Marcel Koller: «Niemand grätscht der ersten Geige den Stuhl weg»

Nach sechs Wochen beim entthronten Schweizer Meister sieht der ehemalige Trainer von Österreich noch immer viel Potenzial. Doch an die Perfektion der Wiener Philharmoniker werde er nie herankommen. Ein Gespräch mit Marcel Koller über Ehrgeiz, Erfahrung und Störfaktoren.

Marcel Koller: «Ergebnistechnisch ist der FC Basel nicht da, wo er hin will. Dafür bin ich da, darauf arbeiten wir hin.»

Neun Spiele, sechs Siege: Seit Marcel Koller beim FC Basel ist, hat sich die Mannschaft gefangen. Aber unter Koller ist der FCB auch erstmals seit 15 Jahren nicht in einer europäischen Gruppenphase dabei. Ihm zufolge fehlt es der Mannschaft an Erfahrung und Abgebrühtheit. Mit Erziehung und einem angepassten Speiseplan soll sich das ändern, erzählt der 57-jährige Zürcher bei einem Gespräch während der Länderspielpause.

Marcel Koller, wenn Sie in den letzten Jahren den FC Basel beobachtet haben, was für ein Verein war das in Ihren Augen?

Ein Topverein, der eine Meisterschaft nach der anderen holt. Ein Aushängeschild für den Schweizer Fussball, mit Teilnahmen an der Champions League und immer wieder grossen Spielen auf internationalem Level.

Und was für einen Verein sehen Sie heute?

Noch immer einen, der in der Schweiz top ist und fantastische Möglichkeiten hat. Ergebnistechnisch ist der FC Basel nicht da, wo er hin will. Dafür bin ich da, darauf arbeiten wir hin.

Sie sagten einst, dass Sie in der Schweiz nur eine Mannschaft mit Qualität übernehmen wollen und im Vorfeld einer Vertragsunterschrift abklären würden, was mit dieser möglich ist. Haben sich Ihre Vorstellungen mit dem FC Basel erfüllt?

Das war absolutes Wunschdenken – der Optimalfall. Aber wir müssen auch sehen, was möglich ist. Wir haben eine junge Mannschaft, die noch nicht die Erfahrung mitbringt, um ihr absolutes Toplevel auf den Platz zu bringen. Diese Jungen haben Talent, machen aber auch Fehler. Wir müssen sie entwickeln und weiterbringen. Basel hatte immer gute Nachwuchsspieler, die man für viel Geld wieder verkaufen konnte. Diese Philosophie wollen wir auch in Zukunft verfolgen, das wurde mir von der sportlichen Leitung von Anfang an gesagt.

Marcel Koller hat als Spieler ein Vierteljahrhundert bei den Grasshoppers verbracht. Als Trainer gewann er mit den Zürchern seinen zweiten Meistertitel, bevor er in die Bundesliga zu Köln und Bochum wechselte. Zuletzt war Koller sechs Jahre Nationaltrainer in Österreich. Seit August steht der 57-Jährige an der Seitenlinie des FC Basel.

Was reizt Sie an der Arbeit mit jungen Spielern?

Sie sind noch unverdorben, aber gewillt, weiterzukommen.

Was meinen Sie mit «unverdorben»?

Vielleicht ist es das falsche Wort. Ich meine eher «nicht so abgezockt» oder «noch nicht so clever». Aber sie wollen sich entwickeln und auf die grosse Bühne kommen. Das ist für mich als Trainer spannend. Gleichzeitig musste ich auch Abstriche machen, weil ich nicht ein Team mit viel Erfahrung habe.

Sie meinen Abstriche bei den Resultaten. Lag es an der fehlenden Erfahrung, dass der FCB im Europacup an Apollon Limassol scheiterte?

