Die Bürde der Vergangenheit

Heute wird die Fusionsinitiative lanciert. Die Frage lautet: Sollen sich die beiden Basel wieder zu einem Kanton zusammenschliessen?

Sollen wir wieder zusammen?

Heute wird die Fusionsinitiative lanciert. Die Frage lautet: Sollen sich die beiden Basel wieder zu einem Kanton zusammenschliessen?

Wie nah uns das alles geht, das lässt sich bei meinem Chef auf dieser Seite nachlesen. Urs Buess, ein Itinger, hat mir, einem Buckter, vor dem Verfassen dieses Kommentars folgende Worte gesagt: «Gerade du!»

Ja, gerade ich. Jahrelang habe ich mit Buess gemeinsam den Spott der Basler über uns Oberbaselbieter ertragen, jahrelang haben wir das Fähnlein des wackeren Baselbieters aufrecht in die Höhe gehalten und uns an unserer so glorreichen Herkunft ergötzt.

Aber wir lagen falsch.

Wir lebten eine Sehnsucht. Wir stellten uns das Baselbiet und die Baselbieter von damals vor: liberal, aufgeklärt, mutig; und wir meinten, immer noch in diesem Kanton zu leben. Wir wären gerne dabei gewesen, damals, beim revolutionären Kampf gegen jene verknorzten Herren in der Stadt, die uns die Mitsprache verweigerten und die später auch bei der Entstehung des Bundesstaats, der grössten Schweizer Leistung überhaupt, abseits standen. Wir waren die Zukunft, wir waren die Speerspitze der Moderne, die endgül-tige Abkehr vom Feudalismus, die Wiege der Volkssouveränität.
Wenn wir heute nun über die Fusionsinitiative der Grünen reden, tun wir das immer noch im Bewusstsein des Damals – und lassen das Heute aussen vor. Natürlich! Denn wir wissen, dass wir alle nicht mehr die Baselbieter von damals sind.

Inwiefern unterscheidet sich ein Hans Rudolf Gysin, der während seiner Jahrzehnte als Chef der Wirtschaftskammer nichts als undurchsichtige Klientel-Politik betrieben hat, von einem Seidenband-Herren? Wo ist unser Liberalismus geblieben, wenn wir ein paar trinkende Jugendliche mit dem Heli-kopter überwachen müssen? Wo unsere Eigenständigkeit, wenn unsere einzige Erklärung für die eigene Misere alle anderen sind?

Nein, wir sind wahrlich nicht mehr die Baselbieter, die wir alle gerne gewesen wären. Vielleicht hat uns die Abspaltung nicht gut getan, hat uns Heutigen eine heroische Vergangenheit aufgepfropft, an der wir scheitern müssen. Weil sie zu gross ist. Und weil sie nicht mehr in unsere Welt passt.

Niemand nimmt uns unsere Geschichte, wenn wir in einem selbstbestimmten Akt Ja zu einer Fusion mit den Baslern sagen. Ein Ja würde uns von der Bürde der Vergangenheit erlösen und würde den Weg frei machen, gemeinsam mit den Baslern einen modernen und offenen und mutigen Kanton zu schaffen. Einen Kanton, an dem die Baselbieter von damals ihre Freude hätten.

 

Der Contra-Kommentar von Urs Buess

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 03.08.12

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