Der Basler Musiker Gianluca Cutrufello spielt als John Henry am liebsten Marathonkonzerte. Wenn ihn seine Gesundheit lässt.


Diese Erscheinung überfordert einige im Publikum. Die Stimme klingt angenehm tief und kräftig, doch selbst die akustische Gitarre hängt schwer an seinen hageren Schultern. Dazu Augen, die übergross aus tiefen dunkelrot geränderten Höhlen leuchten.

Es ist ein intensiver Abend im Keller des «Hirschi», wo John Henry eines seiner seltenen Solo-Konzerte gibt.

Bei diesem John Henry, der da auf der Bühne steht, handelt es sich nicht um den vielbesungenen US-amerikanischen Volkshelden – ein stolzer schwarzer Gleisleger, der sich der Legende nach gegen die damals neuen Dampfhämmer erhob. Der John Henry im «Hirschi» besingt seinen eigenen Kampf: das Leben des Gianluca Cutrufello.

Diagnose: Leukämie

Es ist dies ein Leben, das auf einmal auf den Kopf gestellt wurde. August 2013, eine Diagnose wie ein Hammerschlag. «Mitten im perfekten Sommer», erinnert sich Cutrufello, als wir ihn zu Hause in Liestal besuchen.

Seine damalige Band hiess Who Killed Peter Merian. «So ein blöder Name», sagt Cutrufello heute. Damals hatte sie aber einen Lauf. Man gewann den Publikumspreis beim Firewire-Bandcontest, man spielte eine Deutschlandrunde, trat in Städten wie Dresden, Leipzig oder Berlin auf, und in Liestal teilte man die Bühne mit Uriah Heep. «Das war ziemlich abgefahren – im besten Sinn», so Cutrufello.

Ein Leben als Musiker: Dieser Traum schien zum Greifen nah. Seine Maurerlehre hatte Cutrufello abgebrochen. Seine Hände sollten nicht länger zu geschunden sein, um am Abend musizieren zu können.

Er hatte ein Studium in Gitarre, Klavier und Gesang begonnen, doch das lag in jenem perfekten Sommer gerade auf Eis – aus finanziellen Gründen. Was aber egal war, denn mit seinen 21 Jahren schien er eh am Anfang seiner praktischen Lehrjahre on the road.

Und dann war da auch noch die Liebe. Cutrufello traf sie im Juni, bei einem Konzert an der Port Land Skate Bowl im Rheinhafen. Es wurde ein heisser Sommer, dann zog sie nach London. Gianluca wollte ihr folgen. Nach dem Konzert am Jugendkulturfestival wollte er als trampender Strassenmusiker gemächlich Richtung England tingeln. Das kannte er bereits. Als John Henry war er so schon mehrfach durch Europa getourt.

In den Basler Bars kannte man John Henry. Als Solo-Sänger mit monströsen Konzerten. Bis zu vier Stunden konnten die dauern. «Wenn es lief, spielte ich so ziemlich jeden Song, den ich kannte», sagt Cutrufello, und er lacht, wenn er sich an die Zeit erinnert.

Nach einer Blutanalyse vermutete der Arzt: «Die Maschine spinnt.»

Keine Frage: Er war in Schwung. «Dann begann es mit den Schmerzen in den Unterarmen beim Üben an der Gitarre. Plötzlich, aus den Knochen heraus.» Nach einer Blutanalyse vermutete der Arzt: «Die Maschine spinnt.» Und schickte die Probe in ein Institut.

Die Maschine arbeitete korrekt. Die Diagnose lautete Leukämie.

Cutrufello sagt: «Zwei Wochen davor hatte ich ein Bild gemalt, das alles sagt, ein krankes Gesicht mit langen Haaren, alles in Rot-Schwarz. Das hat mich selbst brutal erschreckt.» Von der Diagnose sei er gar nicht mehr überrascht gewesen. «Das einzig Positive daran war die Erkenntnis: Zwei Wochen später zum Arzt – und ich wäre jetzt tot.»

Er sagt dies so gefasst, wie er es damals auch gewesen sei. In Erwartung der «Scheisse» hatte er erst eine Zigarette geraucht. Nach der Diagnose habe er dann die Mutter beruhigt.

