Zwei mobile Hebammen für schwangere Flüchtlinge

Als Eliane Reust in einem serbischen Flüchtlingslager Englisch unterrichtete, merkte sie: Die schwangeren Frauen dort brauchen eine Hebamme.

Zwei Schweizer Hebammen: Laura Alemanno (links) und Eliane Reust wollen mit einer mobilen Praxis nach Presevo, Serbien.

«Es gibt kein schöneres Bild, als wenn man eine Frau sieht, die lacht, und der Bauch sich auf und ab bewegt», sagt Eliane Reust. Und dieses Bild möchte die 31-jährige Hebamme nicht nur im geschützten Rahmen von Schweizer Praxen sehen.

Letzten Sommer arbeitete sie zehn Wochen als Freiwillige in einem Flüchtlingslager in Presevo, Serbien, und unterrichtete dort Englisch. Die Kleinstadt in Süd-Serbien erlebt schwierige Zeiten. Seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 haben Hunderttausende Menschen die mazedonisch-serbische Grenze passiert. Sie wollten weiter nach Westeuropa. 

Doch jetzt ist die Balkanroute geschlossen und ohne gültigen Reisepass und Visa kommt niemand weiter. Ein Plan für die steckengebliebenen Flüchtlinge gibt es nicht. Die Menschen leben auf engstem Raum.

Im Flüchtlingslager ist es zu kompliziert, auf den spontanen Wehenbeginn zu warten.

Während ihrem Einsatz bei der Borderfree Association hat Reust festgestellt, an wie vielem es in den Lagern fehlt. Unter anderem: Betreuung für schwangere Frauen. Zwar werden sie registriert und bekommen wöchentlich eine ärztliche Kontrolle von einem Gynäkologen, aber sie haben niemanden, der sie durchgehend unterstützt. Dem Ärztezentrum vor Ort fehlen die Kapazitäten. «Die Frauen sind grösstenteils auf sich alleine gestellt», sagt Reust. 

Die Geburt selbst muss eingeleitet werden – ein «äusserst schmerzhafter, unerfreulicher Prozess». Organisatorisch sei es nämlich zu kompliziert, einen spontanen Wehenbeginn abzuwarten. Auch an Dingen des täglichen Bedarfs mangelt es. So sind Windeln auf drei Stück pro Tag rationiert. Die reichen hinten und vorne nicht.

Oft fühlte Reust sich hilflos. Doch das schmälerte nicht ihren Einsatzwillen. Der wuchs nur mit den Erlebnissen vor Ort. Nie wird Reust eine 40-jährige Frau vergessen, die im Flüchtlingslager zum fünften Mal Mutter wurde. Nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus lag die Frau in ihrem Bett in der grossen Halle. Ein aufgespannter Plastikvorhang trennte sie von ihren Nachbarn, aber nichts schützt sie vor dem Lärm. Und doch zeigte sich die Frau nicht betrübt. Glücklich hielt sie ihr Baby, umsorgte es, als wäre es ihr erstes und lachte. 

«Die Frauen sind sehr viel gewohnt und können das wahrscheinlich wegstecken», sagt Reust. Trotzdem sollten sie jemanden haben, der sich richtig um sie kümmert, jemanden der am Anfang mitdenkt. «Das entlastet enorm», sagt die Hebamme. Besonders Frauen, die sich in einem Umfeld befinden, wo sie sich überhaupt nicht auskennen, bräuchten eine Bezugsperson. 

Nur ein Vorhang sorgt für etwas Privatsphäre: Alltag im Flüchtlingslager.

Nach ihrem ersten Einsatz in Presevo hatte Reust eine Idee. Zusammen mit Freundin Laura Alemanno (30) entschloss sie sich zurück in der Schweiz, eine ambulante, mobile Hebammenpraxis zu gründen. Alemanno, mit der Reust schon studiert hatte, war sofort dabei. Sie sagt: «Wir möchten ein Bindeglied zwischen den Frauen vor Ort und den bereits bestehenden Strukturen wie Spitälern und Gynäkologen sein.»

Das Projekt namens «MAMbrella» entsteht in Zusammenarbeit mit der Borderfree Association. Die Non-Profit Organisation hat ihnen den Zugang zu Serbien zugesichert und diverse Kontakte zur Verfügung gestellt. «Das Projekt leiten wir schlussendlich alleine.» Es soll im Mai starten. 

