Mit Jürg Halter in der Gerechtigkeitsgasse

Seit er nicht mehr Kutti MC ist, holt Jürg Halter als Literat fleissig Preise. Gern würde er als politischer Autor wahrgenommen werden. So auch mit seinem ersten Roman «Erwachen im 21. Jahrhundert», den er in Basel vorstellt.

Jürg Halter in den Gassen Berns. Hier ist er aufgewachsen, hier denkt er nach.

Man ist noch keine hundert Meter weit spaziert mit diesem Jürg Halter, da liegen die Karten schon auf dem Tisch. Vom Zytglogge-Turm gehts das Zibelegässli hinunter, dann scharf rechts an der Proletarierbeiz Drei Eidgenossen vorbei und die Rathausgasse entlang bis zur Hausnummer 30. Hier, in einem Tattoo-Studio, fängt Halter an zu reden. Sehr, sehr laut. Aus den Boxen schallt lauter Punk, eigentlich unmöglich sich hier zu unterhalten.

Aber Halter steht bewusst mitten in diesem Tattoo-Studio und ruft ein paar kluge Jürg-Halter-Sätze durch die ohrenbetäubende Musik, während die Fotografin um ihn kreist wie eine Drohne, um diese überzeugend kontrastreiche Situation adäquat abzulichten. Der stille Poet und die laute Luft. Es ist so kitschig, dass es bereits wieder toll ist. Ein Superauftakt, in medias res.

Halter will mehr

Jürg Halter hat kürzlich seinen ersten Roman veröffentlicht und damit ein neues Genre erobert. Denn Halter war lange Rapper, hatte sich unter seinem Alias Kutti MC als begnadeter Mundart-Freestyler mit fünf beachteten Soloalben zwischen 2005 und 2015 einen Namen gemacht. Dass er die Kunstfigur Kutti MC begrub, als er noch Erfolg hatte, das haben ihm viele als mutigen Schritt angerechnet. Er selber sagt: «Ich hatte meine Ansage in dieser Form gemacht.»

Kutti war 2015 also tot. Die Arbeit an der zweiten Kunstfigur, dem ernstzunehmenden Literaten Jürg Halter hatte da längst begonnen.

Zeitgleich mit seinem ersten Soloalbum als Rapper war Halters Gedichtband «Ich habe die Welt berührt» (2005) erschienen. Performte Kutti am einen Tag als MC im Hallenstadion vor 13’000 Teenies, traf man Jürg Halter anderntags in abgedunkelten Beizen aus ebendiesem Gedichtband rezitierend, während im Hintergrund ein Schlagzeuger mit geschlossenen Augen über die Snares und High Hats wischte. Und wer bis zum Schluss blieb, war ganz sicher Avantgarde.

Es folgten weitere Texte, lyrische Stücke mit schönen Titeln: «Sprechendes Wasser» (2012), «Wir fürchten das Ende der Musik» (2014), zuletzt das Theaterstück «Mondkreisläufer».

«Ich brauche die Auseinandersetzung zwischen laut und leise» – Jürg Halter im Tattoo-Studio.

Halter hat den Cut geschafft, ist vom Rapper in die Liga der erfolgreicheren Schweizer Autorinnen und Autoren gewechselt. Dort gewinnt er Preise und publiziert in regelmässigen Abständen mit verlässlicher Qualität. Ein solider Autorenwert. Aber Halter will mehr.

Denn Halter, der Poet und Kettengedichtschreiber, ist eigentlich ein politischer Mensch. Die  Rolle des politischen Schriftstellers wird ihm aber vom Literaturbetrieb und den Medien bislang verweigert. Er wird nicht zu Talkshows eingeladen, er schreibt keine Grundsatzessays in der FAZ.

Halters politische Bühne ist auf Facebook und Twitter, aber seine Worte dringen einfach nicht durch. Schlimmer noch, sie werden als nervtötend abqualifiziert. Und es hat in der Tat etwas Affektiertes, wie Halter in den sozialen Medien aus dem eigenen «Gedankenarchiv» zitiert. Aber wer damit nicht klarkommt, kann ihm ja auch einfach entfolgen.

Zitat aus dem Gedanken-Archiv von Jürg Halter.

Halter sagte einmal, er fühle sich von den Schriftstellern seiner Generation intellektuell im Stich gelassen. Jetzt sitzt er in Bern auf einer knallroten Bank unter den Torbögen der Gerechtigkeitsgasse und übt Grundsatzkritik: «Mir fehlt unter Schriftstellern in meiner Generation die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien und politischen Themen.» Er habe im Sommer den neu verlegten Interviewband mit Max Frisch gelesen, der «bestechend scharfsinnig, zweifelnd und differenziert» zu vielen Themen Stellung bezog.

Angriff auf die Gegenwartsliteratur

Heute dagegen sei da eine allgemeine Tendenz, sich öffentlich aus einer souveränen, moralischen, herablassenden Position zu äussern. Dem Moralisten klopften dann alle Gleichdenkenden auf die Schulter, aber ein wirklicher Dialog komme dadurch nicht zustande. «Vor allem keine schmerzhafte Auseinandersetzung mit sich selber.»

Den Tiger hat Halter selber auf seine Jacke genäht.

