Während andere in seinem Alter ausschlafen, stellt er einen Hilfseinsatz auf die Beine

Bastian Seelhofer ist gerade auf dem Weg nach Kroatien. Der Basler hat mit seinen Freunden ein Flüchtlingshilfswerk aus dem Boden gestampft. «Wer wäre ich, wenn ich nicht helfen würde», sagt er. Und hilft.

Bastian Seelhofer mit den Vereinsmitgliedern von «Be aware and share».

(Bild: Omid Taslimi)

Bastian Seelhofer ist gerade auf dem Weg nach Kroatien. Der Basler hat mit seinen Freunden ein Flüchtlingshilfswerk aus dem Boden gestampft. «Wer wäre ich, wenn ich nicht helfen würde», sagt er. Und hilft.

Und wenn er eine Stunde zu spät käme, man könnte es Bastian Seelhofer nicht übel nehmen. Der Basler musste skypen, Samstagmorgen noch vor neun. Am anderen Ende Vedrana Beg, eine aufopfernde Kroatin aus Koprivnica. Der Ort liegt ganz nahe an der Grenze zu Ungarn. Vier Züge kommen hier tagtäglich an und bringen rund 2000 Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, aus Afghanistan, Eritrea und dem Sudan.

Während andere in seinem Alter ausschlafen, koordiniert der 28-Jährige einen Hilfseinsatz. Da darf unser Treffen im Gundeli ein paar Minuten warten. Zudem hat er erst gerade die Nachricht von der Schliessung der ungarisch-kroatischen Grenze erhalten. Dorthin, wo sein Konvoi tags darauf starten sollte. Zu Vedrana Beg, die er bewundert, weil sie selbst nicht viel hat und alles gibt, fast Tag und Nacht an den Bahnhof fährt, um zu helfen.



Sein Arbeitgeber steht hinter seinen Hilfseinsätzen. Bastian Seelhofer würde sich aber vermutlich sowieso von keinem Chef der Welt aufhalten lassen.

Sein Arbeitgeber steht hinter seinen Hilfseinsätzen. Bastian Seelhofer würde sich aber vermutlich sowieso von keinem Chef der Welt aufhalten lassen. (Bild: «Baas»)

Bastian Seelhofer ist Sozialarbeiter, daneben hat der Basler sein eigenes Eventlabel namens Ten 11 12. Als ihn die wachsende Flüchtlingsproblematik Anfang September um den Schlaf brachte, fragte er sich nicht, wie er helfen könnte. Seelhofer fragte: «Wer wäre ich, wenn ich nicht helfen würde?» Und gab sich die Antwort gleich selbst: «Ich fand kein Argument, das dagegen sprach.»

Sammeln und ab die Post

Also trommelte Seelhofer vier Freunde zusammen. Mit ihnen zusammen wollte er seinen VW-Bus T4 mit Decken, Kleidung und Geld füllen und dann losfahren. Irgendwo dorthin, wo das Leid gross war und der Hilfsbedarf nicht kleiner. Auf Facebook platzierte er einen Post. Innerhalb von 24 Stunden hatte er Kleiderspenden von 300 Fremden zusammen. Und nach einer Woche sieben Tonnen Material, von der Trainerhose bis zur Taschenlampe.

Dann kam der Moment, als aus dem Engagement eines Freundeskreises etwas wurde, das ausstrahlte. Das im Begriff war, grösser zu werden als diejenigen, die es ins Leben gerufen hatten. Sie gründeten den Verein «Be aware and share», kurz BAAS. Sie riefen einen Sammelstopp aus, weil sie keinen Platz mehr fanden für all die Güter. Sie organisierten ein Benefizkonzert mit Black Tiger, mit dem sie genug Geld zusammenbrachten, um Hunderte Flüchtlinge ein paar Tage mit Lebensmitteln zu versorgen.

