Michail Schischkin: «Man dient in Russland nicht dem Gesetz, sondern dem einen Boss»

Der russische Erfolgsautor Michail Schischkin («Venushaar») lebt seit 20 Jahren in der Schweiz. Der unerschrockene Putin-Kritiker zieht Parallelen vom heutigen Russland zu Nazi-Deutschland im Jahr 1935. Liebe, Freundschaft und gute Literatur vermögen aber auch in dunklen Jahren das Licht aufscheinen zu lassen, findet er.

(Bild: Basile Bornand)

Der russische Erfolgsautor Michail Schischkin («Venushaar») lebt seit 20 Jahren in der Schweiz. Der unerschrockene Putin-Kritiker zieht Parallelen vom heutigen Russland zu Nazi-Deutschland im Jahr 1935. Liebe, Freundschaft und gute Literatur vermögen aber auch in dunklen Jahren das Licht aufscheinen zu lassen, findet er.

Wir suchen Michail Schischkin an einem sonnigen Märztag bei sich zu Hause im beschaulichen Kleinlützel (SO) auf. Das Dorf liegt nur ein paar hundert Meter von der französischen Grenze an den Ausläufern der Blauenkette. Schischkin (54) bittet uns ins helle Wohnzimmer. Er wirkt zunächst etwas kühl, wird im Laufe des Gesprächs aber auftauen. Die untersten Tablare des riesigen Büchergestells, das völlig überquillt, hat er mit dünnen Holzplatten abgesperrt, um zu verhindern, dass sein eineinhalbjähriger Sohn Papas Bücher ausräumt. Während der Kleine im Kinderwagen auf der Terrasse schläft, serviert Ehefrau Schenja Tee.

Herr Schischkin, Sie sind in der Sowjetunion aufgewachsen. Ihre Mutter war Ukrainerin, ihr Vater Russe. Welcher Elternteil steht Ihnen näher?

Was soll diese Frage? Beide Eltern sind längst tot, und da auch ich mich dem Tod nähere, sind wir uns näher und näher (lacht).

Was würden Ihre Eltern über den Krieg in der Ukraine denken?

Zum Glück müssen sie nicht mehr miterleben, wie sich die beiden Brudervölker abschlachten. Mir tut es weh, das zu beobachten.  Das Schlimmste ist, dass man etwas dagegen tun möchte, aber letztlich machtlos ist. Ich verstehe jetzt, was die deutschen Schriftsteller in den 1930er-Jahren fühlten. Hat die grosse deutsche Literatur den Krieg gestoppt? Nein! Hat die grosse russische Literatur den Gulag verhindert? Keineswegs! Die russische Literatur hat geholfen, im Gulag zu überleben, aber einen Krieg vermag die Literatur nicht zu stoppen. Thomas Mann und Stefan Zweig mussten mitansehen, wie das Volk jubelnd dem Führer in die Katastrophe folgte. Und auch jetzt erleben wir eine Katastrophe, und der Krieg ist ebenfalls da.

Befürchten Sie, dass es einen grossflächigen Krieg geben könnte?

Ja, in der Tat. Es gibt bereits einen russischen Faschismus, schauen Sie sich dieses Video an. (Er zeigt auf seinem Computer ein russisches Propaganda-Video mit dem Titel «Ich bin ein russischer Besatzer». Darin wird der Kolonialismus im alten Russland und in der Sowjetunion verherrlicht. Im Internet wurde es über fünf Millionen Mal angeklickt.)

Dieser Film ist in der Tat beängstigend. Trotzdem: Ist Ihr Vergleich mit dem Faschismus und Nazi-Deutschland nicht überzogen?

1935 gab es in Deutschland auch noch keine Konzentrationslager, und es gab noch keinen Krieg. Trotzdem war es ein faschistisches Land. In Russland kommen jetzt die späten Dreissigerjahre.

Emigranten, die enttäuscht sind von ihrer Heimat, neigen manchmal zu radikalen Ansichten. Sind Ihre Worte vielleicht so zu erklären?

Ich habe mich zunächst nicht als Emigrant gefühlt. Ich kam ja vor knapp 20 Jahren der Liebe wegen in die Schweiz. Ich behielt meinen russischen Pass und kehrte immer wieder zurück. Vor drei Jahren heiratete ich eine Moskauerin, und mit ihr verbrachte ich ein ganzes Jahr in der russischen Kapitale. Das war die Zeit der bürgerlichen Revolution, als es nach der gefälschten Dumawahl 2011 zu Massenprotesten kam. Die Macht zeigte uns aber nur ihren grossen Hintern. Seither geht es nur abwärts mit diesem Land. Ich sehe für normale Leute überhaupt keine Möglichkeit mehr, dort zu arbeiten. Deshalb fühle ich mich in der Tat als Emigrant.

