Der Gewerbeverband handelt verantwortungslos

Der Widerstand der Wirtschaftsverbände und bürgerlichen Parteien gegen die Neubau-Pläne auf dem Lysbüchel-Areal entbehrt jeder Grundlage. Wer so politisiert, gefährdet die Zukunft der Stadt.

Beispielloser Akt der Selbstverstümmelung: Der Gewerbeverband profiliert sich auf Kosten der Stadt.

(Bild: Nils Fisch)

Der Widerstand der Wirtschaftsverbände und bürgerlichen Parteien gegen die Neubau-Pläne auf dem Lysbüchel-Areal entbehrt jeder Grundlage. Wer so politisiert, gefährdet die Zukunft der Stadt.

Manchmal kann man nur ungläubig staunen. Da findet sich für das alte Industrie- und Gewerbegeviert im Lysbüchel eine Lösung, die alle Interessen austariert berücksichtigt, die zudem die Stadt ein gutes Stück weiter bringt – und trotzdem sabotieren Gewerbeverband, Handelskammer und sämtliche bürgerlichen Parteien das Projekt.

Nur schon die Fakten sprechen für sich: Statt 400 Arbeitsplätze sollen dort künftig bis zu 3400 angesiedelt sein, dazu gibt es dringend benötigte Wohnungen für bis zu 2000 Menschen. Die dort ansässigen Schrottverwerter werden anders als anfangs befürchtet auch nicht aus der Stadt gemobbt, sie erhalten ein neues Plätzchen am nördlichen Ende des Areals.

Es gibt häufig Gründe zur Skepsis, wenn die Basler Stadtplaner ans Werk gehen. Wenn sie auf der Hafenmeile ein glitzerndes «Rheinhattan» aus dem Boden stampfen wollen. Wenn sie Altes, das für alle erschwinglich war, in Neues verwandeln, das viele ausschliesst. Auch wenn sie Handwerkerbetriebe, die sich hohe Mieten nicht leisten können, durch Büros ersetzen.

Im Lysbüchel soll passieren, was an vielen Orten der Stadt Realität ist: das Nebeneinander von Arbeit, Freizeit, Wohnen.

Im Lysbüchel trifft nichts davon zu. Alle haben dort in Zukunft ihren Platz. Die Vorbehalte, die lärmigen Gewerbebetriebe werden bei Konflikten mit den neuen Bewohnern den Kürzeren ziehen, sind unberechtigt. Zwischen dem neuen Industrieareal und den Wohnzonen werden Puffer eingerichtet, die den Lärm fernhalten. Die Zufahrt für die Lastwagen führt auch nicht durchs neue Quartier. Zudem weiss jeder, der dort einziehen will, dass neben ihm gearbeitet wird.

Im Lysbüchel soll passieren, was vielleicht nicht auf dem Bruderholz und anderen besseren Nachbarschaften, aber an vielen Orten der Stadt Realität ist: das Nebeneinander von Arbeit, Freizeit, Wohnen. 9000 von 14’000 Arbeitsplätzen des hiesigen Gewerbes befinden sich in Wohn- und Mischzonen. Man findet Bauschreiner in Innenhöfen, Schlossereien zwischen Reihenhäusern. Trotzdem behauptet der Gewerbeverband unverdrossen, das könne nicht funktionieren.

Entwicklung Basels wird torpediert

Basel wächst, es zieht Unternehmer an, ist für Familien attraktiv. Es ist der hart erarbeitete Sog des Erfolgs, um den viele Basel beneiden. Statt diesen Erfolg weiterzudenken, ihn mitzugestalten, torpediert der Gewerbeverband mit seinen politischen Getreuen diese Entwicklung. 

Das ist Obstruktion um der Obstruktion willen, aus dem einzig denkbaren Grund – weil das Projekt von Rot-Grün stammt. Gewerbeverband und Handelskammer verraten dabei ihre ureigenen Interessen: Die Privatwirtschaft zu fördern.

Wer 400 Arbeitsplätze, die weitgehend erhalten bleiben dürften, stärker gewichtet als 2000 oder 3000 neue, nur um politisch Kapital daraus zu schlagen, der handelt verantwortungslos. Am Lysbüchel zeigt sich, wie parteipolitisch der Gewerbeverband durchwirkt ist – und welche Schäden das verursachen kann.

Sollten CVP, FDP, LDP, SVP und Grünliberale ihren Widerstand fortsetzen, wäre das ein beispielloser Akt der Selbstverstümmelung.

Nichts Nettes lässt sich über die bürgerliche Korona um den Verband erzählen. Die Selbstzuschreibung «wirtschaftsfreundlich» taugt hier noch nicht mal als Etikett. «MehrBS» lautet das Wahlkampfmotto der FDP – gemeint ist «Mehr bürgerlich», zur Not auch mit «WenigerBS». Dass jetzt auch noch die grünliberale Regierungskandidatin Martina Bernasconi lautstark die Pläne verdammt, ist eine besondere Pointe: Mehr Arbeitsplätze und Wohnraum in der Stadt entlasten die Verkehrswege und damit die Umwelt.

Sollten CVP, FDP, LDP, SVP und Grünliberale ihren Widerstand fortsetzen und in den Grossen Rat tragen, wäre das ein beispielloser Akt der Selbstverstümmelung. Politik sollte auch in einem Wahljahr von einer Restvernunft getragen sein.

