Klimagipfel: «Es ist schockierend, dass Fliegen nicht besteuert wird»

Gebannt schaut die Welt diese Woche auf den Klimagipfel in Bonn. Als Beobachter vor Ort ist auch ETH-Doktorand Florian Egli. Er vermisst dort allerdings ein Thema, das massgeblichen Einfluss auf die Erderwärmung hat: die Fliegerei.

In der Schweiz sind Flugreisen für 15 Prozent des Treibhausgas-Ausstosses verantwortlich. (Bild: Getty Images)

Am Montag hat der Klimagipfel in Bonn begonnen. Dort geht es darum, ein Regelbuch zu erstellen, auf dessen Grundlage die 195 Unterzeichner-Staaten des Pariser Klimaabkommens konkrete Massnahmen gegen die Erderwärmung ergreifen sollen.

Kein Thema bei den internationalen Klimaverhandlungen ist das Problem der Flugemissionen. Das sei nicht nachvollziehbar, findet ETH-Doktorand Florian Egli, der sich intensiv mit erneuerbaren Energien auseinandersetzt. Mit Blick auf die Schweiz kritisiert er ausserdem, dass die Schweiz die Fliegerei gegenüber Strasse und Schiene bevorzuge.

Florian Egli (28) ist Volkswirtschaftler und Vizepräsident des Think-Tanks Foraus. An der ETH Zürich schreibt er derzeit eine Dissertation über Investitionsentscheide und erneuerbare Energien.

Herr Egli, Schweizerinnen und Schweizer isolieren zwar ihre Gebäude besser und verursachen im Haushalt weniger CO₂-Ausstoss. Sie fliegen jedoch häufiger und weiter und machen so einen Teil der Einsparungen wieder zunichte. Darf man überhaupt noch fliegen?

Es gibt wichtige Angelegenheiten, die es durchaus rechtfertigen, zu fliegen. Ein Austausch zwischen verschiedenen Regionen der Welt ist wichtig und kann am besten stattfinden, indem man reist oder besser noch in einem anderen Land lebt und arbeitet. Es gibt einerseits die Geschäftsreisen – in diesem Bereich stagniert die Zahl der Flüge, und die Digitalisierung macht es möglich, Meetings abzuhalten ohne zu reisen. Die Freizeitreisen dagegen nehmen enorm zu. Und ein Städtetrip für zwei Tage trägt kaum etwas zur interkulturellen Verständigung bei.

Mittlerweile legt jede Schweizerin und jeder Schweizer pro Jahr 9000 Kilometer mit dem Flugzeug zurück – das entspricht einem Flug von Zürich nach Los Angeles. Wie häufig benutzen Sie das Flugzeug? 

Ich fliege sehr viel weniger als früher. Ich habe lange ein sehr internationales Leben geführt und arbeitete auch im Ausland, zum Beispiel für ein Start-up in Kalifornien. Dieses Jahr bin ich bisher einmal geflogen: nach Utrecht. Also ein Flug, der eigentlich vermeidbar gewesen wäre (lacht).

Wie gross ist in der Schweiz der Anteil der durch Flugzeuge ausgestossenen Treibhausgase? 

Er beträgt rund 15 Prozent, und es handelt sich dabei um die am stärksten steigende Emissionskategorie.

Sie schreiben derzeit an einer Doktorarbeit zu Entscheiden zur Investition in innovative Technologien. Vermögen umweltfreundliche Technologien die Emissionen des Flugverkehrs zu senken? 

Nein, beim Flugverkehr ist keine Lösung in Sicht. Deshalb stellt sich die ethische Frage nach dem Verhalten des Einzelnen sehr stark. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir in den nächsten 20 bis 30 Jahren eine Technologie entwickeln, um CO₂-neutral zu fliegen. Das ist der Zeithorizont, um aus den fossilen Energien auszusteigen, wenn wir die Erderwärmung wie im Pariser Abkommen vorgesehen auf maximal zwei Grad beschränken wollen. Easyjet ist kürzlich eine Kooperation mit einem Start-up eingegangen, das elektrische Flugzeuge baut. Dieses konstruierte als Pilotversuch einen Zweisitzer. Von einer markttauglichen Linienmaschine ist man aber noch sehr weit entfernt. Zudem stellen sich bei elektrisch betriebenen Flugzeugen viele Sicherheitsfragen.

