Ein Tambour gibt im Grossen Rat den Takt an

Remo Gallacchi präsidiert 2018 den Grossen Rat. Eine Begegnung mit dem Mann, der für ein Jahr der höchste Basler ist.

Er ist für ein Jahr der höchste Basler: der CVP-Grossrat Remo Gallacchi.

Die Glocke hat kaum halb zwei geschlagen, da öffnet Remo Gallacchi schon die Tür. Als hätte er genau berechnet, wie lange der Weg von seinem Büro bis zum Eingang des Münstergymnasiums ist. Genauigkeit scheint ihm wichtig. Was erwartet man auch anderes von einem Physik- und Mathematiklehrer?

Nicht nur seine berufliche Karriere ist geprägt von Berechnungen, auch in der Politik scheint Gallacchi nichts dem Zufall zu überlassen. «Ich bin der CVP beigetreten, weil sie meinen Werten am ehesten entspricht», erklärt er. «Und weil hier das Potenzial am grössten war gewählt zu werden.»

Denn innerhalb der Christlichdemokratischen Volkspartei genoss Gallacchi eine gewisse Bekanntheit: Schon sein Vater war für die CVP im Grossen Rat. Ein Vorteil, wie Gallacchi zugibt. Den er aber nicht ausschlachten wollte. «Ich habe bewusst zugewartet, der Partei beizutreten. Ich wollte eine Lücke zwischen meinem Vater und mir.»

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Die Lücke sollte acht Jahre lang bestehen. Danach schaffte er es im ersten Anlauf auf den ersten Nachrückerplatz. Und innert eines Jahres ins Parlament.

Auch wenn Gallacchi und sein Vater in der gleichen Partei sind, will er keine Vergleiche anstellen. Das könne er gar nicht. «Ich habe mich für Politik im Allgemeinen interessiert, nicht für die Geschäfte meines Vaters.» Und die CVP habe er – unter anderem – auch deshalb gewählt, weil es keine Polpartei sei. «Wir haben sowohl eine Auto- als auch eine Velolobby», sagt er schmunzelnd. Und meint damit den bürgerlichen und den linken Flügel, welche die Partei oft auch sehr unberechenbar machen. Für Gallacchi ein Zeichen der Stärke, nicht der Schwäche: «Ohne die CVP gäbe es einen riesigen Graben im Grossen Rat.»

Geringe Medienpräsenz

Gallacchi ist nicht bekannt als Brückenbauer oder radikaler Politiker. Überhaupt ist er nicht sonderlich bekannt. Er hatte fünf Jahre das Präsidium der CVP/EVP-Fraktion inne und äussert sich des Öfteren im Grossen Rat. In den Medien ist er aber selten präsent. Scheut er die Öffentlichkeit?

«Ich bin nicht absichtlich zurückhaltend, will mich aber auch nicht unnötig profilieren», sagt der 49-Jährige. Wenn über den Kleinbasler geschrieben wird, kann man eigentlich immer dasselbe lesen: dass er Präsident der «Baseldytschi Bihni» ist, Statthalter des Fähri-Vereins, leidenschaftlich Waldhorn spielt, ein begnadeter Trommler ist, eine Frau und einen Sohn hat.

Bohrt man nach, erzählt Gallacchi bereitwillig, wie seine Frau und sein Sohn heissen, was der Sohn studiert und dass er (noch) keine politischen Ambitionen habe. «Die Frage ist nur, was Sie damit anfangen wollen.» Wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht und das Thema Privatleben ist abgehakt.

«Ich bin in den Katholizismus hineingeboren – ich kann nichts dafür und habe nichts dagegen.»

Auch wenn Gallacchi bei persönlichen Themen eher verschlossen ist – wortkarg ist er nicht. Er erklärt gern die Dinge, spannt einen weiten Bogen, um seine Meinung einzuordnen, erzählt Anekdoten und behält dabei seine ruhige und sonore Stimme. Wie der Physiklehrer, der heutigen Journalistin als Schülerin vor 15 Jahren die Gravitationskraft näherbrachte.