Konversation

  1. Diese Idee, die riecht nach Gentrifizierung und Verdrängung in Reinkultur. Und die Tageswoche applaudiert. Verkehrte Welt?

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Ich habe in meinem Leben noch nie com Lysbüchel-Areal gehört. Einerseits kann man das befremdlich finden, für jemanden, der in Basel geboren wurde und immer dort lebte, andererseits finde ich es befremdlich, dass die Tageswoche nicht in der Lage ist, im Artikel zu erwähnen, wo sich dieses Areal befindet. Leider eine Erfahrung, die ich bei der TaWo laufend mache: Die Artikel scheinen stets unvollständig zu sein und setzen ein gehöriges Wissen über Themen voraus, die recht spezifisch sind (z.B. Baurecht in einem Beitrag zum 2. Roche-Turm u.a.). Hier besteht klar journalistischer Verbesserungsbedarf.

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Geehrter Herr Weingärtner
      Das Lysbüchel-Areal liegt zwischen Bahnhof St. Johann und Elsässerstrasse. Die Karte zum Kommentar ist schlicht vergessen gegangen, Sie finden sie jetzt oben rechts auf der Seite.

      Danke Empfehlen (0 )
  3. Wenn das die selben Stadtplaner sind, die für den Vogesenplatz, die leerstehenden Gewerbelokale und überteuerten Wohungen verantwortlich sind, dann kann man dem Gewerbeverband nur viel Erfolg wünschen.

    Danke Empfehlen (0 )
  4. Immer dann, wenn es mit Stadtplanungskonzepten konkret wird, kommen Interessengegensätze zum Vorschein. Das ist in den meisten grösseren Städten Europas so – zum Beispiel auch hier in Barcelona.
    Nun ist die Planung für das Lysbüchelareal so angelegt, dass eben kein Gewerbe aus der Stadt vertrieben wird, dass aber gewisse Standortverschiebungen innerhalb des Areals stattfinden sollen.Wohlverstanden: INNERHALB des AREALS.

    Zu vermuten ist, dass es genau darum geht, wenn der Gewerbeverband oder die Handelskammer und dann gleich nich alle so genannten bürgerlichen Parteien
    Widerstand ankündigen. Es geht wohl um die Verschiebung einiger Gewerbebetriebe innerhalb des Areals. Das wird einigen von denen erst einmal nicht passen, und daraus wird dann eine grosse Widerstandsnummer gebastelt, die man mit ruhigem Handeln und allenfalls einiger Umzugshilfe von Staates oder des Gewerbeverbandes wegen aus der Welt schaffen könnte. Und es geht zusätzlich, vermute ich, um den eingespielten „bürgerlichen“ Reflex gegen ein „Staatsunternehmen“ wie die SBB, welches sich
    erdreistet, Wohnungsbau zu betreiben. Hallo aber!

    Wenn dem so ist, dann sollten die Widerständler so ehrlich sein und genau das, um was es ihnen im Grunde genommen geht, als Grund für ihren Widerstand angeben und nicht irgendwelche Dinge vorschieben, denen sie andernorts mit dem Hinweis, wo
    gehobelt werde, fielen auch Späne an (oder Lärm oder sonst so etwas, z.B. Strassenlärm….) den „Grünen“ gerne vorwerfen, sie würden das Gewerbe mit ihren Einwänden gegen Lärm und Zufahrtswegen erledigen.

    Danke Empfehlen (0 )
  5. Also grundsätzlich bin ich positiv eingestellt gegenüber den plänen vom kanton. Das birgt eine chance. Kann jedoch die aorgen und ängste des gewerbeverbandes verstehen. Dass die tageswoche diese seite so plump und herablassend darstellt, das ist überflüssig und unangebracht. Bin aber nicht überrascht bei diesem autor…

    Danke Empfehlen (0 )
  6. Der Gewerbeverband entwickelt auf Kantonsboden (im Baurecht) an der Neudorfstrasse eine Werkarena für Gewerbetreibende. Gut so; obwohl es dort und evtl. auch auf dem Rosentalareal andere alternative Entwickler gäbe. Das Rumgemotze des Gewerbeverbandes nervt und ist verantwortungslos. Ich hoffe immer noch, dass nicht alle bürgerlichen Parlamentarier diesem Verband folgen; sonst wird es mit der Entwicklung unseres Kantons eng!

    Danke Empfehlen (0 )
  7. Ach, wenn alles doch nur so schön einfach wäre – ist es aber nicht. Denn zu aller erst werden auf dem Areal jetzt einmal bestehende Gewerbebetriebe verdrängt und damit wohl auch Arbeitsplätze gefährdet. Die SBB möchte ihr Areal vergolden und als subventionierter Staatsbetrieb höhere Erträge einfahren und aus den Flächen mehr heraus holen. Das ist ja ihr gutes Recht und macht ökonomisch auch Sinn – nur bleiben halt bestehende Nutzer auf der Strecke und werden grösste Mühe haben entsprechende Flächen in Basel zu ähnlichen Konditionen zu finden. Ob der Kanton eher die SBB oder die Gewerbebetriebe unterstützten sollte, darüber könnte und sollte man halt schon diskutieren.

    Übrigens auch über das „realistische“ BFS-Szenario von 20’000 zusätzlichen Einwohnern bis 2035. Das gleiche BfS ging im 2007 noch in allen Szenarien von rückläufigen Bevölkerungszahlen für Basel aus…..

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (10)

Nächster Artikel