«Ich will weiter schreiben – sonst würde ich mich zu Tode langweilen»

Hansjörg Schneider spricht über «Hunkelers Geheimnis» – und verrät dabei auch ein eigenes: Warum er eine Pistole besitzt.

Schriftsteller Hansjörg Schneider spricht über seinen neunten Hunkeler-Krimi – und damit auch über seine eigenen Lebenserfahrungen.

(Bild: Basile Bornand)

Hansjörg Schneider spricht über «Hunkelers Geheimnis» – und verrät dabei auch ein eigenes: Warum er eine Pistole besitzt.

Hansjörg Schneider, Schriftsteller aus Basel, Vater zweier erwachsenen Kinder und Witwer, sitzt auf einem Bänkli in einem rustikalen Schwarzwälder Hotel und bestellt sich einen Kaffee mit einem Glas Wasser. Neben ihm hängt ein Bild des Philosophen Martin Heidegger. Angeblich sass dieser oft hier, wärmte sich den Rücken am Kachelofen.

Hier, in einem Hotel, das gleichermassen Kurgäste und Familien anlockt, verbringt der 77-Jährige einen Grossteil des Jahres. Und führt ein Leben, nicht unähnlich dem seines Protagonisten Kommissär Hunkeler, der nach acht gelösten Fällen nicht mehr aus der Schweizer Literatur wegzudenken ist. Jetzt wird der neunte Fall, «Hunkelers Geheimnis», veröffentlicht. 

Hansjörg Schneider, wie geht es Ihnen?

Gut. Ich freue mich aufs Buch.

Und gesundheitlich? Kommissär Hunkeler erwacht im neuen Buch im Spital – da zieht man als Leser natürlich gleich Parallelen und ist besorgt.

Nun … das geht eigentlich niemanden was an.

Da haben Sie recht. Was auffällt: Hunkeler raucht kaum noch.

Ja, er hat es im Griff, total unter Kontrolle. Leider kann ich das von mir nicht behaupten. Ich habe Mühe, damit aufzuhören.

Sollten Sie denn?

In einem gewissen Alter wäre es besser, ja.

Dafür sind Sie oft an der frischen Luft, verbringen einen Grossteil des Jahres hier oben in Todtnauberg.

Ja. Ich bin eigentlich kein Stadtmensch, wuchs auf dem Land auf. Mit meiner Familie verbrachte ich schon in den 1970er-Jahren viel Zeit in einem wunderbaren Stöckli im Emmental, später kauften wir ein altes Bauernhaus im Elsass. Wir hatten immer etwas im Grünen, waren immer gerne auf dem Land. Todtnauberg ist nur eine Stunde von Basel entfernt, angenehme Höhe, angenehmer Ort, angenehme Leute.

Warum haben Sie sich eigentlich für den Schwarzwald entschieden und nicht für den wilden Jura? Dort könnte ich mir Sie auch gut vorstellen.

Da war ich auch einmal, 1966/1967, in der Nähe von Glovelier.

Sie halten eine Tradition aufrecht: Schriftsteller logierten immer schon gerne in Hotels, sei es Nabokov im «Montreux Palace» oder Hesse im Basler «Krafft». Wieso?

Es ist natürlich bequem, man geniesst den Service. Aber ich sehe mich gar nicht so sehr in einer Tradition.

Liessen Sie sich in Todtnauberg nieder, weil schon der Philosoph Martin Heidegger hier oben seine Hütte hatte?

Nein, nein! Im Gegenteil: Mit Heidegger hatte ich immer meine Mühe. An der Uni Basel besuchte ich Kolloquien des Philosophieprofessors Hans Kunz, las dabei «Sein und Zeit» – ich verstand es offen gesagt nicht wirklich. Später las ich auch seine Rektoratsrede, die er 1933 an der Uni Freiburg gehalten hatte. Da wurde er mir richtig unheimlich.

Wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus?

Ja, er war ein völkischer Denker, die Allemannen waren das Grösste in seinen Augen. Ich wäre in seiner Betrachtung auch ein Allemanne, was doch kompletter Blödsinn ist! Auch sein Gedanke, dass Gesellschaften wie eine Pyramide aufgebaut seien, mit einem Führer an der Spitze, war total antidemokratisch, das fand ich immer abstossend.

Hansjörg Schneider kam 1938 im Aargau zur Welt und wuchs in Zofingen auf. 1958 zog er nach Basel, um Germanistik, Geschichte und Philosophie zu studieren. Er arbeitete als Lehrer und Journalist, schrieb Reportagen, Theaterstücke und Romane. Seine grössten Erfolge feiert er mit den Geschichten von «Kommissär Hunkeler». In nunmehr neun Büchern mit Regionalkolorit lässt er diesen Protagonisten, der wie er selber an der Mittleren Strasse lebt, ermitteln. Damit steht er in der Tradition anderer grosser Schweizer Krimiautoren wie Glauser und Dürrenmatt.

