Eine umtriebige Wurzel

Das Musikjahr ist noch jung – und Dominic Stämpfli nonstop auf dem Sprung. Mit dem Radicalis Music Race sucht der umtriebige Bandmanager und Konzertbooker neue Wege, um Künstler an die Leute zu bringen.

Der Weg führt nach oben: Dominic Stämpfli von Radicalis Music. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Das Musikjahr ist noch jung – und Dominic Stämpfli nonstop auf dem Sprung. Mit dem Radicalis Music Race versucht der umtriebige Bandmanager und Konzertbooker neue Wege zu beschreiten, um Künstler an die Leute zu bringen.

Hartnäckigkeit gehört zu den Eigenschaften, die man mitbringen sollte, wenn man sich im umkämpften Musikgeschäft Gehör verschaffen will. Dominic Stämpfli scheint hartnäckig zu sein. Und umtriebig. Seit die TagesWoche vor eineinhalb Jahren gegründet wurde, verging kaum eine Woche, in der uns sein Name nicht begegnet wäre. Wir haben nachgezählt: 123 E-Mails lagern in unserem Posteingang, die in irgendeiner Form auf ihn verweisen. Sei es, weil sein Name in einem elektronischen Brief eines Künstlers als Manager vermerkt ist. Sei es, weil ein Club ihn als Kontakt zu einer Band angab. Oder weil Stämpfli selber auf einen Künstler, eine Veranstaltung hinwies.

Radicalis heisst die Agentur, die er als Schüler am Gymnasium Münchenstein ins Leben rief. Stämpfli besuchte Typus E, Schwerpunkt Wirtschaft also, wusste aber, «dass sich Latein immer gut macht», wie er grinsend erklärt. So kam er zum Namen Radicalis: Mit Wurzeln versehen. Passte für ihn, wollte er doch anderen zur Blüte verhelfen, zum Wachstum befreundeter Bands beitragen. So wie jenen Schulkollegen, die unter dem Namen Kapoolas Musik machten und denen er als Booker zu Auftritten verhalf.

Auf dem Keyboard herangetastet

Dominic Stämpfli machte damals, als Teenager, auch selber Musik. Er spielte Keyboards, denn «klassisches Klavier war nicht mein Ding», sagt er – und fügt offen und ehrlich an: «Ich merkte aber bald, dass meine Zukunftschancen als Musiker sehr begrenzt waren.» Diese Einsicht – und die Tatsache, dass ihm die Arbeit hinter den Kulissen grossen Spass machte, führte dazu, dass er das Gym abbrach und zur Handelsschule wechselte, um im kaufmännischen und organisatorischen Bereich weiteres Rüstzeug für ein Berufsleben in der Musikbranche abzuholen.

Die Begeisterung für all das hatte ihn schon früher gepackt: Gerade mal 14-jährig, arbeitete er als Helfer am Bottminger Benefiz. Stand backstage, als ein Volvo heranfuhr, die Musiker von Fools Garden («Lemon Tree») ausstiegen und ihm die Autoschlüssel in die Hand drückten. Mit den Worten: Er soll doch ihren Wagen parken. Nicht ahnend, dass der Junge mit dem «Staff»-T-Shirt gar noch nicht fahren konnte.

Erst eigenes Festival, dann Praktikum

«All die Erfahrungen, das ganze Treiben hinter der Bühne beeindruckte mich sehr», erinnert er sich. So sehr, dass er ein Jahr später ein eigenes Festival auf die Beine stellte. Die Gemeinde Aesch schenkte dem Schüler aus dem Dorf das Vertrauen und erlaubte ihm die Durchführung seiner «Phoenix Outback Session». Auf der Bühne: eine junge, viel versprechende Band aus Erschwil. Navel.

Diese haben sich in den zehn Jahren, die seither vergangen sind, über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht, so wie ihr früher Wegbegleiter Dominic Stämpfli. Nach der Handelsschule arbeitete er zu 80 Prozent bei Audio Rent in Dornach, einer Firma, die spezialisiert ist auf Ton-, Licht- und Videotechnik. Lernte dort mehr über Geschäftliches, aber auch Techniker kennen, baute sein Netzwerk zudem aus mit einem Praktikum bei Ramon Vacas (heute inaktivem) Plattenlabel Helium Records. Und erweiterte die eigene Bookingagentur mit Freunden (u.a. Luca Studer, der mittlerweile das Imagine Festival leitet): «Radicalis stand eine Zeit lang für eine offene Gruppe an Leuten, allesamt Musikfans. Wir holten Gruppen aus dem Ausland nach Basel – und legten uns zudem für regionale Bands ins Zeug. Oft entstanden dabei Freundschaften, die bis heute andauern.»

