Der Monstermacher

Am Opernhaus Zürich modelliert Moises Bürgin füsselnde Krähen und Krähenfüsse bei Diven. Die richtig grausigen Kreaturen kreiert der Maskenbildner aber unter seinem Dach.

(Bild: Nils Fisch)

Am Opernhaus Zürich modelliert Moises Bürgin füsselnde Krähen und Krähenfüsse bei Diven. Die richtig grausigen Kreaturen kreiert der Maskenbildner aber unter seinem Dach.

Zu viel Sonne ist Gift für die Haut seiner Wasserhexe. Nicht etwa, weil sie, wie für klassische Bösewichte typisch, das Licht scheut. Sondern weil sich ihrem Schöpfer, Monster-Createur Moises Bürgin, die Nackenhaare aufstellen, wenn er sich vorstellt, was dann passiert: «Scheint die Sonne direkt drauf, schmilzt das Plastilin in der Hitze.»

Über hundert Stunden Arbeit hat Bürgin in seinem Dachstockatelier in Gelterkinden bereits in die Kreatur gesteckt. Einen Namen hat die Hexe nicht, eine Beziehung baut er zum lebensechten Modell trotzdem auf: «Ich begrüsse Sie schon mal mit: ‹Hoi, heute kommst du wieder dran.›»


Das klingt so Horror, wie die Hexe aussieht: «Erst habe ich einen alten Kopf vom Opernhaus ‹entaugt›, mit Plastilin überarbeitet, dann nochmals den Hals aufgeschlitzt und einen Keil reingeschoben, um die Position des Kopfes zu ändern.»

Blutige Zollkontrolle mit abgetrenntem Kopf

Nun kommt die Haut dran: Poren stechen und stempeln. Klingt nach Schlussspurt, doch Bürgin winkt ab: «Wenn ich die Poren bloss stemple, sieht es nicht echt aus.» Also sticht er jede einzeln, mit unterschiedlicher Richtung, je nach Position am Kopf. «Am Opernhaus hast du eine Deadline, daheim findest du nie ein Ende.»



Das braucht Geduld: «Wenn ich die Poren bloss stemple, sieht es nicht echt aus», weiss der Monstermacher.

Das braucht Geduld: «Wenn ich die Poren bloss stemple, sieht es nicht echt aus», weiss der Monstermacher. (Bild: Nils Fisch)

Eigentlich wollte der Fantasy-Fan die Wasserhexe dieses Wochenende an der Creaturegeddon, einer Fachmesse für Monster und Masken, präsentieren. Bis zu vier solcher Anlässe besucht er pro Jahr, um bei Workshops den Szene-Cracks über die Schulter zu schauen. «Der Austausch ist sehr inspirierend. Ihre Kritik und Ideen für die Hexe wären schon lehrreiche Inspiration gewesen.»

Nun fliegt er ohne Begleitung nach London. Vermissen wird er seine Wasserhexe schon am Zoll. «Die Handgepäckkontrolle macht mit Werken mehr Spass: Nein, nein, nichts Essbares – nur ein abgetrennter Kopf.»

Solche Sprüche in dieser Situation bringt die meisten Menschen in Schwierigkeiten. Bürgins letzter Flug nach Berlin endete jedoch mit einer Fotosession: sein blutverschmiertes Stück und die Grenzpolizisten. Der 43-jährige verströmt Charme und Schalk eines nimmergrossen Kindskopfes – mit ansteckender Begeisterung für seine Passion.

Operndiva mag totes Double

Die Eigenschaften helfen wohl auch, wenn er am Opernhaus Zürich Hand an die Diven legen muss. Von Cecilia Bartoli etwa musste er ein Double herstellen. Der Weltstar sass ihm dafür natürlich nicht selbst Modell. Über Beziehungen wurde in Paris ein Gipsabdruck ihres Kopfes, der dort Teil einer Ausstellung war, bestellt. «Der Gipskopf hatte kaum Hautstruktur. Darum musste ich ihn zuerst mit Silikon abformen und mit Plastilin ausgiessen, um einige Falten und Texturen reinmodellieren zu können, damit er lebensechter wirkte.» Bartoli gefiel ihr totes Ego. «Sie ist sowieso sehr umgänglich.»

 



Manche fürchten sich vor Monstern unter dem Bett, Moises Bürgin stellt sie einfach in sein Regal.

Manche fürchten sich vor Monstern unter dem Bett, Moises Bürgin stellt sie einfach in sein Regal. (Bild: Nils Fisch)

Bald acht Jahre arbeitet der Baselbieter am Zürcher Renommier-Betrieb, seit Kurzem als stellvertretender Chef der Theaterplastik. «Das ist einer der wenigen Schweizer Bühnenplätze, wo man für unseren Beruf ein Budget hat und auch mal experimentieren kann.» Etwa Krähen bauen, die sich bewegen.

