Roli Frei: «Wenn ich singe, was in mir ist, dann geht die Stimme auf»

«Strong» hiess das bisher letzte Album von Roli Frei & The Soulful Desert. Nun hat der Basler Sänger mit «Strong Is Not Enough» nachgelegt. Im Interview erzählt er, wie die beiden Alben zusammenhängen, wie ihn das Zeitalter des Aufstiegs von Donald Trump empört und vom Segen der Gelassenheit in einer langjährigen Musikkarriere.

«Strong» hiess das bisher letzte Album von Roli Frei & The Soulful Desert. Nun hat der Basler Sänger mit «Strong Is Not Enough» nachgelegt. Im Interview erzählt er, wie die beiden Alben zusammenhängen, wie ihn das Zeitalter des Aufstiegs von Donald Trump empört und vom Segen der Gelassenheit in einer langjährigen Musikkarriere.


«Live is not always what we chose it to be»
, singt Roli Frei (63) in einem seiner neuen Lieder, aus dem die Zuversicht in vollen Strömen sprudelt. Besinnung und Aufbruch, Abschied und Neubeginn sind die zentralen Themen von «Strong Is Not Enough», dem vierten Album seiner Band The Soulful Desert. Wie in «Strong» hat die Band einen klaren Sound gefunden, der mit bedachtsam verwendeten Mitteln Raum schafft für Freis Stimme.

Man hört ihm mit warmem Herzen zu, wie er in filigranem Falsett der Schönheit der Vergänglichkeit hinterher sinniert, in knurrigem Bluesgesang dem Zustand der Welt in die Wade beisst oder, wie im Titelstück, sich in frohem Ton von persönlichen Krisen verabschiedet. Gefühle schmieren seinen Gesang, bekennt er im Interview, gute wie schlechte. Hört man sich durch «Strong Is Not Enough», glaubt man ihm aufs Wort: Selten erlaubt ein Sänger derart tiefe Einblicke in sein Inneres.

Roli Frei, Ihr letztes Album hiess «Strong», nun folgt «Strong Is Not Enough». Wie hängen die beiden Titel zusammen?  

Für das Album «Strong» brauchte ich acht Jahre, und eigentlich plante ich, dass die neue Platte etwas schneller fertig wird. Aber ich bin ein langsamer Schreiber, und für eine Tournee zwischen den beiden Platten brachte mein langjähriger Freund und Gestalter Fredy Hadorn den Satz «Strong Is Not Enough» als Überschrift für die Konzertplakate. Mir gefiel das, später entstand ein Song daraus – und schliesslich der Titel für das Album.

Und inhaltlich? «Strong» erschien vor sechs Jahren, in einer schwierigen Zeit für Sie.  

Ja. Der Song «Strong» entstand in einer Zeit, in der ich in einer Depression gefangen war und fand, dass ich das zur Sprache bringen muss. Wenn es schlecht geht und man sich schwach fühlt, wirbelt einen das gehörig durcheinander. Das muss man rauslassen und darauf hoffen, dass es verstanden wird. «Strong Is Not Enough» klingt inhaltlich nach einem Paar, das keinen gemeinsamen Boden findet. Eine Hälfte will weitergehen, die andere verharrt auf sicherem Boden….

…eine verwitternde Liebesgeschichte also?

Man kann das so deuten, aber tatsächlich handelt das Lied von meiner persönlichen Spaltung: Ein Teil von mir will aufbrechen zu neuen Ufern und Neues ausprobieren. Und ein anderer ist beherrscht von Ängsten, das Erreichte nicht zu riskieren und sich damit zufrieden zu geben, dass es doch gar nicht schlecht läuft im Moment. Das ist der Inhalt dieses Songs: Den Sprung zu wagen.

Sie sind früher öfters weggefahren, um den Kopf frei zu haben für neue Lieder. Hat sich das geändert?

Ja, ich brauchte das, um Raum für die Kreativität zu haben. Seit sechs Jahren lebe ich nun in einer Wohn- und Ateliergenossenschaft nahe der französischen Grenze, und seit ich dort richtig angekommen bin, brauchte ich diese «Fluchtschübe» kaum mehr. Meine Kreativität hat nun eine Heimat, wenn man so will, zuhause in meinem grossen Wohnzimmer, wo auch meine Instrumente rumstehen, vor allem aber in meinem Kopf und Herz. Ich würde es Gelassenheit nennen – früher wäre es mir undenkbar gewesen, mit halbfertigen Songs zur Band im Aufnahmestudio zu erscheinen. Ich wäre in Panik geraten. Für das neue Album wusste ich, dass die Ideen gut sind und reifen werden. Ich kann sie auch einmal unfertig liegen lassen. Vielleicht hat das mit dem Alter zu tun – ich habe einige Krisen hinter mir, und daraus lernt man, dass es irgendwie weitergeht. Die Musik, das Singen, die Freude an kreativen Einfällen, das sind meine Anker. 