Ich glaube, nur bedingt. Wir haben in Zypern einfach nicht gut gespielt. Limassol hat mit viel Erfahrung alles, was rund ums Fussballspielen passiert, sehr professionell gelöst. Sie haben das eine oder andere Foul gesucht und der Schiedsrichter hat mitgespielt. Das ist keine Entschuldigung, aber es war einfach auffällig, wie abgezockt sie die Zeit über die Runden brachten. Zudem haben wir ein Tor nach einem abgefälschten Schuss kassiert. Auf gut Deutsch lief es einfach «beschissen». Wir sind verdient ausgeschieden, aber jetzt haben wir wenigstens Zeit, die Mannschaft zu entwicklen. Bisher hatten wir ja nur Zeit für Video, Auslaufen, Pflege und Regeneration.

Bei der Vertragsunterschrift wussten allerdings Sie wie auch die sportliche Leitung, dass die Zeit fürs Training in den ersten Wochen fehlt.

Es ist auch keine Ausrede. Aber ein Fakt.

Ihrem Team fehlt die Erfahrung. Was noch?

Es fehlt uns an Abgebrühtheit. Nehmen wir das erste Spiel gegen GC. Wir führen 4:0, dann steht es 4:2 und Jonas Omlin hält noch zwei Elfmeter. Es könnte also auch 4:4 ausgehen. Trotzdem rennen wir am Schluss nach vorne und wollen weitere Tore schiessen. Das ist ja gut und recht. Aber da muss halt auch mal einer sagen: «Hallo, jetzt müssen wir auf Resultat spielen.» Da müsste doch der eine oder andere die nötige Erfahrung mitbringen.

«Die Konzerte der Wiener Philharmoniker klangen für mich perfekt. Aber der Dirigent hörte sicher Töne, die ihm nicht passten.»

Trotz der Notwendigkeit von Erfahrung spielte im Rückspiel in Zypern unter anderem der 18-jährige Noah Okafor, zum ersten Mal überhaupt im Europacup.

Es heisst ja nicht, dass ein Junger nicht gut spielen kann. Vielmehr müssen auch die Jungen diese Momente erleben, damit sie weiterkommen. Wenn wir nie versuchen, einen Nachwuchsspieler in eine solche Situation zu bringen, hat er auch keinen Raum für seine Entwicklung. Zudem hatte es in diesem Spiel genug andere knapp 30-Jährige.

Noah Okafor gilt als besonders grosses Talent. Was bedeutet dieses Wort?

Talent hat, wer technisches Können mitbringt, konditionelle Grundlagen und mentale Stärke. Wenn du aus diesem Paket die richtige Mischung herausziehst, kannst du deinen Weg gehen.

Diese drei Dinge kann man allerdings erlernen. Was ist mit dem Rest?

Man hat als Talentierter einfach mehr Fähigkeiten. Du bekommst mehr mit, wenn es dir in die Wiege gelegt wurde. Ich hatte Mitspieler ohne sonderlich viel Talent, aber sie haben dafür stundenlang ihren schwachen Fuss trainiert. Talent allein reicht nicht, jeder Spieler muss dranbleiben. Wenn du nach jedem Training 50 bis 100 Bälle schlägst, dann hast du einen Vorteil gegenüber jenen, die nach den Einheiten gleich in die Kabine gehen. Es ist wie in der Kunst: Am Ende des Tages geht es um die Wiederholung der immer gleichen Vorgänge.

«Früher dachte ich, Aberglaube würde mir helfen.» 

Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Fussballs.

Ich war in Österreich bei den Wiener Philharmonikern, und für mich als Zuhörer waren diese Konzerte perfekt. Aber der Dirigent hörte sicher Töne, die ihm nicht passten. Wir wollten das immer mit dem Fussball vergleichen. Aber im Sport werden wir nie an diese Perfektion herankommen.

Die Wiener Philharmoniker haben auch keinen Gegner, der ihre Harmonien verhindern will.

Genau, niemand grätscht der ersten Geige den Stuhl weg (lacht). Und trotzdem gibt es Störfaktoren. Bei einem Konzert hatte eine Frau einen Hustenanfall. Der Musiker an der ersten Geige schaute erzürnt und wollte ihr bedeuten, dass sie den Konzertsaal doch bitte verlassen soll. Aber sie hatte den Mut nicht, das Konzert war schliesslich in vollem Gang. Und die Musiker mussten ruhig bleiben und das Konzert durchziehen.

