Grüne bekennen endlich Farbe

Die Vereinigung Ecopop kämpft seit Jahrzehnten mit fragwürdigen ökologischen Argumenten gegen Zuwanderer und Überbevölkerung: Jetzt reagieren die Grünen auf die unheimlichen Weltretter – ihre Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel.

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Die Vereinigung Ecopop kämpft seit Jahrzehnten mit fragwürdigen ökologischen Argumenten gegen Zuwanderer und Überbevölkerung: Jetzt reagieren die Grünen auf die unheimlichen Weltretter – ihre Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel.

Unverbautes Land, sauberes Wasser, unverletzte Natur. Wer will das nicht. Doch wie weit darf man gehen, um die Umwelt vor dem Menschen zu schützen?

Geht es nach den Vertretern der Vereinigung Ecopop, sehr weit. Ihre Volksinitiative geht nicht nur markant über die Forderungen der SVP-Massenein­wan­de­rungs­initiative hinaus, indem sie die Zahl der Zuwanderer zahlenmässig auf maximal 16 000 Menschen pro Jahr festlegen will. Sie verfolgt auch ein fragwürdiges biopolitisches Projekt: Zehn Prozent der schweizerischen Entwick­lungs­hilfegelder sollen künftig für Projekte der Familienplanung in der ganzen Welt investiert werden, um das Bevölkerungswachstum auf unserem Planeten zu drosseln.

Es ist eine wirklichkeitsferne, arrogante Forderung, die von Greenpeace bereits als «kolo­nialis­tisch» kritisiert wurde – und sogar gegen die «Einheit der Materie» ver­stossen könnte, die die Verfassung bei Ab­stimmungs­vorlagen verlangt. Kommende Woche will die Staatspolitische Kommission des Ständerats diese Frage klären, im Raum steht überdies ein Gegenvorschlag zur Ecopop-Initiative.

Nische für Weltretter aller Couleur

Es brauchte wohl zuerst den Schock der Annahme der SVP-Masseninitiative: Allmählich regt sich auch im ökologischen Lager der Widerstand. Prominenter Gegner der Ecopop-Vorlage ist der Basler Autor und Sozialarbeiter Pierre-Alain Niklaus, der mit dem Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli am Buch «Die unheimlichen Ökologen» arbeitet. Niklaus stören vor allem die «menschenfeindlichen und technokratischen» Züge der Vor­lage. Die Vereinigung Ecopop, zu deren Gründern in den 1970er-Jahren auch rechtsnationale Politiker wie Valentin Oehen von der Nationalen Aktion gehörten, biete eine gefährliche Nische für Wachstums- und Einwanderungskritiker aller politischer Couleur.

Farbe bekennen endlich auch die Schweizer Grünen. Für den Basler Regierungspräsidenten Guy Morin ist die Ecopop-Vorlage eine «SVP-Masseneinwanderungsinitiative hoch 2». Mit dem soeben lancierten «Bündnis für eine offene Schweiz» und einer Kundgebung am 1. März wollen die Grünen jetzt an vorderster Front gegen Ecopop kämpfen. Es ist höchste Zeit dafür – die Glaubwürdigkeit der grünen Bewegung steht auf dem Spiel.

Lesen Sie mehr über die unheimlichen Weltretter und einen Kommentar des Basler Regierungspräsidenten Guy Morin in der Wochenausgabe der TagesWoche vom Freitag, 21. Februar – auf Papier oder in der App der TagesWoche.

Konversation

  1. Erstmal habe ich nur etwas festgestellt, noch nicht gewertet. Zugleich entzieht es sich aber meiner Kenntnis, was am Verteidigen von dauerhaft verstetigten, asymmetrischen Machststrukturen ok wäre. Auch weiss ich nicht, wie sie normativ begründbar sind.

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  2. Es ist leider häufig so, dass sich hinter angeblich Natur- oder auch militanten Tierschutzargumenten eine menschenverachtende Grundhaltung tarnt.
    Ganz wichtig, dies zu erkennen und zu benennen!

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  3. Unverbautes Land, sauberes Wasser, unverletzte Natur…? Für all das steht die Schweiz schon heute nicht. Das Land zersiedelt, das Wasser mit Nanopartikeln, Hormonen und Plastikmüll (z.B. vom Rheinbord) verschmutzt, die Natur weltweit in Mitleidenschaft gezogen. Als Vielflieger und mit der stärksten Autoflotte Europas, mit einem wöchentlichen Fleischkonsum von über einem kg pro Person (!), mit über 10’000 Watt Dauerleistung (wo 1’000 ok wären), mit viel zu hohem Ressourcendurchsatz, mit zu 60% ins Ausland verlagerten Umweltfolgen usw.: das ist „die“ Schweiz! Rezept gegen ECOPO: So bescheiden leben, dass die hiesige Lebensweise verallgemeinert werden könnte (nicht sollte). Und dann mal schauen, ob überhaupt noch jemand her wollte… Menschen zuvor auszuschliessen ist besitzstandswahrende Herrschaftsverteidigung.

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  4. Kleine Korrektur des letzten Abschnitts:

    Wir Grüne haben schon in einer MM vom 23.10.2013 Farbe bekannt, siehe diesen Auszug:

    „Die Grünen stellen mit Befriedigung fest, dass der Bundesrat dem Parlament die Ablehnung der Ecopop-Initiative empfiehlt. Die Beschränkung der Zuwanderung liefert keine Lösung für die von den Initianten angesprochenen Umweltprobleme. Stattdessen braucht es einen besseren Schutz des Kulturlandes, mehr günstigen Wohnraum und ressourcenschonende Wirtschaft. Die Wachstumsregionen müssen zudem ihre aggressive Wirtschaftsförderung auf die nachhaltige Entwicklung ausrichten.“

    Und diese Initiative war schon einThema zu Zeiten von Ueli Leuenberger als Präsi.

    Natürlich hatte bis zum 9. Feb. die MEI der SVP höchste Priorität.
    Ansonsten Danke für den Bericht.

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  5. ecopop ist ebenso unglaubwürdig wie die SVP die mit „Erhaltung von Natur und Landschaft, gegen Zubetonierung“ für ihre Initiative warb. Bei ecopop stehen andere Motive im Hintergrund. Familienplanung in den Herkunftsländern ist schön und recht. Sie löst – wenn überhaupt – die Probleme in 20 Jahren.

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