Hans Dunkel hängt sein Hobby an Nägel

Warum sollte jemand auch Kleiderbügel sammeln, bis es für ein Museum reicht? Ganz einfach: Wegen der Geschichten.

Womit auch der letzte freie Bügelplatz besetzt wäre. Wobei: Geht es um seine Sammlung, lässt sich Hans Dunkel durch nichts ausbremsen.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Warum sollte jemand auch Kleiderbügel sammeln, bis es für ein Museum reicht? Ganz einfach: Wegen der Geschichten.

Gewiss, ein Kleiderbügel ist nur ein Alltagsgegenstand. Aber für Hans Dunkel sind sie ein Tor zur Unendlichkeit: «Es gibt etwa 500 bekannte Bügelkombinationen, das Design selbst aber kennt keine Grenzen», sagt Hans Dunkel, seines Zeichens Kleiderbügelimporteur und nebenbei Inhaber des – wie er versichert – weltweit einzigartigen Kleiderbügelmuseums.

Tausende von Exponaten füllen mittlerweile das Untergeschoss seiner Firma in Basel. Hosen-, Klemm- oder Jupebügel, Kombinationen aus all dem, Soutanenbügel, Reisebügel mit eingebauter Kleiderbürste, Diebstahlsalarm, Sicherung gegen Absturz im Schrankkoffer. Und zu fast jedem Bügel fällt ihm eine Geschichte ein.

In der Kleiderbügel-Schatzhöhle

Den Grundstock der Sammlung hat er von seinem Vater geerbt. Der sammelte alles Mögliche. Lampen, alte Werkzeuge oder Beschläge. 1974 verkaufte er sein Lebensmittelgeschäft an der Birsstrasse, das er zwanzig Jahre lang geführt hatte, und begann stattdessen mit Kleiderbügeln zu handeln. Es kam, wie es kommen musste: «Er handelte nicht nur damit – er sammelte sie auch», erinnert sich Hans Dunkel. «Da fanden wir dann schon, das sei jetzt langsam zu viel des Guten.»

Doch der anfängliche Protest der Familie nützte wenig. Die Sammlung wuchs und wuchs. «Mein Vater wurde oft fündig – aber genauso oft belächelt für seine Suche nach aussergewöhnlichen oder alten Kleiderbügeln.»

Es kommt heute noch ab und zu vor, dass Dunkel seiner Sammlung ein Fundstück aus einem Hotelschrank gönnt. Er nennt das dann «sinnvoll entsorgt».

Auf Brockenstuben, Trödler und Sperrabfuhr folgten Reisen an alle erdenklichen Orte, die oft zur Ergänzung der Sammlung beitrugen. Und als ein deutscher Lieferant seinen Musterraum in Hameln auflöste, war der Bügel-Jackpot geknackt. Der Vater und der vom Sammelfieber angesteckte Sohn durften sich frei bedienen. «Die Firma hatte 1890 mit der Produktion begonnen», erzählt Dunkel. «Unglaublich, was wir da alles vorfanden! Das war wie Ali Baba in der Schatzhöhle! Am Schluss hatten wir zwei Paletten voll ausgewählt – und das waren nur die Rosinen.» Noch heute leuchten Dunkels Augen, wenn er sich an die damaligen Entdeckungen erinnert.

Skurrile Museen
In dieser Sommerserie richten 
wir die Scheinwerfer auf kleine regionale Museen, die im Schatten der grossen Leuchttürme stehen.  

Gemessen am emotionalen Wert dieses Bügelschatzes, war der Transport von Hameln in die Schweiz ein geringes Problem. Welcher Zöllner würde sich schon für Kisten interessieren, die mit «Gebrauchte Kleiderbügel» deklariert sind?

Ungebremste Faszination

Es kommt heute noch ab und zu vor, dass Dunkel seiner Sammlung ein Fundstück aus einem Hotelschrank gönnt. Er nennt das dann «sinnvoll entsorgt». Vierzig Jahre Sammeln, das hinterlässt Spuren im Museum. Weder in den Räumen noch im Treppenaufgang ist ein freies Wandstück auszumachen. Zum Teil hängen mehrere Bügel übereinander am selben Haken.

Sexy Kleiderbügel? Klar geht das.

Die Sammlung lässt sich davon nicht aufhalten. Fast ebensowenig, wie sich Dunkel während seiner Führungen bremsen lässt. Jener riesige Bügel da, erklärt er zum Beispiel voller Begeisterung, hatte einst grosse Vorzüge. Die sogenannten Spalentorhosen, die man daran hängte, waren – wie alle Damenunterwäsche zu jener Zeit – ziemlich stoffreich.

Und dann das älteste Stück der Sammlung, dort, der vierhundertjährige Bügel: der war für die Uniformmontur. Mit seinen nach oben gewölbten, gerundeten Enden liessen sich die Epauletten angemessen in Form halten. So richtig in Schwung gerät Dunkel, wenn er die schier unendliche Vielfalt an Klappbügeln vorführt. So viele Funktionen, die sich im zugeklappten Zustand bei bestem Willen nicht erahnen lassen.

Zuwachs für sein Museum findet Dunkel heute am ehesten noch auf Flohmärkten. Und da ist er ganz der Geschäftsmann: Hängt ein Hemd für fünf Franken an einem Bügel, der ihm in der Sammlung noch fehlt, kauft er das Hemd – und nimmt den Bügel gleich gratis mit dazu. Der Sammel-Profi schmunzelt, denn er weiss: «Sobald ich nur den Bügel kaufen will, wird es fast automatisch teurer.»

Unendliche Geschichte

Richtig alte Bügel findet Dunkel nur noch selten. Die Basler Estriche sind wohl weitgehend entrümpelt. «Sobald ich aber vor einer Kirche eine Mulde sehe, schaue ich unweigerlich hinein. Das ist heute praktisch der einzige Ort, wo man noch uralte Bügel findet; oft mit wunderbaren, handgeschmiedeten Haken», schwärmt er. «Auf denen haben Pfarrer und Messbuben jahrhundertelang ihre Gewänder aufbewahrt.»

Und schon stürmt Dunkel wieder los, ins Untergeschoss des Museums, und sucht ein paar dieser Fundstücke, um daraufhin direkt an den Objekten zu zeigen, wie man anhand der geschmiedeten Haken das unterschiedliche Alter der Bügel erkennen kann.

Wenn wir schon beim Thema Alter sind: Wann wurde eigentlich zum ersten Mal ein Kleiderbügel aufgehängt? «Ich sage immer: Der älteste Bügel stammt aus der Eiszeit, ist aber leider geschmolzen», scherzt Dunkel. «Mein Vater dagegen hat immer behauptet, die ersten Kleiderbügel hingen schon in den Höhlen der Urmenschen. Schliesslich mussten sie ihre Bärenfelle ja auch irgendwo trocknen.»

_
Kleiderbügelmuseum, Birsstrasse 56, Basel. Führungen ab zehn Personen jederzeit auf Anfrage.
 

Konversation

Nächster Artikel