Maria Wagners Unterwäsche – ein Statement für selbstbewusste Frauen

Ihre handgemachte Unterwäsche ist nicht nur ein Hingucker. Maria Wagner kreiert einen Kult um fast Nichts, der Girls zu Guerilla-Aktionen treibt und Rockstars unter die Haut geht.

«Ich und viele andere Frauen zeigen gerne, wer wir sind.» Darum stellt Maria Wagner ihre Wäsche selber her.

(Bild: Nils Fisch)

Ihre handgemachte Unterwäsche ist nicht nur ein Hingucker. Maria Wagner kreiert einen Kult um fast Nichts, der Girls zu Guerilla-Aktionen treibt und Rockstars unter die Haut geht.

Ganz schön viel Stoff wird auf einer Dachterrasse mit Pool hoch über der Steinen in Szene gesetzt. Zumindest für die Verhältnisse von Wagners Wäsche. «Ich hab Sport machen entdeckt und entwarf deshalb eine Kollektion, die man nicht nur unten drunter tragen kann.»

Diese Ich-mache-was-ich-will-Philosophie begründete vor 13 Jahren auch den Erfolg ihrer Ein-Frau-Firma aSS. Ihr damaliger Job als Assistentin der Geschäftsleitung von Carhartt erfüllte Wagner nicht. «Wir hatten ein super Team, aber selbst nach Tagen voller Termine hatte ich abends das Gefühl, nichts gemacht zu haben, jedenfalls nichts Fassbares.» Sie suchte als Ausgleich etwas Handwerkliches. «Ich könnte heute auch Töpferin sein. Zur Unterwäsche kam ich nur, weil ich für mich nichts Passendes fand und auf Mutters Nähmaschine rumprobierte.» Bald wollten Freundinnen ihre Unterwäsche, denn sexy war bis dahin nur durch Mäscheli und Spitzen besetzte Unterwäsche.

Ein Korb für Investoren

Wagner definiert aufreizend anders, wie ihr Markenname aSS unmissverständlich klar stellt. Das Kürzel steht für «A-Swiss-String» oder «Always-Smoothly-Shaved» – was Trägerinnen der radikal minimierten Stofffetzchen wohl sind. «Ich und viele andere Frauen zeigen gerne und mit Lust, wer wir sind. Sex und Erotik muss nicht billig wirken. Ich gehe offen damit um. Doch leider scheint das Thema noch immer böse und darf nur hinter verschlossenen Türen passieren.»

Seit «20 Minuten» vor 13 Jahren über ihre hausgemachte Lingerie berichtete, explodierten die Bestellungen. «Meine Bestell-Inbox klingelte im Fünf-Minutentakt und ich nähte Nächte durch, um neben meinem Vollzeitjob nachzukommen.» Bald machte sie sich selbstständig. Das Geschäft läuft bis heute. «Ich bin da ganz seriös, mit dritter Säule und so. Aber reich werd ich nicht.» Will die 35-jährige Jungunternehmerin auch nicht. Interessierten Investoren verpasste sie einen Korb. «Dann würde die persönliche Bindung zu meinen Kundinnen verloren gehen. Und die schätzen das genauso wie ich.»

«Ein grosser Arsch kommt in meiner Wäsche besser zur Geltung als im Schlabber-Look.»

Maria Wagner, Lingerie-Herstellerin

Man kennt sich und Wagner bekommt neben Komplimenten auch Kritik oder Spezialwünsche. Denn entgegen den gängigen Vorstellungen von Trägerinnen solch knapper Lingerie wehrt sich Wagner, nur für knackige Figuren zu schneidern. «Ein grosser Arsch kommt in meiner Wäsche besser zur Geltung als im Schlabber-Look und ich habe auch ältere Kundinnen, die sich im aSS wohlfühlen. Aber wenn man sich in sexy Wäsche toll fühlt, darf Frau das kaum sagen.»

