«Ich verabschiede mich aus der Politik»

Andreas C. Albrecht, LDP-Grossrat und Präsident des BKB-Bankrates ist sich wegen des ASE-Skandals keines Fehlers bewusst – und er verrät, weshalb er künftig «anders treten» will.

«Es wird einen neuen Schwerpunkt in meinem Leben geben. Ich freue mich sehr darauf» – Andreas C. Albrecht, LDP-Politiker, BKB-Bankratspräsident. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Andreas C. Albrecht, LDP-Grossrat und Präsident des BKB-Bankrates ist sich wegen des ASE-Skandals keines Fehlers bewusst – und er verrät, weshalb er künftig «anders treten» will.

Der Liberale Andreas C. Albrecht gehört zu den einflussreichsten Politikern und Menschen dieser Stadt. Zu Kopf gestiegen ist das dem 44-Jährigen aber offensichtlich nicht. Ein Gespräch über seine Rolle bei der skandalträchtigen Basler Kantonalbank, die Kanzlei Vischer als Machtzentrale, den «Daig» – und einen neuen Abschnitt in seinem Leben.

Herr Albrecht, die Basler Kantonalbank steckt mitten in der Erneuerung, deshalb mussten Bankchef Hans Rudolf Matter gehen und auch Hans Ringger, der die Zürcher Filiale geleitet hatte. Warum sind Sie eigentlich noch dabei?

Als wir feststellten, dass in der Bank in Sachen ASE Fehler passiert und Kunden zu Schaden gekommen sind, habe ich mir natürlich die Frage gestellt, inwiefern ich auch persönlich verantwortlich dafür bin. Der von uns in Auftrag gegebene Bericht der Anwaltskanzlei Bär & Karrer hat dann aber relativ klar gezeigt, dass die Fehler nicht bei der Oberleitung der Bank passiert sind. Der Bankrat hat seine Aufgabe gut wahrgenommen und vor allem rasch und konsequent reagiert, als der ASE-Fall bekannt wurde – und die von ihm beschlossenen Massnahmen wurden auch im Nachhinein als richtig und konsequent bestätigt. Aus diesen Gründen habe ich keinen Anlass gesehen, als Bankratspräsident zurückzutreten.

Sie machen es sich einfach. Sie sind mitverantwortlich für die Expansionsstrategie der Bank, die gründlich schief ging und Ermittlungen der US-Steuerbehörden und der Finma nach sich zog.

Die Eröffnung eines Private-Banking-Standorts in Zürich wurde lange vor meiner Zeit als Bankratspräsident beschlossen. Nein, ich glaube nicht, dass ich es mir einfach gemacht habe. Ich habe mich sehr wohl mit der Frage der persönlichen Verantwortung befasst und auch sehr viel Zeit und Aufwand in die Aufarbeitung der in der Bank festgestellten Versäumnisse investiert. Ich bin aber zum Schluss gekommen, dass es nicht dienlich wäre, wenn ich zurücktreten würde. Wenn ein Unternehmen im Umbruch ist und Schwierigkeiten zu bewältigen hat, dann ist es nicht im Interesse des Unternehmens, dass alle führungsverantwortlichen Personen davonlaufen. Manchmal besteht die Auf­gabe eben darin, einen Umbruch zu meistern und Schwierigkeiten zu bewältigen. Ich betrachte das als meinen Job.

Bei der Finma läuft ein Verfahren gegen Hans Ringger. Werden weitere schmutzige Geschäfte der BKB ans Tageslicht kommen?

Ich habe überhaupt keinen Grund anzunehmen, dass weitere grosse Fehler in Erscheinung treten werden.

Wie geht es weiter mit der Zürcher Aussenstelle, wo die beiden Skandale um die ASE und die unversteuerten US-Gelder ihren Ursprung hatten?