Keith Jarrett, einer der berühmtesten Jazz-Pianisten, hat Konzerte wegen solcher Störungen auch schon unterbrochen. Wie halten Sie es mit solchen Allüren?

Im Fussball geht das nicht. Im Stadion pfeifen die Leute und zeigen dir bestimmte Finger. Du aber musst immer spielen können, immer deine Leistung abrufen. Es wird verlangt, dass wir alle mit den Reaktionen des Publikums umgehen können. Wenn ein 18-Jähriger plötzlich in diesem Rahmen Fussball spielt, muss er diese wichtige Erfahrung machen.

«Stehe ich mit Sieben-Tage-Regenwetter-Gesicht vor die Spieler, würden die denken: ‹Ach, der Alte ist wieder sauer.›»

Wie sind Sie damals als Fussballer mit den Störfaktoren umgegangen?

Anfangs dachte ich, Aberglaube würde mir helfen: immer zuerst den rechten, dann den linken Schienbeinschoner anziehen oder die Unterhose nicht zu wechseln. Ich habe aber schnell gemerkt, dass mich das alles mehr verwirrt als weiterbringt. Ich musste in der Vorbereitung auf die wirklich wichtigen Dinge setzen: auf die Ruhe und die Überzeugtheit von mir selbst. Beides gab mir Sicherheit. Zudem habe ich beim Aufwärmen vor einem Spiel keinen Fallrückzieher versucht (lacht).

Würde das einer beim Aufwärmen regelmässig tun, wäre er eine Figur mit Markenzeichen. Was halten Sie als Trainer von solchen Figuren?

Es gibt sie noch immer, aber man mag sie nicht mehr so gerne, weil sie schwieriger zu führen sind. Vielleicht gibt man deswegen den jungen Spielern in den Akademien mit, was Standard ist in Sachen Verhalten. Die Möglichkeiten, den Jungen gewisse Verhaltensweisen unmittelbar zu zeigen, sind vielfältiger geworden. Wenn man ihnen beispielsweise Videos davon aufs Handy schickt.

Wie halten Sie es generell mit dem Umgang mit Handys in einer Mannschaft?

Es kommt auf Zeit und Ort an. Wenn man mit der ganzen Mannschaft unterwegs ist und alle sind an diesen Geräten, in ihrer eigenen Welt, finde ich das schwierig. Beim Essen und dem Zusammensein sollten die Handys nicht genutzt werden, weil man sonst nicht mehr miteinander redet. Ich selber kann gut darauf verzichten.

«Bin ich ein strenger Trainer? Ich weiss es nicht.»

Sie sind auch nicht damit aufgewachsen.

Das heisst aber nicht, dass man einen zurückhaltenden Umgang nicht auch vermitteln könnte. Es braucht Regeln, und es geht um Erziehung.

Inwiefern fühlen Sie sich als Trainer zuständig für die menschliche Erziehung der Spieler?

Nicht grundsätzlich. Aber wenn mir Dinge auffallen, die mir nicht gefallen, versuche ich das zu vermitteln. Zum Beispiel im Umgang miteinander. Oder das Verhalten einem Fan gegenüber. Wenn es nicht in die Moralvorstellungen von mir oder des Vereins passt, dann müssen wir eingreifen.

Sind Sie ein strenger Trainer?

Ich weiss es nicht. Bei Fragen der Taktik zum Beispiel schon. Wenn ich da gewisse Dinge nicht einfach verlangen kann, dann hält eine Nonchalance Einzug, die nicht förderlich ist. Wenn ein Spieler Löcher in der Abwehr nicht zulaufen will, dann muss ich ihm deutlich machen, dass es um die Mannschaft und nicht um Einzelbefinden geht. Und als letztes Druckmittel bleibt mir, ihm zu sagen: Wenn er die Löcher nicht zulaufen will, dann muss ich einen anderen suchen, der es macht.

«Auf der einen Seite gibt es die Resultate. Auf der anderen die Erkenntnis, dass wir einfach noch nicht so weit sind.»