Sprechen wir von Ihrem literarischen Schaffen: Ihr grosser Roman «Venushaar» handelt von einem Dolmetscher, der in der Schweiz die Aussagen von russischsprachigen Asylbewerbern übersetzt. Sie waren früher selbst als Dolmetscher im Schweizer Asylverfahren tätig, haben Sie mit dem Buch persönliche Erfahrungen verarbeitet?

Sicher. Wenn man aus Russland in die Schweiz kommt, hat man den Eindruck, hier passiere nicht viel. Worüber soll ich in diesem langweiligen Land überhaupt schreiben? Das waren meine ersten Gedanken. Als Schriftsteller braucht man die Spannung, man braucht Geschichten, und die hat mir meine Tätigkeit als Dolmetscher geliefert.

Sie zeichnen die Asylbeamten als Menschen, die versuchen, kleinste Unstimmigkeiten in den Aussagen der Flüchtlinge zu finden. Erhielten Sie Reaktionen aus dem Bundesamt für Flüchtlinge?

Ja, sofort nach der Veröffentlichung des Buches auf Russisch im Jahr 2005 verlor ich den Job. Ich war nicht fest angestellt, man hat mir also einfach keine Aufträge mehr erteilt. Ich kann das irgendwie verstehen, welche Behörde möchte einen Schriftsteller als Mitarbeiter? Seither muss ich ausschliesslich von meinen Büchern leben. Am Anfang war es schwierig. Seit nun auch der «Briefsteller», ein weiteres Buch von mir, übersetzt wurde, geht es besser. Insgesamt wurden meine Bücher in 30 Sprachen übersetzt.

In «Venushaar» beschreiben Sie in einem der Erzählstränge das Leben einer russischen Romanzensängerin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Südrussland dem Ersten Weltkrieg dank der Liebe zu trotzen vermag. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Die Idee, in meinem Roman die Tagebücher einer jungen Frau zu schildern, kam mir, weil mir meine Mutter ihre Tagebücher schenkte, als sie an Krebs erkrankte.  Sie hatte ihre Jugend Ende Vierziger-, Anfang Fünfzigerjahre in der Nähe von Moskau verbracht. Das waren ja dunkle Jahre, noch unter Stalin. Ich erwartete, in ihrem Tagebuch von der Angst und von einer dunklen Atmosphäre zu lesen. Die Schilderungen sind aber durchdrungen vom Licht und von der Erwartung der grossen Liebe, die kommen muss, davon ist sie überzeugt. Sie ist absolut glücklich, weil das Wetter schön ist, die Freundinnen da sind, weil sie gute Bücher liest. Für mich war das wie eine Offenbarung. Dies ist ja keine Naivität eines Mädchens, sondern die einzige Überlebensmöglichkeit in finsteren Zeiten. Jemand hat dieses Mädchen auf die Welt geschickt, um die Welt durch seine Liebe zu retten. So wie er immer wieder solche Mädchen auf die Welt schickt. Das Tagebuch meiner Mutter hat mich inspiriert.

«Wenn ich etwas geschrieben habe, ist das wie aus Marmor, ich schreibe es nicht mehr um.»

Der Roman ist wunderbar geschrieben, sehr vielschichtig, manchmal auch etwas ausufernd. Vom «Tages-Anzeiger» wurden Sie auch schon als neuer Tolstoj gefeiert. Wie verfasst man ein solches Epos?

Man kann sich nicht zum Ziel setzen, ein Epos zu verfassen. So wie man sich auch nicht vornehmen kann, ein Kind mit bestimmten Eigenschaften zu zeugen. Ich schreibe einfach das, was mir in einem bestimmten Moment meines Lebens entspricht. Der Text basiert auf meinem bisherigen Leben und auch auf dem meiner Eltern. Man kann im Kopf schon ein Konzept machen, die Hand wird aber stets etwas anderes schreiben.

Tolstoj hat seine Romane mehrfach überarbeitet und durch seine Frau in Reinschrift bringen lassen – machen Sie das auch?

Nein, meine Frau hat damit nichts zu tun, sie ist frei von dieser Aufgabe. Wenn ich etwas geschrieben habe, ist das wie aus Marmor, ich schreibe es nicht mehr um. Ich bin in dem Sinn nicht wie Tolstoj, aber er war ja ein Genie (lacht). Wenn ich schreibe, kommt der Roman jeweils zu mir und diktiert mir den Text. Ich muss nur aufmerksam zuhören und ihn aufschreiben.

Wie wurden Sie eigentlich aufgenommen, als sie 1995 wegen Ihrer ersten Frau in die Schweiz kamen?

Auf persönlicher Ebene gut. Innerlich war mir aber unwohl, ich fühlte mich wie in einer Wüste. Es fehlte mir die russische Kultur, deshalb musste ich eine Kolonie aufbauen. Ich schrieb einen russischen literarischen Reiseführer der Schweiz («Die russische Schweiz»). Tolstoj, Rachmaninow, Bunin – sie weilten alle mal in der Schweiz – das waren meine Kolonisten. Dann fühlte ich mich zu Hause, und ich konnte meine Romane schreiben.

