Lukas Huber – zwischen Komposition und offenem Schlagabtausch

Lukas Huber verfasst Musik für Orchester und Theater. Obwohl er vom Komponieren lebt, will er die Autorität des Verfassers brechen – zum Beispiel mit «UFO III», einer Platte, die aus der Veranstaltungsreihe «Schlägerei mit anschliessender Diskussion» entstanden ist.

Lukas Huber

(Bild: Hansjörg Walter)

Lukas Huber verfasst Musik für Orchester und Theater. Obwohl er vom Komponieren lebt, will er die Autorität des Verfassers brechen – zum Beispiel mit «UFO III», einer Platte, die aus der Veranstaltungsreihe «Schlägerei mit anschliessender Diskussion» entstanden ist.

Der rote Fleck sticht ins Auge. Alles andere in Lukas Hubers Arbeitsraum ist akkurat, sauber und farblich assortiert nach den schwarz-weissen Tasten von Synthesizer und Rhodes-Piano. Die Instrumente flankieren den Schreibtisch im rechten Winkel.

Umso mehr leuchtet der blutrote Klecks auf dem halb mit Noten gefüllten Blatt neben dem Computer. Da muss ein Stift ausgelaufen sein. «Das ist der Schlusspunkt einer Partitur zu einem Stück über Tierethik», korrigiert der 27-jährige Komponist lächelnd, «hier werden die Schweine geschlachtet.»

Für diese Auftragskomposition hat Huber ausgiebig mit Schweinen und Klängen experimentiert (natürlich ohne die Tiere zu quälen). Ihr Todesquieken will der Komponist aber nicht genauer definieren als mit dem Klecks. Damit will er die Musiker zum Mitdenken anregen. 
«Seit dem 20. Jahrhundert lösen sich Partituren von der strengen Form der konventionellen Notenschrift», erklärt er, greift nach Büchern und zeigt, wie andere zeitgenössische Komponisten mit Bildern oder Balken schreiben.

Ihm reicht das noch nicht. Er sucht nach Möglichkeiten, Musik über das Ohr statt das Auge zu notieren. «Musik ist vor allem Zuhören. Ich habe ja auch über das Gehör den Zugang zur Musik gefunden.» Doch egal ob visuell oder audio: «Hauptsache, es bricht die Autorität des Komponisten.»

Es ist weniger der Rebell ihn ihm, der die etablierten Systeme aushebeln will, eher der rastlos Suchende.

Den Anarchisten hätte man dem offensichtlich Ordnungsliebenden nicht gegeben. Umso weniger, da er vor bald zwei Jahren das Komponieren zum Beruf gemacht hat. Seither läuft sein Geschäft ganz leidlich mit Aufträgen von Orchestern, Tanzensembles und Theatern.

Aber mit der klaren Rollenverteilung von Autor und Interpret hadert Huber. Und er will bei seinen Projekten «ja nicht den allwissenden Komponisten spielen». Dabei gibt er den, wenn auch unfreiwillig, sehr überzeugend. Wenn er nach Fragen mit den Fingern seinen Haarschopf zerzaust, wirkt das wie eine Hirnmassage. Kurzes Luftholen, ein Lächeln und dann kommt nicht nur eine Antwort. Huber spinnt das Thema gleich weiter, ausufernd, jedoch ohne den Faden zu verlieren.

Es ist denn auch weniger der Rebell ihn ihm, der die etablierten Systeme aushebeln will – eher der rastlos Suchende. In seinen Worten: «Ich hatte noch nie das Gefühl, das ist jetzt mein Stil.»

Ein anderer Zugang zur Musik

Die Musik entdeckte Huber in den Fussstapfen seines älteren Bruders, der in der Laufentaler Rockband Lambs of Delta spielte. «Ich holte immer CDs aus seinem Zimmer und stellte sie zurück, bevor er wieder von der Schule kam.»

Das Laufental bot damals eine interessante Szene, die bekannteste Band wurde Navel. «Die Bands haben sich gegenseitig hochgeschraubt und die nächsten wurden immer experimentierfreudiger. Wobei wir die letzte Generation waren. Bei uns hat keiner mehr abgeschaut.»

Wir, das war anfangs Ganjo. Der Bandname hat nichts mit Gras zu tun, schön pubertär ist er dennoch, geht der Name doch auf ein japanisches Spiel zurück, bei dem man den Finger in den Arsch steckt – oder eben nicht. Huber spielte damals Schlagzeug.

«Musik machen ist zuhören, einen Schritt zurück machen und den anderen verstehen.»