Mit den heutigen Möglichkeiten können Sie einem Spieler mit Daten und Videos viel deutlicher aufzeigen, was er falsch macht. Die Technik legt ihnen unumstössliche Argumente in die Hand.

Zu meiner Zeit gab es Video im VHS-Format. Ich habe mir meine Spiele immer nochmals angesehen. Für mich war es wichtig, selber zu sehen und zu realisieren, was ich alles falsch gemacht habe. Fehler einzugestehen, ohne sie nochmals gesehen zu haben, ist sehr schwierig. Deswegen sind die heutigen Mittel natürlich gut.

Ein solcher Fehler passierte zum Beispiel beim Gegentor gegen den FC Thun. Das Spiel endete 1:1 und Sie gingen mit neun Punkten Rückstand auf die Young Boys in die Nationalmannschaftspause. Wie finden Sie in dieser Situation das Lachen wieder?

Auf der einen Seite gibt es die Resultate. Auf der anderen Seite die Erkenntnis, dass wir fussballerisch einfach noch nicht so weit sind, wie wir wollen oder müssten. Es ist zwar wichtig, dass wir enttäuscht sind, aber wenn ich mit einem Sieben-Tage-Regenwetter-Gesicht vor die Mannschaft stehe, kann ich die notwendige Zuversicht nicht vermitteln. Den Spielern würde die Motivation fehlen, sie würden denken: «Ach, der Alte ist wieder sauer.» Früher konnte ich tatsächlich drei Tage sauer sein nach einer Niederlage. Heute bin ich gelassener.

«Ich habe als Trainer immer wieder versucht, Frauen reinzubringen. Bei den Grasshoppers und dem FC St. Gallen hatten wir zum Beispiel auch Physiotherapeutinnen.»

Wie haben Sie sich diese Gelassenheit erarbeitet?

Mit den Jahren und den damit verbundenen Erfahrungen. Man erlebt und reflektiert Situationen irgendwann anders.

Sie bringen rund 40 Jahre Lebenserfahrung mehr mit als ihre jüngsten Spieler. Wie ist es für Sie als Mensch, mit solch jungen Leuten zu arbeiten?

Meine Freunde haben ein gewisses Alter, wie ich auch. Wenn wir zusammen Zeit verbringen, erzählen wir uns Geschichten. Und wir schmücken sie aus, machen sie grösser, spannender, wir dichten dazu (lacht). Das ist vielleicht einer der Unterschiede zur Jugend. Und wenn man als Trainer mit 20-Jährigen arbeiten darf, dann bleibt diese Jugend dem eigenen Leben erhalten. Man muss flexibel bleiben und sich anpassen können. Ich finde das fantastisch, das hält einen jung.

Ist das ein Ziel im Leben?

Was die mentale Verfassung angeht, glaube ich das. Die Entwicklung des Körpers können wir ja nicht bestimmen, auch wenn man das eine oder andere zuschneiden lassen kann. Ich finde es einfach extrem spannend, wie junge Menschen das Leben wahrnehmen.

Der grosse Altersunterschied ist das eine. Das andere ist das Geschlechterverhältnis in Ihrem Beruf. Sie verbringen Ihr Leben in einer Männerdomäne.

Man darf das nicht als schlecht empfinden. Aber ich habe als Trainer immer wieder versucht, Frauen reinzubringen. Bei den Grasshoppers und dem FC St. Gallen hatten wir zum Beispiel auch Physiotherapeutinnen. Da habe ich gemerkt, dass es die ganze Atmosphäre auflockert. Es ist nicht mehr alles so streng, es wird lockerer durch das weibliche Element.

Und was haben Sie seit Ihrer Ankunft verändert? Die Ernährung?

Da haben wir in Basel perfekte Bedingungen. Wir essen am Vormittag und am Mittag zusammen hier im Stadion. Ich habe lediglich den Speiseplan auf unseren Reisen leicht angepasst.

Gibt es noch Nachtisch?

Ja! Es ist wichtig, dass man sich ab und an etwas gönnt. Zumal die Spieler extrem viele Kalorien verbrennen. Aber wir haben selbstverständlich auch frische Früchte dabei.

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