«Warum bezahlen Airlines keine Mineralölsteuer? Beim Benzin macht sie über die Hälfte des Preises aus.»

Bertrand Piccard umkreiste mit seinem Solarflugzeug unlängst den Erdball. Ist die kommerzielle Nutzung eines ökologischen Flugzeuges trotzdem ein Traum, der noch lange nicht realisiert werden kann? 

Ja, es ist eine Vision für die nächsten 50 bis 60 Jahre. Das macht sie nicht weniger wichtig, eine Gesellschaft braucht Visionen.

Wer in der Schweiz ein Ticket für einen internationalen Flug bucht, bezahlt weder Kerosin- noch Mehrwertsteuer. Ist es nicht an der Politik, die Rahmenbedingungen zu ändern?

Selbstverständlich. Ein Flugticket sollte genau gleich der Mehrwertsteuer unterliegen wie eine andere Dienstleistung. Ich verstehe auch nicht, weshalb Fluggesellschaften keine Mineralölsteuer bezahlen. Beim Autobenzin macht diese über die Hälfte des Preises aus. Beim Heizöl gibt es eine CO₂-Abgabe. Da könnte die Schweiz durchaus in eigener Regie etwas ändern.

Der Flugverkehr wird durch den Staat also indirekt subventioniert. Ist dies historisch begründet? 

Wahrscheinlich schon. Wenn das in den 1960er-Jahren so war, kann man dies ja verstehen, damals waren die Emissionen viel geringer und die Diskussion drehte sich vor allem um den Individualverkehr. Heute ist es aber überhaupt nicht mehr gerechtfertigt und angesichts steigender Emissionen sogar absolut schockierend, dass das Fliegen nicht besteuert wird.

Die UNO-Luftfahrtbehörde ICAO strebt an, dass Fluggesellschaften den Anstieg ihrer Emissionen durch Projekte zur Reduktion von Treibhausgasen in anderen Branchen kompensieren sollen. Was halten Sie von dieser Übereinkunft?

Das ist zwar lobenswert, letztlich aber Pflästerlipolitik. Das Versprechen ist, dass ab 2020 der CO₂-Ausstoss nicht mehr weiter wachsen soll. Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, muss der Ausstoss aber sinken.

Die Schweiz hat also Spielraum, etwas zu unternehmen. Sollten die Flugemissionen aber nicht auf internationaler Ebene gesenkt werden? 

Absolut. Es wäre auch absolut logisch, dass die Emissionen der Flugzeuge und des internationalen Schiffverkehrs in die Klimaverhandlungen miteinbezogen werden. Sie werden nämlich bisher in den nationalen Treibhausgasinventaren gar nicht berücksichtigt.

«40 Prozent der Flugstrecken könnten gut mit dem Zug bewältigt werden.»

Gibt es Bestrebungen, dies zu ändern? 

Im Augenblick leider nicht. Auch ein Land wie die Schweiz hat wenig Interesse, sie einzubeziehen, weil dann seine verbuchten Emissionen stark ansteigen würden. Damit würden die Ziele, zu denen man sich verpflichtete, viel ambitionierter.

Müsste die Zivilgesellschaft Druck aufsetzen? 

Ja, es handelt sich um eine Forderung, die immer wieder erhoben wird. Auch von Seiten des aussenpolitischen Think-Tanks Foraus, dessen Vizepräsident ich bin.

Solange der Luftverkehr einen markanten Wettbewerbsvorteil geniesst gegenüber Strasse und Schiene, bleibt also nur der moralische Appell an den Einzelnen, auf klimaschädigendes Verhalten zu verzichten und möglichst wenig zu fliegen? 

Ja, es bleibt auch der Appell an die Politik, etwas zu unternehmen und beispielsweise das Bahnnetz in Europa zu verbessern. Über 80 Prozent der Flüge, die von der Schweiz aus gebucht werden, gehen nach Europa – und fast 40 Prozent über eine Distanz von weniger als 800 Kilometern. Dies sind Strecken, die gut mit dem Zug bewältigt werden können.

Was halten Sie davon, die Flugemissionen durch Projekte in anderen Ländern zu kompensieren, wie das etwa Myclimate macht? 

