Christoph Brutschin: Der Regierungsrat mit zwei Gesichtern

Christoph Brutschin (SP) nimmt man als Direktor des Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt nicht gross wahr, im Hintergrund fühlt er sich am wohlsten. In der Regierung spielt der 58-Jährige jedoch eine prägende Rolle.

Der Sozialdemokrat Christoph Brutschin leitet seit 2009 das Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt.

(Bild: Nils Fisch)

Christoph Brutschin (SP) nimmt man als Direktor des Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt nicht gross wahr, im Hintergrund fühlt er sich am wohlsten. In der Regierung spielt der 58-Jährige jedoch eine prägende Rolle.

 Christoph Brutschin ist kein Mann, der auffällt. Betritt er mit seiner Aktentasche einen Raum, wirkt er unscheinbar und harmlos. Zwischen Schein und Sein liegen jedoch Welten: Seit Anfang 2009 leitet der Sozialdemokrat das Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt und gehört in der Basler Regierung zu den einflussreichsten Stimmen. Brutschin ist der kreative Kopf im siebenköpfigen Gremium, einer, der die Regierung aus verfahrenen Situationen herausholen kann und dafür von seinen Kollegen bewundert wird. Der 80-Millionen-Deal mit Baselland trägt im Wesentlichen seine Handschrift, auch wenn es am Schluss seine Vertrauensperson Eva Herzog war, die Applaus dafür erntete. Christoph Brutschin fühlt sich wohl in der Rolle des Strategen im Hintergrund. 

Im Herbst will der ehemalige KV-Rektor wiedergewählt werden, er dürfte das problemlos schaffen. Der Alltag als Regierungsrat erfordert aufgrund eines gesundheitlichen Rückschlags grosse Aufmerksamkeit: Brutschin musste sich seit 2006 mehreren Operationen am Innenohr unterziehen. «Medizinisch ist alles in Ordnung, das Hörvermögen hat aber gelitten», sagt er. In der SP heisst es gerüchteweise, man habe ihn deshalb zu einer erneuten Kandidatur überreden müssen. Brutschin winkt in den Räumen der TagesWoche – wenig überraschend – ab: «Was da immer geredet wird! Ich bin einfach sehr glücklich, dass mich die SP für eine weitere Legislatur nominiert hat», sagt er.

Der Betriebsökonom wird von seinen politischen Gegnern als sympathisch, engagiert, pragmatisch und kompetent beschrieben. («Ein Glücksfall für Basel», sagt ein FDPler.) Vor dem 58-Jährigen nimmt man sich in Acht – auch, weil er als dünnhäutig bekannt ist und einen bösen Ton anschlagen kann. Läuft es nicht so, wie er will, gibt er es einem zu spüren, meistens per E-Mail. In der persönlichen Begegnung zeigt sich Brutschin locker und freundlich. Der ehemalige KV-Lehrling erklärt seine Ausbrüche so: «Wenn mir etwas nicht passt, dann sage ich das – das war es dann aber auch.» 

Ein Politiker, der den Gesamtblick nie verliert

Brutschin wird in seiner Partei als der sozialste SPler in der Regierung wahrgenommen. «Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der die Einkommensverteilung schiefer wäre als in westeuropäischen Demokratien sozialmarktwirtschaftlicher Prägung», sagt er. Doch es stecken auch unromantische, ökonomische Überlegungen hinter seiner Überzeugung: «Wenn die Einkommen einigermassen gleichmässig verteilt sind, wird auch die Kaufkraft gleichmässig verteilt, es entfaltet sich insgesamt also mehr Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, was wiederum zu mehr Beschäftigung und damit zu mehr Lohnzahlungen führt.»



Vom KV-Rektor zum Regierungsrat: Christoph Brutschin. (

Vom KV-Rektor zum Regierungsrat: Christoph Brutschin. (Bild: Nils Fisch)

In Brutschins Ära wurden die Familienmietzinsbeiträge ausgebaut – und steigen in Basel-Stadt die Krankenkassenprämien, erhöht er die Prämienverbilligungen. Aber ist das nicht das Mindeste, was man von einem linken Regierungsrat erwarten kann? «Zieht man in Betracht, dass reihum kantonale Sozialleistungen eingefroren oder abgebaut werden, während Basel-Stadt ausgebaut hat, ist das wohl etwas mehr als einfach das Minimum.»