Wir haben vor einiger Zeit bereits viele Massnahmen ergriffen, um die Geschäftsstelle klar zu strukturieren und neu auszurichten. So haben wir mit René Bürgisser eine neue Leitungsperson eingesetzt. Bei unseren Geschäften mit den externen Vermögensverwaltern haben wir einschränkende Regeln festgesetzt. Die Bedingungen, die externe Vermögensverwalter nun erfüllen müssen, damit wir mit ihnen zusammenarbeiten, gehören sicherlich zu den strengsten in der Branche. Somit können wir sicherstellen, dass sich ein solches ASE-Ereignis nicht wiederholen kann. Heute ist es so, dass das Private Banking in Zürich genau die gleichen Dienstleistungen erbringt wie das Private Banking in Basel. Zudem ist es auch genau gleich in die Organisation der Gesamtbank integriert – auch was die Überwachung anbelangt. Die Regeln sind heute eindeutig viel strenger als früher.

Die Regierung will den Bankrat entpolitisieren, amtierende Grossräte sollen nicht mehr vertreten sein. So überzeugt von Ihrer Arbeit ist die Regierung offensichtlich nicht.

Ich verstehe das nicht als persönliches Misstrauensvotum. Dass die Regierung den Bankrat künftig selber wählen will, leuchtet mir völlig ein. Dass sie jedoch im Gesetz verankern will, dass künftig keine Grossratsmitglieder mehr dem Bankrat angehören sollen, halte ich für unnötig.

Dann müssten Sie auch zurücktreten.

Um das geht es mir nicht. Aber die Einschränkung geht zu weit, zumal der Regierungsrat ja selber entscheiden kann, welche Personen er wählen will und welche nicht. Es könnte ja durchaus sein, dass es einmal eine Person aus dem Grossen Rat gibt, die sich für den Bankrat eignet. Ich sehe nicht ein, weshalb diese Möglichkeit grundsätzlich ausgeschlossen werden muss. Vielleicht will der Regierungsrat sich vor Druckversuchen aus den politischen Parteien schützen.

«Dass künftig keine Grossratsmitglieder mehr dem Bankrat angehören sollen, halte ich für unnötig.»

Inwiefern?

Auch Regierungsmitglieder sind Parteimitglieder. Wenn im Gesetz steht, dass man als Grossrat nicht im Bankrat sitzen kann, entfällt vielleicht der Erwartungsdruck einiger Grossratsmitglieder. Aber das ist reine Spekulation.

In Europa, aber auch in der Schweiz, wird der Ruf nach dem automatischen Informationsaustausch lauter. Plant die BKB schon entsprechend?

Ich persönlich habe schon im letzten Jahr gesagt, dass sich die Schweiz für den automatischen Informa­tionsausstausch öffnen soll. Es wäre gescheiter, wenn die Schweiz jetzt versuchen würde, auf internationaler Ebene an einem geeigneten Standard mitzuarbeiten, anstatt später unter Druck etwas übernehmen zu müssen, was andere ohne uns ausgeheckt haben. Für die Bank ist es allerdings noch zu früh, konkret zu planen. Die technischen Einzelheiten sind noch völlig offen.

Sie leben im herrschaftlichen Palais Ramsteinerhof an der Rittergasse. Sind Sie für einen Grossbasler Rheinuferweg?

Ich habe überhaupt nichts gegen diesen Weg. Er würde uns nicht im Geringsten stören.

Euphorisch sind Sie aber nicht gerade.

Ich sehe das ganze ziemlich emo­tionslos. Der Weg ist ja nicht primär für die Anwohner. Wenn die Öffentlichkeit den Weg will, habe ich aber als Anwohner nichts dagegen einzuwenden.

Sie haben eine Bilderbuch-Karriere hinter sich. Sie sind BKB-Bankratspräsident, geschäftsführender Partner der Kanzlei Vischer, Präsident der grossrätlichen Bau- und Raumplanungskommission (BRK). Inwiefern hatte Parteikollege, Bürofreund und Vizepräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, Bernhard Christ, Einfluss auf Sie?

Er war sicher im Büro und in der Politik eine Art Lehrmeister für mich. Es gibt Sachen, die ich bei ihm abgeschaut habe. Vielleicht gerade weil Bernhard Christ und ich nicht so typähnlich sind, habe ich bei ihm Sachen gesehen, die mich ergänzt haben.