Wie verbringen Sie hier in Todtnauberg Ihre Tage?

Ich fahre morgens meistens nach Todtnau runter, lese Zeitung und gehe dann zwei, drei Stunden «go loufe». Das ist wunderbar. Es ist ein ideales Wandergebiet, gerade im Sommer, wenn es in der Stadt heiss ist. Im Winter gehe ich langlaufen. Aber gemütlich. Man könnte es skiwandern nennen.

Gehen Sie bei jedem Wetter?

Ja, ausser es stürmt. Dann gehe ich schwimmen.

Und am Nachmittag?

Da schreibe ich. Am liebsten ab 14 Uhr, ich bin kein Morgenschreiber. Vier, fünf Stunden pro Tag, das ist die Regel. Länger schreibe ich nur in Ausnahmefällen, weil das auf Dauer erschöpfen würde.

Wie schreiben Sie – auf der Schreibmaschine?

Nein, von Hand.

Von Hand?

Ja. Das machen die meisten meiner Generation. Auf den Computer mochte ich nicht mehr umstellen. Ich weiss schon, Jüngere sagen, dass der Computer das Schreiben erleichtere. Ich misstraue dem aber, denn das verleitet dazu, immer wieder zu verändern und demzufolge zu früh zu schreiben. Ich jedenfalls könnte das nicht. Im Grunde schreibe ich einen Satz erst dann auf, wenn ich ihn so habe, wie ich ihn wirklich möchte. Gut möglich, dass ich ihn einige Minuten lang im Kopf variiere. Irgendwann aber muss man sich entscheiden – oder aufhören. 

Werden Sie manchmal sauer, wenn Sie nicht zufrieden sind mit dem Gedanken?

Sauer nicht. Aber aggressiv. Dann rufe ich aus.

Und wie fangen Sie ein neues Buch an?

Ich überlege mir lange, wie die Geschichte laufen soll, von Anfang bis zum Ende. Dann fange ich an und merke schon bei den ersten Sätzen, ob es geht oder nicht. Manchmal ist es noch zu früh, dann muss ich aufhören und immer wieder probieren, bis ich merke, dass es läuft, ich einen Rhythmus gefunden habe. Dann schreibe ich jeden Tag, auch an Weihnachten, damit ich nicht herausfalle …

… aus dem Rhythmus?

Ja, und aus der Geschichte. Den Schluss habe ich immer im Auge. In dieser Gedankenwelt zu leben, das ist dann auch das Schöne am Schreiben.

Gibt es angefangene «Hunkeler», die noch der Vollendung harren?

Nein. Aber es gibt angefangene Anfänge. Fünf, sechs Seiten, bei denen ich nicht weiterkam. Ich bin auf einer Fährte mit meinen Gedanken, die lasse ich nicht so schnell los. Am neuen Roman etwa habe ich lange rumstudiert. Ich wusste, dass ich das Thema Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg einbauen wollte. Aber ich wusste lange nicht, wie. 1968 kam Häslers Buch «Das Boot ist voll» heraus, ich besprach es für die Zeitung. Es hat mich enorm beschäftigt. Vor zwei Jahren dann wurde das Buch «Fast täglich kamen Flüchtlinge» von Lukrezia Seiler und Jean-Claude Wacker neu aufgelegt. Das gab den Anstoss.

2014 wurde das Thema durch den Film «Akte Grüninger» in Erinnerung gerufen …

Ja, den habe ich auch gesehen, gut gemacht. Das Thema ist zeitlos, man schämt sich noch immer, wie sich die Schweiz damals verhalten hat. Immerhin darf man nicht vergessen, dass viele Leute den Flüchtlingen halfen, denn längst nicht alle waren der Ansicht, dass man die Juden nicht reinlassen dürfe. Der Beschluss des Judenstempels wurde ja vom Bundesrat am sogenannten Volk vorbei gefällt.

War das aktuelle Flüchtlingsdrama oder die «Akte Grüninger» Auslöser für diesen Aspekt im neuen «Hunkeler»?

Nein, weder noch. Die Idee hatte ich schon vor vier Jahren. Und sie war schon viel länger präsent. Der Verleger Egon Karter etwa stammte aus einer jüdischen Familie. Er war in Böhmen geboren, arbeitete als Schauspieler in Amsterdam, floh während des Kriegs über Paris und schwamm durch den Lac Léman nach Genf. Er kam in ein Interniertenlager, überlebte in der Schweiz und gründete in Basel die Komödie. Schicksale wie dieses gingen mir nahe.

Interessant, dass Sie die gegenwärtige Flüchtlingspolitik gar nicht vor Augen hatten.

