Das Literaturinstitut Biel lässt diese Basler Autorin kalt

Sie hat mit «Mahlstrom» eines der eindringlichsten Schweizer Bücher des vergangenen Jahres vorgelegt, jetzt ist die Baslerin Yael Inokai wieder öfter in der Schweiz anzutreffen.

Als sie noch in Basel lebte, sei sie jeweils bereits Mitte April in den Rhein gestiegen, sagt Yael Inokai.

Vor neun Jahren sandte Yael Inokai einen Umschlag nach Biel. Empfänger: das noch junge Literaturinstitut an der Seevorstadt 99. Betreff: Bewerbung um Aufnahme an die Schreibschule. Antwort: Leider nein. Inokai war nur kurz beleidigt. Dann halt nicht.

Acht Jahre später erschien ihr zweiter Roman «Mahlstrom» (2017) beim Zürcher Rotpunktverlag. Und gewann kurz darauf einen der sieben mit 25’000 Franken dotierten Schweizer Literaturpreise, die das Bundesamt für Kultur jeweils im Februar verleiht.

Kurz leuchtet der Triumph auf im Gesicht Yael Inokais, der preisgekrönten Autorin, als sie an Yael Inokai, die abgelehnte Aspirantin denkt.

Doch genug der Genugtuung. Die Fröhlichkeit steht ihr an diesem ersten heissen Frühlingstag in Basel gut an. Sie fasst sich kurz an die Stirn, wo die Sonne schon Farbe hinterlässt, schaut bedauernd am geschlossenen Glacestand vor der Kaserne vorbei auf den Rhein und sagt: «Schade, Eis wär jetzt ganz nett gewesen.»

Drehbücher statt Kneipengeschichten

Inokai, 29 Jahre alt, im Iselinquartier unweit des Kannenfeldparks aufgewachsen, wohnt heute in Berlin. Sie entschied sich für Einsamkeit vor Gemütlichkeit, Wagnis statt Lethargie. Nicht, dass ihr Basel unliebsam geworden wäre, aber der Job in rauchgeschwängerter Luft hinterm Tresen des «Manger & Boire» sowie das Philosophiestudium am Nadelberg waren einfach zu wenig.

Nicht alles, was man erlebt, lässt sich literarisch verwerten. Und ein romantisierendes Faible für tragische Helden «aus dem Leben gegriffener» Kneipengeschichten geht Inokai ab. In der Gastronomie arbeite sie nie wieder, sagt sie. In Berlin studiert sie jetzt Drehbuch an der deutschen Film- und Fernsehakademie.

Im Frühjahr 2018 ist Inokai wieder öfter in der alten Heimat unterwegs. Erfolgsbedingt – kommt Preis, kommen Lesungen. In der Schweiz notabene, in Berlin hat von ihrem Erfolg noch kaum jemand Notiz genommen. «Die Aufmerksamkeit für Literatur ist in der Schweiz grösser als in Deutschland», sagt sie.

Hart im Nehmen

Inokai lässt sich vom Fotografen nicht zweimal bitten, streift die Socken ab und stellt sich knietief in den Rhein. «Früher, als ich hier noch zu Hause war, ging ich Mitte April bereits baden. Sowas geht heute nicht mehr, bei einem Bad in der Spree würden dir sämtliche Gliedmassen abfaulen.»

«Ich schlafe schlecht, wenn meine Figuren nachts mit mir in einem Raum bleiben.»

Auf der winterhellen Haut hinterlässt das frische Rheinwasser bald rote Flecken. Inokai hält das aus.

Wenn alles klappt, bezieht die Autorin in Berlin bald ihre erste eigene Einzimmerwohnung. Sie hofft, dem Nomadendasein zwischen Gelegenheitsbleiben ein Ende zu setzen. Inokai ist reif für ein bisschen Gewissheit, so kurz vor Vollendung des dreissigsten Lebensjahres.