Auch beim Thema Religion wird er nicht merklich emotional. Gallacchi ist gläubiger Katholik, er war Ministrant in seiner Kirche. Er setzt sich für die christlichen Werte ein, betont aber, dass diese in unserer Kultur verankert seien, unabhängig vom Glauben: «Ich bin in den Katholizismus hineingeboren – ich kann nichts dafür und habe nichts dagegen.»

Ob jemand regelmässig zur Kirche geht, spielt für ihn keine Rolle: «Der Kirchengang ist nur das Bild nach aussen.» Weil ihm die christlichen Werte wichtig sind, hat er sich dafür eingesetzt, dass Scientology nicht «nonchalant» als religiöse Gemeinschaft anerkannt werde. Und er wollte das Beichtgeheimnis der Priester wahren – gleichzeitig aber auch festlegen, dass sie bei Offizialdelikten ansonsten die Meldepflicht trifft.

Nicht immer ist Gallacchi auf der Linie der katholischen Kirche. Wenn es um aktive Sterbehilfe oder das Recht auf Abtreibung geht, hat er eine sehr freiheitliche Sicht auf die Dinge: «Bei einem so endgültigen Entscheid kann einem niemand helfen», habe ihn die Lebenserfahrung gelehrt. «Da hilft auch gutes Zureden nichts, letzten Endes ist man mit dieser Entscheidung allein.» Deshalb ist es für den Christdemokraten wichtig, dass niemand, auch nicht der Staat, in diese Angelegenheiten hineinrede. «Wenn ich urteile, verurteile ich auch.» Da hört man dann doch den Katholizismus.

Basler Fasnachts-Dynastie

Für den Politiker Gallacchi gibt es nur ein grosses Tabu: die Bildungspolitik. Als Lehrer und Konrektor des Münstergymnasiums will er keinen Interessenkonflikt schüren. «Andere Lehrer sind da nicht so strikt», stichelt er in Richtung mancher linker Ratskollegen. Immer wieder teilt Gallacchi solche Seitenhiebe aus, er tut dies auch im Grossen Rat. Er scheut den direkten Konflikt nicht.

Dem CVP-Mann ist es aber dennoch wichtig, nicht übers Ziel hinauszuschiessen: «Ich will keine Schlagzeilenforderungen hinausposaunen, bei denen ich später zurückbuchstabieren muss.» Wohl auch deshalb seien die Medien nicht sehr oft auf ihn zugekommen, mutmasst er. Für ihn ist das aber kein Problem, so verliere er nicht das Gesicht. Die zusätzliche Aufmerksamkeit hat er auch nicht nötig.

Denn die Gallacchis sind eine Dynastie. Nicht so sehr im Polit-Betrieb, dafür an der Fasnacht. Also einer nicht minder machtvollen Gesellschaft. Gemeinsam mit seinem Bruder und zwei Cousins trat er beim «Brysdrummle» an, jeder von ihnen machte da eine gute Figur. Viel mehr Bekanntheit geht in Basel nicht.

«Die Trommel-Proben haben bereits gelitten, auch bei der Blasmusik musste ich Abstriche machen.»

Was verändert sich jetzt, wo Remo Gallacchi zum Grossratspräsidenten gewählt wurde? Augenscheinlich nicht viel, vor allem nicht nach dem Jahr als Stellvertreter von Joël Thüring. «Die Trommel-Proben haben bereits gelitten, auch bei der Blasmusik musste ich Abstriche machen. Und die eine oder andere Sitzung meiner Vereine wird dieses Jahr ohne mich vonstatten gehen», mutmasst er.

Vermisst er das grossrätliche Rednerpult, das für ihn als Mitglied des Ratsbüros seit dem vergangenen Jahr tabu ist? «Am Anfang war es sehr schwer, nicht mehr sprechen zu dürfen. Aber ich weiss, dass man mit seinem Votum selten eine Abstimmung beeinflussen kann. Und wenn einer weniger spricht, geht es mit der Diskussion schneller vorwärts.» Ein Mathematiklehrer kann halt auch als Politiker rechnen.

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