«Es wird Zeit, das Profiteursystem zu durchbrechen»

Ein Gastkommentar von SP-Grossrat und Sozialarbeiter Thomas Gander zur Drogenlegalisierungs-Debatte.

Thomas Gander ist SP-Grossrat, Sozial- und Fanarbeiter in Basel. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Von der repressiven Drogenpolitik profitieren viele – ausser die Abhängigen selbst. Die Legalisierung sämtlicher weichen und harten Drogen könnte einige Knoten im System lösen, glaubt SP-Grossrat und Sozialarbeiter Thomas Gander. Er hat für uns einen Gastkommentar geschrieben.

Mit der Drogenpolitik in der Schweiz ist es so wie mit vielen anderen heiss diskutierten, gesetzlich regulierten Gesellschaftsfragen: Eine Änderung der derzeitigen Gesetzessituation hätte zur Folge, dass viele Akteure im Umfeld dieser Politik von der Ist-Situation nicht mehr profitieren könnten. Eine Legalisierung rückt damit schon mal vom ökonomischen Grundsatz her in weite Ferne.

Was es bräuchte, wäre der gesellschaftliche Wille, den Konsum von heute illegalen Drogen als Genuss- oder Suchtmittel – wie nach der Alkoholprohibition in den USA – neu zu bewerten und zu regeln. Dieser Wille entsteht aber nicht, wenn der Konsum von Drogen in unseren Köpfen mit Bildern vom früheren «Platzspitz» oder von tragischen Schicksalen bewirtschaftet wird.

Die Realität anerkennen

Ehrlich wäre ein Eingestehen, dass die Realität der Illegalität eine ganz andere ist. Cannabis, Designerdrogen, Kokain, LSD, Amphetamine usw. werden von vielen Menschen in unserem direkten Umfeld als stimmungsbezogenes Genuss- und Rauschmittel oder leistungsfördernde Substanz regelmässig konsumiert. Sei es der Arzt im Spital, der Chefkoch in der Küche, der Sportler nach seinem Triumph, der Student vor der Prüfung oder der Jugendliche, der die Nacht durchtanzen möchte.

Die Realität auszublenden hilft nicht weiter. Aber was machte der Gesetzgeber? Zuerst versuchte er mit Repression auf ein neues Phänomen zu reagieren. Dann, in einer zweiten Runde, baute er neben der Repression drei weitere Säulen auf: die der Prävention, der Therapie und die der Schadensminderung. Nicht zuletzt deswegen, da Behörden und Politik feststellten, dass die Repression nichts nützte und weiter Drogen konsumiert wurden.

Dieser zweite Schritt schuf einen Ressourcenbedarf. Neue Fachstellen wurden gegründet, Präventions- und Therapiekonzepte entwickelt, die Strafverfolgung ausgebaut und die Produktion von Drogensubstitutionsmittel angekurbelt. Es entstand eine Industrie rund um diese Substanzen – die Ökonomisierung eines von einer Mehrheit definierten Problems in seiner Perfektion.

Pragmatischer Umgang fast unmöglich

Aber die Bewirtschaftung jener Drogenrealität trägt nicht nur ökonomische Früchte. Mit Kalkül lassen sich weitere Probleme damit festmachen, die im politischen Umfeld für Empörung und damit für Wählerstimmen sorgen: Kriminalität, Migration, Prostitution, um nur ein paar wenige Schlagworte zu nennen. Jede gesellschaftsliberale Stimme in dieser festgefahrenen Situation wird mindestens als Verharmloser disqualifiziert.

Unter solchen Voraussetzungen wird ein pragmatischer Umgang mit diesen Substanzen beinahe unmöglich. Das Tragische dabei: Abhängigen, die durch eine schwierige Lebenssituation in die Drogenfalle getappt sind und nicht mehr rauskommen, denjenigen, die durch unsere gesellschaftlichen Maschen der Konformität und Leistungsdruck gefallen sind, wird so nicht geholfen. Im Widerspruch zwischen Therapiestationen und strafrechtlicher Verfolgung werden sie zunehmend Teil dieses Systems und sind dessen Mechanismen ausgeliefert.

Legalisierungsdebatte bleibt wichtig

Die Frage stellt sich: Will dieses System von Profiteuren die Drogenabhängigen je wieder loswerden? Eine Legalisierung aller harten und weichen Drogen hätte eine gewichtige Wirkung. Diejenigen, die ihre Drogen in einem für sie normalen Rahmen konsumieren möchten, könnten dies straffrei weiterhin tun. Den Menschen aber, die unter dem Drogenkonsum leiden, deren Zukunft durch ihren Konsum verbaut ist, wird etwas genommen: die Stigmatisierung – also die Ächtung und die Kriminalisierung durch einen grossen Teil der Gesellschaft. Gerade dies wäre ein erster wichtiger Schritt zurück ins gesellschaftliche Leben, was unbestritten der wirkungsvollste Ansatz zur Linderung der Folgen einer Suchtkrankheit ist.