An die Fahrt ins Kantonsspital Basel kann er sich nicht wirklich erinnern, nur noch daran, dass er ein Buch von Charles Bukowski bei sich hatte. Und vor dem Notfall hatte er noch eine letzte Zigarette geraucht. Danach ging es direkt in die Isolation.

Gianluca Cutrufello Anfang Sommer während dem Interview zu Hause in Liestal.

Cutrufello hält gerade eine brennende Zigarette zwischen dürren Fingern mit brüchigen Nägeln, als wir ihn im Frühsommer in Liestal besuchen. Hier, mit dem Waldenburgerli eine Station vom Zentrum des Stedtli entfernt, lebt Cutrufello mit seiner Mutter und seinem Bruder in einer Dreizimmer-Altbauwohnung. Er belegt das Durchgangszimmer zum Bad. Es ist zugleich sein Studio.

In eine Ecke gequetscht stehen das Bett und ein Kleiderregal, der Rest von Raum und Boden gehört Gitarren, Mikrofon, Kabelgewirr und Bandmaschine. Auf einem Regal liegen filigrane Elektroteile unter einer Lupe. Seit der graue Star operiert ist, kann Cutrufello für seine Gitarrensounds wieder selber Effektgeräte löten, sofern die Hände nicht gerade zu sehr zittern.

Von den Wänden grüssen seine «Big Five»: Bob Dylan, Kurt Cobain, Johnny Cash, die Beatles und die Rolling Stones, daneben über dem Bett ein Faltposter aus dem «Playboy». «Ich bin wohl einer der letzten Kunden. Natürlich vor allem wegen der Reportagen», scherzt Cutrufello. «Alleine die Reaktion der Kioskverkäuferinnen ist den Kauf wert.»

Die Hälfte des Gewichts verloren

Es gibt noch eine weitere Oben-ohne-Aufnahme in seinem Zimmer. Sie lehnt gerahmt an einen Stuhl und zeigt Cutrufello selbst, in Jeans und mit Gitarre, der Bauch überzogen von sternförmig angeordneten «Schwangerschaftsstreifen», wie er es nennt. «Die sind als Male geblieben, als ich aufgedunsen von Medikamenten über 80 Kilo wog und innert zwei Monaten im Spital die Hälfte des Gewichtes verlor.»

Auf dem Foto schlabbert die Jeans. Ob das auch ein Überbleibsel von jener Phase sei? «Nein», antwortet Cutrufello, «die Jeans habe ich schon fünf Jahre.» Er trägt sie auch jetzt. Sie hält kaum auf den Hüftknochen, rutscht dauernd runter. «Der Gürtel braucht wieder ein neues Loch.»

Dann entschuldigt er sich bei der Fotografin, die heute mit zu Besuch ist. Es tue ihm leid, dass er noch keinen Platz für das an den Stuhl gelehnte Bild gefunden habe. Eleni Kougionis begleitet Cutrufellos Weg schon lange als Fotografin, das gerahmte Oben-ohne-Bild stammt von ihrer letzten Ausstellung.

Er bietet Kaffee an. In der Küche fällt der Blick auf einen alten Zeitungsschnipsel am Kühlschrank, darauf ein hübscher Lockenkopf: Gianluca Cutrufello, 16, Maurerlehrling, warnt vor den Risiken, die Junglenker eingehen – und sterben.

Ist das nicht ein etwas gar übertrieben selbstironischer Galgenhumor, jeden Morgen diesen Schnipsel anzuschauen?

Darum geht es Cutrufello nicht. Mit 19 Jahren ist er aus dem Fenster eines Peugeot 106 gekrochen, den es aufs Dach gelegt hatte. Mit Glück überlebten alle drei Insassen den Unfall. «Da hatte ich das erste Mal das Gefühl: Alles kann huere schnell vorbeigehen.» Und dann sagt er: «Das war auch in einem August.»

Mit dem Tod konfrontiert

Der Tod begleitet Cutrufello eigentlich schon seit seiner Geburt. Sein Zwillingsbruder starb, 16 Stunden bevor er auf die Welt kam. Das wusste er als Kind zwar nicht, dennoch deckte er am Tisch immer für eine Person mehr. Der geplante Geburtstermin wäre auch im August gewesen.

«Aber genug der Monatszählerei – sonst klinge ich wie ein Verschwörungsspinner. Fakt ist: Ich bin immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Aber mir passiert es nicht. Auch die Leukämie hat mich nicht bekommen.»

