«Ich will nur in der Innenstadt leben»

Wohnen in der Innenstadt hat auch Nachteile – für manche Leute jedenfalls. Nicht so für den 64-jährigen Christoph Suter: Er ist der überzeugteste Innenstadt-Bewohner, den die TagesWoche getroffen hat. Das Leben im Zentrum bedeutet für ihn Zufriedenheit.

Christoph Suter lebt seit 45 Jahren in der Basler Innenstadt – aus Überzeugung. (Bild: Nils Fisch)

Wohnen in der Innenstadt hat auch Nachteile – für manche Leute jedenfalls. Nicht so für den 64-jährigen Christoph Suter: Er ist der überzeugteste Innenstadt-Bewohner, den die TagesWoche getroffen hat. Das Leben im Zentrum bedeutet für ihn Zufriedenheit.

Vom Bett aus sieht er den Schwarzwald, das Münster, den Messeturm, die Vogesen. Und doch ist er mitten drin im Stadtgeschehen. Der ehemalige Privatdetektiv Christoph Suter (64) lebt seit vier Jahren im Hochhaus an der Heuwaage. Zentraler geht es kaum. Und genau das ist es, was er will, immer wollte – seit 45 Jahren. Damals zog er als 19-Jähriger von zu Hause aus.

Zu Hause, das war am Wasgenring nahe des Bachgraben-Areals, mit Tram und Bus nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Für den jungen Christoph Suter waren diese wenigen Minuten eine halbe Ewigkeit. Für ihn war klar: «Ich muss ins Zentrum, hinein ins Getümmel.» Zu ruhig war es ihm am Stadtrand in diesem klassischen Wohnquartier.

Er zog ins Gerbergässlein, dann weiter an die Steinentorstrasse, in die Steinenvorstadt, zum Rümelinsplatz – und zurück ins jugendliche Getümmel an die Heuwaage in den neunten Stock des Hauses, das bei den Baslern immer noch «Hochhaus» heisst, obwohl es auf Stadtgebiet inzwischen etliche höhere Häuser gibt.

Angenehmes Grölen

Doch wie gesagt: Es ist nicht die Höhe des Hauses, die ihn dorthin verschlug, sondern der Ort, an dem es steht: im Zentrum. «Ich bin ein Vergifteter, ich könnte nirgends wohnen ausser in der Innenstadt», sagt Christoph Suter.

Lärm störe ihn nie, zumal er mit geschlossenen und dreifach verglasten Fenstern schlafe. «Ich mag es, wenn ich Leute grölen und auch mal ein Bierglas fallen höre», sagt er. Nur das «Bum Bum» der Disco-Bässe könne ihm den letzten Nerv rauben. «Das ist wie ein tropfender Wasserhahn und durchdringt auch die besten Fenster.»

Im neunten Stock höre er dieses «Bum Bum» nicht, doch er erinnere sich genau an das Geräusch. Damals, als er im Haus des Kinos Rex in der Steinenvorstadt wohnte, habe er teilweise kaum einschlafen können. Anderseits: «Wenn einem solche Geräusche stören, muss man eben nicht in die Innenstadt ziehen», sagt er.

Das sehen auch andere Zentrums-Bewohner so, wie die TagesWoche am Samstag bei der ersten «Ab in die Quartiere»-Aktion auf dem Barfüsserplatz erfuhr. Der Tenor war klar: «Wir wohnen bewusst hier – und wissen, dass wir mit den Eigenheiten der Innenstadt leben müssen.» Wegziehen könne man ja jeder Zeit. Fazit der Aktion war: Den Baslern geht es gut, eigentlich. Und – allen anderslautenden Meinungen zum Trotz – sie fühlen sich sicher.

Vorsicht bringt Sicherheit

Die in den Medien wiederholt suggerierte Zunahme der Kriminalität nimmt auch Christoph Suter nicht wahr. «Klar, ich gehe nicht um fünf Uhr morgens durch das Steinenbachgässlein», sagt er, «aber das sollte niemand tun.» Wenn ihm ein merkwürdiger Typ ins Treppenhaus folge, werde er ihn eben wieder los. Indem er ihn – im Lift angekommen – frage, in welchen Stock er müsse. Und ihn dann auffordere, den Lift-Schlüssel zu betätigen. «Spätestens dann ist er weg.»

Wer in der Innenstadt lebt, müsse Zivilcourage aufbringen und vor allem auch mit der nötigen Vorsicht agieren. Er öffne beispielsweise nie einem Fremden die Tür, als ehemaliger Privatdetektiv wisse er: «Wer will, schafft es in jedes Haus hinein.» Es reiche, über die Gegensprechanlage «Post-Express» zu sagen – und schon öffne irgendjemand. Nicht aber Suter. Es habe auch schon einer an seine Wohnungstür gepoltert und behauptet, von der Polizei zu sein. «Ich habe ihn nach dem Vornamen des Chefs der Fahndung gefragt – und weg war er.»

Bratwurst im Teig

Christoph Suter bezeichnet sich als faul. Und ist entsprechend glücklich darüber, dass das 6er-Tram direkt vor seiner Haustür hält. Er ist auf das Tram angewiesen, wenn er alltägliche Einkäufe erledigen muss, denn in der Steinenvorstadt gibt es inzwischen nur noch den «Spar» und keinen Coop und keine Migros mehr. Entsprechend muss Suter kleine Reisen auf sich nehmen.

«Alles, was ich brauche, bekomme ich in der Innenstadt», sagt er. Wenn es hoch komme, fahre er mit dem Sechzehner-Tram ins Gundeli. Aber nur, wenn es hoch komme. Sonst aber ist Suter täglich auf der Achse Heuwaage-Claraplatz anzutreffen. Wenn er auf der Hauptpost das Postfach leert, am Wurst-Stand am Marktplatz eine Bratwurst im Teig isst oder in der Manor einkauft.

Auch nach mehrmaligem Nachfragen, was ihn denn störe in der Innenstadt, fällt ihm nichts ein. Nichts Bedeutendes jedenfalls. «Gut, die Strassenmusiker sind nicht immer die besten Musiker.» Und: «Das Rauchverbot macht mir zu schaffen.» Aber sonst? Ist er ein Leidenschaftlicher. Ein Stadtbewohner wie im Bilderbuch. Und er hat nicht vor, jemals etwas an dieser Situation zu ändern.

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