Im Jahr 2013 fallen laut neuer Kriminalstatistik knapp 100’000 Drogendelikte auf rund 725’000 registrierte Straftaten. Es wird Zeit, die Polizei und die Justiz hier zu entlasten und das Profiteursystem zu durchbrechen. Das Vier-Säulen-Modell hat sich bewährt, aber es kann nur eine Zwischenstation sein. Die Legalisierungsdebatte muss weiter geführt werden.

Konversation

  1. Anfeindungen? Interessante Betrachtungsweise… ich habe eigentlich nur ihre Fähigkeit zur objetiv sachlichen Analyse dieser komplexen Problematik, basierend auf ihren Aussagen, in zweifel gezogen.
    Dass sie darob gleich demassen betupft waren und mich deswegen als Spiesser bezeichnen und mir mit physische Gewalt drohen würde eigentlich eher nahelegen, dass ich in Zukunft unter einem Pseudonym posten sollte oder? 😉
    Dass dies zudem gemäss ihnen „überall auf der Welt üblich ist“ kann ich nicht beurteilen, da ich mich nicht in solchen Kreisen bewege. Es lässt aber tief blicken.

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  2. … gefühllosen Anfeindungen mit ein Grund dafür, dass ich unter einem Nick schreibe.

    Und: Was überall auf der Welt üblich ist, soll bei uns hier aussergewöhnlich und feige sein? Und ich rede nicht von den zahllosen Pseudo-Klarnamen auf «newsnetz» etc..

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  3. Mag sein, dass mein Kommentar wenig feinfühlig und auch arrogant ist. Dennoch finde ich doch sehr jämmerlich, dass sie mir vorwerfen, dass ich hier im Virtuellen Klartext rede. Denn im Gegensatz zu Ihnen, der mir hier feige hinter einem Pseudonym mit physicher Gewalt droht, poste ich unter meinem vollen Namen!

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  4. Demokratie zu kultivieren und in alle Schichten, alle „Gulöör“ und in alle Bildungsstände zu bringen.

    Da wo Worte aufhören, fängt die Gewalt an.

    „…mir das ins Gesicht gesagt, ich hätte Ihnen eine betoniert.“

    Was fang ich nun damit an?
    Wie soll ich damit umgehen?

    Ist denn der Dialog über alle Lager hinweg, nicht eines der grössten Güter der Demokratie?

    Mit einem Schlag verliert vor meinen Augen ein Grummel, jegliche Fähigkeit und auch Berechtigung, an einem Demokratischen Prozess teil zu nehmen, jedwelcher Sinn.

    Seid ihr denn alles nur Kinder?
    Wollt ihr denn nicht unsere Schwyz verbessern, entwickeln, statt konservieren?
    Ohren zuhalten und laut BLA BLA BLA schreien, wie meine 6 Jährige Tochter?

    Reisst euch mal zusammen und teilt euch mit.
    Teilt euch mit und hört zu.
    Reflektiert und wägt ab.

    Hört auf zu jammern und bewegt euch……..oder schweigt.

    Aber setzt euch nicht über andere. Beginnt zu zu hören.

    Werdet neugierig und bleibt kritisch.

    Hösch

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  5. Anscheinend habe sie die ca. Hundert Lädelis vergessen oder verpasst, wo man in Basel Legal Duftyäcklis kaufen konnte.
    Zu dieser Zeit lag der Schwarzmarkt ziemlich prach.
    Zugegeben ich beschreibe da nur den Mark einer einzigen Droge, aber ‚Imagine‘

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  6. … und den daraus resultierenden Preisen.

    Wenn der Staat Verkaufspunkte, Bezugspreise und Verkäufer festlegt, gibt es keinen Markt.

    Der findet dann mit anderer Ware an anderen Orten statt.

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  7. Wenn alle Drogen Legal werden, fälllt der Schwarzmarkt zusammen.
    Der Staat kõnnten den legalen Handel bestdeuern, Arbeitsplätze würden auch ges hafft.

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  8. Nein, reicht nicht einmal im Ansatz. Aber es erklärt ihre Haltung und zeigt, dass es Ihnen wahrscheinlich unmöglich sein dürfte die Problematik obejektiv zu betrachten. Meine Co-Sucht-Erfahrung ist übrigens länger, stammt aber von einem „legalen“ Raschgift her und endete zwar nicht im Suizid, aber im demselben Resultat – aber ich komme nicht auf die Idee auf dieser Basis die Problematik beurteilen zu können.

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