Wagners Haltung erinnert an die feministische Subkultur der Riot Grrrls – Musikerinnen aus der amerikanischen Hardcore-Szene, die in den 90ern das «Knurren zurück in unsere Miezekatzenkehlen» brachten, wie es im Buch «Surfergrrrls» heisst. Dank den russischen Pussy Riots erfährt die Bewegung heute wieder Beachtung. Wagners Gesellschaftskritik ist nicht direkt politisch, aber doch subversiv genug, dass aSS-Beiträge auf Facebook gerügt oder ihre Profile gleich ganz gesperrt werden. «Ich will ja keine Pornografie promoten. Aber wir sind alle mit Nippeln geboren. Zeigen dürfen sie jedoch nur die Männer. Klar stört mich das.» 

Tätowierzeug statt Autoprüfung

Viele ihrer Kundinnen teilen diese rotzig-trotzige Zeige-Haltung. Sie schicken Wagner Fotos in Wäsche, um bei den alle drei Monate stattfindenden Miss-aSS-Wahlen zu reüssieren. Oder sie filmen für die «TschäckaSS»-Serie, wie sie nur bekleidet in Wäsche wie «Antisocial» oder «Suicidal» Fallschirm springen oder beim Sechseläuten rund um den brennenden Böög rennen «Was da aus aller Welt eingesandt wurde, hat mich selbst umgehauen. Die Videoserie lancierte ich aus Jux zum zehnjährigen Jubiläum. Und plötzlich geriet ich unter Zugzwang.»

Wirklich in Verlegenheit geriet Wagner nicht. Sie fragte einfach Jesse Hughes, charismatischer Kopf der Band Eagles of Death Metal, ob sie ihn nach dem Konzert in Unterwäsche tätowieren darf. Der verruchte Charmeur nahm die Anfrage mit Handkuss an und liess sich von Wagner ihr aSS-Logo auf den Ellenbogen stechen. «Ich hatte andere Motive dabei, aber er insistierte auf dem Logo von meinem Feuerzeug.» Auch andere Männer, meist gestandene Rock ’n‘ Roller, haben sich ihr Logo stechen lassen. «Für sie ist es wohl ein Statement für selbstbewusste Frauen.»

Das Tätowieren ist und bleibt aber ein Hobby. «Meine zwei Brüder und ich bekamen zum 18. Geburtstag 2000 Franken für die Autoprüfung. Ich hab 1999 Franken davon in die Tätowier-Ausrüstung investiert.» Anfangs setzte sie noch öfter die Nadel an und zeichnete viel. Dann lernte sie ihren früheren Mann kennen, einen Kunstmaler. «Er zeichnet so gut, da verlagerte sich meine Lust auf anderes.»

Die Anmache eines Jungschnösels

Mit ihm zog Wagner mit 26 Jahren auch von Basel nach Zürich. «Damals wurden alle häuslich. Ich bin aber ein Nachtmensch und noch immer gerne unterwegs. Nur hatte ich in Basel im Ausgang das Gefühl, die Älteste zu sein und musste mir von einem jungen Schnösel sogar die Anmache anhören: «Normalerweise stehe ich nicht auf alte Frauen.»

Die inzwischen beinahe zehn Jahre in Zürich hört man ihrem Dialekt durchaus an. «Man verändert sich halt im Leben. Aber die Stadt hier ja auch», konstatiert Wagner am Poolrand hoch über den Dächern der Innenstadt, und «Ironie des Schicksals: Ich suchte auf Airbnb coole Locations in urbaner Umgebung für das Photo Shooting und finde den perfekten Ort zufällig in der Stadt, die ich wegen mangelnder Urbanität verliess.»



Spass muss sein, doch Maria Wagner hat auch eine seriöse Seite und sogar eine dritte Säule.

Spass muss sein, doch Maria Wagner hat auch eine seriöse Seite und sogar eine dritte Säule. (Bild: Nils Fisch)

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