Brutschin sucht immer den grösseren Zusammenhang – er ist ein Politiker, der den Blick fürs Ganze nie aus den Augen verliert. Die derzeitige Wohnsituation bereitet ihm Sorgen. Es gebe eine leichte Zunahme von Leuten, die auf der Gasse leben. «Hier müssen wir eine Lösung finden. Mich persönlich betrifft es, wenn jemand kein Logis hat – das ist etwas vom Schlimmsten, was jemandem passieren kann.» Zwar habe Basel-Stadt die Zahl der Notwohnungen in letzter Zeit erhöht, aber es brauche wohl einen weiteren Ausbau.

In der Kultur- und Gastroszene wünscht man sich immer wieder mehr Toleranz des ihm unterstellten Amtes für Umwelt und Energie, etwa, wenn es um neue Bass-Regelungen geht oder um Gartenbeizen, die bereits um 20 Uhr schliessen müssen. In solchen Situationen versteckt sich Brutschin gerne hinter Paragrafen: «Wir vollziehen einfach nur das Gesetz. Dieses lässt sich auf dem üblichen, demokratischen Weg über die Parlamente anpassen. Geschieht das, dann vollziehen wir künftig diese neuen Bestimmungen», sagt er.

Sorgen um den Wirtschaftsstandort

Brutschin hat eine Mission: Mit aller Kraft will er den SVP-Kandidaten Lorenz Nägelin in der Regierung verhindern. Niemand von den rot-grünen Regierungsratskandidaten scheint die SVP so zu verachten, wie Brutschin es tut. «Es gibt nun mal Sachen, die für unseren Wirtschaftsstandort essenziell sind. Die SVP fährt aber eine ganz andere Linie.» Damit meint er die Masseneinwanderungs-Initiative, deren mögliche Folgen bereits heute «extrem belastend» für Basel-Stadt seien.



Brutschin wirkt nett und locker – er kann aber auch mal böse werden.

Brutschin wirkt nett und locker – er kann aber auch mal böse werden. (Bild: Nils Fisch)

Bereits Ende 2014 hat der Bundesrat beschlossen, die Kontingente für Angehörige aus Drittstaaten zu kürzen (damit sind Bürger von Staaten gemeint, die nicht in der EU oder Efta-Mitglied sind). Der Wirtschaftsdirektor zeigt sich besorgt: «Letztes Jahr haben die Kontingente knapp gereicht – was aber damit zu tun hat, dass die Firmen von sich aus weniger Anträge gestellt haben.» Gewisse Projekte fänden eventuell gar nicht mehr hier statt, Arbeitsplätze von morgen gingen somit verloren. Das sei eine gefährliche Entwicklung. Brutschin kann deshalb nur den Kopf schütteln darüber, dass FDP, CVP und LDP erstmals mit der SVP bei den Regierungsratswahlen zusammenspannen.

Brutschin befürchtet, dass sich einzelne Interessengruppen bei einer bürgerlichen Regierungsmehrheit besser Gehör verschaffen könnten als heute. «Ich mache mir auch Sorgen um das soziale Basel, für das wir uns eingesetzt haben.» Rot-Grün zeichne eine Stabilität aus – was gewisse Menschen auch als langweilig empfinden mögen. Brutschin findet Langeweile nicht per se etwas Schlechtes: «Politik hat nichts mit dem Unterhaltungsbusiness zu tun. Es ist eine unspektakuläre Arbeit – und für die Bevölkerung dann am Besten, wenn sie funktioniert, ohne dass man viel davon merkt.»

Was beschäftigt die Bevölkerung aus Ihrer Sicht am meisten?
Die Beschäftigungslage, die Finanzierung des Gesundheitswesens und übergeordnet die Frage, wie unsere Gesellschaft mit terroristischen Anschlägen umgehen soll und kann.

Wieso sollte man ausgerechnet Sie wählen?
Weil ich alles tun werde, um dem neuen, wegweisenden Basler Energiegesetz zum Durchbruch zu verhelfen – genauso wie einer weiteren Förderung wirtschaftlicher Innovation und einem gezielten Ausbau unserer Sozialleistungen.

