Die Basler Zeitung im Wahlkampf, zweiter Teil

Der Grüne Stadtpräsident Guy Morin ist unfähig, weil sein Mitarbeiter Thomas Kessler in der «Arena» des Schweizer Fernsehens auftrat. So jedenfalls stellt es die «Basler Zeitung» dar. Umso besser weg kommt neuerdings dafür Baschi Dürr (FDP), der bis vor Kurzem ebenfalls noch als untauglich galt.

 

Ein Skandal? Thomas Kessler, Stadtentwickler in Basel und Berater des Schweizerischen Städteverbandes in Sachen Sicherheit, bei seinem umstrittenen Auftritt in der Arena des Schweizer Fernsehens vom 2. November 2012. (Bild: Screenshot)

Der Grüne Stadtpräsident Guy Morin ist unfähig, weil sein Mitarbeiter Thomas Kessler in der «Arena» des Schweizer Fernsehens auftrat. So jedenfalls stellt es die «Basler Zeitung» dar. Umso besser weg kommt neuerdings dafür Baschi Dürr (FDP), der bis vor Kurzem ebenfalls noch als untauglich galt.

 

Man kann sich über die politische Haltung der «Basler Zeitung» wundern und sich über einzelne Kommentare sogar empören. Man kann über die BaZ überhaupt denken, was man will. Etwas muss man ihr aber lassen: Vor dem ersten Wahlgang bei den Regierungs- und Grossratswahlen hat sie das Thema gesetzt – die Sicherheit.

Interessant darum, wie die BaZ in den zweiten Wahlgang und die Entscheidung im Kampf ums Regierungspräsidium einzugreifen versucht. Spätestens seit ihrem heutigen Freitagsblatt ist die Stossrichtung klar: Der Grüne Regierungspräsident Guy Morin soll mit dem Vorwurf geschwächt werden, er habe seinen Laden nicht im Griff.

Kessler ist schuld, egal was er gesagt hat

Gestützt wird diese Behauptung mit einem Auftritt von Morins Mitarbeiter Thomas Kessler in der Arena des Schweizer Fernsehens. Die Sendung war offenbar so empörend, dass die BaZ erst einmal eine Woche brauchte, bis sie sich wieder gefasst hatte und den Auftritt des Basler Stadtentwicklers in einem Frontaufhänger, einem Tageskommentar und einem weiteren Artikel im Regionalteil aufarbeiten konnte.

Um Kesslers Aussagen geht es dabei auf keiner Zeile. Eine Frechheit ist nach Ansicht der BaZ allein schon der Umstand, dass Kessler die Einladung des Schweizers Fernsehens annahm, als «Sicherheitsexperte» Auskunft zu geben.

Für die BaZ der endgültige Beweis, dass er ein «publicitysüchtiger Chefbeamter» ist, ein «grosser Guru». Und damit eine «Hypothek für Morin», dem er mit seinem «ungeschickten Fernsehauftritt in den Rücken gefallen» sei. Der Grüne stehe nun als «zaghaftes Exekutivmitglied» da, das sich von der Verwaltung auf der Nase herumtanzen lasse – und das kurz vor der entscheidendenden Wahl. «Ein gefundenes Fressen für die Herausforderer», folgert die BaZ.

Die BaZ bevorzugt ihre eigenen Sicherheitsexperten

Selbstverständlich gelingt es Kommentator Raphael Suter auch, eine ganze Reihe von Politikern zu zitieren, die sich nun ebenfalls «befremdet» oder zumindest «überrascht» geben. Es sind die gleichen Politiker, die immer befragt werden. SVP-Vertreter und – fast noch wichtiger – Christoph Haller, den die BaZ vor dem ersten Wahlgang mit einer ganzen Serie von Interviews, Leitartikeln und Gastbeiträgen zum Sicherheitsexperten zu befördern versuchte. Zu dem Mann also, den das angeblich so unsichere Basel dringend gebraucht hätte. Gewählt wurde Haller dennoch nicht.

