Sind wir zu doof, um den Klimawandel aufzuhalten, Herr Professor? 

Viele Schweizerinnen und Schweizer wirken wie gelähmt vor lauter Angst vor dem Klimawandel. Der Basler Bioethiker Christoph Rehmann-Sutter möchte eine neue Haltung erwirken: Die Gefahr als Chance auf ein besseres Leben.

Christoph Rehmann-Sutter: «Wir Philosophinnen und Bioethiker müssen dabei helfen, ein kulturelles Klima zu erzeugen, in welchem der Klimawandel als Chance gesehen wird.»

Christoph Rehmann-Sutter, 24 Klimakonferenzen und die Länder stossen trotzdem immer noch mehr Treibhausgase aus. Warum gelingt es einfach nicht, den Klimawandel aufzuhalten?

Die Menschheit hat wahrscheinlich noch nie ein so komplexes Problem unter Zeitdruck lösen müssen. Der Klimawandel betrifft verschiedenste Lebensbereiche. Tückisch ist zudem: Treibhausgase werden lokal produziert, wirken sich aber global aus. Die Verursacher werden vergleichsweise schwach getroffen. Der Klimawandel ist ein ähnlich gelagertes Problem wie die Überfischung der Weltmeere oder das Ozonloch.

Das Ozonloch war politisch relativ einfach zu «stopfen»: Fluorchlorkohlenwasserstoffe verbieten, fertig.

Die Unternehmen nahmen dann einfach ein anderes Kühlmittel und Kühlschrank-Hersteller konnten sogar neue Kühlschränke verkaufen. Die konnten zufrieden sein. Beim Klimawandel ist es schwieriger. Man müsste erst mal wissen, woher genau wie viel Treibhausgase kommen.

Wissen wir das nicht? Treibhausgase entstehen dort, wo die Menschen am meisten Fleisch essen, in der Welt rumfliegen, Kohle verbrennen und Wälder abholzen.

Stimmt, theoretisch scheint es einfach. Aber in der Praxis? Bedenken Sie, dass die Wissenschaft den Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und Erderwärmung schon Ende des 19. Jahrhunderts herstellen konnte. Vor hundert Jahren! Auch über Klimaziele zu verhandeln ist theoretisch einfach. Aber es ist unglaublich schwer, in den verschiedenen Ländern entsprechende Massnahmen umzusetzen.

Weil die Wirtschaft keine Lust dazu hat.

Die Wirtschaft funktioniert nicht nach dem Lustprinzip, sondern nach Gewinn und Verlust. Es ist heute immer noch günstiger, CO₂ zu produzieren, als darauf zu verzichten. Es bräuchte politische Rahmenbedingungen, damit sich die Wirtschaft in die richtige Richtung entwickelt.

«Unternehmenschefs denken eher an die nächste Generalversammlung als an die nächste Generation Kinder.»

In anderen Worten: Man müsste Unternehmen dazu zwingen, saubere Energie zu produzieren oder umweltverträgliche Transportmittel zu wählen. Jetzt macht der Wirtschaftsverband Economiesuisse aber gerade Stimmung gegen eine Erhöhung der CO₂-Steuer, welche die vorbereitende Kommission des Nationalrats diskutiert.

Viele Unternehmenschefs denken eher an die nächste Generalversammlung als an die nächste Generation Kinder. Aber es braucht unbedingt höhere Abgaben auf Brennstoffe. Schauen Sie sich zum Beispiel die Flugpreise an.

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Sie sind im Keller.

Solange der Flug nach London ein Drittel eines Zugbilletts kostet, nimmt doch niemand die Bahn. Ausser ein paar Reiselustige vielleicht, die es spannend finden, durch den Kanaltunnel zu fahren.

Wollen Sie stärker in den Transportmarkt eingreifen? 

Nicht stärker, sondern anders. Es ist bereits jetzt die Politik, welche bestimmt, wie Preise berechnet werden. Flüge sind nicht so billig, weil Fluggesellschaften heutzutage mehr Leute ins Flugzeug bringen und effizienter sind. Die tiefen Preise kommen daher, dass die Flugindustrie subventioniert wird.

Christoph Rehmann-Sutter ist Professor für Theorie und Ethik der Biowissenschaften an der Universität Lübeck. Ausserdem lehrt er am philosophischen Seminar der Universität Basel. Er lebt in Binningen.

Wie subventioniert?