Aus der Teenie-Band ging die experimentierfreudige Krautrock-Band Laser von Nazareth hervor. Huber wechselte zum Klavier, da er am Gymnasium Münchenstein auf Musik setzte. Danach studierte er in Bern Musik und Medienkunst, «wie so viele Laufentaler».

Den Master schloss er dann 2015 in Contemporary Arts Practice ab. «Eigentlich besuchte ich vor allem Kunstvorlesungen, das ermöglichte mir einen unkonventionellen, anderen Zugang zur Musik, den ich suchte.»

Wenn er nun wieder vom Musizieren wie in einer Band schwärmt, könnte er sich heute noch vorstellen, Rock zu spielen? Huber braucht für die Antwort nicht lange in den Haaren zu wühlen: «Ja klar, wenn alle gewillt sind etwas auszuprobieren! Musik machen ist zuhören, einen Schritt zurück machen und den anderen verstehen. So entsteht etwas und dann ist es egal, ob Club, Rock oder Neue Musik.» 

Improvisation im subversiven Rahmen

Die Offenheit und Vielfältigkeit braucht Huber heute im Arbeitsalltag. Denn parallel zum Studium machte er sich selbstständig als Komponist und Medienkünstler, der gemäss seiner Website «Musik schreibt für traditionelle, elektronische, selbstgebaute und ‹selbsternannte› Instrumente».

«Meinen Beruf habe ich selbst erfunden», so Huber. Gut für ihn, gelangen Orchester und Ensembles heute an mehr Fördertöpfe, wenn sie nebst dem klassischen Repertoire auch zeitgenössische Musik spielen. Geld ist auch der Grund, dass die experimentelle Musikszene in Basel, von Klassik bis Elektronik, überraschend gross und aktiv ist. «Mit all ihren Schulen und Institutionen von der Scuola Cantorum bis zum HeK zieht die Stadt kreative Musiker an.»

Ein paar dieser Kreativen kommen auch zur Veranstaltungsreihe «Schlägerei mit anschliessender Diskussion». Bei diesem offenen musikalischen Schlagabtausch ohne Regeln laden Huber und Drummer Michael Anklin andere Musiker in die Kleinbasler Off Bar. Der subversive Rahmen passt perfekt zu den teils sehr abgefahrenen Improvisationen, wo sich etwa Robert Torche mit einem zum Klangkörper modifizierten Tennisball den beiden Hausherren gegenüberstellt. «Hier geht es darum, Grenzen zu überwinden. Sowohl musikalisch, wie auch, dass szenefremde Leute damit in Berührung kommen.»

Stücke zur freien Bearbeitung

Das Konzept kommt an. Die bisherigen Schlägereien waren immer ausgebucht, «die Diskussion danach kam aber noch nie zustande», lacht Huber. Dafür gibt es nun eine Platte davon. Beziehungsweise ist «UFO III» eine Art bearbeitete «Best of»-Sammlung der letzten Sessions. «Die freie Improvisation ist ja reine Performance für das Publikum. Eine Momentaufnahme. Diese ohne das Ambiente festzuhalten, macht keinen Sinn.»

Darum gab die Band eine Auswahl der Tracks an fünf, sechs Künstler zur freien Bearbeitung. «Wir wussten nicht, machen die aus dem Material Drei-Minuten-Songs oder ein Dreistunden-Epos.» Schliesslich kamen alle Tracks zusammen auf 40 Minuten, die Spielzeit einer herkömmlichen Langspielplatte. «Das war nicht der Plan, aber ein klares Zeichen für Vinyl.»

Damit Klangbild und Dramaturgie der einzelnen Tracks über Albumlänge funktionieren, konnten sie für die Nachbearbeitung Dimitri Grimm gewinnen. Unter seinem alten Namen Dimlite ist er ein Star, von dem Künstler wie Flying Lotus, Gaslamp Killer oder Radioheads Thom Yorke schwärmen. Statt sichtbar zu strahlen, versteckt sich der Berner Oberländer aber lieber in seinem Studio. Für die Plattentaufe von «UFO III» kommt er jedoch nach Basel.

«Das Album hat mich freudig überrascht, was da zurückkam, war umwerfend.» Mit «UFO III» ist es Huber gelungen, mit einer Band Musik zu schaffen, die in andere Hände übergeht und transformiert wird und am Ende doch klar den eigenen Namen und Grundgedanken trägt: «Das ist ein schöner persönlicher Kompositionserfolg.»

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Plattentaufe «UFO III», Freitag, 10. Februar, 21 Uhr, «Flatterschaft», Solothurnerstrasse 4, Basel.



Lukas Huber, Schwein tot

Hier werden die Schweine geschlachtet. Der rote Fleck ist der Schlusspunkt einer Partitur zu einem Stück über Tierethik. (Bild: Hansjörg Walter)

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