Am Anfang war das Bild

Nicht er, das Bild steht im Zentrum. Nach 26 Jahren Lehren und Forschen wird Gottfried Boehm, Ordinarius für Neuere Kunstgeschichte an der Uni Basel, emeritiert. 

Gottfried Boehm hat sich zeitlebens mit dem Bild an sich beschäftigt. (Bild: Stefan F. Saemmer)

Nicht er, das Bild steht im Zentrum. Nach 26 Jahren Lehren und Forschen wird Gottfried Boehm, Ordinarius für Neuere Kunstgeschichte an der Uni Basel, emeritiert. 

Unter den achtsamen Blicken der Porträts von 125 ehemaligen Professoren der Universität Basel und wohl über 300 leiblich-seelisch anwesenden Gästen schreitet Gottfried Boehm hinter das Rednerpult. Wir befinden uns in der alten Aula der Universität Basel, die sich im heutigen Naturhistorischen Museum befindet – ein Raum, dessen prachtvolle Aufmachung Spezielles verheisst – und in der Tat ist der Anlass ein besonderer: Der Basler Ordinarius für Neuere Kunstgeschichte, Gottfried Boehm, hält nach 26 Jahren des Lehrens und Forschens seine Abschiedsvorlesung.

Boehms Gang ist bedächtig, Hast, Eile oder Nervosität sind nicht auszumachen. Seine Erscheinung ist nicht professoral im eigentlichen Sinne des Wortes; eine Begegnung mit ihm lässt einen nicht vor Ehrfurcht erzittern. Er ist nicht von imposanter Statur, seine Brille sitzt tief unten auf seiner Nase; er stellt sie nicht als Symbol seiner eigenen Intellektualität zur Schau, im Gegenteil bekommt man den Eindruck, er würde am liebsten keine tragen müssen. Im abgedunkelten Raum würde Boehm bisweilen in seinem in dunkeln Farbtönen gehaltenen Anzug mit dem Hintergrund verschmelzen, wäre da nicht der gelblich-weisse Schimmer der Leselampe des Rednerpults, die ihn von diesem abhebt. Genauso tritt sein weisses Haar, das manchmal anmutet, als würde es auf seinem Kopf schweben und ihm eine kreativ-genialische Aura verleiht, aus dem dunklen Grund hervor.

Das Bild im Fokus

Die Klangteppich des Murmelns, der stellvertretend für die im Raum verbreitete Spannung steht, wird von Boehms erstem Wort eingerollt. Er spricht mit sonorer, klarer Stimme durch Mikrofon und Lautsprecher verstärkt, was es auch den Zuhörern, die aufgrund des die Kapazitäten des Raums sprengenden Andrangs mit Stehplätzen im Vorraum des Festsaals vorlieb nehmen mussten, ermöglicht, seinen Ausführungen zu folgen.

Schnell macht Boehm klar, dass er eine Vorlesung halten will und in dieser etwas aus seiner Forschung präsentieren will – «frisch aus der Küche», wie er sagt. Die Vorlesungsform, wie sie von Boehm stets geschätzt und jeweils mittwochs von zwei bis vier praktiziert wurde, ist insofern unüblich, als nicht er im Zentrum des Geschehens steht, denn dieses wird durch die Projektionsfläche in Anspruch genommen. Diese räumliche Anordnung steht wie ein Symbol für das Schaffen Gottfried Boehms, da es in eminenter Weise das Bild in den Fokus rückt.

Reduziert auf die Sprache

Für einen Professor, der das Fach Kunstgeschichte unterrichtet, mag das mitnichten speziell erscheinen. Doch ein Begriff, der von Boehm geprägt und berühmt gemacht wurde, ist der des iconic turn oder der Wende zum Bild. Mit diesem Begriff verbindet sich zunächst eine fundamentale Kritik an der wissenschaftlichen Praxis der Kunstgeschichte. Diese versuchte traditionell, Kunstwerke aus ihrem historischen Zusammenhang heraus zu verstehen und hat sich damit Boehm zufolge zu einem ikonoklastischen, das heisst bildzerstörenden Umgang mit Bildern entschlossen. Dies macht Boehm am traditionellen Verständnis des Verhältnisses von Bild und Sprache fest, das von einer vollständigen Übersetzbarkeit des Bildsinns in das Medium der Sprache ausgeht. Wenn das Bild aber vollständig in Sprache aufgehen kann, so wird dem Bild die Möglichkeit abgesprochen, eigene Wahrheiten darzubieten – es wird reduziert auf ein blosses Derivat von Sprache, als ein schlichtes Double der Welt verstanden.