Grundsätzlich ist die Kompensation eine gute Sache. Sie funktioniert nach dem Prinzip der geringsten Vermeidungskosten und ist somit in der Theorie effizient. Das Problem ist, dass es eine alte Logik zementiert, nämlich: Wir dürfen in den Industrieländern Treibhausgase ausstossen, wenn wir sie in günstigeren Ländern kompensieren. Diese Denkweise müssen wir durchbrechen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Die Emissionen müssen überall sinken.

Zurück zu Ihrer Doktorarbeit: In welchen Branchen können denn Investitionen den Ausstoss von Treibhausgasen markant senken? 

Dank Investitionen sind Solarstromanlagen und Windkraftwerke in Deutschland im Vergleich zu Kohle und Gas wirklich wettbewerbsfähig geworden. Kohle werden sie bald ganz aus dem Markt drängen. Ich denke, der Strommarkt kann in den nächsten 20 bis 30 Jahren vollständig dekarbonisiert werden. Wir sind jetzt gerade am Übergang dazu, dass die neuen Energien kaum mehr politische Unterstützung brauchen und die Investitionen vom Privatsektor erbracht werden können.

Weshalb engagieren Sie sich eigentlich für Klimaschutz? 

Wenn es meine Generation nicht schafft, das Problem in den Griff zu kriegen, ist es zu spät.

Kürzlich sass Florian Egli im «Sud Basel» am «Philosophischen Stammtisch» des SRF.

https://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-philosophie/der-philosophische-stammtisch-duerfen-wir-noch-fliegen

Konversation

  1. Mit dem Verzicht auf Flugreisen alleine ist es allerdings nicht getan. Viele unserer Konsumgüter, die wir Übersee produzieren lassen, fliegen wir ein. Mangos, Rosen, Fisch, etc…. CO2 Reduktion ist schwieriger als gedacht.

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  2. Bei http://www.myclimate.org/ kann man den CO2 Ausstoss nicht nur für seine Flugreisen, sondern auch für das Autofahren, Heizen und für seinen persönlichen Stromverbrauch generell kompensieren. Die Kompensation wird übrigens der einzige Weg sein, den CO2 Ausstoss schneller als ihn der technische Fortschritt reduziert, zu vermindern. Neben Sparen ist die Kompensation für den Normalverbraucher der kurzfristig effektivste Weg.

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  3. Uhu – ist noch jemand da, der oder die auch noch nie geflogen ist wie ich?
    Den grössten Flug, den ich bisher erlebt hatte war von einem 8-Meter-Sprungbrett in einer Badi.

    Nun zur Sache:
    Wenn ich finde, dass sich irgendwas ändern sollte, fange ich mal bei mir an. Den Spruch, den ich immer wieder höre: „Die anderen machen es auch nicht“, zieht nicht. So geschieht nie etwas. Oder man wartet einfach ab, bis von oben etwas verordnet wird. Dann geht es aber nicht mehr ums „selber denken“ sondern ums „gehorchen“.
    Und ist es nicht so, dass uns die persönliche Freiheit eigentlich sehr wichtig ist. Fangen wir aber nicht an selber zu denken und danach zu handeln, verlieren wir immer mehr von der hochgelobten Freiheit.

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  4. Es wäre viel ehrlicher von uns Menschen zuzugeben dass wir es nicht schaffen und vor allem auch nicht WOLLEN den Klimawandel zu stoppen.
    Die Handvoll Menschen, die bereit dazu sind oder wären ist ein Tropfen auf den heissen Stein und bringt zuwenig.
    Kaum jemand ist bereit wegen dem Klimawandel auf seinen motorisierten Untersatz, auf die Fliegerei, auf alle sogenannten schönen Errungenschaften zu verzichten.

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    1. Fatalismus ist immer die erdenklich schlechteste Antwort auf ein Problem. Stattdessen braucht es Änderungen auf Ebene der Politik und schlicht mehr Leute, die tatsächlich was dagegen machen. Ich bin jetzt schon 3 Jahre nicht mehr geflogen und versuche mein soziales Umfeld aufzuklären, damit sie auch mitziehen. Es ist also schon eine Veränderung möglich. Es braucht einfach mehr Aktivismus von unten.

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  5. Wikipedia: „Erwartet werden rund 25.000 Teilnehmende aus aller Welt. Hinzu kommen ca. 1.000 Journalisten, Mitglieder von rund 500 Nichtregierungsorganisationen“. Es ist anzunehmen, dass ausser ein paar Leuten aus D der Rest per Flugzeug anreist.

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