Flüchtlinge suchen heute Sicherheit und morgen eine Perspektive – die Schweiz kann beides bieten

Viele Flüchtlinge haben einen Platz in der Gesellschaft gefunden. Doch noch immer machen wir ihnen das viel zu schwer.

Bosnische Fluechtlinge 1992 bei der Ankunft in Buchs SG. Insgesamt 31 14 Personen haben im Juli dieses Jahres in der Schweiz um Asyl nachgesucht. Dies ist die hoechste Zahl von Asylgesuchen in einem Monat seit Januar 1992. Das Bundesamt fuer Fluechtlinge (BFF) fuehrt die Zunahme auf den Kosovo-Konflikt zurueck, der zehntausende Menschen in die Flucht schlaegt. Laut BFF laesst sich die Fluechtlingssituation mit normalen Mitteln bewaeltigen. (KEYSTONE/Str)

(Bild: STR)

Viele Flüchtlinge haben einen Platz in der Gesellschaft gefunden. Doch noch immer machen wir ihnen das viel zu schwer.

Es herrschen Krieg, Elend und Zerstörung. Die Menschen fliehen. Sie suchen Schutz in Europa. Deutschland, Österreich, Schweden und Schweiz heissen ihre Zufluchtsorte. Die heimische Politik warnt, die Verunsicherung in der Bevölkerung wächst.

November 2015? Nein, das war 1992.

Die Schweiz erlebte bereits vor über 20 Jahren einen ähnlich Anstieg der Asylzahlen. Der Jugoslawienkrieg vertrieb über zwei Millionen Menschen aus ihrer Heimat, und SVP-Bundesrat Adolf Ogi fragte rhetorisch:

«Diese Leute, die sich die Köpfe zerschlagen, das Land kaputt machen, kommen hierher, und wir sollen das nachher finanziell wieder aufbauen?»

Entsprechend war die Stimmung in der Schweiz. Ein Teil der Bevölkerung fürchtete sich vor einer «Überfremdung», ein Teil vor einer «Balkanisierung», ein Teil vor dem Verlust der eigenen Identität – und einem grossen Teil war es aber auch einfach egal.

Heute sind die Jugos ein Teil der Willensnation Schweiz geworden.

Die Stimmung gegenüber den Menschen aus dem Balkan kippte schliesslich. Die Flüchtlinge wie auch die Saisonniers – die auf den Baustellen des Landes als fleissige Arbeiter ohne grosse Ansprüche galten – wurden zu «Jugos». Oder ehrlicher: zu «Drecksjugos». Die Schweiz hatte nach «dem Italiener», «dem Türken» und «dem Tamilen» ein neues Feindbild.

Heute stehen die Jugos hinter den Bankschaltern im Baselbiet, tippen Waren an den Kassen in Genf, reparieren unsere Autos in der Waadt, entwerfen Einfamilienhäuser in Obwalden oder vertreten Angeklagte vor Gericht in St. Gallen. Sie sind ein Teil dieser Willensnation geworden, finanzieren sie mit ihren Steuern, üben ihre Verteidigung in der Armee, schiessen für sie Tore an Weltmeisterschaften.

Viele haben es trotz Vorurteilen, Hürden und traumatischen Erlebnissen eines Krieges geschafft: Sie setzten sich durch dank Fleiss, Mangel an Fachkräften in der Schweiz und manchmal durch Zufall. Ein Teil ist aber gescheitert, er hatte Probleme, machte Probleme und lieferte Schlagzeilen. Nicht weil diese Leute nicht Teil dieser Willensnation werden wollten, sondern weil sie sich trotz ihres Willens nicht hineinkämpfen konnten.

Was hat die Schweiz daraus gelernt?

Sicherlich nicht, dass gerade die Flüchtlingskinder von heute in Zukunft entweder ein Problem sind oder eine Stütze der Gesellschaft. Wir haben die Befürchtungen von damals, die sich nicht bewahrheitet haben, nicht begraben, sondern lassen sie von Parteien und Politikern umformulieren: Von der «Balkanisierung» zur «Islamisierung»; von der «Überfremdung» zu «Parallelgesellschaften». Waren es gestern noch die «Jugos», sind es heute die «Asylanten» im Allgemeinen.

Noch immer kämpft die SVP – selbsterklärt als einzige Partei im Land natürlich! – für «die wahre Identität» der Schweiz. Vergisst dabei aber die Geschichte dieses Landes.

Statt Heime und Unterkünfte zu erneuern, werden 2015 erneut Hürden gezimmert für Menschen, die Schutz suchen in diesem Land.