Es gibt in fast keinem Land Abgaben auf Kerosin. Dahinter stecken politische Entscheide, kein Naturgesetz. Warum gibt es Abgaben auf Benzin, aber keine auf Kerosin? Wenn man dann noch die Schäden berappen würde, die Fliegen verursacht – eben Treibhausgase und so weiter –, wären die Flugpreise deutlich höher.

Schränken Sie so nicht die Wahlfreiheit der Unternehmen und der Individuen ein?

Klar, aber die Freiheit wird längst eingeschränkt. Nicht nur beim Fliegen, auch zum Beispiel beim Fleisch: Es ist so günstig, weil die öffentliche Hand so viel Geld in die Fleischproduktion gibt. Bauern und Metzger sind subventioniert, die ganze Produktionslinie. Wobei: Die Verpacker bekommen wahrscheinlich nichts.

Viele Schweizerinnen und Schweizer würden jetzt sagen: Das Fleisch ist doch hier teuer, ennet der Grenze ist es viel billiger.

Weil es in der EU genau gleich ist! Die politischen Rahmenbedingungen, die über Subventionen und über Lenkungsabgaben laufen, rechnen den Umweltressourcenverbrauch nicht mit ein. Das ist symbolisch für viele Wirtschaftsbereiche. Schon der Naturwissenschaftler und Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker sagte: «Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen.» Wenn sie nur die ökonomische Wahrheit sagen, dann sind sie falsch.

«Es ist eine schwierige Situation: Man trägt Mitschuld an einem Megaproblem und hat Angst vor dieser Schuld.»

In rechten Medien kommen immer wieder Leute zu Wort, die behaupten, der menschgemachte Klimawandel sei eine Lüge. Und Trump will mit derselben Begründung aus dem Kyoto-Protokoll aussteigen, das Staaten dazu verpflichtet, weniger Treibhausgase zu produzieren.

In den USA gibt es einige Wissenschaftler, die von der Ölindustrie dafür bezahlt werden, den Klimawandel öffentlich infrage zu stellen. Hierzulande ist diese Lobby nicht so stark, die wird jetzt nur in den rechtsbürgerlichen, politisch finanzierten Medien auf laut gestellt. Für mich als studierten Biologen gibt es Tatsachen, und der Klimawandel ist so eine. 98 Prozent der Wissenschaftler anerkennen, dass Treibhausgase und die Erderwärmung zusammenhängen.

Die SRG hat untersucht, welche Sorgen die Bevölkerung am meisten umtreibt. Resultat: Die Angst vor dem Klimawandel. Weshalb unternehmen sie nichts?

Viele Leute wissen, dass es nicht viel bringt, wenn sie allein Trämli fahren statt Auto. Die Einzelnen haben zu wenig Einfluss.

Aber sie könnten Umweltpolitiker wählen, die sich für eine Kerosinsteuer einsetzen. 

Viele Leute sind depolitisiert. Dazu kommt: Grosse Angst lähmt. Man weiss, der Klimawandel ist schlimm, und zwar nicht nur für uns, sondern vor allem auch für die Leute in armen Ländern. In Bangladesch steigt der Meeresspiegel, Dörfer versinken, Menschen ertrinken. Im südlichen Afrika breitet sich die Wüste aus, der Boden vertrocknet, Bauern verlieren ihre Lebensgrundlage. Das ist eine schwierige Situation: Man trägt Mitschuld an einem Megaproblem und hat Angst vor dieser Schuld.

Mitschuld, weil reiche Länder am meisten Treibhausgase ausstossen?

Ja, Klima ist ein Allgemeingut. Einzelne reiche Länder profitieren davon, die Folgen verteilen sich aber auf alle. Diese Schuld bewirkt Abwehr, besser den Kopf in den Sand stecken und sich näheren Problemen zuwenden, Geld verdienen, die eigenen Kinder versorgen.

Und wenn dann die Afrikaner wegen ihrer vertrockneten Felder als Wirtschaftsflüchtlinge zu uns in die Schweiz kommen, ist es vielen Schweizern auch wieder nicht recht.

Das ist eine Tragödie. Eine, die sich nur vermeiden lässt, wenn alle kooperieren, die einsehen, dass es so nicht geht. Das Pariser Abkommen von 2015 ist ein erster Schritt. Aber die Welt schafft die dort vereinbarten Klimaziele nur, wenn die einzelnen Länder wirtschaftliche und individuelle Interessen zurückstellen.

«Ich bin froh, wenn es ein gluschtiges vegetarisches Menü in der Unimensa gibt und nicht nur die Rüebli mit den Nudeln.»

