Durchnässte Zigaretten, ein tanzendes Zotteltier und bärtige Barkeeper vor leeren Tresen. Protokoll einer stürmischen Nacht im Kleinbasel.


Durchnässte Zigaretten, ein tanzendes Zotteltier und bärtige Barkeeper vor leeren Tresen. Protokoll einer stürmischen Nacht im Kleinbasel.

22.15 Uhr
Zwei Dinge gibts im Kleinbasel an jeder Ecke: Einen Haarschnitt und einen Döner. Weil die Haare sitzen, beginnt diese Nacht in der Schlange vor einer Kebabtheke beim Claraplatz. Scharf, keine Zwiebeln. Eine Gruppe junger Strassenmusiker ordert Tee. Im Fernseher läuft Terminator, der erste Teil und ohne Ton. Arnold Schwarzenegger lässt sich stumm das halbe Gesicht wegschiessen. Adele singt «Hello» stattdessen. Draussen tragen Kinder einem zotteligen Bären eifrig Laternen hinterher.

22.50 Uhr
In der Rheingasse stehen die Menschen trotz Kälte draussen vor den Bars. Viele rauchen, einige wissen wohl, dass hier gleich ein Bär steppen wird. Trommeln und Pfeiffen künden die Ankunft des Tieres an. Es bildet sich ein Kreis. Das Kleinbasler Ehrenzeichen hebt zum finalen Tanz an und beeindruckt trotz bärentypisch massigem Körperbau durch beachtliche Beweglichkeit.

23.20 Uhr
Der Weg führt Richtung Westen. Dorthin wo das Kleinbasel noch etwas rauer, weniger aufgehübscht ist als oberhalb der Mittleren Brücke. Apropos rau: Ein Sturm braut sich zusammen, der Wind zerrt an Topfpflanzen, Werbetafeln und lässt Jalousien flattern. Bald werden die Strassen mit Unrat übersät da liegen, Dönerschachteln, Hauskehricht, Bierdosen. Ist das etwa eine Windel? Der Regen nimmt zu, Zeit einzukehren.

23.45 Uhr
Vor der Fassbar steht Türsteher Ueli vor einem Grill. Er hat Suppe gekocht, um sich warm zu halten. Die Bar ist menschenleer. Der Sturm, der draussen inzwischen giftig wütet, hält das Ausgehvolk wohl vom Ausgehen ab. Im Eingang zur Fassbar hat ein älterer Herr Schutz gesucht. Sein grauer Schnauz ist mächtig. Noch mächtiger aber ist der Schäferhund, der an der Leine zerrt. Während der Herr versucht, seine durchnässte Zigarette in Brand zu setzen, tauschen wir Sturmgeschichten aus. Seine ist besser. Einmal habe ihm eine Böe die Brille aus dem Gesicht geweht. Danach habe er, halbblind, in einer einschlägigen Kleinbasler Bar besseren Wetters geharrt. Der Hund sei auch dabei gewesen. Am nächsten Tag habe er auf dem Claraposten seine Brille vermisst melden wollen, leider ohne Erfolg. Ich fühle mit ihm. Der Regen lässt etwas nach, unsere Wege trennen sich.

0.05 Uhr
Wenige Türen weiter wartet die nächste, verwaiste Theke auf mich. Im «Nebel» wischt der junge Barkeeper bereits den Tresen ab, ein Kumpel leistet ihm Gesellschaft. Die letzten Gäste sind auf dem Sprung. Ein Bier und einige Minuten Thekentalk liegen aber noch drin. Wir sprechen darüber, wie es ist, nachts zu arbeiten. Ob es wohl schädlich sei, seinen Tagesrhythmus umzukehren. Einer erzählt eine Geschichte von Skandinaviern, die im Winter ob der dauernden Dunkelheit eingehen. Das kann doch nicht gesund sein, immer bloss in der Nacht zu leben.

0.30 Uhr
Wenn die Bars alle leer sind, kann ich auch gleich alleine durch die Strassen ziehen. Der Sturm hat eine Pause eingelegt. Bei der Claramatte hat jemand im Parterre die Fensterläden nicht geschlossen, der Fernseher flimmert hell. Während ich darüber sinniere, wer da wohl weshalb schlaflos vor der Kiste fristet, nähert sich mir eine Dame in kniehohen Stiefeln. Sie bekundet professionelles Interesse, ich lehne dankend ab.

0.40 Uhr
Da und dort ist die Dunkelheit unterbrochen von Lichtinseln. Es sind gesellige Orte, wo sich die Menschen besammeln, um die Nacht zu feiern, um ihren Drang nach Nacht zu leben. Diesen letzten Freiraum in unserem durchgetakteten Leben.

0.50 Uhr
Der Sturm weht nicht nur Unrat auf die Strasse, er fegt auch die Wolken vom Himmel. Vollmond, es ist zumindest vorübergehend eine beispiellos klare und beissend kalte Nacht.

1.05 Uhr
Wäre dies eine laue Sommernacht, das Rheinufer wäre auch zu dieser späten Stunde noch bevölkert. Doch jetzt liegen die Steintreppen vor der Kaserne bis auf einige Möwen verwaist vor mir. Die einzige Bewegung die sich ausmachen lässt, ist eine Polizeipatrouille am gegenüberliegenden Ufer.

1.20 Uhr
In der Klybeckstrasse zanken sich zwei junge Männer:

«Ich schwör, wir müssen irgendwo hineingehen. Dieser Sturm hört sich genauso an wie damals Lothar.» «Ich kann aber noch nicht reingehen.» «Es ist gefährlich, bald fliegen die Ziegel von den Dächern.» «Muss Pokémon jagen.»

1.30 Uhr
Mein Weg führt mich durch die ruhigeren Seitenstrassen des Matthäusquartiers. Recht einsam, bloss der Wind brüllt ungebührlich laut für diese späte Stunde.

1.40 Uhr
Die Rebgasse erinnert an ein Endzeitgame: verdrehte Strassenschilder, umgekippte Velos, Plastiksäcke die über die Strasse taumeln, als ob sie fremdartige Lebewesen wären. Die Irrsinn-Bar hat bereits geschlossen. Schade, gerne hätte ich mich mit den dunkel gekleideten Metaller-Stammgästen über die Nacht unterhalten. Dann halt zurück Richtung Kaserne. Ins Renee, der zuverlässigsten Anlaufstelle für muntere Schlaflose.

1.50 Uhr
So endet diese Nacht bei Bass und Bier, gezapft vom bärtigem Barkeeper. Ein Betrunkener lässt sich in den Stuhl fallen neben mir. Ich frage ihn, ob er ein Nachtmensch sei. «Ich kann nicht anders», meint er. Er führe eine Werbeagentur und die Nacht sei sein einziger Moment der Ruhe. «Ich entscheide mich meist für die Ruhe und gegen den Schlaf.»

Konversation

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