Spiel mit offenen Karten

Vor drei Jahren wagte Stämpfli den Sprung in die Selbständigkeit. Liess sich, nach einem Ausflug nach Basel, wieder in Aesch nieder, wo ihn Eltern und Grosseltern ideell unterstützten, indem sie ihm günstigen Lebens- und Arbeitsraum zur Verfügung stellten. Andere Familien hätten ihrem 22-jährigen Sohn womöglich Vernunft einzuflössen versucht – zumal in den Medien doch stets vom Niedergang der Musikbranche die Rede ist. Dominic aber hatte das Glück, dass er ganz auf ihre Unterstützung zählen konnte und noch immer kann. Holt er eine internationale Band in die Schweiz, kann es auch mal vorkommen, dass teure Hotelkosten gespart werden, indem die Grossmutter einige Gästebetten bezieht, die Mutter kocht und für eine Nacht das Hotel Stämpfli in Betrieb genommen wird.

Die Leidenschaft und der Einsatz, die sich an solchen Beispielen manifestiert, erklären auch den Erfolg. Herzblut steckt Stämpfli in seine Arbeit, reich ist er noch nicht, aber erfahrener. Und wird zunehmend belohnt. Mit unkonventionellen Ideen, etwa grosszügig ausgestatteten Compilations, mit denen er die befreundeten Musiker unter die Leute brachte, erregte er schon vor Jahren Aufsehen. Und fiel 2010 auch einer Fachjury auf, die ihm damals den RFV-Förderpreis Business Support verlieh. Stämpfli gewann damit 12’000 Franken, die er ins Startkapital einfliessen liess.

«Selbst wenn ich nachts nochmals aufstehe und ins Bad gehe, checke ich rasch meine Mails.»

Mit dem Preis honoriert der Rockförderverein jährlich eine Organisation, die regionale Musik unter die Leute bringt. Eine wichtige Ergänzung des Förderprogrammrasters, ist es doch hierzulande ein Fakt, dass es an talentierten Musikern und Bands weniger mangelt als an ebenso talentierten und ambitionierten Vermarktern. Leuten also, die mit Engagement dafür sorgen, dass die Künstler den Weg aus den Proberäumen rausfinden, rauf auf die Bühnen, rein in die Radios.

Heute ist der Ruf von Radicalis weit über die Region hinaus verbreitet: Jede Woche treffen 20 Bewerbungen von Bands und Musikern ein, die sich wünschen, dass Stämpfli ihnen die Promo- und Bookingarbeit abnimmt. Den meisten muss er eine Absage erteilen.

Ständig auf Empfang

23 Gruppen vertritt Radicalis derzeit, die meisten als Konzertbooker. Mit offenen Karten spielen, ist sein Credo: «Ich bin so naiv zu glauben, dass ehrlich auch am längsten währt», sagt der sympathische Agent. Das trägt zu seinem guten Ruf bei und erklärt, warum so unterschiedliche Musiker in seinem Programmraster zu finden sind: Da sind Jugendfreunde wie die Kapoolas und Penta-Tonic, da sind aber auch alteingesessene Acts wie die Indierockband Featherlike, die Hip-Hopper Tre Cani oder der Singer-Songwriter Roli Frei (Soulful Desert).

Mit Dominic Oehen hat Stämpfli mittlerweile zwar einen neuen Partner an seiner Seite, um alle Aufgaben bewältigen zu können. Dennoch ist er ständig auf Empfang («selbst wenn ich nachts nochmals aufstehe und ins Bad gehe, checke ich rasch meine Mails»). Droht der 25-Jährige da nicht, mit vollem Karacho in ein Burnout hineinzurasen? «Nein. Ich kann schon auch abschalten. Und vor allem: Mir verleiht die Arbeit Energie. Es war bisher noch nie so, dass mir die Decke auf den Kopf gefallen ist.» Auch die Herausforderungen, die das Musikbusiness in Zeiten des Umbruchs mit sich bringen, schrecken ihn nicht ab, sondern beflügeln ihn: «Ich glaube, dass heute mehr denn je innovative Ideen gefragt sind.» Weshalb er immer wieder neue Wege sucht, um seine Künstler bekannter zu machen.

Augenringe vorprogrammiert

Weil er klassische Showcases, in denen ein Label seine Künstler für 10 Minuten auf eine Bühne schickt, immer schon unbefriedigend fand für alle Beteiligten, ersann er die Idee des Radicalis Music Race. Eine Konzertserie, bei der jeweils zwei Künstler aus seinem Angebot auftreten, quer durchs Land verteilt. Fünf Abende sind schon über die Bühnen gegangen, von Bern bis St. Gallen, heute (Donnerstag, 7. Februar) spielen die jurassischen Carrousel und Pete Ross & The Sapphire aus Italien (vielversprechend!) in der Basler Kuppel, am 9. Februar singen David Howald und Leonti im Zürcher Helsinki. Die Augenringe sind angesichts des ambitionierten Zeitplans vorprogrammiert.

So kommt es, dass das Musikjahr 2013 noch jung, aber Dominic Stämpfli nonstop auf dem Sprung ist. Vor drei Jahren stellte er einen Business Plan auf. Demnach hat er noch ein Jahr Zeit, um sich zu etablieren. So wie er derzeit Gas gibt, ist er auf bestem Weg dazu, für längere Zeit im Schweizer Musikgeschäft Wurzeln zu schlagen.

Konversation

Nächster Artikel