Die Schweiz als Willensnation. Als Zusammenschluss jener, die damals wie heute als Gemeinschaft ein besseres Leben sehen. Ein Zusammenschluss jener, die vereint ermöglichen wollen, dass der Bergbauer im Wallis genauso wie der Logistiker im Aargau und der Chemiker in Basel-Stadt sein Leben leben kann. Und das eben besser, als es alleine ginge.

Und jene Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, die dieses Land einst in Angst und Schrecken versetzten, weil sie Schutz in der Schweiz suchten: Sie sind heute ein vollwertiger Teil dieser Gesellschaft.

Statt Heime und Unterkünfte zu erneuern, werden 2015 erneut Hürden gezimmert für Menschen, die Schutz suchen in diesem Land. Die Behörden müssen sich gegen jenen Teil der Bevölkerung durchsetzen, der keine Heime, keine Liegenschaften – und schon gar nicht beides! – in seiner Nähe will.

Es sind die Menschen, die sich auf Facebook darüber empören, dass Flüchtlingsfamilien ein paar Jetons für die Herbstmesse gesponsert erhalten, während sich die eigene Nachbarin das nicht einmal leisten kann. Missgunst und Empörung liegen der eigenen Seele dabei näher als der Grossmut, dem Nachbarskind selbst einen Messbatzen zuzustecken.

Warum zählt im Land der Banken niemand das Geld? Jeder Franken, den man heute für Flüchtlingskinder ausgibt, könnte sich morgen doppelt auszahlen.

Es ist das grosse Problem auf kleiner Ebene. Die Kantone wissen seit Monaten, dass die Zahl der Asylsuchenden steigen wird. Dank fixem Verteilschlüssel hätten sie auch antizipieren können, wie gross der Bedarf wird. Reagiert haben sie auf zwei Arten: Die einen Kantone bereiteten sich darauf vor, die anderen hofften, dass die Flüchtlinge an der Schweiz vorbeiziehen. 

Oder sie haben sich auf den Standpunkt gestellt, dass halt keine Lösung möglich sei. Gründe sind schnell zur Hand: «Die Bevölkerung wehrt sich», «wir haben keine geeigneten Liegenschaften.» Doch die Menschen suchen Schutz, sie lassen sich dabei nicht von Zäunen, widrigen Umständen oder mangelnder Vorbereitung der Zielländer abhalten.

Menschen auf der Flucht interessiert nicht, ob sich jemand ihre traumatischen Erlebnisse anhören wird und ihre psychischen Beschwerden lindert. Es kümmert sie nicht, ob ihnen jemand die Sprache des Ziellandes beibringt oder sie auf einen Hügel in ein altes Hotel abschiebt.

Unverständlich bleibt allerdings, warum im Land der Banken niemand das Geld zählt. Jeder Franken, den man heute für Flüchtlingskinder und -familien ausgibt, könnte sich morgen doppelt auszahlen. Mütter mit ihren Kleinkindern, Siebenjährige und Teenager sind nicht gekommen, weil sie der Schweiz etwas wegnehmen wollen, sondern weil sie etwas suchen: Heute Sicherheit und morgen eine Perspektive. Die Schweiz kann beides bieten.

Es darf nicht sein, dass Unterkünfte für minderjährige Asylsuchende erst entstehen, wenn die Realität einem Kanton keine andere Möglichkeit lässt. 

8500 Lehrstellen blieben 2015 in der Schweiz unbesetzt, in vielen Branchen fehlen Arbeitskräfte. Eine Lösung wäre, das Potenzial der Menschen zu nutzen, die hierher kommen und Schutz suchen. Dass es durchaus Möglichkeiten gibt, zeigen Firmen wie Ikea oder auch Planzer, die Praktikumsplätze anbieten wollen. Selbst wenn das mehr dem Image geschuldet sein sollte, als einem ernst gemeinten Bedürfnis zu helfen – die Idee ist gut und pragmatisch.

Was die Schweiz benötigt, ist eine proaktive Haltung und gute Vorbereitung. Es darf nicht sein, dass Unterkünfte für unbegleitete minderjährige Asylsuchende erst entstehen, wenn die Realität einem Kanton keine andere Möglichkeit mehr lässt. Es darf nicht sein, dass Unterkünfte für Flüchtlinge zu einem Geschäft werden und erst möglich sind, wenn sich Kantone dem Druck des Bundes beugen müssen und sie sich für die Gemeinden lohnen.

Wer wirklich rechnen will, der sollte zurückblicken auf 1992.