Doch wäre für den grossen Science-Fiction-Fan nicht eher der Film das grosse Ziel? «Klar wäre ein Job für Star Wars ein Traum. Doch dafür müsste ich die drei Kinder verlassen.» Bei aller Liebe zu Fantasy, da ist Bürgin die Realität dann doch wichtiger. 

Vom Musik- und Nachtleben zum Maskenbildner

Die Geburt seines ersten Sohnes vor elf Jahren brachte ihn erst zur Maskenbildnerei. «Immerhin ist das meine erste richtige Ausbildung», scherzt Bürgin. Davor tingelte er durch das Gastgewerbe, war Hilfskoch im «Manger & Boire», Barchef in der ehemaligen «Babalabar» und studierte Gitarre an der Jazz- und Rockschule in Freiburg. Parallel tourte er mit der Metalband Godiva, teilte die Bühne mit Weltstars wie den Scorpions oder Whitesnake. «Doch irgendwann ging das finanziell und menschlich nicht mehr auf.»

Bürgin musste für die junge Familie Geld verdienen. Dem Rockzirkus blieb er hinter den Kulissen treu, indem er für einen grossen Equipmentverleiher Cases baute. Dort sah er das Inserat für die erste schweizerische Ausbildung zum Maskenbildner. Eine ziemlich teure Angelegenheit, doch es musste sein. Bürgin finanzierte dies mit Nachtschichten in einer Zeitungsdruckerei und an der «Atlantis»-Bar. «Während zwei Jahren gab es kaum mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht.»

Zahnseide für Monster 

Heute hat er mehr Zeit, seinen Musen nachzugehen. «Im Ausgang bin ich aber seit Jahren nicht mehr anzutreffen», beteuert er. Wenn, dann bei den sporadischen Konzerten seiner Coverband Songs of Grease. Die Gitarre steht noch immer im Dachstockatelier. «Von einer eigenen Band träume ich noch immer. Doch auch beim Solo-Schrummeln kann ich wunderbar abschalten.»



Die Werkzeug-Grundausstattung eines Maskenbildners.

Die Werkzeug-Grundausstattung eines Maskenbildners. (Bild: Nils Fisch)


Die gebrauchten Saiten verwendet er weiter als Werkzeuge zum Modellieren. Er bastelt daraus kleine Besen, um etwa die Hautstruktur aus dem Plastilin zu kratzen. «Ich bin dauernd auf der Suche nach neuen Werkzeugen für besondere Effekte.» Zahnseide, Tierbürste, Bunsenbrenner, Kältespray – ja sogar das Spielzeug der drei Kinder wird zu Werkzeug.

Sein Arbeitsarsenal wird aber nicht nur um haptische Instrumente erweitert. Längst nutzt Bürgin den Computer. «Dort arbeite ich mit demselben 3D-Programm, das auch die Game-Industrie nutzt.» 3D-Drucker werden in seinem Metier eingesetzt, um passgenaue Körperteile oder Masken herzustellen. Bei grossen Filmproduktionen ist das bereits Standard, da die Maschinen schneller und billiger sind, als alles von Fachkräften modellieren zu lassen.

Zukunft der Zunft dank Hightech

Doch Sorgen, wegen der Technik seinen Job zu verlieren, muss Bürgin sich nicht machen. So einfach wie bei «Mission Impossible», wo ein portabler Drucker den Agenten die perfekte neue Identität liefert, ist es in der Realität noch lange nicht. Der technische Fortschritt bringt Bürgins Metier sogar mehr Arbeit. «Mit zunehmender Bildqualität der Filme sind Masken und Schminke noch viel aufwendiger geworden.» Die Arbeit geht Bürgin noch lange nicht aus.

Noch sind all die privaten Monster Lehrstücke aus Leidenschaft, wo er nebst Zeit auch viel Geld investiert. Aber bereits kommen Aufträge von Privaten – etwa für eine Jimi-Hendrix-Figur. Sein Gitarrenidol fertigte Bürgin sehr gerne. Spass bereitet auch der Werwolf, den eine Werbeagentur aus Basel über ein Festivalgelände jagte.


Die Aufträge neben der Arbeit am Openhaus häufen sich. Und wer weiss, ob der Austausch mit den Modellier-Meistern von Star Wars sich in Zukunft nur auf den virtuellen Raum und die Messen beschränkt.



Kein Monster, aber tot: Jimi Hendrix, eine Auftragsarbeit.

Kein Monster, aber tot: Jimi Hendrix, eine Auftragsarbeit. (Bild: Nils Fisch)

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