Gewissheit heisst für sie auch, das Handfeste vom Flüchtigen zu trennen. Leben von Werk, ihren Text vom Zwiebelgeruch aus der Küche zum Beispiel. «Arbeiten und Wohnen an einem Ort, das habe ich früher andauernd gemacht. Heute geht das nicht mehr», sagt Inokai, «ich schlafe schlecht, wenn meine Figuren nachts mit mir in einem Raum bleiben.»

Präzise beobachtet, schillernd gesponnen

Die Figuren ihres letzten Romans siedelt sie vielleicht auch darum, also aus Gründen der Distanznahme, nicht in der Stadt an, sondern in einem Dorf ohne Namen. Aus der Perspektive von Yann, Adam und Nora setzt sich die Erinnerung an eine abgründige Kindheit zusammen. Eine Kindheit, in der Spiel in Gewalt, ländliche Freiheit in sozialen Zwang, die scheinbare Liebe der Nächsten in Verachtung, ja, blanken Hass umschlagen kann, so schnell wie das Wetter über den Felsen des Dorfes.

Sie sei reif für Gewissheit, sagt Inokai, und das bedeute, arbeiten und wohnen zu trennen.

Und dann, mit 22, nimmt sich Barbara das Leben, Adams Schwester, die Vierte im früheren Kinderbund. Ein Mahlstrom unten am Bach hält ihre Leiche gut eine Woche unter Wasser, gibt sie erst frei, als der verzweifelte Vater bei der Suche die Kleider der Toten, dann ein Büschel Haare zu fassen kriegt: «Und über diese Haare dann der Schrei, von dem jeder einzelne sagt, er habe ihn gehört.»

Der Freitod Barbaras hinterlässt ein Dorf in Schockstarre. Und alsbald setzt der Eiertanz einer verunsicherten Bürgerschar ein, die versucht, beim Wiederherstellen der brüchigen Ordnung die dünne Schale zur Vergangenheit nicht zu durchbrechen.

Das ist psychologisch präzise beobachtet. Und sprachlich so dunkel wie schillernd gesponnen, dass dem Leser die eigenen kindlichen Traumata wie Nadeln aus der Textdecke entgegenblitzen. Sie habe nie verstanden, warum die Kindheit gemeinhin entschärft und als harmlose, leichte Zeit inszeniert werde, kommentiert Inokai die Handlung trocken.

Fremdenführung als Übung gegen Lampenfieber

Um ihr Lampenfieber zu überwinden, das sie vor Lesungen befällt, hat Inokai eine sonderliche «Technik» gefunden: Sie führt Touristenscharen über den Flughafen Tempelhof, diese in Beton gegossene Luftbrücke zwischen Kaltem Krieg damals und Freizeitpark heute. Ein Ort, der Abgründiges und Heiterkeit in sich vereint.

Und, nützts? «Ja, wobei ich noch immer dann am meisten aufgeregt bin, wenn Freunde oder Bekannte im Publikum sitzen.» Gelegenheit, das selber zu beurteilen, gibt es gleich zweimal in Basel: am 26. April im Literaturhaus und am 29. April bei einer Sofalesung.

Vielleicht zieht Yael Inokai dereinst wieder nach Basel. Vorerst freut sie sich auf ihre erste Einzimmerwohnung in Berlin.

Yael Inokai: «Mahlstrom».  Rotpunktverlag, 2017.
Lesungen: Donnerstag, 26. April, 19 Uhr, Literaturhaus Basel.
Samstag, 29. April, 19 Uhr , Sofalesung (Ort wird bei Anmeldung bekanntgegeben).

Konversation

  1. Ein überaus gelungenes Porträt einer jungen Basler Schriftstellerin! Wie man die Autorin kennen lernt, so bekommt man auch Lust den Roman zu lesen. Die TagesWoche leistet damit wieder einmal kulturjournalistische Basisarbeit, die sonst nicht nur für die lokale Literaturszene einfach fehlen würde.

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