Das stört Halter, diese verhätschelte Selbstgefälligkeitsprosa vieler Jungliteraten. Das, und die Banalität des Stils. «Die junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur ist zumindest formal oft sehr konservativ. Viele schreiben einfach über sich selber mit kurzen, einfachen Sätzen, in die man alles Mögliche reinprojizieren kann. Das ist gefällig. Je weniger sprachliche und intellektuelle Substanz da ist, desto beliebiger, widerstandsloser und also kulturkonsumfreundlicher wird das Geschriebene.»

Und das habe auch mit den Literaturinstituten zu tun. «Was mich stört, ist die Souveränität, die den Schreibenden durch die Institutionen verabreicht wird. Da wirst du von allen Risiken und Gefahren gewarnt. Wenn du künstlerisch nie richtig auf die Fresse fällst, dann fehlt dir eine existenzielle Erfahrung beim Schreiben. Dann bis du wohltemperiert, dann fehlt dir die Erfahrung des Zurückgewiesenwerdens, und das führt meist zu etwas Mittelmässigem.»

Im «Kreuz» spritzt Blut

Und während Halter so redet, werden Erinnerungen wach an einen heissen Solothurner Maiabend während der Literaturtage 2016.

Im ersten Stock vom «Kreuz», dieser ewigen Peter-Bichsel-Kneipe, dürfen ein paar Nachwuchsliteraten ihre Texte von verschrumpelten Zetteln ablesen. Der Abend ist fortgeschritten, es fliesst Alkohol. Und plötzlich steht da Jürg Halter auf der Bühne, der unter einem falschen Namen auftritt, weil so richtig gehört er ja nicht zum Nachwuchs. Aber er will jetzt auch einen Text lesen.

Und er hebt an, proklamiert, gestikuliert, springt auf einen Tisch. Das Publikum stösst erschrockene Schreie aus, aber er macht weiter. Liest seinen Text und springt auf einen anderen Tisch und von da zurück. Und dann kommt es, wie es kommen muss: Halter kippt rücklings hinunter und stösst sich den Kopf an einer Kante. Es entsteht ein mittlerer Tumult, aber Halter, wie unter Schock, steht auf und proklamiert weiter sein Gedicht. Blut strömt aus einem Loch in seinem Hinterkopf, bis ein Arzt aus dem Publikum den immer noch gestikulierenden Dichter nach draussen bugsiert.

Ein Schock für alle, der Abend ist gelaufen. Ein bisschen streiten die Leute darüber, ob das jetzt Punk war oder nur peinlich, aber bald ist die Beiz leer und alle sind im Bett. Am nächsten Tag postet Halter ein Bild vom blutgetränkten Sakko auf Facebook und schreibt: «1 Sturz vom Tisch, 1 Kopfplatzwunde, 1 Fahrt mit der Ambulanz und 7 Stiche später, rief es leise aus mir: ‹Kinder, bitte, erzählt mir nichts von Kunst und Dringlichkeit›».

Selbstdemontage für die Kunst

In der Episode spiegelt sich die ganze Grösse, aber auch die Tragik des Halterschen Widerstands. Da kämpft einer gegen die Selbstgefälligkeit und Souveränität. Und wählt wie damals Rainald Goetz die öffentliche Selbstdemontage als Schlüssel zur existenziellen Erfahrung.

Goetz hatte sich am Bachmannwettbewerb 1983 eine Rasierklinge in die Stirn getrieben, um dann heftig blutend über das «Scheissleben» nachzudenken.

Halter legt Wert auf Konfrontation, sie mache ihn zu einem besseren Schreiber. Nur ist im neuen Roman davon leider wenig zu lesen. Denn in «Erwachen im 21. Jahrhundert» geht es um alles. Und das ist zu viel.

Er fühle sich von den Schriftstellern seiner Generation intellektuell im Stich gelassen, sagt Jürg Halter.

Die Handlung: Der 35-jährige Kaspar schreckt in der letzten Nacht vor seiner Abreise aus dem Schlaf. Er will zu «den Anderen» in Brest, einer Aussteigertruppe, von der man nicht viel erfährt. Und während sich Kaspar die Nacht um die Ohren schlägt, verdichtet sich sein Bewusstseinsstrom über Kapitalismuskritik und Massentierhaltung, Klimafragen, Flüchtlingsdebatte und Internetkritik zu einer einzigen schillernden Reizüberflutung.

Dieses «Überforderungspanorama» ist performativ zwar interessant, sprachlich leider aber über weite Strecken hölzern und inhaltlich voller Gemeinplätze. Insbesondere die Dialoge sind dem Autoren missraten, sie haben wenig von dem, was der Dichter immer wieder als seine liebste Triebfeder bezeichnet: Flow.

Und so ist es in diesem Roman wie damals auf dem Tisch in Solothurn: Der Autor hat das Gleichgewicht verloren. Die existenzielle Erfahrung des Dagegenseins macht die Ästhetik zur Randnotiz, die Haltung des Autors schiebt sich vor die Kunst des Dichters. So entsteht engagierte Literatur. Gute Literatur braucht mehr.

Am Mittwoch, den 19. September liest Jürg Halter in Basel aus «Erwachen im 21. Jahrhundert». Buchhandlung Bider und Tanner, 19.30 Uhr, Moderation: Matthyas Jenny.

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