Frau Scheurers Leidenschaft für Leichen

Der Tod gehört zum Leben, klar. Bei Eva Scheurer gehört er sogar zum Alltag. Die Forensikerin leitet das Basler Institut für Rechtsmedizin. Ein Gespräch mit einer Frau, die Tote akribisch untersucht, Details über ihr eigenes Leben aber lieber für sich behält. 

Fühlt sich wohl im Autopsiesaal: Eva Scheurer, seit Ende 2014 Chefin der Rechtsmedizin. 

Skalpell, grosses Messer und Pinzetten: Wenn Eva Scheurer diese Arbeitsinstrumente in die Hände nimmt und sich unter Neonlicht über den daliegenden Körper auf dem Steintisch beugt, hat der Tod schon Einzug gehalten. Hier im Autopsiesaal an der Pestalozzistrasse 22 suchen Scheurers hellblaue Augen nach Todesursache und -hergang der Verstorbenen, nach dem Geheimnis, das der oder die Tote auf keinen Fall mit ins Grab nehmen darf. Sie öffnet den Leichen die Schädeldecke, stellt Körperflüssigkeiten oder Maden aus dem Gewebe sicher, studiert die Wunden eingehend. Stets in ihrer Griffnähe: ein Fotoapparat und ein Diktiergerät für die Dokumentation.

«Den Menschen, die bei uns liegen, geht es gut.»

Seit Ende 2014 leitet Eva Scheurer das Basler Institut für Rechtsmedizin und folgt damit auf Volker Dittmann. Zuvor leitete sie im österreichischen Graz das Ludwig Boltzmann Institut für Klinisch-Forensische Bildgebung. Aufgewachsen ist sie in Bottmingen, in Lausanne und Bern studierte sie Medizin. «Wir suchen, wir sammeln, und zum Schluss fügen wir alles zu einem Bild zusammen», sagt Scheurer, die beim Reden oft ihre Hände sanft bewegt.

Beinahe täglich ist die 46-Jährige mit dem Tod konfrontiert, Ekel oder Furcht spürt sie aber nie. «Es gehört nun mal dazu, dass es nicht gut riecht oder Körperflüssigkeiten austreten.» Für sie sei die Arbeit mit Leichen nichts Schlimmes oder Schwieriges. Vielmehr stelle sie sich vor, dass das Leid nun vorbei sei: «Für mich ist es so, dass es den Menschen gut geht, wenn sie bei uns liegen.»

Mehr vom Leben erfahren

Ganz spurlos geht der Job aber nicht immer an Scheurer vorbei. «Natürlich gibt es auch Fälle, die mir ans Herz gehen – etwa als vor einigen Jahren ein kleines Mädchen ertrank, ihr Vater sich im Obduktionssaal küssend von ihr verabschiedete und zu Gott sprach.» In der Regel habe sie eine professionelle Distanz, aber es gebe immer wieder mal solche Momente. «Es ist auch nicht notwendig, dass man sich ganz der Empathie verschliesst.»

535 Todesfälle untersuchte das Institut für Rechtsmedizin letztes Jahr, 184 Leichen wurden obduziert. Insgesamt rückte Scheurers Team im Jahr 2017 929 Mal aus, hinzu kommen Untersuchungen im Labor. «Wir haben sehr viele Fälle in der forensischen Genetik – wir untersuchen auch Blut- oder Urinproben im Zusammenhang mit Unfällen im Strassenverkehr. Todesfälle aufgrund eines Gewaltverbrechens kommen sehr selten vor», sagt Scheurer.

Was fasziniert sie so an ihrem Job? Scheurer antwortet, ohne zu zögern: «Die Vielfältigkeit.» Die Arbeit sei sehr abwechslungsreich, neben der Obduktion schätze sie auch den Kontakt mit den verschiedensten Gesprächspartnern und die Erstellung der analytischen Gutachten.

Eva Scheurer in ihrem Büro an der Pestalozzistrasse 22. In den nächsten Jahren wird ihr Institut umziehen.