Dafür ist ein anderer Freisinniger noch im Rennen: Baschi Dürr, der sich auch im Kampf ums Regierungspräsidium noch Chancen ausrechnet. Dumm nur, dass die BaZ ihn vor einigen Tagen noch als «verbissen und staubtrocken» dargestellt hat, als «völlig verkrampft», ohne «jeglichen Humor» oder kurz: nicht als «den Stapi, den sich Basel wünscht».

Damals war Dürr aber auch noch ein Konkurrent von Christoph Haller, der «das Terrain mit seinem Sicherheits-Wahlkampf geschickt für sich besetzt» habe, wie die BaZ vor dem ersten Wahlgang noch glaubte.

Ein Irrtum, wie sich herausgestellt hat. Nun scheint Dürr wieder recht, auch als Stapi. In der BaZ vom Freitag durfte er jedenfalls wieder einmal ausführlich Kritik an Morin anbringen und sich als die bessere Alternative präsentieren. Wie vorher schon bei unzähligen Podiumsdiskussionen und in Interviews dozierte er einmal mehr über die «fehlende Führung» im Regierungspräsidium und sein eigenes «Führungsverständnis».

Gass gibt es noch!

Schon überraschender ist da, dass sich neben Haller, Dürr und den SVP-Männern auch der abtretende Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass (FDP) noch einmal vernehmen liess. Er, der monatelang gar nichts gesagt hatte zur überbordenden Sicherheitsdebatte. «Kessler ist in unserem Kanton für das Thema Sicherheit nicht zuständig», sagte er nun der BaZ. Darum habe er bei Morin interveniert.

Nach dem langen Schweigen ist es beruhigend zu hören, dass Gass immer noch da ist.

Doch ist der ganze Ärger überhaupt berechtigt?

Nun, wenn man sich die Mühe nimmt, sich auch noch anzuhören, was in der «Arena» gesagt wurde, merkt man, dass Kessler einiges zum Besten gab, das auch dem Militärverweigerer Dürr («mache lieber was Sinnvolles») gefallen könnte. Dass die Schweizer Sicherheitspolitik von einem völlig veralteten Denken ausgehe, dass darum Milliarden von Franken für Kampfflugzeuge und Panzer verschleudert würden, dass das Geld in der Grenzwache und der Polizei sehr viel besser investiert wäre. Dort fehle das Personal und vor allem die Ausrüstung.

Des Weiteren erzählte Kessler das eine oder andere, das auch sein Chef Guy Morin gesagt haben könnte, einfach nicht so geschliffen wie sein Untergebener. Dass Prävention viel wichtiger und viel günstiger sei als Repression zum Beispiel. Oder wie wichtig darum die Integration und die Förderung schwieriger Jugendlicher sei.

Und, ach ja, auch das hat Kessler noch gesagt: Die ganze Sicherheitsdebatte werde sehr oberflächlich geführt. Es dominierten die Schlagworte und reisserischen Schlagzeilen.

Klar, dass das nicht allen passt.

Konversation

  1. Politisch macht die Hetzkampagne der BaZ gegen den Stadtentwickler durchaus Sinn, ist er doch jene national bekannte Persönlichkeit, die die SVP-Felder Migration und Sicherheit kompetent besetzt und der SVP mit seinen konkreten Lösungsvorschlägen die Bewirtschaftung erschwert. Das hat man in Herrliberg schon längst gemerkt, Luzi Stamm hatte in der Arena einmal mehr keine Chance gegen Kessler. Die Diffamierungen begannen ja genau mit dem Wahljahr, als Aufhänger diente damals sein Interview im Tages-Anzeiger mit Vorschlägen für faire und zügige Asylverfahren, und werden jetzt für den zweiten Wahlgang fortgeführt, nachdem Kessler überzeugende Vorschläge für mehr Sicherheit präsentierte. Man darf allerdings hoffen: im Gegensatz zur ersten Attacke gehen nur noch wenige Lokalpolitiker in die Falle – diesmal liessen sich nur noch SVP-Frehner und der naive Gass vorführen – und pikanterweise auch Stapi-Kandidat Dürr, der offenbar die Sendung gar nicht gesehen hat und sich so disqualifizierte. Das erleichtert die Entscheidungsfindung für die Wahlen enorm.