Die Situation war eine ganz andere. Die Leute kamen aus Europa, aus unserer Umgebung, die Bedrohung durch die Deutschen war nah, für jeden spürbar. Mein Vater zum Beispiel, ein Gewerbeschullehrer, schimpfte in der Schule über den Nationalsozialismus und Hitler – und vernahm dann, dass er auf der schwarzen Liste der Schweizer Nazis stehe.

Ihr Vater äusserte sich öffentlich gegen Hitler?

Ja. Und er wusste auch, dass er erschossen würde, wenn die Wehrmacht einmarschieren würde. Also kaufte er sich eine Pistole. Ich fragte ihn später: Warum hast du dir die Pistole gekauft? Er sagte, weil er dann noch versucht hätte, drei stadtbekannte Zofinger Nazis zu erschiessen. Die Pistole habe ich heute noch.

Eine eindrückliche Anekdote.

Ja. Ich fand in einer seiner Schubladen auch Schriften von Widerstandsbewegungen.

Manche Menschen entlang der Grenze ignorierten das Gesetz und wurden zu Fluchthelfern, aus Mitgefühl.

Ja, genau. Ich habe auch mit Matthias Gnädinger noch darüber gesprochen (der jeweils Kommissär Hunkeler spielte und im April starb, die Red.) – er hätte den Film wahnsinnig gern gemacht. Er stammte aus Ramsen, direkt an der Grenze zu Deutschland. Seine Familie versteckte viele Flüchtlinge und half diesen, ins Landesinnere zu gelangen. Noch lange nach dem Krieg erhielten sie Besuch von Leuten aus Kalifornien, deren Leben sie sozusagen gerettet hatten. In den Grenzregionen, auch hier in Basel, hatten die Leute die Flüchtlinge vor Augen. Aber die Grenzwacht unterstand dem Bund und hatte den Auftrag, die Juden zurückzuschicken.

Eine eindrückliche Figur, die Sie im neuen Buch erwähnen, scheint der Basler Fritz Brechbühl gewesen zu sein.

Man sprach damals vom Roten Basel, denn die Linken hatten vier Regierungsräte. Einer davon war Brechbühl, ein Sozialdemokrat. Er war Basler Polizeidirektor und entschied, dass alle Flüchtlinge, die aufgegriffen wurden, in den Lohnhof gebracht wurden. Niemand sollte einfach so zurückgeschickt werden, das lief alles über sein Pult.

Er war quasi der Basler Grüninger? Von ihm spricht man allerdings kaum noch.

Das dünkt mich typisch für Basel. Man könnte ja auch stolz sein auf die relativ liberale Flüchtlingspolitik. Das war toll, grossartig, dass man so die Leben vieler Menschen retten konnte. Aber warum Basel das nicht gross thematisiert, weiss ich auch nicht.

Inwiefern typisch für Basel?

Man tut das Richtige, aber man spricht nicht darüber.

Im Buch schreiben Sie den wunderbaren Satz: «Gerade weil Basel eine urbane Stadt ohne Hinterland war, funktionierte sie wie ein Dorf, in dem die Alteingesessenen die Fäden zogen. Ein zugezogener Aargauer würde nie dahinterkommen, wie das funktionierte.» Trifft das auch auf Sie zu: Wurden Sie nie ganz integriert?

Ich habe mich auch nie darum bemüht. Ich finde Basel eine wunderbare Stadt zum Leben, und eine der besten Eigenarten ist die Diskretion der Basler. Sie lassen sich nicht so leicht aus der Fassung bringen, lassen einen leben. Das gefällt mir wahnsinnig. Und die Lebensqualität: Es ist ja wie im Paradies. Kürzlich war ich mal wieder im Rhein schwimmen, an einem Samstag, im Rhybadhüsli. Da fiel mir auf, dass mittlerweile die ganze Stadt ein Strandbad geworden ist, unglaublich eindrücklich. Und toll!

Im Buch aber liest man einen leichten Stadtverdruss aus «Hunkelers Geheimnis» heraus.

Nun ja, es geht ihm wie mir: Ich behalte die Wohnung und den Wohnsitz in Basel, bin immer wieder einige Zeit in der Stadt, um Freunde zu treffen. Aber das kulturelle Angebot – Kinos, Theater, Kunstmuseen – brauche ich nicht mehr gross, ich habe es gesehen. Die Neugierde hat sich verlagert.

Wohin?

Ich lese wie vergiftet Sachbücher zu historischen Themen, sei es über Karl den Grossen, die römische Republik oder über die Kreuzzüge.

Ihr historisches Interesse dringt ja auch immer in Ihren eigenen Büchern durch.

Das stimmt, ja. Ich finde historische Informationen packend – wie ein Krimi.