«Wenn man eine andere ärztliche Fachrichtung wählt, bewegt man sich sehr schnell nur im medizinisch-klinischen Umfeld. Bei uns erfasst man mehr vom Leben, von der Gesellschaft, wie die Leute leben und von der Arbeit der Staatsanwaltschaft und der Polizei.» Sie habe während ihrer Ausbildung ein Jahr in der Chirurgie gearbeitet, die Fachrichtung Rechtsmedizin habe sie allerdings viel mehr gereizt.

Neben ihrer Arbeit im Autopsiesaal forscht Scheurer auch. Steckenpferd ihrer Forschung ist die Anwendung von bildgebenden Verfahren in der Rechtsmedizin, im Speziellen der Magnetresonanztomografie. Bei dieser Methode werden vor allem Weichteilgewebe untersucht. Mit der Methode nachweisbare Verletzungen können dazu dienen, Unfälle zu rekonstruieren und teilweise auch Zeugenaussagen zu überprüfen. Um die Methoden besser zu verstehen, absolvierte Scheurer sogar ein Zweitstudium der Physik an der Universität Bern.

Freundlich, aber geheimnisvoll

Und was hat sie für die Zukunft noch vor? Scheurers Augen glänzen. «Zügelkisten packen.» Erst vor Kurzem gab die Basler Regierung bekannt, dass das Institut für Rechtsmedizin bis spätestens 2023 einen neuen Standort an der Socinstrasse erhalten soll. Derzeit hat das Institut seinen Hauptsitz  auf dem Schällenmätteli, die forensische Genetik und die Verkehrsmedizin sind aber an der Mülhauserstrasse 111 untergebracht. «Der Vorteil am neuen Standort ist, dass wir nicht mehr hin- und herlaufen müssen. Zudem ist das Raumangebot hier sehr beschränkt.»

Mit Scheurer, die neben der Leitung des Instituts auch die Professur für Rechtsmedizin an der Universität Basel innehat, locker ein Gespräch zu führen, ist eine herausfordernde Angelegenheit. Sie wirkt nett, aber auch distanziert, beinahe geheimnisvoll.

Auf Fragen antwortet sie nur das Notwendigste, Einblick in ihr privates Leben gewährt sie nur bedingt. Von ihren Hobbys Segeln und Kochen, von ihrer Kindheit, die sie teilweise in Brasilien verbrachte, von ihrem Schissdräggzygli an der Basler Fasnacht (sie spielt Piccolo), erfährt man nur, wenn man bei ihr bohrt. Auch, dass sie als Wochenaufenthalterin im Gundeli lebt und am Wochenende zu ihrem Mann nach Bern fährt, erzählt sie erst nach mehrmaligem Nachfragen.

Scheurers Arbeitsinstrumente. «Wir suchen, wir sammeln, und zum Schluss fügen wir alles zu einem Bild zusammen.»

Scheurer hat keine Kinder. «Ungewollt.» Wie sie der «NZZ am Sonntag» einmal sagte, spüre sie ab und zu, deswegen unter Karriereverdacht zu stehen. Auf unsere Entgegnung, dass dies kinderlosen Männern nicht widerfahren würde, meint sie: «Absolut. Ich kenne keinen Mann, der unter Karriereverdacht steht, nur weil er keine Kinder hat. Gesellschaftlich ist das halt immer noch so verankert.» Ob sie unter der Kinderlosigkeit leide, will die Journalistin fragen, traut sich aber nicht, diese Frage zu stellen – nicht Eva Scheurer, die so unnahbar wirkt.

Also reden wir über ihre Freizeit, die sich schlecht planen lässt. An Abenden und Wochenenden ist die Medizinerin auf Pikett, muss auf Abruf ausrücken, wenn es Tote gibt und vor Ort Inspektionen durchführen. «Wenn ich Pikettdienst habe, kann selbst das Einkaufen zur Herausforderung werden», sagt sie und lächelt. Als das Gespräch vorbei ist, wirkt sie gelöst. Nun kann sie sich wieder ihrer Leidenschaft im Autopsiesaal widmen.

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