Bequeme Lösungen für eine «unbequeme Wahrheit»

Seit der Begriff «Nachhaltigkeit» in unseren Sprachgebrauch Einzug gehalten hat, haben wir das Gefühl, auf dem rechten Weg zu sein. Zeit, innezuhalten, findet der Basler Stadtplaner Axel Schubert.

Seit der Begriff «Nachhaltigkeit» in unseren Sprachgebrauch Einzug gehalten hat, haben wir das Gefühl, auf dem rechten Weg zu sein.

Weil das maximale globale Ölförder­maximum (Peak-Oil) erreicht ist, nimmt die deutsche Bundeswehr an, dass mittelfristig «das globale Wirtschaftssystem und jede marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft zusammen(bricht)». Weltweit hungern eine Milliarde Menschen. Es ist offensichtlich: wir brauchen mehr Nachhaltigkeit. Wirklich?

Als Reaktion auf «1968» und die «Grenzen des Wachstums» (1972), auf Ölpreisschock (1973) und Waldsterben, Ozon und Tschernobyl, auf DDT und Armut in der Welt wurde 1987 mit dem Brundtland-Bericht Wachstum durch «sustainable development» neu legitimiert: allein die Industrieländer müssten jährlich drei bis vier Prozent wachsen. Gemäss «Rio» (1992) solle folglich «die internationale Staatengemeinschaft (…) dem Protektionismus Einhalt gebieten und ihn umkehren, um eine weitere Liberalisierung und Expansion des Welthandels (…) zu bewirken».

Auch historisch ist Nachhaltigkeit weniger rühmlich als angenommen. Das Konzept wurzelt nicht in der deutschen Forstpolitik, in der C. von Carlowitz 1713 «nachhaltend» erstmalig gebrauchte. Carlowitz importierte die Idee des kontrolliert-kontinuierlichen Einschlags aus England und Frankreich, wo sie von der British Royal Navy und dem französischen Hof zur langwährenden Herrschaftssicherung in den 1660er-Jahren ersonnen wurde. Für ein erfolgreiches Holzmanagement wurde die Allmendnutzung der Wälder verboten; das Prinzip der Effizienzmaximierung führte zu den europäischen Hochwaldmonokulturen. Erneut werden heute – für Agrosprit und Palmölproduktion – Biodiversität-Hotspots zerstört und auf Selbstversorgung setzende Bauern aus Wäldern vertrieben. Deren lokales Auskommen gerät unter die Räder des globalen Dursts nach grünem Öl.

Was ist zu tun? Effizienz wird durch Rebound & Backfire konterkariert, die (Über-)Kompensation eingesparter Verbräuche.

Green Economy knüpft an das global uneingelöste Versprechen an, Wirtschaftsentwicklung sei von Umweltbelastung (ausreichend) zu entkoppeln. Und Genügsamkeit (Suffizienz) ist als Politik bisher nur in ihrer moralisierenden Variante bekannt. Die Basler Energiepotenzialstudie von 2011 zeigt, wie deutlich wir die Ziele für Treibhausgase und Ressourcenverbräuche verfehlen. Doch seit den Beschlüssen von «Rio» eint die Strategie «ganzheitlicher» Nachhaltigkeit ein breites gesellschaftliches Spektrum im Glauben, wir seien auf dem rechten Weg.

In dem Mass, wie Nachhaltigkeit Halt gibt – in einer Welt, die angesichts der Herausforderungen von globaler (Ressourcen-)Gerechtigkeit und Menschenrechten längst haltlos ist –, trägt das Konzept dazu bei, unsere gesellschaftlichen Handlungsweisen nicht zu hinterfragen. Doch die Herausforderungen sind nicht durch ein Mehr an Grün, sondern nur durch einen soziokulturellen wie individuellen Wandel zu lösen. Halten wir inne.

Quellen

«Inconvenient Truth» heisst der Titel der Filmdokumentation über Al Gores Wachrütteln zum Klimawandel von 2006 – schloss mit technizistisch-entlastenden Handlungsanleitungen, mit denen im Grunde zu einem Weiter-So aufgerufen wurde.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 22.06.12

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