Für all das Material war Seelhofers VW-Bus schliesslich zu klein. Da kam ein Autohändler wie gerufen, der ihnen kostenlos einen Mercedes Sprinter zur Verfügung stellte. Andere Firmen spendeten. Die Jugendarbeit Pratteln sponserte Benzin und Versicherung.

Wie die Gesellschaft mit der Flüchtlingsfrage umgeht, beschäftigt Bastian Seelhofer sehr. Im einen Moment macht es ihn wütend, «wie man sich in unserer Wohlstandsgesellschaft als Gutmenschen darstellt, aber, wenn es drauf ankommt, auf dem Sofa kleben bleibt und sich in seiner Festung verbarrikadiert.» Im nächsten Moment bringt er Verständnis auf für jeden, der nicht wie er alles stehen und liegen lässt, um dem Notstand in Europas Südosten beizukommen. Er weiss: Nicht jeder kann. «Trotzdem», sagt er, «ich muss ja auf nichts verzichten.»

Inspiration für Andere

Anfang Oktober ist erstmals ein BAAS-Team von 14 Helfern nach Koprivnica aufgebrochen, ein Konvoi mit sechs Fahrzeugen, Tonnen an Hilfsgütern und Tausenden von Franken. Sie versorgten die Ankommenden am Bahnhof im benachbarten Botovo mit Wasser und Äpfeln. Die Erfahrungen, die sie dabei machten, beschreibt Bastian Seelhofer so: «Es ist schlicht bewegend. Es veränderte uns alle.»

«Wir stören uns hier über Dinge», sagt Bastian Seelhofer und schüttelt den Kopf. «Und dort wissen die Menschen nicht einmal, in welchem Land sie gerade Not leiden.»

Das Helfen habe die BAAS-Mitglieder zu einer Familie zusammengeschweisst, «wir wuchsen daran und über uns hinaus», sagt Seelhofer. Das war auch nötig. Die Zeit reichte kaum für Schlaf. Stattdessen pausenloses Herumeilen. Verteilen, was unzählige Baslerinnen und Basler gespendet hatten. Menschen umarmen. Tipps geben. Gerade vorletztes sei besonders überwältigend. Oft, sehr oft sogar, seien ein paar aufmunternde Worte und eine Umarmung mehr wert als eine warme Mütze und ein Teller Suppe, so Seelhofer.

Wieder in der Schweiz, sah er seine Welt mit neuen Augen. Alles hatte sich relativiert. Dann war eben das Tram zu spät, der Handyakku leer. «Wir stören uns hier an Dingen», sagt er und schüttelt den Kopf. «Und dort wissen die Menschen nicht einmal, in welchem Land sie gerade Not leiden.»

Darum hofft er, dass sein Projekt aufweckt. Dass es Nachahmer findet und Unterstützer. Ein Mittel ist der Film, der über die BAAS-Einsätze entsteht und Anfang Dezember im Kino gezeigt werden soll, sicher in Basel, vielleicht auch in Zürich, noch wird verhandelt.

Darum startete Seelhofer diesen Sonntagabend erneut. Mit dabei sind neun Freunde von «Be aware and share» und drei Tonnen Material, das sie von «Basel hilft mit» erhalten haben. Ausserdem im Gepäck: Jede Menge Überzeugung und die Gewissheit, dass das, was sie tun, nach kroatischem Recht nicht einmal legal ist. Ausländer dürften eigentlich keine Flüchtlinge an einem Bahnhof in Kroatien versorgen. Doch die Polizei sei froh um jede Hilfe, «wir arbeiteten eng und gut zusammen», sagt Seelhofer.

Sie werden bis am kommenden Wochenende in der Dreizimmerwohnung von Vedrana Beg und ihrer Familie leben. Sie werden helfen, wo es geht. Und sie werden dabei kaum schlafen.

Die Arbeitgeber der Freunde gestehen ihnen diese Reise zu. Das sei ein Privileg, sagt Seelhofer. Er sei sehr dankbar. Doch wer ihm in die Augen schaut, der erkennt: Dieser Mann würde auch ohne Segen seines Arbeitgebers fahren.

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