Ist das realistisch, angesichts der Macht der Wirtschaftslobby und der ängstlichen Menschen mit dem Kopf im Sand?

Deshalb mache ich auch dieses Seminar: «Klimawandel als Problem für die Ethik». Wir Philosophinnen und Bioethiker müssen uns in die Debatte einbringen. Wir müssen dabei helfen, ein kulturelles Klima zu erzeugen, in dem der Klimawandel als Chance gesehen wird, unsere Gesellschaft und unser Leben zu verbessern. Viele Menschen machen bereits die Erfahrung, dass man auch ein gutes Leben mit viel Spass haben kann, wenn man weniger konsumiert.

Das gehört in gewissen Gesellschaftsschichten zum Lifestyle. Sogenannte Minimalists leben mit «nur» 33 Kleidungsstücken, Urban Gardeners pflanzen ihr eigenes Gemüse an. Können solche Nischenbewegungen etwas bewirken?

Diese Leute sagen: Gut leben heisst nicht, mehr konsumieren, sondern gezielt konsumieren. Das ist ein ganz wichtiges Signal, weil es die bisherige Logik durchbricht, die besagt: Besser leben bedeutet, mehr konsumieren.

Dann gefällt Ihnen die Initiative für eine «Nachhaltige und faire Ernährung», über die Basel-Stadt im März abstimmt? Der Kanton soll vegane und vegetarische Ernährung fördern, zum Beispiel, indem er öffentlich-rechtliche Mensas verpflichtet, vegane Menüs anzubieten. 

Mit einem veganen Teller verändert man die Welt natürlich nicht. Aber auch der einzelne Teller zählt. Selbst versuche ich, meinen Fleischkonsum auf 200 Gramm pro Woche zu begrenzen. Ich bin froh, wenn es ein gluschtiges vegetarisches Menü in der Unimensa gibt und nicht nur die Rüebli mit den Nudeln. Essen ist politisch: Je höher der Wohlstand, desto mehr Treibhausgase wurden bei der Produktion eines Menüs ausgestossen.

Zusammengefasst ist es also so schwierig, den Klimawandel aufzuhalten, weil wir dabei auf ökonomisches Wachstum und persönlichen Wohlstand verzichten müssen.

Kommt drauf an, welchen Ökonomen Sie fragen. Es gibt solche, die sagen, nachhaltiges Wachstum sei möglich. Aber ich persönlich liebäugle mit Gleichgewichtssystemen, die mit dem Wachstumsprinzip brechen. Wir können nicht immer mehr und mehr konsumieren, wir sollten uns begnügen. Wir bekommen auch etwas zurück.

Was?

Zeit. Ruhe. Musse. Ich pendle jede Woche von Basel an die Universität Lübeck. Mit Easyjet wäre ich in fünf Stunden von Haustür zu Haustür. Ich fahre aber lieber achteinhalb Stunden Zug. Dort habe ich Zeit, zu arbeiten, zu lesen, mir etwas zu überlegen. Ich finde das wunderbar.

Seminar: «Klimawandel als Problem für die Ethik». 23. und 24. März, 9 –17.30 Uhr, Steinengraben 5, Seminarraum klein 301. Hörerinnen und Hörer willkommen.

Konversation

  1. Klimawandel gab es schon immer.
    Aber noch nie hat der Mensch einen solchen immensen Einfluss darauf gehabt.
    Was ich an der Diskussion allgemein vermisse, ist, auseinanderzuhalten, was vom Mensch verursacht ist und was dem natürlichen Klimawandel zuzuschreiben ist.

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    1. Letztlich ist egal, wer den Klimawandel verursacht hat. Wir müssen ihn einfach bekämpfen. Am besten mit Kühlschränken und Klimaanlagen.

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  2. Die Botschaft ist eigentlich einfach. Für weniger Klimawandel brauchen wir eine neue Motivation, nämlich die Aussicht auf einen besseren Lebensstil, mit (mehr) Zeit. Ruhe. Musse. Alle materiellen Fortschritte haben das ja nicht oder nur mit vielen Nebenwirkungen gebracht. Nun können oder müssen wir die richtige Fortsetzung unseres Lebensstils einschlagen -mit Gewinn für alle und für lange.

