Alle an der Nase herumgeführt

Die Druckerei der «Basler Zeitung» aufzugeben war längst beschlossene Sache. Doch lange taten Christoph Blocher und BaZ-CEO Rolf Bollmann so, als sei alles noch offen.

Liessen die Mitarbeiter lange hoffen, dass es für die BaZ-Druckerei noch eine Chance gäbe: Financier Christoph Blocher und CEO Rolf Bollmann. (Bild: Nils Fisch)

Die Druckerei der «Basler Zeitung» aufzugeben war längst beschlossene Sache. Doch lange taten Christoph Blocher und BaZ-CEO Rolf Bollmann so, als sei alles noch offen.

Am finalen Aus der BaZ-Druckerei konnte auch die Gnadenfrist nichts ändern. Die Basler Zeitung Medien (BZM) hatte nach der Ankündigung, ab April in Zürich bei Tamedia zu drucken, den Angestellten und der Gewerkschaft bis vergangenen Dienstag Zeit gegeben, um mit brauchbaren Vorschlägen Entlassungen oder gar die Schlies­sung abzuwenden. Doch CEO Rolf Bollmann blieb eisern: 74 Mitarbeiter verlieren ihren Job, die Druckmaschine soll ins Ausland verkauft werden. Neusten Gerüchten zufolge nach Rumänien.

Chancen für eine Kehrtwende gab es da längst nicht mehr. Interne Dokumente, die der TagesWoche vor­liegen, belegen, dass der Deal mit Tamedia schon lange in trockenen ­Tüchern war – und dass Geschäftsführer Bollmann und Financier Blocher Öffentlichkeit und Belegschaft während ­Monaten im Dunkeln gelassen haben. Im Dezember noch machte Bollmann in einer gemeinsamen Sitzung mit der Personalkommission der BaZ den Mitarbeitern Hoffnung, als er versicherte, die Zukunft der Druckerei sei noch offen.

Auch gegen aussen, in einem TV-Interview mit Telebasel am Tag der Bekanntgabe der Schliessung bekräftigte Bollmann, dass der Beschluss ganz frisch sei: «Endgültig entschieden, dass es ganz sicher nicht mehr geht – das kann ich versprechen –, haben wir erst im Dezember.»

Tatsächlich gab es bereits Anfang April 2012 einen Vertragsentwurf zwischen der Basler Zeitung Medien und Tamedia. Auf über zwanzig Seiten haben die Vertragspartner detailliert die Bedingungen zum künftigen Druckauftrag festgehalten. Der Entwurf ist vom 3. April 2012 datiert. Darin steht etwa, dass die BZM während der nächsten fünf Jahre bei Tamedia drucken wird.

Spätestens im September musste die BaZ entscheiden

Entscheidend aber ist vor allem eine Klausel: Die BZM muss Tamedia mindestens sechs Monate im Voraus informieren, ab wann in Zürich gedruckt wird. Der Vertrag zwischen den Medien­unternehmen müsste also spätestens Ende September 2012 abgeschlossen worden sein, wenn nicht schon Ende August. Damals legte die BZM in einem internen Liquiditätsplan bereits das exakte Datum der Schlies­sung der Druckerei fest: 31. März 2013. BZM und Tamedia wollen das weder bestätigen noch dementieren. BZM-Sprecher Roger Berger liess alle Fragen unbeantwortet: Zu «falschen Gerüchten» nehme der Konzern keine Stellung. «Wir werden die Öffentlichkeit zu gegebener Zeit über abgeschlossene Tatbestände korrekt und sachlich informieren.»

Der wohl längst vollzogene Deal hinderte auch BZM-Besitzer Christoph Blocher nicht, im Oktober in ­einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» zu behaupten, dass eine Schliessung nur als letztes Mittel infrage komme und der Entscheid erst 2013 fallen ­würde. Die «NZZ am Sonntag» vermutete, dass Blocher aus Rücksicht auf die Basler Regierungsratswahlen nicht mit einer Hiobsbotschaft die Wahlchancen der SVP schmälern wollte. Zuvor hatte Blocher stets den Eindruck erweckt, er kämpfe um das Druckzentrum. Er werde das gesamte Defizit der Druckerei übernehmen, liess er bei seinem Outing als Besitzer der BaZ durch Tito Tettamanti ausrichten. Später schoss er Geld in die marode Pensionskasse ein.

Dass die Chefetage der BZM inklu­sive Blocher jemals mit der Druckerei plante, darf bezweifelt werden. Trotzdem wurden die Mitarbeiter im Glauben gelassen, das Ende sei nicht ­beschlossen. Kaum hatte Bollmann im September 2012 bei der BaZ angeheuert, wurde eine Gruppe von Angestellten bei ihm vorstellig, um die befürchtete Schliessung abzuwenden.