Cutrufello erzählt das alles, als würde es ihn kaum etwas angehen. Ruhig, ohne dass sich die Stimme heben oder senken würde. Sind es die Medikamente, die ihn abgestumpft haben? Oder ist er derart abgebrüht, weil solche existenziellen Gedanken längst sein Alltag sind?

Den Alltag jedenfalls, den will er nach Möglichkeiten leben und den Moment geniessen. Kaum ist der Kaffee bereit, sagt er bestimmt: «Gehen wir doch raus zum Rauchen.»

«Ich lag stundenlang auf dem Boden, bis die Ambulanz kam. Die Feuerwehr musste mich über die Terrasse bergen.»

Cutrufello bewegt sich langsam und vorsichtig. Das ist das viele Cortison. Es hat Körper und Knochen extrem fragil gemacht. Ein Sturz, ja schon allein das Anschlagen eines Körperteils kann zu Knochenbrüchen führen.

Wie vor drei Jahren, als er auf dem Weg ins Badezimmer ausrutschte. Schambeinbruch. «Da lag ich stundenlang eingepisst und vollgeschissen auf dem Boden, bis endlich die Ambulanz kam. Dann musste mich die Feuerwehr über die Terrasse bergen.»

Oder da war jener Sturz vor der Kaserne im Frühling 2017. Es geschah bei einem Spaziergang während eines Aufenthalts im Kanti Basel. «Eigentlich war ich im Spital, weil der Darm wieder am Abstossen war. Zudem war der Kiefer entzündet, und als Folge der Chemotherapie mussten zehn Zähne gezogen werden.» Und dann brach sich Cutrufello beim Spazieren auch noch die Hüfte.

Er schüttelt den Kopf, dann greift er nach den Zigaretten, zieht sich vor dem Setzen die Jeans über die Hüfte und lacht: «Sonst wird es wieder gefährlich. Der Gürtel braucht definitiv neue Löcher.»

Mit zittriger Hand zündet er sich eine Zigi an, bevor er sich seinen neuen Hut aufsetzt. Ein Borsalino – wie auf der Bühne. Der schützt nicht nur die empfindliche Haut vor der Sonne, er hat auch Style, so ein bisschen was von Pete Doherty. Doch das hört Cutrufello nicht gern, obwohl er Fan des britischen Rockstars mit dem deftigen Drogenproblem war. Zu oft wird er heute selbst für einen Junkie gehalten.

Neustart mit fremden Stammzellen

Cutrufello ist gezeichnet von fünf Jahren Krankheit. Die Leukämie war nur der Anfang: Chemotherapie, Bestrahlungen und Infusionen. «Ich dachte damals nicht, dass es einem Mensch so schnell so schlecht gehen kann», sagt Cutrufello über die Zeit, in der man sein Immunsystem inklusive Krebszellen komplett killen wollte. Ein Neustart mit fremden Stammzellen sollte seinen Körper wieder gesunden lassen.

Lange sieben Monate im Spital dauerte die Suche nach einem valablen Spender. Und als er endlich gefunden war, passte zwar nicht alles perfekt, aber die Mediziner wollten die Transplantation dennoch wagen. Damit war der Krebs passé. Gesund wurde Cutrufello trotzdem nicht. «Seither stimmt nichts mehr. Mein Körper will alles abstossen, kreuz und quer.»

Angefangen hat es zwei Wochen nach dem Einsetzen der Stammzellen. Die Haut, ein extremer Juckreiz, kein Medikament, das dagegen ankam. «Ich kratzte mich bis auf die Knochen», sagt Cutrufello.

Es war die erste Abstossreaktion. Weitere vier Monate Spital folgten: «In den Nächten kackte und kotzte ich Blut, morgens gab es Spritzen gegen die Übelkeit und Morphin gegen die Schmerzen. Für drei Stunden war es okay, dann ging es wieder los.»

Seither folgten weitere Schübe neuer Autoimmunkrankheiten, immer wieder, in unvorhersehbaren Abständen. «Die Ungewissheit, was der Körper als Nächstes angreift – das nagt.»

«Man betrachtet mich als benebeltes Kind, das nicht alles zu wissen braucht.»

