«Wird der Umgangston härter, nehme ich meine Baustellen-Erfahrung hervor»

Sandra Sollberger wurde überraschend in den Nationalrat gewählt. Sie ist die freundliche Familienfrau von nebenan, bodenständige Malermeisterin und SVP-Politikerin mit Charme. Ein Porträt.

Die SVP-Politikerin und Malermeisterin Sandra Sollberger punktete im Wahlkampf mit ihrem charmanten Auftreten und dem Lächeln, bei dem ihr Zahnpiercing glitzerte.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Sandra Sollberger wurde überraschend in den Nationalrat gewählt. Sie ist die freundliche Familienfrau von nebenan, bodenständige Malermeisterin und SVP-Politikerin mit Charme. Ein Porträt.

Sandra Sollberger erlebt einen goldenen Herbst. Gerade hat die SVP-Politikerin aus Bubendorf einen Sitz im Nationalrat ergattert, die Euphorie steht ihr noch ins Gesicht geschrieben – die Verblüffung auch. Während wir mit ihr durch Bubendorf gehen, rekapituliert sie ihren Wahlerfolg. Alle 50 Meter unterbricht sie das Gespräch, erzählt Dorfgeschichten und grüsst Passanten, die meisten mit Vornamen. Die freundliche Frau mit der roten Haarsträhne kennt jeder im Dorf.

Bisher stand die 42-jährige Landrätin stets im Hintergrund, der Wahlsieg katapultiert sie nun ganz weit nach vorne. Im Nationalrat wird sie denn auch in den vorderen Reihen Platz nehmen, wie es für Neugewählte üblich ist. «Ganz vorne lernt man am meisten, das hat mir schon meine Lehrerin in der Primarschule beigebracht», sagt Sollberger.

Kein SVP-Kampfgeschrei

Sie werde sich im Bundeshaus erst einmal zurückhalten und die Ausgangslage analysieren. Vorpreschen – das sei nicht ihre Art. Danach könne man nicht mehr gut mit seinen Gegnern zusammenarbeiten. «Ich versuche immer eine Lösung zu finden, die für alle am Schluss passt» – ein Satz, den im Bundeshaus nur wenige SVP-Vertreter so sagen würden.

Sollberger fällt nicht mit Kampfgeschrei gegen «Asylschmarotzer» oder «kriminelle Ausländer» auf. Sie sagt, sie glaube an das Gute im Menschen – «bis mir jemand das Gegenteil beweist». Die Angst vor dem Fremden klingt bei ihr höchstens in den Zwischentönen mit. Die Heimat sei bedroht, wenn zu viele Menschen kommen würden, die nichts für die Schweiz tun. «Die Einheimischen werden immer unzufriedener, das Gleichgewicht im Land ist gefährdet.»

Wer die Fremden sind und warum diese eine Bedrohung darstellen, bleibt unklar. Das Fremde an sich als Bedrohung für das Land – das ist Sollbergers Adaption der SVP-Politik.

Nicht ideologisch, sondern aus dem Leben heraus

Was die Unzufriedenheit in der Bevölkerung bewirke, sehe man derzeit an der Pegida-Bewegung in Ostdeutschland. Sie könne verstehen, «wenn Leute anfangen, sich so zu wehren, weil sie nicht mehr anders können». Die Politik müsse die Wut dämpfen. Denn: «Ich will nicht, dass so etwas wie Pegida in der Schweiz entstehen kann.» Politik in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Bürgerängsten also.

Beim Thema Asylpolitik zeigt Sollberger ihre kompromisslose Seite. Hier lasse sie sich nicht von ihrer Meinung abbringen. «Gratis-Anwälte» für Asylsuchende – das könne keiner verstehen, der in einem KMU für jeden Batzen kämpfen muss.

Überhaupt bleibt sie bei den Themen Zuwanderungs-Initiative, «fremde Richter» und Feindbild EU stramm auf Parteikurs. Die SVP-Parolen hat Sollberger verinnerlicht. Sie argumentiert jedoch nicht abstrakt-ideologisch, sondern aus dem Leben heraus. Zum Beispiel so: «Ich will, dass die Schweiz neutral bleibt und unsere Kinder das Gleiche geniessen dürfen wie wir heute» – Europapolitik kann so einfach sein. Die Mutter von zwei Kindern im Teenageralter zeichnet ihre E-Mails mit «e farbige Gruess». Sie bückt sich, um eine Raupe von der Strasse aufzuheben und in den ­Rasen zu ­legen. Diese Frau macht SVP-­Politik mit Farbtupfern.



Sollberger legt eine Raupe von der Strasse aufs Gras nebenan.

Sollberger nimmt eine Raupe auf und legt sie aufs Gras neben der Strasse. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Sie führt uns zum Schulhaus, einem ihrer Lieblingsorte im Dorf. Die Bank, auf die sie zusteuert, ist besetzt. Wir gehen zur Treppe vor dem Schuleingang. «Von mir aus können wir uns gerne hierher setzen, ich bin mir Baustellen gewohnt.»

Baustellen-Erfahrung – das ist etwas, das nicht viele unter der Bundeshauskuppel vorweisen können, schon gar nicht Nationalrätinnen. Sollberger schon. Sie beendete 1992 ihre Malerlehre als eine von vier «Lehrtöchtern» im Aargau, wie die weiblichen Lehrlinge damals genannt wurden. Später sass sie als einzige Frau unter 100 Männern bei der Abschlussprüfung zur Malermeisterin. Die Erfahrungen aus dieser Zeit würden ihr im Bundeshaus helfen: «Wenn der Umgangston härter wird, nehme ich meine Baustellen-Erfahrung hervor.»