Diese Kritik weist auf eine Leerstelle der Theorie hin, die es nach Boehm zu füllen gilt. Die Frage nämlich, die in der Denkgeschichte unbeantwortet blieb (und die titelgebend für eine von Boehm herausgegebene und inzwischen klassisch gewordene Anthologie ist), lautet: Was ist ein Bild? Aus dieser fundamentalen Frage spricht einerseits Boehms Sinn fürs Theoretische, die er in seinem Studium der Philosophie kultiviert hat. Dieses hat er mitsamt Promotion bei keinem Geringeren als Hans-Georg Gadamer, einem der berühmtesten Philosophen des 20. Jahrhunderts, abgeschlossen. Andererseits spricht sie für die andere Zugangsweise zum Bild, die Boehm geprägt hat und die davon ausgeht, dass die Verständigung über das Bildhafte am Bild für das Kunstverständnis unerlässlich ist. Ferner hat die Aufgabe, das Bildliche auf den Begriff zu bringen, seinen Ursprung genauso in der Sache, namentlich in der Beschäftigung mit Moderner Kunst, die von Boehm als «Kronzeuge des veränderten Bildverständnisses» bezeichnet wurde, da in ihr genau der Begriff des Bildlichen künstlerisch-reflexiv verhandelt werde.

Beschäftigung mit Paul Klee

Die Beschäftigung mit der Bilderfrage hat sich in Basel zusätzlich im von Boehm geleiteten nationalen Forschungsschwerpunkt Bildkritik, benannt nach dem griechischen Ausdruck für Bilder, eikones, materialisiert. Die Wende zum Bild wird bei eikones interdisziplinär angegangen – von Wahrnehmungspsychologie über Philosophie und Soziologie zu Kunstgeschichte – und hat ein umtriebiges sowie produktives Feld wissenschaftlicher Forschung eröffnet.

Zum Thema seiner Abschiedsvorlesung hat Boehm Paul Klee gemacht – den «vermutlich bedeutendsten» Künstler des 20. Jahrhunderts. Die Bewunderung, die Boehm für Klee hegt, hat ihren Ursprung wohl nicht zuletzt in der geradezu obsessiven Beschäftigung des Künstlers mit bildtheoretischen Grundlagen, die vor allem in seiner Bauhaus-Zeit geschah und sich grösstenteils in leider noch unedierten Skizzen niederschlug. Mit Faszination berichtet Boehm von Klees Konzepten, die in der Beschreibung des Übergangs von Chaos zu Kosmos bisweilen metaphysische Züge annehmen. Boehms Interesse gilt hier dem Begriff der Form oder Gestalt, die sich bei Klee aus dem Punkt heraus entwickeln. Dabei sei es für Klee entscheidend gewesen, die Form nicht als etwas Festes oder Beständiges zu verstehen, sondern die Form als Formung, gleichsam prozesshaft zu denken.

Unsprachliche Magie

Wenn Boehm zur Erläuterung von Gedanken wie diesem kommt, die mit der Tradition auf radikale Weise brechen, erhebt sich seine Stimme, die Aura des Unaufgeregtseins verschwindet für eine Minute, er spricht schneller, streut ein paar energische Gesten ein, sein ganzer Leib scheint den Gedanken mitzufühlen und mit auszudrücken. Die Verve, die Boehm in diesen Momenten beseelt, wirkt ansteckend – überhaupt verliessen auch diejenigen, die keinen Sitzplatz mehr fanden, den Vortrag bis zum Schluss nicht, als die Souveränität Boehms im letzten Satz der Ergriffenheit wich und seine Stimme sich verflüchtigte. Dieser kurze Moment sprach für sich, bedurfte keiner Sprache. – Die Un-Sprachlichkeit des Augenblicks verlieh ihm seine eigentliche Magie.

  

Literatur:

Gottfried Boehm (Hg.): Was ist ein Bild?, München: Fink 1994.

Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen, Berlin: Berlin University Press 2007.

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