Wir können es den Flüchtlingen wie damals schwer machen: Viele werden trotzdem einen Platz in der Gesellschaft finden, andere werden ihr Potenzial nicht ausschöpfen und einige werden auf der Strecke bleiben. Die einen leisten ihren Beitrag in der Schweiz (viele auch – dank ihrer Ausbildung hier – in ihrer Heimat als wertvolle Rückkehrer), die anderen «stören», «kosten» und dienen als Abziehbild für rassistische Ressentiments.

Jene Flüchtlinge, die in der Schweiz bleiben werden, können dieses Land vorwärtsbringen. Jene, die heimkehren, sind befähigt ihre Herkunftsländer aufzubauen.

Welche will die Schweiz auf der Plus-Seite sehen?

Geben wir den Flüchtlingen die Gelegenheit, ein Teil dieser Gesellschaft zu werden. Lassen wir ihnen Fürsorge, Geborgenheit und Bildung zugutekommen. Überlassen wir es nicht dem Zufall, ob diese Menschen eine Perspektive erhalten oder nicht.

Unter dem Strich dürfte sich das für die Schweiz lohnen. Jene Flüchtlinge, die in der Schweiz bleiben werden, können dieses Land vorwärtsbringen. Jene, für die es kein Schutzbedürfnis mehr gibt und eine Rückkehr möglich ist, sind befähigt ihre Herkunftsländer aufzubauen und weiterzuentwickeln.

Sie werden möglicherweise nur einen Arbeitsplatz schaffen, aber er wird jemandem vor Ort eine Perspektive bieten. Sie werden möglicherweise nicht eine politische Revolution auslösen, aber für Stabilität sorgen. Sie werden möglicherweise nicht mehr in die Schweiz kommen, aber sie werden vielleicht daheim im bosnischen Cazin ihr Café «Swiss» nennen.

Der Kuchen dort schmeckt ausgezeichnet.

Konversation

  1. Alles hat damit angefangen, dass Christoph Meurys Kommentar jemandem nicht gefallen hat (Plagiat und so).
    Darunter machen wir jetzt einen Schlussstrich!
    So!
    _________________________________________________________

    Und jetzt will ich etwas über das Thema schreiben, was mir sehr am Herzen liegt (trotz Pseudonym).

    Ich hole sehr weit aus. Weil das Problem ein grundlegendes ist.
    Wir haben eine Wirtschaft, die weltumspannend ist – global nennt man das.
    Es kann sich jede und jeder selbst ausdenken, was wohl der wahre Grund war, den Ländern im Nahen Osten und anderswo die Demokratie zu bringen.
    Der Grund kann zum Beispiel sein Russland die Einflussnahme in gewissen Ländern zu entziehen. Das war ganz sicher in Afghanistan der Fall. Oder es ging um die Kontrolle von Erdöl oder anderer seltener und wichtiger Substanzen.
    Diese Wirtschaft ist auf reinem nacktem Egoismus aufgebaut und lässt immer mehr Menschen auf der Strecke, auch bei uns. Bei der „Befreiung“ der Länder im Nahen Osten und in Nordafrika, wurden Menschen zum Kampf ausgebildet, von denen jetztr welche in Paris das Blutbad angerichtet haben. Das heisst es ist zu uns herübergeschwappt. In den Ursprungsländern ist es ja inzwischen so schlimm geworden, dass ein. normales Leben gar nicht mehr möglich
    ist – reihenweise sterben die Menschen dahin.

    Zu der Globalisierung der Wirtschaft gesellt sich immer mehr die Globalisierung der Vernichtung und im Gefolge die Flüchtlingsströme. Diese Menschen strömen nicht freiwillig zu uns (ausser vielleicht wenige Ausnahmen).
    Auch beim EU-Binnen-Arbeitsmarkt mit der Personenfreizügikeit, geschehen viele (vielleicht sogar weitaus die Mehrheit) der innereuropäischen Migrationsbewegungen alles andere als freiwillig.

    Die französische Revolution hat uns eine Antwort parat: Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit.
    Hier interessiert vor allem die Brüderlichkeit. Es ist nämlich gemeint Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben und allgemein im Zusammenleben. Die Freiheit gehört nicht zum Wirtschaftsleben. Die bringt da nur Egoismus bis zur Zerstörung.

    Bald werden wir über das Bedingungslose Grundeinkommen abstimmen. Das wird vorher zu vielen Diskussionen führen. Ein Nachteil in meinen Augen ist, dass es sich sehr stark, ja fast ausschliesslich an den Kapitalismus anlehnt. Aber eigentlich sollte uns das BGE dazu verhelfen uns davon zu emanzipieren.
    Wenn wir die Botschaft wirklich verstehen, was das BGE auch sein könnte, wird es uns wieder möglich sein, immer mehr aufeinander zuzugehen. Und ich bin eigentlich sicher, dass das viel mehr bringt, dem Bösen die Spitze zu nehmen, als wenn man direkt gegen das Böse kämpft. So pulstert man es nämlich nur noch mehr auf. Das wollen die doch.