Ziel: überrannt werden

Die in einem Wohnwagen eingerichtete Praxis soll die Betreuung und Begleitung von schwangeren Frauen, jungen Müttern und deren Neugeborenen in serbischen Flüchtlingslagern übernehmen. Die mobile Praxis ermöglicht es den beiden Hebammen, da tätig zu werden, wo Bedarf besteht. 

Hauptsächlich gehe es darum, die Ärzte vor Ort zu entlasten. «Wir wollen ihnen Arbeit abnehmen und somit die Lücken im System schliessen», sagt Reust. «Das Ziel ist voll ausgelastet zu sein. Dass wir überrennt werden und richtig arbeiten können.« 

Ihr Angebot soll kostenlos sein und Mütterberatung, Wochenbett-Betreuung, Schwangerschaftsvorsorge sowie Aufklärung und Prävention umfassen. Finanziert wird das Projekt über Crowdfunding. 30’000 Franken haben die beiden Hebammen bislang gesammelt. Das sollte drei Monate ausreichen. Danach müssen sie erneut Spender suchen.

Mit dem Elan, den die beiden Frauen an den Tag legen, dürften sie auch das schaffen.

Konversation

  1. Herzlichen Dank für den Beitrag! Auch im Basler Empfangszentrum wäre Handeln angesagt. Was denken Sie, wenn Sie dieses Zitat lesen: «(…) Da war eine Frau, die hochschwanger von Basel in die Unterkunft alleine mit ihren drei Kindern gefahren ist (in den Kanton Bern). Das war eine Katastrophe, die hätte überall das Kind bekommen können (…). Die war mehrfach gebärend, also es wäre sehr schnell gegangen. Wir hatten dann in ihren Dokumenten gesehen, dass sie an diesem Tag einen Termin für eine Geburtseinleitung in Basel gehabt hätte. Wir hatten keine Informationen darüber. Wir haben sofort eine Hebamme in die Unterkunft kommen lassen. Am nächsten Morgen um 8 Uhr war dann das Kind da.» Dies ist ein Ausschnitt aus dem Interview I der Studie REFUGEE der Berner Fachhochschule 2017. Hier der Link zu kompletten Studie: https://www.gesundheit.bfh.ch/uploads/tx_frppublikationen/Sexuelle_und_reproduktive_Gesundheitsversorgung_von_Frauen_und_ihren_Saeuglingen_in_Asylunterkuenften_in_der_Schweiz_REFUGEE.pdf

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Diese Frauen haben auch in ihren Heimatländern keine Hebamme, Geburten erfolgen weitgehend zuhause. Immerhin ist eine Geburt ja im Vergleich zu einer Operation ein natürlicher Vorgang. Auch in vielen anderen Ländern kennt man die bei uns vorhandene Intimität beim Arzt/Zahnarzt nicht, da hantiert der Zahnarzt in einem grossen Raum neben vielen Andern. Aber auf jeden Fall toll dass diese zwei Frauen vor Ort die Schwangeren unterstützen.

    Danke Empfehlen (1 )
  3. Wie wäre es, wenn man diese Frauen hierher holen würde?
    Rückkehr wird es in absehbarer Zeit sowieso nicht geben, ergo vegetieren sie dann mit ihren Kindern in den Lagern dahin, mit leiser Hoffnung des Personals (und anderer), dass oder die Kinder doch bald sterben mögen…
    So täte auch ein reiches Land was Gutes, die Mütter würden hier Deutsch lernen, die Kinder zur Schule gehen und etwas anderes lernen als die Fertigkeiten innerhalb eines Elends-Flüchtlingslagers….
    und die Schweiz oder die Welt bekämen junge Leute, die gut ausgebildet in der Welt wieder weiter ihre Fähigkeiten umsetzen könnten, womit das transgenerationale Elend unterbrochen werden könnte.
    Ausserdem bekäme die Schweiz selbst-massgeschneiderte Inländer, wo man doch keine Ausländer mag.

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Denken Sie wirklich Herr Cesna, dass wir dann gezwungen werden unsere lieben Schweizer Mitbürger zu mögen?

      Danke Empfehlen (2 )
Alle Kommentare anzeigen (5)

Nächster Artikel