Eine Prognose kann Cutrufello keiner geben. Der 27-Jährige selbst aber sagt, er sei erst 22 Jahre alt. Er verjüngt sich damit nicht etwa aus Eitelkeit, er findet einfach: «Die Zeit im Spital zählt nicht.»

Cutrufello hasst das Spital. Da hilft es nur wenig, dass er das Spitalzimmer jeweils mit Poster, Gitarre und Schreibmaschine etwas wohnlicher gestaltet. Schlimm findet er, wie dort mit ihm umgegangen wird: «Die Entscheidungen werden oft ohne mich getroffen. Immer wieder erfahre ich erst nachträglich, welche Medikamente ich bekomme. Man betrachtet mich als benebeltes Kind, das nicht alles zu wissen braucht.» Er klagt auch über Personal, das ihn nackt schlottern lässt, wenn er wieder einmal ins Bett gemacht hat. Es fühlt sich nach Strafaktion an, degradierend.

«Ich wäre schon oft weggelaufen, wenn ich hätte aufstehen können», sagt Cutrufello. Und doch hat er weiterhin Vertrauen in Ärzte und Pflege. «Ich hatte grossartige Chefärzte und auch tolle Pfleger», sagt er. «Einer kam sogar ans Konzert in den Hirschi-Keller.»

Die Gesellschaft stresst

Die Krankheit und das Ausgeliefertsein belasten ihn schwer. Die letzte Depression hatte er diesen Frühling, als er wegen einer Lungenentzündung ins Spital musste. Und auf einmal erhebt sich Cutrufellos Stimme doch: «Noch krasser als alle Infektionen und das Spital stresst aber die Gesellschaft draussen», platzt es aus ihm heraus.

Es folgen Anekdoten. Wie ihn eine Frau im Tram anschnauzte: «Setz dich mal, du Junkie!» Nur weil er sich langsam bewegte und unter Medikamenteneinfluss bestimmt etwas verwirrt wirkte. Erst mal im Gespräch redet sich Cutrufello richtig in Rage: «Und wenn schon: Selbst ein Junkie hat Rechte!» Und es sei demütigend, im Mediamarkt ständig die Taschen zeigen zu müssen.

Gianluca Cutrufello packt den Blues in seine Notizbücher. Rund 20 Songs blieben vom letzten Spitalaufenthalt.

Der Gipfel für ihn war, als ihn kürzlich ein grober Ladendetektiv in der Liestaler Manor festhielt, weil er seiner Mutter ins nächste Stockwerk folgte, ohne seine Moleskin-Notizbücher sofort an der nächsten Kasse auf der Etage bezahlt zu haben. Weder seine, noch die Erklärungsversuche der Mutter fanden beim Detektiv Gehör. Die dazugerufene Polizei entschuldigte sich dann.

Solche Probleme kann er nicht abschütteln wie die Asche seiner Zigi. Natürlich wollen die Ärzte ihm die Sache mit dem Rauchen ausreden. Er selbst sieht seine Zigaretten nicht wirklich als Laster. «Das ist die letzte Rebellion, die mir bleibt. Die Lungen waren lustigerweise auch nie ein Problem. Deren Leistungsfähigkeit liegt bei 120 Prozent. Und wenn ich mit irgendeiner Krankheit wieder isoliert und einsam bin, ist die Glut das einzige Licht, das im Dunkel brennt. Daran ziehen wirkt besser als jede Tablette.»

Wenn er wirklich am Boden ist, kann Cutrufello nicht mal Musik schreiben. Doch kaum verspürt er den ersten Funken Energie, krakelt er «den Blues» in seine Notizbücher: Liebe, Leben, Tod – ein paar Textfetzen, ein paar Akkorde, die brauchbaren Ideen nachträglich umkreist. Eine bleibende Zeile liefert er während des Gesprächs: «Im Spital spürte ich manchmal weder Schmerz noch Gefühle – nur noch Johnny Cash.»

Und wieder einmal August

Zu einem späteren Zeitpunkt treffen wir Gianluca Cutrufello wieder in Basel. Er spürt zwar eine gehörige Unsicherheit, aber nur aus einem Grund: Es ist wieder mal August. Dabei hat er seit diesem Frühling erstmals wieder mehr Zeit für Musik, statt sie mit Gesundheitsproblemen zu verbringen.

