater aufkam. Sie warf Hesse in einem Brief vor, er kränke sie damit, dass er ihre Familie verachte, sozialistische Ideen kundtue – jedoch eigentlich nur reiche Freunde habe, von denen er gerne vieles entgegennehme. Verletzt versuchte sich Hesse in einem Gegenbrief zur Wehr zu setzen, wirkte aber nicht sehr überzeugend.

Ihr gemeinsames Leben im Hotel Krafft, 1923/24, wirkt aus heutiger Sicht reichlich bizarr.

Durchaus. Ruth Wenger bezog mit ihrer Menagerie – sie liebte Tiere – Zimmer, Hesse konnte im Anbau des Hotels in ein Biedermeierzimmer mit Rheinsicht einziehen. Wollte sie den vereinbarten Tagesablauf durchbrechen, dann musste sie ihrem künftigen Gatten eine schriftliche Anfrage in Form eines Hausbriefs zustellen. Sogar an ihrem gemeinsamen Hochzeitstag bat sie darum, gemeinsam mit ihm frühstücken zu dürfen, denn «ich habe eigentlich ein wenig Heimweh nach Dir». Für mich der ungewöhnlichste Brief, den eine Braut je vor der Trauung an ihren Bräutigam geschrieben hat.

Quellen

Bärbel Reetz: «Hesses Frauen», Insel Verlag, Berlin, 2012, 430 Seiten.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 03.08.12

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