«Meine Kreativität hat nun eine Heimat – nahe der französischen Grenze.» 

Mit dem Alter kommt die Gelassenheit?

Gelassenheit kommt auch von aussen, vom Management, meinen Unterstützern, meinen Musikern und Peter Wagner, meinem jetzigen Produzenten, die hinter meinen Songs stehen und überzeugt sind, dass daraus etwas Gutes entstehen wird. Aber es ist schon richtig: Ich bin nun 63, und es ist ein schönes Gefühl, zu erleben, wozu die eigene Stimme noch fähig ist und was ich aus ihr herausholen kann. Ich habe ja keine ausgebildete Stimme, meine Technik ist die Technik der Gefühle. Gute wie schlechte. Wenn ich singe, was in mir ist, dann geht die Stimme auf. 

Sie haben persönliche Krisen erwähnt. Welche Rolle spielen die für Ihre Kreativität?

Man muss sie hinnehmen können. Neulich habe ich einen Artikel über Bruce Springsteen und seine soeben erschienen Autobiografie gelesen, der mich sehr beeindruckt hat. Er spricht darin offen über seine Depressionen und seine langjährigen Probleme, diese zu akzeptieren. Von ihm, dem Rockmusiker aus dem Arbeitermilieu, erwartet man sowas gar nicht, aber er hat es wunderbar formuliert: Wenn er mit seiner Band auf die Bühne steigt, sind alle fröhlich und die Welt in Ordnung. Und dann gibt es eben auch das Leben dahinter, das kaum jemand sieht. Oder denken Sie an Leonard Cohen: In all den Nachrufen, die nach seinem Tod erschienen sind, wird erwähnt, dass er sich für mehrere Jahre in ein buddhistisches Kloster verzogen hat, und was das für seine Musik bedeutet. Was so ein Rückzug jedoch für die Familie und die Angehörigen heisst, darüber liest man selten was.  

Sie konnten sich damit identifizieren? 

Ich konnte es zumindest nachvollziehen. Wenn ich von Konzerten oder einer Tournee zurückkehre, trage ich schöne Momente mit nach Hause – und sobald ich daheim bin, falle ich in ein Loch. Das ist nicht angenehm, aber ich kann es nicht verhindern und weiss damit umzugehen. Sofern ich Zeit für mich habe, um da wieder rauszukommen. Als Musiker erlebt man immer wieder intensive Phasen, auf Tournee, oder im Studio, die einen völlig absorbieren. Da bleiben kaum Kräfte übrig für andere Dinge, die ebenso Aufmerksamkeit benötigen, für die Familie zum Beispiel. Das geht vielen Musikern so, die über Jahre hinweg aktiv sind. Hinter dem Mensch auf der Bühne steckt noch eine andere, private Person. 

Erleben Sie das im Austausch mit anderen Musikern?

Ja, vor allem mit jenen, die über 50 sind. Wenn man mal zusammensitzt und länger redet, kommt das raus. Sich über eine lange Zeit immer wieder von Neuem in diese Ungewissheit hineinzuschicken, schafft Druck. Finanziell in erster Linie, aber auch emotional. Man hat ja Verpflichtungen. Was man dagegen tun kann? Sich neue Ziele zu setzen, denke ich. Während den Aufnahmen zum neuen Album erlebte ich zum ersten Mal, dass ich bereits im Studio über die Platte hinaus an neue Ideen und Projekte dachte – was mir fast ein schlechtes Gewissen gab, weil meine Mitmusiker ja völlig konzentriert an der Sache waren (lacht). Da haben wir sie wieder, die Gelassenheit.

«Die politische Wetterlage haut mir öfters ‹den Nuggi raus›.»

Was auffällt: Auf Ihrem neuen Album finden sich einige Titel, die überraschend engagiert oder gar politisch wirken – «How Come» zum Beispiel.

Ja, das Stück hat viel mit Wut zu tun – mit der politischen Wetterlage, die mir öfters den «Nuggi raushaut». Der Aufstieg von Donald Trump war dabei nur ein Auslöser, aber seine Kandidatur hat meine Empörung kanalisiert, so dass der Song, der am Anfang nur eine Skizze war, zwei Tage vor Aufnahmeschluss noch fertig wurde. Politisches Songwriting war nie mein Hauptgebiet, obwohl ich Leute wie Neil Young stets bewunderte, die nicht nur mit Texten, sondern auch mit der Musik ihre Wut auszudrücken vermögen. Ich habe selbst nun einen Weg gefunden, ohne missionarisch zu wirken, indem ich mein eigenes Ohnmachtsgefühl gegenüber der Welt ausdrücke – über all die unverschämten Lügen, die Leute während Wochen in die Kameras verbreiten, ohne mit der Wimper zu zucken, und ohne, dass ihnen dezidiert widersprochen wird. Diese Verrohung, diese Simplifizierung – das macht mich wütend. Ich wünsche mir von mir selbst ein dezidierteres Songwriting. «How Come» war ein Versuch, ob mir das noch schärfer gelingt, weiss ich nicht.  