Zum Beispiel?

Pragmatismus in der Politik, sich aufs Wesentliche fokussieren, sich mit dem Machbaren begnügen und unnötige Hahnenkämpfe vermeiden. Meine Art war es früher eher, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen.

Sie sind schwer einzuschätzen. Auch Grossratsmitglieder, die schon lange mit Ihnen zusammenarbeiten, können Sie schwer fassen und beschreiben. An was liegt das?

Das kann ich nicht sagen. Ich bin sicher ein Mensch, der gerne die Initiative ergreift. Ich kann Prozesse moderieren und mehrheitsfähige Lösungen erarbeiten. Unter den Anwälten gibt es ja zwei Typen: Solche, die Prozesse führen – die engagierten Streiter. Und es gibt solche, die eher auf der Beratungsseite sind. Ich gehöre definitiv zur zweiten Kategorie. Ich finde es spannend, meine Klienten zu beraten, mit der Gegenpartei zu verhandeln, gute Verträge zu schreiben und klar strukturierte Lösungen zu erarbeiten. Das ist auch so in der Politik: Ich kann gut Mehrheiten finden.

War es immer schon ein Ziel von Ihnen, für die Kanzlei Vischer zu arbeiten – die sogenannte heimliche Basler Machtzentrale?

(lacht laut). Wir sind nicht im geringsten eine Machtzentrale. Unser Einfluss wird überschätzt – und zwar massiv.

Sie sind immerhin BKB-Präsident, Ueli Vischer Verwaltungsratspräsident der Messe Schweiz (MCH Group).

Als ich 1998 hier anfing, gab es die Kanzlei in dieser Art noch gar nicht. Damals waren wir acht Anwälte und eine Anwältin und wurden bereits als gross wahrgenommen. Nach der Fusion mit einer anderen grossen Kanzlei hatte man in Basel das Gefühl, es entstünde etwas Riesiges. Dabei waren wir weit von der jetzigen Grösse entfernt. Heute sind wir an unseren beiden Standorten Basel und Zürich über 80 Anwälte und Anwältinnen, davon 27 Partner und eine Partnerin. Wenn eine Kanzlei grösser wird, kommt automatisch auch eine grössere Zahl von Mandaten zusammen. Diese verteilen sich aber auf die verschiedenen Personen. Es ist also nicht so, dass der Einfluss in unserer Kanzlei konzentriert wird. Wir sind mittlerweile auch nicht mehr die einzige grosse Kanzlei in Basel.

Trotzdem: Sie gelten als einflussreicher Vertreter des Basler «Daig».

Einfluss gewinnt man, wenn man sich engagiert und ernsthaft am Finden von mehrheitsfähigen Lösungen mitwirkt. Der «Daig» ist nicht ein Begriff, der bei mir ein spezielles Zugehörigkeitsgefühl hervorruft.

Ihre Mutter ist eine Iselin.

In meiner Muttermilch hatte es sicher noch ein paar «Daig»-Resten. Aber die Familie Albrecht gehört nicht zu den alteingesessenen Familien in Basel, die man zum «Daig» zählt. Auch wenn ich schaue, wie mein Freundeskreis aussieht und wo ich mich bewege, glaube ich nicht, dass ich ein klassischer Vertreter des «Daig» bin.

Gemäss der Zeitung «Schweiz am Sonntag» sind Sie Experte im Umgang mit Befangenheiten jeglicher Stufe. So müssen Sie als Präsident der BRK oft in den Ausstand treten, weil die Kanzlei Vischer in manche Geschäfte involviert ist. Ist es nicht schwierig, auf diese Weise ein derart wichtiges Gremium leiten zu müssen?

Ich lege meine Interessensbindungen klar offen – und das ist auch gut so. Wenn ich ab und zu bei einem Geschäft in den Ausstand treten muss, ist das nicht schlimm. Für solche Fälle gibt es einen Vizepräsidenten. Für mich geht das völlig in Ordnung, und ich sehe auch keinen Konflikt darin.

