Sein Traum? Sommerspiele in Tokio!

Seine Einstellung ist die eines Vollprofis. Was dem Basler Nikos Wilczek noch fehlt, ist das nötige Kleingeld. Aber das dürfte den Teilzeitlehrer und Triathleten ebensowenig auf seinem Weg aufhalten wie Verletzungen und Studium.

Vom Keller an die Weltspitze: Das kann nur wahre Leidenschaft.

Eine schmale Holztreppe führt hinab in den Keller. Der Raum ist nicht grösser als ein durchschnittliches Klo. Darin eingepfercht sein Trainingsgestell: ein Rennrad vor einem Computer, der auf einem alten Bügelbrett aufgeklappt steht. Das ist alles. Alles, was Nikos Wilczek für seine anstehende Trainingseinheit braucht.

Der Basler Triathlet griechischer Herkunft klickt seine Radschuhe in die Pedale ein. Kurzes Aufwärmprogramm, dann startet er sein Intervalltraining. Immer und immer wieder mit aller Kraft in die Pedalen treten, ganze 20-mal für jeweils 30 Sekunden, dazwischen ebenso lange Pausen, 40 Minuten lang.

Ins Schwitzen kommt der 24-Jährige allerdings nicht. Schon beim ersten Sprint gibt das Fahrrad nach und fällt aus der Halterung. Er kann gerade noch so einen Sturz verhindern.

Ein weiter Weg

Das sei ihm jetzt noch nie passiert, in den fünf Jahren, die er dieses Trainingsgerät besitzt. Vorführeffekt. Einmal mehr. Wilczek nimmts mit einem Schmunzeln: «Wäre es doch in der Mitte des Trainings passiert», scherzt er, «dann hätte ich wenigstens eine kleine Extrapause gehabt.» Mit wenigen Handgriffen setzt er sein Fahrrad wieder zusammen und setzt sein Training fort. Oder beginnt es erst richtig.

Fernab der grossen Bühne, unten im Keller seines Elternhauses im Ring-Quartier, trainiert Wilczek für seinen Traum von Olympia, davon, zur Weltelite seines Sportes zu gehören: «Für mich geht es nicht darum, berühmt zu sein oder viel Geld zu haben. Ich will einfach das Beste aus mir herausholen», sagt er.

Seine Triathlon-Karriere begann, als er zwölf war. Schon davor war er in verschiedenen Schwimmvereinen. Damals war Schwimmen seine Paradedisziplin. Was für ihn bedeutete: möglichst bald ein möglichst ausgeglichener Athlet werden.

«Ich müsste weniger arbeiten und mehr Geld verdienen, um die optimale Vorbereitung auf die Wettbewerbe zu haben.»

Vier Jahre später trug seine Bemühungen erstmals Früchte. Wilczek ist bis heute der jüngste Elite-WM-Teilnehmer aller Zeiten. Er war als 16-Jähriger dabei. Allerdings trug er nicht das Schweizerkreuz auf der Brust, sondern das griechische. Er hat keinen roten Pass.

Doch Wilczek hatte ganz andere Probleme zu meistern. Diverse Verletzungen und Viruserkrankungen haben ihn mehrfach zurückgeworfen. Aber wen kümmert das schon? «In unserem Sport ist es so: Es zählt nur die Leistung. Dass du ins Ziel kommst. Keiner sieht, was dahinter steckt», sagt Wilczek.

In seinem Fall interessiert insofern auch kaum jemanden, dass er gleichzeitig in Basel das Gymnasium absolvierte und an der Fachhochschule in Liestal sein Studium durchzog, während er seine Leidenschaft für den Triathlon pflegte und dort seine sportlichen Ziele verfolgte.

Ans Ziel kommen, egal wie: Der Basler Nikos Wilczek gibt alles.

Das Studium ist mittlerweile abgeschlossen. Trotzdem kann er sich noch immer nicht voll und ganz auf den Sport konzentrieren. Zwei Trainings pro Tag hin oder her, 50 Prozent arbeitet er als Primarlehrer. «Es ist ein Teufelskreis: Ich müsste weniger arbeiten und mehr Geld verdienen, um die optimale Vorbereitung auf die Wettbewerbe zu haben.»

Nur mit Spenden möglich

Das liebe Geld. Wer nicht zu den Top-Athleten des Sports gehört, muss sich die Teilnahme an Wettbewerben selbst finanzieren. Dazu kommen Kosten und nochmals Kosten, die Wilczek trotz seines Berufes nicht decken kann: Material, Reisen, Trainingsgeräte. Letztere werden zumindest teilweise von seinem «Team Coach» gesponsert.

Aber sonst? Heisst es kreativ werden, um an die Weltspitze zu kommen. Wilczek sucht dazu Gönner auf dem Portal ibelieveinyou.ch, die ihm mit Spenden die Teilnahme an zehn Wettkämpfen im kommenden Jahr ermöglichen würden.

Fehlt noch in der Trophäen-Sammlung: Die Startnummer von Tokio.

So viel fehlt ihm eigentlich gar nicht mehr. Für das Erreichen seines grossen Traums Olympia 2020 sind die Wettkämpfe aber von immenser Bedeutung. Bei jedem Wettbewerb könnte Wilczek wichtige Punkte sammeln, die ihm den Weg nach Tokio ebnen würden. Die Qualifikation für Olympia hängt also massgeblich davon ab, ob er genügend Spender findet.

«Von nichts kommt nichts», sagt Wilczek. Wenn er einen Lieblingssatz hat, dann diesen. Selbstredend nicht nur, wenn es um die finanzielle Unterstützung geht. Er trainiert beinhart. Woche für Woche legt er auf dem Velo, laufend und schwimmend insgesamt 275 Kilometer zurück. Damit käme er von Basel mit ein, zwei Umwegen locker bis nach Genf.

Keine Frage, Wilczek ist eine Ausnahmeerscheinung. In seinem Sport, auf diesem Niveau, ist er der einzige Athlet, der nebenbei berufstätig ist. Wie gut er unter diesen Umständen mit der Konkurrenz mithalten kann, ist nicht immer leicht auszumachen. Das eine oder andere Mal hat ihm eine grosse Portion Pech einen Strich durch die Rechnung gemacht. Da war dieser Platten nach 500 Metern bei einem internationalen Rennen, ein anderes Mal blieb sein Gepäck am Heimatflughafen zurück. An der Europameisterschaft im vergangenen Sommer belegte er den 44. Platz.

Keine Ausreden

Ist der Traum von Olympia 2020 realistisch? «Ich will nicht sagen: Ja, ich schaffe es», sagt Wilczek. «Ich weiss, was ich kann, aber muss auch noch stark an mir arbeiten.»

Mit Kurt Müller hat er seit 2016 einen neuen Coach. Die nötige Selbstdisziplin hatte er schon vorher. Derzeit plagt ihn allerdings einmal mehr eine Verletzung: Bizepssehnenabriss. Kein Schwimmen, kein Lauftraining bis Ende Januar. Aber da ist ja noch der Keller, unten im Haus seiner Eltern, mit dem Rennrad vor dem Computer auf dem Bügelbrett. Von nichts kommt nichts.

«Von nichts kommt nichts»: Das ist die richtige Einstellung.

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