Politische Arbeit kaum wahrgenommen

Im Landrat, aus dem sie nun zurücktritt, nutzte sie ihren Handwerksberuf und garnierte ihre Voten regelmässig mit Anekdoten aus dem eigenen Malergeschäft. Diesen Trumpf will sie auch im Nationalrat ausspielen. Die Nähe zum Gewerbe mache sie glaubwürdig in Wirtschaftsfragen, ist Sollberger überzeugt. Steht die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative nicht im Widerspruch mit ihrem Engagement für KMU? «Bestimmt nicht.» Zuwanderung beschränken und Wirtschaftsbeziehungen aufrecht erhalten – «das geht».

Ihre kecke Art und das zuversichtliche Lächeln, bei dem ihr Zahnpiercing glitzert, haben Sollberger wohl das Quäntchen gebracht, das den Wahlsieg bedeutete. Ihre politische Arbeit haben die Wählerinnen und Wähler mit ihren Stimmen kaum goutiert, da Sollberger in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Trotz roter Haarsträhne blieb sie im Wahlkampf politisch farblos.

Drei Dinge fürs Leben

Am Ende unseres Spaziergangs verrät uns Sollberger ihr Geheimnis. Sekundenkleber, Zahnseide und Arnika-Kügelchen – mit diesen drei Dingen, die sie immer bei sich trägt, sei sie bisher gut durchs Leben gekommen. Den Sekundenkleber braucht sie, wenn etwas reisst, die Zahnseide dient der Hygiene und die homöopathische Medizin hilft bei gesundheitlichen Notfällen.

Drei Dinge, die Sollberger auch im Bundeshaus gebrauchen kann: Der Sekundenkleber hilft, Risse in der SVP-Fraktion zu reparieren, die Arnika-Kügelchen lindern den Schmerz nach verbalen Attacken und die Zahnseide dient als Allzweckwaffe.



Pressetermin vor dem Schulhaus in Bubendorf: «Von mir aus können wir uns gerne auf die Treppe setzen, ich bin mir Baustellen gewohnt», sagt Sollberger.

Pressetermin vor dem Schulhaus in Bubendorf: «Von mir aus können wir uns gerne auf die Treppe setzen, ich bin mir Baustellen gewohnt», sagt Sollberger. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Konversation

  1. Denkfehler
    In einem Satz bringt die neue Nationalrätin Sandra Sollberger den Denkfehler auf den Punkt. „Sie will,“ sagte sie, „dass … unsere Kinder das Gleiche geniessen dürfen wie wir heute.“ Der Denkfehler beruht auf einer Illusion. Er beruht auf der unhaltbaren Vorstellung, es liesse sich der überdurchschnittliche Lebensstil der Schweiz weiterhin exklusiv beanspruchen. Dieser Lebensstil aber lässt sich weder halten noch verteidigen. Er geht zu Lasten der Umwelt und wird die Lebensqualität künftiger Generationen massiv beeinträchtigen. Er geht zu Lasten der Menschen in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Er untergräbt deren Möglichkeiten, dort ein Auskommen zu finden, wo sie leben. Sie werden auch weiterhin zur Flucht gezwungen sein. Er beruht auf dem vielfältigen Austausch der Schweiz mit der restlichen Welt. Die Abschottung, mit der er sich verteidigt, steht im krassen Widerspruch dazu. Der Denkfehler unterläuft nicht nur Sandra Sollberger. Er wird auch von der grossen Minderheit der Wählenden geteilt, die sich vor zwei Wochen in diesem Sinne positioniert hat.
    Ruedi Epple, Sissach

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    1. @epple

      exakt!

      und dass das ganze nicht in unbegrenzte verlustängste münde (besser: kanalisiert werde): es wartet ein ganz anderer reichtum – jener des austausch’s, der positiven veränderung, der wachsenden – auch geforderten – beweglichkeit.

      das ende der erstarrung!

      neulich gab’s hier den bericht über ein schaf ohne wolle.
      schafwolle isoliert – so zimmli von allem.
      sein name klingt demnach wie ein anti-isolations-weckruf:

      «NO LANA!»

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  2. was da so farbtupfrig locker daherkommt, ist domestizierte fremdenfeindlichkeit.

    tierschutzklausel:
    «unbegrenzte freiheit für das weisse schweizer käfigschaf»

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  3. Mal andersrum betrachtet – hat die politisch Linke die letzten Jahre etwas nachhaltig erreicht ? Das Bankengeheimnis ist quasi aufgelöst, aufgeblähter Beamtenstaat, viele Arbeitslose und Ausgesteuerte, hohe Kriminalität. Auch ich bin froh geht es jetzt mal in die andere Richtung. Es war ja jetzt nur mal ein Kräfteverschieben Richtung Mitte/Ausgeglichenheit, der rechtsrutsch wird später folgen.

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    1. @meier1
      haben Sie schlecht geschlafen? (tipp: verstecken Sie Ihr geheimes sparsäuli nicht mehr unter dem kopfkissen – da suchen die zweikommasieben millionen kriminellen ausländer sowieso immer zuerst)

      70% der wählerInnen sehen das anders – gozzeidank!

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