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  2. @S chröttli
    Ich fordere nichts, es ist meine Ansicht.
    Ich neme auch nicht für mich in Anspruch dass meine Ansicht richtig ist.
    Richtig wäre höchstens dass meine Kommentare auch versteckt resp. gelöscht werden müssten, da sie mit dem Thema nichts zu tun haben.
    Im nachhinein tut es mir eigentlich leid dass ich diesen tollen Beitrag mit diesen unnötigen Kommentaren
    missbraucht habe.

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    1. @stucki
      das wär mir noch so recht: weg mit all den verborgenen kommentaren.
      ich halt Sie zwar nicht für den verursacher – bleiben wir beim kleinsten gemeinsamen nenner: heckenschützen sind speziell widerlich

      und der beitrag bleibt speziell wertvoll.

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    2. Ich finde es im Gegenteil grossartig von der Redaktion, dass sie die von der Redaktion nicht gewünschten Kommentare lediglich verbergen und nicht löschen.
      Werden sie gelöscht, wird bestimmt, was wir lesen dürfen, was man uns zumuten kann, das heisst, wir werden bevormundet. Werden sie lediglich versteckt, wissen wir, dass diese Kommentare nicht erwünscht sind. Wir können dann schauen aus welchem Grund, oder sie einfach versteckt lassen. Auf diese Art wird uns Mündigkeit zugetraut.

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  3. @s’chröttli
    Es gibt die Forderung den Schleier, das Kopftuch etc. zu verbieten mit dem Argument der Unterdrückung etc., obwohl die Betroffenenen auch für sich reklamieren es freiwillig zu tun.
    Aber das eigene Gesicht wollen wir verstecken.
    Wir wollen uns nicht zu erkennen geben und nicht von Angesicht zu Angesicht miteinander reden.
    Auch die Chaoten an Demos und an Fussballspielen verstecken sich oft unter einer Kapuze oder Maske.
    Wenn’s einen erwischt, so what.
    Ja der Vergleich ist hart und hinkt vielleicht auch, aber es geht in diesselbe Richtung.

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    1. @stucki
      ich werde stets an den anstand appellieren, die selbstbeschränkung, wenn Sie wollen – im blick den grösstmöglichen freiraum. die motivation zur maskierung – hier pseudo – ist sehr individuell. und wie @eldorado betont: auch anständig bewältigbar.
      weder bin ich für die diversen verschleierungsverbote noch befürworte ich die zwingende personalisierung.
      Sie können es fordern – ich halte es für selbst-zensur, nicht -beschränkung.

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  4. @stucki
    der status müsste die attraktivität haben «ab 90» – und gleichzeitig das andere erfolgreich verhindern, dass das eigentliche thema total in den hintergrund tritt!
    (das war mE die ursprüngliche intention)

    so ein guter aufbauender text – und dann das!
    ein wust an verborgenen kommtaren.

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  5. @stucki
    hab mich gar kurz gefordert gefühlt, einen kommentar bewusst so zu verfassen, dass der es zwangsläufig ins verborgene schafft (im dunkeln ist gut munkeln).
    ich halte diesen status «verborgen» etwa für so sinnvoll wie eine geknackte kindersicherung – wen reizt denn das nicht, sich einen verbotenen/zensurierten film «ab 18» einzupfeifen?

    mich?? natürlich stets aus absolut respektablen gründen, oder?

    hat was von scarce-marketing …
    das scheint mir entscheidender als die pseudo-frage: es gibt die nettiquette.
    so what?
    und wenn’s einen kippt – so what again.

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  6. Liebe Maya
    Ich möchte auf keinen Fall diese Diskussion wieder anstossen, darüber wurden schon lange Abhandlungen geschrieben. Wahrscheinlich gibt es kein richtig oder falsch.
    Ich habe einfach im Zusammenhang mit diesen verborgenen Kommentaren meine Meinung wieder mal kundgetan.
    Ich glaube Ihnen gerne dass noch nie einer Ihrer Kommentar verborgen resp. gelöscht wurde.
    Aber das trifft nicht auf alle Pseudo’s zu.
    Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten aber Sie sind eher die Ausnahme die als Pseude oder als Real Namen User diesselben Worte gebraucht.

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