«Die Liste der Regimefeinde ist lang – und ich stehe nicht zuoberst.»

Können Sie zurzeit an einem neuen Roman schreiben?

Nein. Um ein Buch zu schreiben, braucht man eine innere Ruhe. Man schafft ja einen Kosmos. Wenn ich am Morgen aufstehe, mir die Nachrichten anschaue und lese, dass in der Ukraine wieder geschossen wird, dann kann ich nicht literarisch schreiben. Ab und zu vielleicht ein Essay, der von internationalen Zeitungen wie «The Guardian» publiziert wird. Wenn ich schweigen würde, hiesse das ja,  dass ich einverstanden wäre. Das Einzige, was ich machen kann, ist nicht zu schweigen.




(Bild: Basile Bornand)

Sie waren im Oktober in Krasnojarsk in Sibirien. Hatten Sie keine Angst, in Russland wegen Ihrer kritischen Äusserungen behelligt zu werden?

Ich bin nicht der einzige Kritiker des Regimes. Die Liste der Regimefeinde ist lang – und ich stehe nicht zuoberst. Der Mord an Nemzow ist ein klares Signal, dass es auch andere Oppositionspolitiker wie zum Beispiel Alexej Nawalny treffen könnte.

Werden Sie wieder zurückkehren?

Zurzeit habe ich keine grosse Lust dazu. Wie soll ich mit Leuten, die sich freuen, dass die Krim besetzt wurde? Betrübt hat mich auch, was in den sozialen Medien nach dem Mord an Nemzow geschrieben wurde. Dieses Schwein habe den Tod verdient, und solche Dinge.

In der Schweiz wohnten Sie zunächst in Zürich, jetzt in Kleinlützel: Was hat Sie in die Provinz verschlagen?

Wenn man graue Haare bekommt und eine grosse Familie hat – meine Frau brachte zwei Kinder aus erster Ehe mit und wir haben ein gemeinsames Kleinkind – lebt man gerne im Grünen. Es ist eine schöne Gegend, auch zum Wandern. Zudem bin ich in einer halben Stunde am Flughafen. Das ist sehr praktisch, weil ich für meine Lesungen viel reisen muss.

Haben Sie trotz des düsteren Bildes, das Sie von Russland zeichnen, Hoffnung für die Zukunft?

Jeder Krieg ist irgendwann vorbei, und die Kultur überlebt immer. Während der schlimmsten Kriege wurden oft die besten Bücher geschrieben. Ich hoffe, dass ein junger Mann da ist, der ein «Krieg und Frieden» über unsere Zeiten schreiben wird.

Leseprobe: Welche Farbe haben die Wasserschläuche?

Michail Schischkin erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem die drei wichtigsten Literaturpreise in Russland. «Venushaar», sein bekanntester Roman, erschien im Jahr 2005 auf Russisch. Seit vier Jahren liegt er in deutscher Übersetzung vor. Das gut 500 Seiten starke Werk ist anspruchsvoll und sehr vielschichtig.

Ein Auszug aus dem Romananfang, in dem Schischkin das Schweizer Asylverfahren schildert. Der Asylbeamte heisst – welche Ironie! – Petrus, erzählt wird aus der Perspektive des Dolmetschers.
«Ein anderer wiederum bringt keinen vernünftigen Satz zustande. Sprudelt aber wie ein Wasserhahn. Ich strenge mich an herauszukriegen, was er da kollert, derweil richtet Petrus die Dinge auf seinem Schreibtisch fein säuberlich aus – als wollte er, Tischvorsteher sozusagen, die Parade seiner Bleistifte und Zahnstocher abnehmen. Er kriegt die Zeit bezahlt. Keine Eile. Petrus ist ein ordnungsliebender Mensch. (…)(…)
Für einen abschlägigen Bescheid genügt es, Unstimmigkeiten in den Aussagen des Räubers zu finden. Also greift Petrus hinter sich in sein schlaues Regal, nimmt ein Büchlein zur Hand, und nun kommt der Stein ins Rollen. Sag mir doch mal, mein Bester, wie viel Kilometer sind es von deinem Kaff Bagdadowka bis in die Hauptstadt? Und wie steht der Piaster aktuell zum Dollar? Werden in dem Land, das dich verlassen hat, ausser dem Tag der Unbefleckten Empfängnis und dem Tag des ersten Schneemanns noch weitere Nationalfeiertage begangen, und wenn ja, welche? Welche Farbe haben die Strassenbahnen? Die Wasserschläuche? Und ein Laib Borodinobrot kostet wie viel?»

Michael Schischkin, Venushaar © 2011, Deutsche Verlags-Anstalt In der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Konversation

Nächster Artikel