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  2. Eigentlich ist zum Thema BaZ schon alles gesagt. Die Kommentare aus der Feder von Somm werden gruusiger und gruusiger, und die meisten der von Somm’s Gnaden noch übriggebliebenen Artikelschreiber geben sich alle Mühe, dem Chefredaktor in nichts nachzustehen. Schaue ich das Produkt an, das nur noch wenige Tage in meinem Briefkasten liegen wird, wird es in jeder Hinsicht immer dünner. Die Information weicht der Polemik und Demagogie, die Inserate schwinden, der Wirtschaftsteil schrumpft sich in die Sportseiten hinein. Bald wird die BaZ wohl nur noch von denjenigen gelesen, die sie als Parteiblatt nutzen.
    Schon vor den US-Wahlen habe ich das Abonnement nach rund 35 Jahren Lesertreue gekündigt. Diesen Betrieb möchte ich nicht länger mitfinanzieren. Es isch gnueg Heu dunde, Adieu BaZ!

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  3. Haben Sie die Arena gesehen? So unfundiert und schlecht waren Kesslers Beiträge gar nicht. Als Dozent am Schweizerischen Polizei-Institut darf man von ihm auch eine gewisse Kompetenz in Sicherheitsfragen erwarten; diese Erwartung hat er meiner Meinung nach erfüllt.
    Es geht beim NZZ und BaZ-Bashing auch gar nicht um Kessler, sondern um die Basler Regierungsratswahlen und ein bisschen Stimmungsmache gegen Guy Morin. Gerade die NZZ hätte dies gar nicht nötig, das SVP-Kampfblatt BaZ setzt ja bereits die Vorgaben aus Herrliberg Wort für Wort um….

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  4. Offenbar liest der Tageswoche-Kommentator die NZZ am Sonntag nicht. Dasist ein unverzeihlicher Fehler. Denn sonst hätte er feststellen können, dass sich diese Zeitung schon am letzten Sonntag über das Multitalent Kessler lustig gemacht hat:Thomas Kessler, Faktotum, hat einen neuen Wirkungskreis. Bis vor kurzem war der studierte Agronom, ehemalige grüne Zürcher Kantonsrat und jetzige Leiter der Basler Kantons- und Stadtentwicklung als Experte für Migrationsfragen unterwegs. In der Fernsehsendung «Arena» vom Freitag nun tauchte Kessler plötzlich als «Sicherheitsexperte» auf. Wir freuen uns für Kessler, dass er neben seiner erfüllenden Tätigkeit als Beamter noch die Zeit fand, sich in ein neues Gebiet zu vertiefen, und begrüssen ihn herzlich im stetig wachsenden Kreis der General-Experten.

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  5. Ich bin froh, dass einen Thomas Kessler in Basel gibt. Alles was Er bis jetzt
    gemacht hat war sehr kommunikativ und informativ. Er hat EINE MEINUNG und spricht nicht gefällig – einfach um „nätt“ daherzureden. An seinem neuen „Titel“ war er sicher nicht erfreut.

    HP. Gass wurde einfach vergessen – am besten wir tun das auch.

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  6. Sagen wir es doch kurz und bündig: Die BaZ und ihr Chefredaktor sind in die Ideologiefalle gefallen und kommen aus eigener Dummheit und Verblendung nicht mehr raus. Damit ist das Blatt journalistisch, politisch und ethisch abgemeldet, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es sich auch ökonomisch an die Wand gefahren hat. Dann hat Basel halt keine eigene Tageszeitung mehr – schade, aber wir werden es überleben.

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  7. Unter einer wahl stelle ich mir etwas anderes vor als die frage, welcher der beiden in welchem departement weniger schaden anrichten kann…

    Wenn allerdings dürr tatsächlich präsi würde könnte das sf behaupten, es habe mit der ettikettierung kesslers posten als sicherheitsbeauftragter antizipiert.

    Zur baz gibt es ja eigentlich nichts mehr zu sagen; als ich kürzlich einem abendlichen anrufer der mir ein probeabo der baz andrehen wollte entgegnete, somm habe in meinem briefkasten nichts verloren, reagierte er spontan mit einem herzlichen „das kann ich gut verstehen!“

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