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    1. Vermutich dürfte dieser neue Lebensstil etwas gemächlicher sein. Das hört sich erstmal gut an, ruft aber viele Leute auf den Platz, die dann das Gefühl haben, auch ihr Nachbar mutiere nun zum Faulpelz, der sich vom Staat bezahlen lassen wolle.
      Das bedingungslose Grundeinkommen rüttelt am Prinzip des „tu was und zwar dalli!“ für Lohn. Das kann zuerstmal Eifersucht erzeugen. Das andere ist, dass man den „arbeitsgezüchtet-gedrillten“ Menschen diesen Aktivismus abgewöhnen muss von „keine Zeit, Montag gehts wieder in den Stollen“. Die Benutzung des Flugzeuges ermöglichte ja zuerstmal so etwas wie „Macdonaldisierung der Konsumation von Landschaften“, genannt Tourismus. Laufen braucht halt schon mehr Zeit und mit einem Esel ist man oft nicht gerne mehr gesehen hier.
      „Ich bin dann mal weg“ geht aktuell meist nur für kurze Zeit – und wenn man das dem Chef nicht erzählt. Sonst denkt der was von „mindermotiviertem Mitarbeiter ad baldiger Kündigung“.

      … und „quer durch Amerika“tönt halt schon toller als „quer durch Brandenburg oder Polen“ als Ferieninhalt

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  3. Was mir an diesem Interview besonders gefällt ist dies.
    Wenig Schuldzuweisungen und Verurteilungen dafür Lösungsansätze. Bei mir fängt es an.
    Es bringt nichts diejenigen anzuprangern die weiterhin dem Wohlstand und Überdruss fröhnen wollen. Jeder von uns hat es in der Hand bei sich anzufangen.
    Ich möchte noch mehr Gelegenheiten wahrnehmen in Begegnungen darüber zu sprechen und nicht einfach nur über ‚Die Sünder‘ zu schimpfen. Gut gemacht Andrea Fopp!
    Noch eine Frage: Wie kann ich diesen Artikel mit WhatsApp an andere verschicken die keine TaWo und kein Facebook haben?

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    1. Guten Morgen Herr Weber. Es freut uns, dass Ihnen das Interview so gut gefällt.
      Um es mit anderen zu teilen, können Sie einfach den Link aus der Adresszeile (URL) kopieren und via WhatsApp, Mail etc. verschicken.
      Falls Sie den Artikel aus unserer App heraus teilen möchten, finden Sie nach dem letzten Satz einen Button „Teilen“, der Sie direkt zur Auswahl des gewünschten Kanals führt.

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  5. Bitte schminkt Euch das unwort «KlimaWANDEL» ab. Es ist – ohne Übertreibung – in Tat und Wahrheit eine Klima KATASTROPHE!!!! Alles andere ist beschönigend! Und beschönigend sind auch alle Audi, Mercedes, Hyundai etc. sogenannte sparsame Hausfrauen-Panzer sowie die Ferien-Flugreisen und -Kreuzfahrten! So ist es!

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  6. Er darf, weil jeder darf.
    Die Luft verdrecken tut die Menschheit schon lange, aber erst seit kürzerer Zeit bringt sie ihren Dreck auch so schön hoch in die Atmosphäre – per Flugzeug. Es wird ja wohlweislich verschwiegen, was ein Flug pro Passagier an Kerosin verbraucht.

    Wahrscheinlich blieb früher der Dreck einfach unten, vergraute die Wäsche und Häuser und brachte den Menschen das Husten bei.
    Selbst ein 100 Meer hoher Schlot schafft den Dreck nich hoch genug, als dass er nicht bald wieder herunter kam.
    Man denke nur noch an das Kohle-Zeitalter.

    Andererseits, ein Vulkan ist auch nicht aus Pappe! Selbst so ein kleines isländisches Ding brachte genug Schlacke in die richtige Höhe, dass in der ganzen Gegend der Himmer plötzlich wesentlich ruhiger wurde.
    …und ein grösserer kann noch viel mehr!
    Da kann man sogar wieder Hungern lernen.

    Bezüglich Wirtschaft rede man bitte nicht nur über die materiellen Dreckmacher! Hochgewinn-orientierte Firmen und Strukturen schaffen es spielend, ganze Gegenden unbewohnbar und aus den Bewohnern Flüchtlinge zu machen. Das geht nicht nur mit Schweizer Handgranaten, sondern auch mittels Spekulationsblasen, Bodenschätzen etc.
    Es hat wohl noch niemand berechnet, wieviel Umweltschaden durch die Finanzwirtschaft in der weiten Welt angerichtet wird.
    (Woher soll auch der ganze Gewinn kommen? Geld wächst ja nicht auf dem Baum.)

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