Er hat im Sommer eine erste Studiosession für seine Debüt-EP eingespielt, «und nun habe ich daheim auch ein Schlagzeug aufgebaut», erzählt Cutrufello. «Das eröffnet nochmals einen neuen Blick auf die Musik.» Ausserdem sei dies sein Fitness-Programm.

Er wirkt vitaler als Wochen zuvor bei unserem Besuch in Liestal. «Ich habe auch ein paar Kilo zugelegt!», freut sich Cutrufello über das Kompliment. Und die Gefahr rutschender Jeans hat er mit Hosenträgern langfristig gelöst, wie er augenzwinkernd demonstriert.

«Es heisst ja auch, dass die Remission nach fünf Jahren abgeschlossen sein sollte.» Das heisst, die physischen und psychischen Krankheitssymptome sollten nun abflachen.

«Ich mag keine Zukunft planen. Ich lasse mich einfach überraschen.»

Cutrufello traut der Sache allerdings nicht. Den Glauben an den Wendepunkt hat er genauso verloren wie die Angst vor dem Tod. «Ich mag keine Zukunft planen. Ich lasse mich einfach überraschen und schaue, was kommt.»

Das sind erst einmal ein paar Konzerte. Seit dem Abend im «Hirschi» erhält John Henry Anfragen von allen Seiten. Selbst für Hochzeiten wird er angefragt. Anfang August zeigte er sich bei einem Konzert in der Liestaler Klex Bar schon fast wieder in alter Marathonform und spielte, wenn auch mit Pausen, über vier Stunden lang.

Es sind bunt gemischte Sets mit eigenen Songs und Covers. Nicht alles bestechend geschrieben oder intoniert, das Gitarrenspiel oft nachlässig. Doch weckt er Emotionen und reisst mit. Denn bei jedem Ton spürt man die Energie der Musik, die ihn befeuert.

«Wenn ich aufhöre, sind alle Probleme wieder da», erklärt Cutrufello seine jetzige Kondition für Marathon-Konzerte. Und ausserdem sei er noch immer eine Rampensau, die das Scheinwerferlicht geniesst. Schon beim ersten Konzert, am Abschlussabend seiner Schule, brannten ihm auf der Bühne die Sicherungen durch. Zur AC/DC-Nummer «TNT» entblösste er – ganz Angus Young – vor versammelter Lehrerschaft den Hintern. Für die letzten Schulwochen wurde er daraufhin nach Disentis in den Landdienst verbannt.

Inspiriert von Ennio Morricone

Abseits der Bühne, etwa auf sozialen Netzwerken, fällt es Curtufello dagegen schwer, um Aufmerksamkeit zu buhlen. «Ich kann mich da schlecht inszenieren», sagt er selbst, obwohl es gut wäre für neue Konzerte. Darum überwindet er sich ab und an mit ein, zwei Bier, «und dann poste ich trotzig Fotos von meinen Venen mit Infusionen oder so».

John Henry spielt wieder viel und lange.

Publikum gewinne er so kaum, aber immerhin Reaktionen. Denn die Krankheit führe ihn immer mehr in die Isolation und Einsamkeit. Darum lässt er sich gerne von anderen porträtieren, diese Art von Aufmerksamkeit passt ihm umso besser.

Neben der Fotografin Eleni Kougionis begleitet auch eine Schulfreundin sein Leben. Sie studiert in Cambridge Film und porträtiert ihn für ihre erste Kino-Doku. Cutrufello ist dabei nicht nur Sujet, er komponiert auch gleich die Filmmusik. Die letzte Nacht habe er durchgeschrieben. «Ich war voll drin, und als ich auf die Uhr geschaut habe, hat sich das Schlafen vor dem Zahnarzttermin am Morgen dann auch nicht mehr gelohnt.»

Was er komponiert, klingt anders als die Musik seiner Songs. «Inspiriert von Ennio Morricone», so Cutrufello. «Aber weniger wie ‹Spiel mir das Lied vom Tod›, sondern mehr wie ‹The Ecstasy of Gold› aus ‹The Good, The Bad and the Ugly›.»

In diesem Western-Klassiker überlebt der kettenrauchende Blonde alle Todesfallen und zieht am Ende mit Geld und Gaul in die Zukunft.

John Henry live am Souterrain Summer Special,31. August,  Kaschemme.

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