Alles für das Kind

Nino war Fünftklässler, gewitzt, glänzte mit guten Noten, obwohl er häufig fehlte. Er war Bauernsohn, und man hatte mir als Junglehrer in einem Bündner Dorf schon bei der Anstellung klargemacht, dass Absenzen der Bauernkinder nachsichtig zu behandeln seien. Denn sie waren in gewissen Jahreszeiten auch Arbeitskräfte. Nun beobachtete ich während einer von Ninos Absenzen durchs […]

Nino war Fünftklässler, gewitzt, glänzte mit guten Noten, obwohl er häufig fehlte. Er war Bauernsohn, und man hatte mir als Junglehrer in einem Bündner Dorf schon bei der Anstellung klargemacht, dass Absenzen der Bauernkinder nachsichtig zu behandeln seien. Denn sie waren in gewissen Jahreszeiten auch Arbeitskräfte.

Nun beobachtete ich während einer von Ninos Absenzen durchs Schulzimmerfenster, wie der Abwesende auf einem Trak­tor mit Anhänger die Strasse herauftuckerte. Nicht etwa auf dem Beifahrersitz, sondern am Steuer. Er war allein unterwegs, transportierte einige Harassen Bier ins Restaurant oberhalb des Schulhauses, denn sein Vater war auch noch ein bisschen Fuhrhalter. 

Der Elfjährige, so stellte ich fest, hatte schon einiges Geschick beim Traktorfahren, er schal­tete vor einer engen Kurve einen Gang tiefer, wie es sich gehörte, musste dabei aber mit beiden Füssen und vollem Gewicht auf die Kupplung stehen. Sie ging etwas schwer. Es regte sich mein Verantwortungsbewusstsein und ich intervenierte bei den Eltern. Das hätte ich nicht tun sollen. Mein Image war angeschlagen, für den Rest meiner Dorflehrer-Zeit galt ich als Warmduscher, der Kinder verweichlicht.

Jahre später, an einem ganz anderen Ort: Jeden Abend spielt ein Vater mit seinem Drei­jährigen auf dem Kinderspielplatz. Der Kleine trägt einen Velohelm. Eines Abends frage ich den Vater, wieso das so sei. Damit er sich bei einem Sturz nicht wehtue natürlich.

Beide Anekdoten eignen sich hervorragend, um im Kreis einer gemütlichen Runde eine heftige Diskussion zu entfachen. Über Kindererziehung, Kinderbetreuung, Kinderförderung und Weiteres mehr. Alle waren mal Kinder, viele waren Eltern, alle haben irgendwann mit Kindern zu tun – ob sie sie nun mögen oder nicht.

Noch selten wurde Kindern so viel Aufmerksamkeit zuteil wie heute, noch nie wurden in Kinder so viele Erwartungen projiziert. Die besten Voraussetzungen für eine unbeschwerte Kindheit sind das aber nicht. Oder vielleicht doch? Die TagesWoche macht Kinder zum Thema dieser Ausgabe und ist gespannt auf Ihre Reaktion.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 25/11/11

Konversation

  1. Wie haben wir in den sechziger Jahren Aufgewachsenen bloss überlebt? Wir spielten in Lehmgruben, bauten Höhlen, die jederzeit einstürzen konnten, rasten (notabene ohne Helm) auf selbstgebastelteten Rollbrettern steile Strassen runter, verbrachten den ganzen Samstag irgendwo im Wald (ohne Handy) und tranken Leitungswasser, das vermutlich Substanzen in solchen Mengen enthielt, bei denen nicht nur Martin Forter, sondern auch jeder Kantonschemiker erbleicht wäre.

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