Ist das eine Gratwanderung? Riskieren Sie, damit auch einen Teil Ihres Publikums vor den Kopf zu stossen?

Das geschieht, ja. Auf meiner Facebook-Seite lese ich manchmal Kommentare von Usern, die politisch der SVP nahestehen und mit meinem «linken Gedudel» nichts anfangen können. Anfeindungen habe ich allerdings nie erlebt, und es wäre für mich auch nicht relevant. Wenn ich meine Musik weiterbringen will, sollte ich mir nicht zu sehr den Kopf zerbrechen, was andere denken.

Ein anderes zentrales Lied ist «Bataclan», das vom Terrorangriff auf den Konzertclub in Paris handelt, ohne das Attentat direkt zu nennen. Was ist die Geschichte hinter dem Song? 

Das Lied basiert auf einem Text, den mein Freund Andrew Shields geschrieben hat. Er besuchte am Abend des Attentats das Konzert von Bob Dylan im Musical Theater Basel, und als er nach Hause kam, las er die Nachrichten. Und schrieb einen Text, der von einer Reise nach Paris vor 15 Jahren handelt: Impressionen von einem Touristen-Trip, die in die Frage münden, ob abends vielleicht noch eine gute Band im Bataclan spielen würde. Am Abend des Attentats war ausserdem mein Sohn in Paris, und versteckte sich in der Nähe des Bataclan in einem Café. Das ist mir total eingefahren, und als ich Shields‘ Text zum ersten Mal las, war er für mich ein Halt. Weil er eben nicht von Angst und Schrecken handelt, sondern von einem Ort, an dem man zusammen eine gute Zeit erlebt. Gerade auch, nachdem so etwas Schreckliches passiert ist. Wenn ich «Bataclan» live spiele, ist es normalerweise das ruhigste Lied im Set. Die Leute beginnen hinzuhören, und sobald erstmals der Refrain mit dem Wort «Bataclan» fällt, wird es totenstill. Jeder kann damit etwas anfangen. 

Alle Ihre neuen Songs, über die wir geredet haben, handeln von der Überwindung von Angst, Verzweiflung und Erstarrung. Ist dies das Leitthema Ihrer neuen Platte?

Ja, das kann man so sagen. Trotz Krisen gibt es jeden Tag ein Leuchten, einen Glücksmoment, etwas an das ich mich halten kann. Das Lied «Tonight» gehört auch dazu, ein sehr sanfter Song mit dem Satz «No one else lives my life, but I do». Darin steckt die Zuversicht, dass man die eigenen Ängste und Blockaden überwinden kann. Ich glaube, diese Aufbruchsstimmung steckt in fast allen Songs drin. 

Zu welchen Zielen bringt Sie diese Aufbruchsstimmung?

Anders an meine Songs herangehen, mehr Duette, aber auch wieder mehr Einsatz der elektrischen Gitarre. Und ich würde gerne wieder ein fester Bestandteil der Schweizer Musikszene werden – nicht nur durch meine früheren Bandprojekte wie Circus und Lazy Poker Blues Band, sondern mit meiner aktuellen Musik. Vor vier Jahren bin ich bei der Agentur «Radicalis» von Dominic Stämpfli untergekommen, die beeindruckende Leistungen vorweist. Das nährt auch bei mir die Hoffnung, in neue Kreise reinzukommen. In der Schweiz, aber auch in Europa. Und warum nicht mal in Übersee ein paar Songs lancieren?

Vorläufig stehen die Konzerte in der Schweiz an – unter anderem spielen Sie zweimal im Parterre Basel. Über die langjährige Bookerin Andrea Samborski, die für manche Lieder auch Ihre Duettpartnerin ist, sagten Sie einst: «Mit ihr kann ich arbeiten, über meine Musik und Texte sprechen, ohne mich fragen zu müssen, ob ich zu viel preisgebe.» Samborskis Anstellung im Parterre wurde von der Geschäftsführung aufgelöst. Mit welchen Gedanken gehen Sie dorthin? 

Mit guten Gedanken. Es ist ein sehr schöner Raum und ich weiss, dass dem Parterre viel an der Kultur liegt, das steht ausser Frage. Ob das neue Konzept funktioniert, wird die Zukunft zeigen. Zum Weggang von Andrea Samborski möchte ich mich nicht äussern, vieles ist bereits passé. Sie wird mit mir im Parterre singen, was mich sehr freut. 

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Roli Frei & The Soulful Desert: «Strong Is Not Enough», Radicalis Music GmbH.
Live: Parterre Basel, 7. & 8. Dezember, 20 Uhr. 

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