Als wäre das ein Problem!

Viele Bürger haben es schon begriffen: Die Menschen, die heute zu uns fliehen und unsere Hilfe brauchen, helfen morgen, unsere Gesellschaft voranzubringen. Wann sagt das endlich auch die «offizielle» Schweiz?

Eine Asylsuchende mit einem Kind laeuft vom Bahnhof Buchs SG zum Polizeiposten. 5 Asylanten, 2 Kinder ein Elternpaar und ein junger Mann, kommen mit dem Railjet Zug von Wien her auf dem Bahnhof in Buchs SG an und werden nach einem Zwischenhalt bei der Polzei in die Asylunterkunft in Altstaetten SG gebracht, Buchs SG, am Dienstag, 1. September 2015. (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

(Bild: DOMINIC STEINMANN)

Viele Bürger haben es schon begriffen: Die Menschen, die heute zu uns fliehen und unsere Hilfe brauchen, helfen morgen, unsere Gesellschaft voranzubringen. Wann sagt das endlich auch die «offizielle» Schweiz?

Abel, Aynur, Bajram, Elango, Hinok, Kiflemariam, Nasuf, Nazim, Nazmi, Osman, Sheqir, Soledad, Songül: Sie stammen aus so unterschiedlichen Ländern wie Äthiopien, Chile, Honduras, Kuba, aus dem Kosovo und aus der Türkei. Sie – oder ihre Eltern – wurden aus ihrem Heimatland vertrieben. Von Kriegen, Terror und Militärdiktaturen. Sie haben als Flüchtlinge Aufnahme in der Schweiz gefunden. Und heute sind sie meine geschätzten Kolleginnen und Kollegen. Als Unia-Mitarbeitende kämpfen sie für die Interessen aller Arbeitnehmenden in unserem Land.

Vergessen wir nie: Es geht nicht um anonyme «Ströme» und «Wellen», wenn von «Flüchtlingskatastrophen» die Rede ist. Der traurige «Body-Count» am Mittelmeer, die Fotos von überfüllten Flüchtlingsbooten, von Polizeieinsätzen gegen Menschenmassen am Stacheldraht – sie schaffen ein falsches Bild.

Unmenschlich und dumm

Es geht um Menschen. Die Flüchtlinge von heute sind unsere Kollegen und Kolleginnen von morgen. Diejenigen, die bleiben, werden ihren Teil dazu beitragen, unsere Gesellschaft voranzubringen. Wer sich abschottet und Millionen für Grenzzäune und Abschreckung vergeudet, statt sie für die Integration der Neuankömmlinge einzusetzen, handelt darum nicht nur unmenschlich, sondern auch dumm.

Menschen sterben in den Fluchtländern oder auf dem Weg nach Europa. Hier, in den Aufnahmeländern, gibt es vielleicht logistische Probleme, die sich aber mit ein bisschen politischem guten Willen lösen lassen. Politikerinnen und Politiker, Staatsangestellte und Medienschaffende: Hört endlich auf, so zu tun, als wäre es für Europa ein Problem, ein paar Hunderttausend – oder auch ein paar Millionen – Flüchtlinge aufzunehmen!

Ich bin froh, dass das auch in der Schweiz viele Menschen so sehen. Die Tausende, die sich in den letzten Wochen und Monaten spontan bereit erklärt haben, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, erfüllen mich mit Stolz auf unser Land. Umgekehrt schäme ich mich dafür, dass die «offizielle» Schweiz angesichts der menschlichen Not keine klarere Haltung einnimmt und manchmal selbst Ängste und Vorurteile schürt.

Fremdenfeindlichkeit wird man nie ganz ausrotten können. Aber dass sich dieses Krebsgeschwür in unseren Behörden ausbreitet, das dürfen wir nie zulassen.

Die Tochter einer Unia-Kollegin hat mir kürzlich folgende erschreckende Geschichte erzählt: Anfang September meldete sie sich bei der Asylbehörde ihrer Wohngemeinde in einem Zentralschweizer Kanton. Sie wollte wissen, wie sie sich in der Flüchtlingshilfe engagieren könne. Der Sozialamtsvorsteher und die Leiterin des Asylwesens wiesen sie ab. Es handle sich bloss um muslimische Wirtschaftsflüchtlinge, die seien alle mit mehreren Koffern und Handy angekommen. Übrigens sei auch schon vorgekommen, dass Flüchtlingshelfer die Telefon- und Autonummer hätten wechseln müssen. Sie solle doch gescheiter Schweizern helfen, zum Beispiel Familien mit behinderten Kindern.

Selbstverständlich helfen

Es ist sonst nicht meine Art, Angela Merkel zu zitieren – aber wenn das die Schweiz ist, in der wir leben sollen, dann ist das nicht mehr mein Land.

Frau Sommaruga: Sorgen Sie dafür, dass die Behörden auf allen Ebenen ihre asylpolitischen Aufgaben wahrnehmen, statt hilfsbereiten Bürgerinnen und Bürgern Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Sagen Sie endlich klipp und klar, dass unser Land viel mehr Flüchtlinge aufnehmen kann, ohne dass irgendjemandem daraus ein Nachteil entsteht! Sagen Sie, dass die Schweiz selbstverständlich hilft, wenn Menschen in Not sind. Hören Sie sofort mit den Schengen-Rückführungen auf. Führen Sie das Botschaftsasyl wieder ein, damit verfolgte und vertriebene Menschen auf sicheren Wegen in die Schweiz gelangen können.