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
Reste der Ferienlektüre: Helen Macdonald’s «H wie Habicht», dazu die letzten zwei Ausgaben von «WSC – When Saturday Comes» – die Kolumnen von Harry Pearson sind ein Genuss!
Steckbrief:

Geboren: 1958.
Werdegang: Kaufmännische Grundbildung, längere Berufspraxis in der Privatwirtschaft, später Studium der Volkswirtschaft und der Wirtschaftspädagogik, von 1996 bis Anfang 2009 Rektor der Handelsschule KV, Mitglied des Grossen Rates (1992–2005), 2008 Wahl in den Regierungsrat, seit Anfang 2009 Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt, neu Präsident der Volkswirtschaftsdirektoren-Konferenz.
Familiäres: Verheiratet mit Lilli Strassmann (Ergotherapeutin, SP-Bürgergemeinderätin, Stiftungsrätin der Christoph Merian Stiftung), eine gemeinsame, erwachsene Tochter, die Familie lebt in der Breite.

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Die TagesWoche porträtiert während dem Wahlkampf alle bisherigen Regierungsräte und neuen Kandidaten. Bereits erschienen: Eva Herzog, Conradin Cramer, Lukas Engelberger.
Demnächst im Porträt: Lorenz Nägelin (SVP).

Artikelgeschichte

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Konversation

  1. Man kann Brutschin auch wählen, wenn man nicht Basler Bürger ist.

    Schliesslich ist er Regierungs- und nicht Bürgerrat.

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  2. Zur guten Note der links grünen Regierung kommt noch der Nebeneffekt dazu, dass sogar Blocher anfängt zu verstehen, dass er in Basel auf keinen grünen Zweig kommt. Er will die BAZ los werden! Also ist das Fazit “ never change a winning team“ hier doppelt gültig!

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  3. @Fabienne Moerik

    Pointe: Mit diesem Schachzug wäre Wiedemann neutralisiert. In Basel würde er keine Verbündeten finden.

    Zur Ehrenrettung von Birsfelden: Die Birsfelder würden in diese «Not-Ehe» zumindest ein komplettes und relativ lukratives Kraftwerk mit Schleuse und allem Pipapo und einen zusätzlichen Hafen, welche mindestens zur Hälfte als Wohnquartier eine gute Falle machen würde, mitbringen. Da wäre ein Transfer schon fast ein Schnäppchen.

    P.: Ich bin Bürger von Reinach, also ein Agglo-Bürger. Ist das okay?

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  4. Brutschin ist zu 150% bürgerlich. Er ist auch ein Pharma- und Bankenfreund. Was an ihm sozialistisch sein sollte, frage ich mich seit Jahren.
    Eigentlich kann Rotgrün ihn nicht mit gutem Gewissen wählen.

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  5. Andere Frage: was ist der Sinn eines „Wirtschaftsministers“? Sowohl auf Bundesebene wie auch Kantonsebene verstehe ich nicht ganz der Sinn dieses Departementes.

    Das soll kein Angriff auf Brutschin sein, sondern ist eine grundsätzliche Frage.

    Ich hab so das Gefühl, dass die „Wirtschaftsminister“ diejenigen sind, welche am Wenigsten bewirken und gestalten können/dürfen.

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  6. Sie haben meinen Punkt nicht verstanden: Sie schrieben Bürger, nicht Wohnsitz. (Ja, ist Wortklauberei. Aber trotzdem.)

    Und zur angebotenen Fusion mit Birsfelden: Danke, nein. Wir haben bereits Eric Weber, wir brauchen nicht auch noch einen Jürg Wiedemann.

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  7. Hätte ich meinen Wohnsitz in Basel, wäre ich stimm- und wahlberechtigt. Ergo könnte ich Brutschin wählen. Ich wohne aber im Kanton Baselland, ergo kann ich Brutschin nicht wählen, respektive ich könnte Brutschin wählen, wenn er als Baselbieter Regierungsrat kandidieren würde. Tut er aber nicht. Obwohl, dem Kanton Baselland würde dies guttun. Mit den bürgerlichen KandidatInnen ist der Kantons Baselland bisher schlecht gefahren. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Es gäbe dann noch eine weitere Option, aber da ist der Wunsch der Vater des Gedankens: Man müsste Birsfelden, meine Wohngemeinde, als neues, verlängertes Breitequartier in Basel eingliedern/transferieren, dann könnte ich Brutschin wieder wählen. Das ist vielleicht etwas viel organisatorischer Aufwand, aber der Gedanke, dass Birsfelden dereinst zu Basel gehören würde, passt mir persönlich genauso gut, wie die damit verbundene potentielle Chance in Basel wählen zu dürfen.

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