Drucker versuchten verzweifelt, den Betrieb zu retten

Bollmann liess sie gewähren. Dabei wusste er wohl längst, dass der Deal mit Tamedia unterschrieben war, schliesslich war er bis Herbst in der Geschäftsleitung des Zürcher Konzerns. Die Mitarbeiter versuchten verzweifelt, die Druckerei zu retten. Sie sprachen mit potenziellen Kunden, holten Offerten ein und sicherten sich die Erfahrung von Branchenkennern. Und sie hatten Erfolg. Für Bollmann organisierten sie eigens ein Treffen mit Coop-Chef Joos Sutter. Der abgewanderte Grosskunde Coop signalisierte, dass ein Teil der Auflage der «Coop-Zeitung» künftig wieder in Basel gedruckt werden könnte. Auch mit einer regionalen Tageszeitung verhandelten die Druckereiangestellten erfolgversprechend und glaubten schon, jetzt sei die Druckerei gerettet.

Denn dank der beiden Kunden wäre ein Betrieb der Druckerei ohne Defizit möglich. Laut Businessplan würde die Druckerei einen Gewinn von einer Million Franken statt einen Verlust von vier Millionen einfahren. Dafür hätte aber die BZM auch intern sauber abrechnen müssen. Über die Jahre hatte sie auf die Druckerei immer mehr Kosten abgewälzt. Allein der Anteil an der Jahresmiete wurde um eine Million Franken pro Jahr zu hoch veranschlagt. Für Sonntagsausgabe und Grossauflage des Blatts verrechnete BZM der Druckerei einen Dumpingpreis.

Damit konnte die Druckerei beim besten Willen keine schwarzen Zahlen schreiben – dafür stand der Rest des Konzerns, namentlich die BaZ, gut da. Insgesamt musste die Druckerei rund zwei Millionen Franken überhöhter Konzernkosten übernehmen. Dies deckten Mitarbeiter auf, als sie für diese Dienstleistungen Offerten einholten.

BZM rückt näher an Zürich

Der Verdacht steht im Raum: Die BZM hat nie ernsthaft mit der Weiterführung der Druckerei geplant. Viel attraktiver war die Anbindung an ­Tamedia. Und diese geht weiter, als Bollmann einräumt. Die Zusammenarbeit zwischen den Verlagshäusern, was den Internetauftritt, das samstägliche «Magazin» und den Inseratepool betrifft, könne jederzeit aufgekündigt werden, sagte Bollmann jüngst im ­Interview mit «Online­reports». Die Realität sieht wohl auch hier anders aus: In einem Vereinbarungsentwurf, datiert ebenfalls vom 3. April 2012, wird die Laufzeit dieser Kooperation um fünf Jahre verlängert.

Die bald arbeitslosen Druckereimitarbeiter spielen in all diesen Deals keine Rolle. Noch wollen die Angestellten aber nicht aufgeben. Gemäss ihren Berechnungen liesse sich selbst eine komplett neue Druckerei profi­tabel betreiben. Geschätztes Investi­tionsvolumen: gegen 20 Millionen Franken.

Treibende Kraft hinter dem Projekt ist Christian Dunkel. Ihm gehört eine Beratungsfirma für die Zeitungs­industrie. Banken seien grundsätzlich bereit, einen Grossteil davon zu finanzieren. Noch fehlen aber Investoren, die drei bis sechs Millionen einschies­sen. Doch Dunkel verhandelt bereits mit Besitzern diverser geeigneter Grundstücke in Allschwil, im Fricktal und in Frenkendorf.

Die Zeit drängt

Walter Herzog, Verleger der «Neuen Fricktaler Zeitung», zeigt sich auf Anfrage sehr interessiert an diesem Projekt: «Aufgrund der Überkapazitäten im Druckereimarkt ist das sicher ein gewagtes Projekt, aber wenn die Ini­tianten sich ein gutes Volumen an Aufträgen sichern und ein solch re­gionales Druckzentrum zustande käme, würden wir dies sehr begrüs­sen», sagt Herzog.

Doch die Zeit drängt. Sonst werden sich nicht nur die Druckereimit­arbeiter in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Es droht auch, dass das gute Dutzend Regionalzeitungen, die bis anhin an der Hochbergerstrasse gedruckt wurden, sich mit langfri­s­tigen Verträgen an andere Drucke­reien bindet. Und bereits zeichnet sich eine neue Möglichkeit ab: Am Flughafen könnte sich das neue Druckzentrum in einer leeren Halle einrichten und damit die Zeitspanne enorm verkürzen, bis die erste Druckmaschine im neuen Zentrum zu rotieren beginnt.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 25.01.13

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