«In meiner Muttermilch hatte es sicher noch ein paar ‹Daig›–Resten»

Was noch fehlt in Ihrer Bilderbuch-Karriere wäre ein Regierungsratssitz oder ein Mandat in Bern.

Ich habe keine solchen Gelüste. Im Gegenteil. Meine Frau und ich erwarten unser erstes Kind.

Gratulation!

Danke. In einigen Monaten wird das Baby auf der Welt sein. Im ersten Quartal des nächsten Jahres will ich deshalb aus dem Grossen Rat zurücktreten, damit ich einen Tag in der Woche zu Hause zu meinem Kind schauen kann.

Sie treten also kürzer.

Kürzer nicht unbedingt, aber ich trete anders. Ich bin schon eine Weile im Grossen Rat und will meine Prioritäten künftig anders setzen.

Das heisst, Sie ziehen sich vollkommen aus der Politik zurück? Auch für ein nationales Mandat sind Sie nicht mehr zu haben?

Das ist so, ja. Was in 15 Jahren ist, weiss ich nicht. Mein Leben ist ja noch nicht zu Ende. Aber vorerst verabschiede ich mich aus der Politik. Es wird einen neuen Schwerpunkt in meinem Leben geben. Ich freue mich sehr darauf.

Das wird Ihre Partei aber nicht freuen. Die LDP kämpft ohnehin schon um ihre Bedeutung. Mit Ihrem Rückzug kommt sie noch mehr in Schwierigkeiten.

Niemand ist unersetzlich. Und auch in unserer Partei wird es Leute geben, die wieder nachrücken. Ich stelle jedoch fest, dass es schwieriger geworden ist, Leute für die Lokalpolitik zu motivieren, weil diese für nicht wenige als unattraktiv erscheint. Das ist aber ein Irrtum, zumal es die Lokalpolitik ist, die unser Leben täglich am meisten prägt. Ich habe überhaupt keine Bedenken, dass die LDP meinen Rückzug nicht verkraften wird.

Wenn Sie nicht mehr im Grossen Rat sind, stehen Ihre Chancen für die Weiterführung des BKB-Präsidiums wieder besser.

Mein Rückzug aus der Politik hat in keiner Art und Weise mit Überlegungen zu tun, die mit der Bank zusammenhängen. Es geht mir nur um die persönliche Prioritätensetzung.

Hat sich die Politik seit Ihrer Anfangszeit verändert?

Es ist schwieriger geworden, Inhalte zu transportieren. Das Bedürfnis von Einzelpersonen, sich mit sauglatten Ideen in Szene zu setzen, ist gestiegen. Das hat wohl auch mit der veränderten Medienlandschaft zu tun. Ich würde mir mehr vertiefte, sachliche Auseinandersetzungen über wirkliche Probleme wünschen – und weniger Schnellschüsse, die nur dazu dienen, dass man eine Zeitungsmeldung erhält oder sonst irgendwie Aufmerksamkeit bekommt.

Andreas C. Albrecht

Der 44-jährige Andreas C. Albrecht wuchs im Gundeli auf. Nach der Matura am Humanistischen Gymnasium studierte er Jurisprudenz in Basel und New York. Heute ist er Anwalt, Notar und geschäftsführender Partner der Kanzlei Vischer. Albrecht sitzt seit 2001 für die Liberalen im Grossen Rat, seit 2003 präsidiert er die einflussreiche Bau- und Raumplanungskommission. Eine seltene Niederlage musste er 2007 erleben, als er erfolglos gegen Anita Fetz (SP) für den Ständerat kandidierte. Im selben Jahr stieg er hingegen im Bankrat zum Vizepräsidenten auf, 2009 zum Präsidenten. Andreas C. Albrecht gehört der Safranzunft an und ist als Tambour aktiver Fasnächtler. Er war zudem acht Jahre Mitglied des Fasnachts-Comités und Synode-Mitglied der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 24.05.13

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