Fremdenfeindlichkeit wird man nie ganz ausrotten können. Aber dass sich dieses Krebsgeschwür in unseren Behörden ausbreitet, das dürfen wir nie zulassen.

Konversation

  1. In Fremden bekämpfen wir immer auch eine Bedrohung, die im Dasein selbst liegt (Fremdenfeindlichkeit beruhigt, die Bedrohung scheint von Objekten auszugehen, auf die man eine existenzielle Bedrohung projiziert und in denen sie als bekämpfbar erscheint). Aber eine solche Betrachtung des Phänomens sprengt den Rahmen, der heute als „wissenschaftlich“ gilt. Solange das so ist, verdrängen wir auch in unserer Theoriebildung.

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    1. @ Hr. Bertschinger:
      Es gibt nicht nur eine individuelle Persönlichkeit, auch Gruppen, ja sogar Staaten, die ja noch länger intern kommunizieren, bilden so etwas wie „Persönlichkeit“ aus.
      Die alte eidgenössische Persönlichkeit war wohl viel von Angst geprägt. Erst die Engländer schafften es, den Einheimischen klar zu machen, wie schön die Berge sind. In den Weltkriegen war man gegen aussen zwar „neutral“, aber von dem Bammel in der Hose während dieser Zeit wagt man bis heute kaum zu reden.
      Das Reduit, die dicke Kellertür in jedem Haus sind Beton-gewordene Angst.
      Man könnte die Urgewalten der Berge selber als Grund annehmen, aber woanders gibt es nicht minder gefährliche Gegenden: Holland, die ganze Nordseeküste wurden jahrhundertelang immer wieder von Sturmfluten heimgesucht und so überschwemmt. Die Leute dort wirken aber nicht so von Angst geprägt. In Holland wurde das Wasser seit jeher sogar als Challenge wahr genommen, man fuhr mit den Schiffen auf eben dem Wasser wer weiss wohin.
      Hier hingegen wurde und wird die Heimat regelrecht geheiligt. Selbst in der Tageswoche reicht der Blick oftmals nur bis zum Grenzzaun. Dieses ausschliesslich interne Berichten führt halt dazu, dass das Nebenan zunehmend weniger wahrgenommen wird, vielleicht soll es ja auch vergessen gehen?
      Selbst die grossen Tageszeitungen betonen durch Priorisierung und Ausbreitung der Heimat eben dieses Ausschliessliche, was halt die zunehmende Irrelavanz des Nebenan nur unterstreicht.
      Bald sind wieder Wahlen. Schon startet der Sturm, bald wird wieder Windstärke 10 im Bierglas sein, lange wird es brauchen, bis die Wogen wieder verebben. Was soll dieser dominierende Lokalkolorit? Relevanter als die Flüchtlinge sogar (weil mehr Geld dafür investiert)?
      Vieles von dem, was hier noch als „heimelig“ gilt, wird woanders schon längst „warm abgerissen“, wohl, weil es wirklich museal geworden ist und die weitere Entwicklung behindert.
      Aber man ist ja so! (d.h. man poliert wieder seine Angst auf.)

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    2. @cesna
      ernüchternd wahr.
      ja, staaten haben gleichfalls eine kollektive charakteristik/persönlichkeit (in den usa knallen sie deswegen öfters mal wie wild um sich: piffpaffpäng, alle tot – dagegen ist kein kraut gewachsen) … und in der schweiz werden eig(n)er, mönch! & jungfrau! beschworen. das fremde weggedacht.

      direkt ist diese ebene nicht ansprechbar (Sie wissen es: zu angst-lösend).
      trotzdem: ich mag Ihre etablierte aussensicht – und bin überzeugt, dass sie auch wahrgenommen wird, zögerlich im «hürlimann»-tempo halt.
      und auch ein bergier-bericht hat letztlich getaugt – geduld-geduld 😉

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    3. @bertschinger
      genau das.
      für mich erschreckend, dass nach 9/11 nicht nur die politische reaktion jenseits von gut&böse ablief, sondern dass die scientific community selbst diesen kurswechsel automatisch internalisierte. weg von psysoz modellen zu behavioristischen «bettybossi»-rezepturen.
      psy-analytische ansätze gehörten zimmli rassig auf den misthaufen der geschichte.
      die existenzängste hatten sich stabil projizieren lassen, auch wenn die feindbilder zuweilen ändern: das fremde an sich.
      übel.

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  2. “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es” (Erich Kästner)

    Die Gewerkschaften sollten eine Vorbildfunktion übernehmen.
    Die reiche UNIA kann problemlos 10 Millionen Franken aus dem Gewerkschaftsvermögen an Hilfsprojekte überweisen. Oder noch besser, selber helfen. Das UNIA-Hotel Bern, ist z. B. bestens geeignet um Flüchtlinge aufzunehmen. Dadurch würde auch die Glaubwürdigkeit der UNIA und ihrer Präsidentin massiv erhöht. Und es wäre ihr leichter Forderungen an die Politik zu stellen.

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    1. @inakt nutzer
      «alles hat ein ende nur die wurst hat zwei» (erich kästner)

      auch die richtig reichen dürften was rausrücken!

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