Schriftsteller Hansjörg Schneider spricht über seinen neunten Hunkeler-Krimi – und damit auch über seine eigenen Lebenserfahrungen.

Im neuen Buch streifen Sie auch die Studentenbewegung von 1968. Wie haben Sie diese selbst erlebt?

Ich war schon 30, gehörte selber nicht mehr dazu. Aber ich war angestellt von der «National-Zeitung», um über studentische Belange zu schreiben, berichtete von Paris, aber auch aus Basel, wo ich an allen Versammlungen und Sit-ins teilnahm und Interviews führte mit den jungen Typen. Ich war erstaunt, wie frech diese waren, hatte ich doch noch gelernt, dass man den Kopf einzog, klein beigab. Die aber trauten sich mehr, was ich bewunderte. Viele ihrer Forderungen fand ich ja auch gut. Allerdings konnte ich es nicht ernst nehmen, wenn einer zum bewaffneten Widerstand gegen den Kapitalismus aufrief.

Sie selber wurden 1968 Vater Ihrer Zwillinge. Damals, sagten Sie mir einmal, konnten Sie sich keine drei Cognacs in der Rio Bar leisten – und heute, wo Sie das Geld dazu hätten, würden Sie sie nicht mehr vertragen. Fies.

Ja, das stimmt. Wir erhielten grosszügige Unterstützung von einer Tante, die meiner Frau jeweils die Hälfte ihrer AHV schickte. Wir lebten in einer kleinen Wohnung, ich arbeitete in einer Mansarde in der Bernoullistrasse. Da lag das Unicafé nahe, wo ich mich natürlich oft umhörte, für meine journalistische Arbeit. So lernte ich auch zwei Theologiestudenten kennen, die etwa den Einmarsch der Russen in Prag begrüssten. Wie man das befürworten konnte, verstand ich überhaupt nicht. Ich glaube, dass einige geblufft hatten – und mit der Mode gingen. Es war modisch, Mao- und Lenin-Abzeichen im Knopfloch zu tragen. Das konnte ich nicht ganz ernst nehmen, wenn man eine Biografie über Mao liest, dann stehen einem die Haare zu Berge – das war ja ein grausamer Verbrecher.

Im Buch beschreiben Sie die Verbürgerlichung der 68er, die ja in der Realität auf viele ehemalige Bewegte und Linke zutrifft. Auch auf Sie?

Ich gehörte nie wirklich dazu. Natürlich wollte ich «Das Kapital» von Karl Marx lesen, doch kam ich nie über die ersten 50, 60 Seiten hinaus. Das Buch war stinklangweilig, was damals einfach nicht alle zugeben wollten. Der Ansatz aber war durchaus interessant, lebendig, kräftig, vital. Endlich sollten auch die jungen Leute etwas zu sagen haben, diese Ansicht habe ich natürlich schon unterstützt. Aber wie erwähnt waren viele Parolen auch einfach in Mode.

Eine Parole, der Hunkeler stets zu folgen scheint, lautet: «Der Mensch ist ein Lauftier. Er muss laufen und in Bewegung bleiben. Das hält ihn am Leben.»

Ja, ja, das ist ein alter Spruch von mir.

Schriftsteller Hansjörg Schneider spricht über seinen neunten Hunkeler-Krimi – und damit auch über seine eigenen Lebenserfahrungen.

Nun müssen Sie aber mit Verlusten leben, Kollegen wie Urs Widmer oder Matthias Gnädinger sind in den letzten Monaten verstorben …

Ja, beide waren Freunde von mir. So ist es halt, wenn man alt wird. Man muss immer öfter Abschied nehmen.

Wie können Sie damit umgehen, mit der Tatsache, dass das Leben einsamer wird?

Nun, das Schreiben hilft. Denn wenn man sich zu fest dem Verlust hingibt, wird man depressiv. Ich habe ja das Glück, dass ich noch so fit bin und arbeiten kann. Ich würde gerne noch weitere Bücher schreiben, werde das auch auf jeden Fall probieren. Sonst würde ich mich zu Tode langweilen.

Das Schreiben als Fluchthilfe aus der Einsamkeit?

Jaja! Im Alter schränkt sich der Lebensumkreis ein, auf verschiedenen Gebieten, und die Erinnerung wird immer wichtiger. Schreiben ist ja auch sich erinnern. Wenn man das Gefühl hat, sein Leben verpasst zu haben, dann stimmt das traurig. Ich aber denke, dass ich ein wunderbares, spannendes und reiches Leben hatte. Viel probiert, viel passiert, viel abverreckt – und vieles auch gelungen.

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«Hunkelers Geheimnis» erscheint beim Diogenes Verlag in Zürich.
Buchtaufe in Anwesenheit von Hansjörg Schneider:
8. September, 19.30 Uhr, Volkshaus Basel.

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