«Am Ende sind es tausend Zufälle»

Lukas Zahner hat das Nachwuchskonzept geschrieben, an das sich die Schweizer Sportverbände halten müssen. Ein Gespräch über Olympia-Medaillen, überehrgeizige Eltern und Bewegungszonen für Grosseltern und Enkel.

FOTO: TAGESWOCHE: STEFAN BOHRER, 8.2.14, BASEL: LUKAS ZAHNER. (Bild: Stefan Bohrer)

Lukas Zahner hat das Nachwuchskonzept geschrieben, an das sich die Schweizer Sportverbände halten müssen. Ein Gespräch über Olympia-Medaillen, überehrgeizige Eltern und Bewegungszonen für Grosseltern und Enkel.

Wer als Schweizer Sportverband finanzielle Unterstützung von Swiss Olympic erhalten will, und das wollen alle, der muss sich an sein Konzept halten. Lukas Zahner hat die «12 Bausteine zum Erfolg» 1999 verfasst – und hat damit zumindest einen kleinen Anteil daran, wenn die Schweiz an den Olympischen Spielen in Sotschi ordentlich abschneidet.

Inzwischen ist Zahner Mitglied der Institutsleitung des Departements für Sport, Bewegung und Gesundheit der Uni Basel. Der 58-Jährige hat in den beiden Basel das Programm Talent Eye für bewegungsbegabte Primarschüler ini­tiiert, er hat über die Bewegungsförderung von Kindern und Alten geschrieben. Und er ist derzeit dabei, die beiden Altersgruppen zusammen in Bewegung zu bringen. Das Treffen findet im Büro im Keller der St.-Jakob-Arena statt. Am Boden liegt ein Gerät für Gleichgewichtsübungen. «Eine halbe Minute da drauf», sagt Zahner, «und ich bin wieder voll da.»

Lukas Zahner, haben Sie sich selbst auf die Schulter geklopft, als Dario Cologna in Sotschi zu Gold gelaufen ist?

(Lacht.) Nicht direkt. Höchstens gefreut habe ich mich, weil die Medaille beweist, dass es auch in diesem kleinen Land die Möglichkeit gibt, dass junge Athleten ihr ganzes Potenzial ausschöpfen können. Und wenn jemand als Aktiver ganz oben steht an den Olympischen Spielen, dann muss unten an der Basis, sprich in der Nachwuchsarbeit, ganz viel richtig gelaufen sein.

1999 sind Ihre «12 Bausteine zum Erfolg» erschienen, 1999 hat Cologna mit Langlauf begonnen. Also hat er ein paar Ihrer Grundsteine mitbekommen?

Ich denke, ja. Denn das war ein Zeitpunkt, in dem jeder Sportverband im Nachwuchsbereich ein bisschen das gemacht hat, was er für richtig hielt. Auch grosse Verbände hatten zum Teil ganz merkwürdige Konstrukte. Heute denke ich, dass das Projekt gut gelungen ist. Wenn ich jetzt schaue, wie sich die Nachwuchsförderung in den Verbänden entwickelt hat, dann haben teilweise ganz gravierende Veränderungen stattgefunden.

Worum ging es da zum Beispiel?

Etwa dass junge Athleten, die bereits international erfolgreich waren, jede Saison einen neuen Konditionstrainer hatten, der dann wieder mit ­einer neuen Philosophie kam. Das war, weil mit gewissen Trainern nur Saisonverträge gemacht wurden. Die Athleten waren durch die vielen Wechsel verunsichert. Und das ist ein klarer Weg in den Misserfolg.

Und gegen Ihre Vorschläge hat sich niemand gesträubt?

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Von daher haben wir gesagt: Nun gut, wenn ihr diese Dinge nicht verändert, dann gibt es kein Geld, Punkt. Danach wurden Strukturen fast innerhalb von Tagen verändert, die zuvor während Jahren nicht angegangen worden waren.

Und jetzt ist in der Schweizer Nachwuchsförderung alles gut?

(Lacht.) Ich denke, sie ist auf einem besseren Weg als damals. Wenn wir den internationalen Vergleich machen, dann gibt es noch immer ungleich lange Spiesse. Gewisse Länder haben bereits im Nachwuchsbereich vom Staat bezahlte Trainer, was es bei uns praktisch noch nicht gibt. Es gibt bei uns Teilzeitanstellungen, die ein Verband realisieren kann, wenn er Gelder von Jugend und Sport dort einsetzt.

«Immer, wenn die Schweiz an Olympia schlecht abschneidet, geht wieder etwas.»

Ist die Unterstützung des Spitzensports Aufgabe des Staates?

Gute Frage. Die Leistungssportförderung ist inzwischen gesetzlich viel stärker verankert als früher und wird auch vom Bundesparlament immer wieder gefordert. Immer dann, wenn es Olympische Spiele gibt, an denen die Schweiz nicht gut abschneidet, passiert etwas. Die Ausbildung von Profitrainern durch Swiss Olympic wurde zum Beispiel erst dadurch möglich, dass die Schweiz 1964 in Innsbruck keine einzige Medaille gewonnen hatte. Zuletzt hat man sich 2009 entschieden, die Förderung durch Jugend und Sport hinunterzuziehen bis zu Fünfjährigen. Wir versuchen, den Kids bereits ganz früh die Freude an einer Sportart beizubringen. Das war ein super Entscheid des Parlaments, das gesagt hat: Wir wollen Kinder früh in den Sport bringen.

Aber wozu? Braucht eine Nation ab und an eine Goldmedaille, damit sich alle wieder lieb haben?

Warum wird Jugend und Sport schon für Fünfjährige angeboten? Wegen der Gesundheitssituation. Wir haben in der Schweiz immer mehr übergewichtige Kinder, weil sich die Kinder immer weniger bewegen. Also muss man etwas tun. Kinder sollen früher in den Sport kommen und so verschiedene Sportarten kennenlernen, damit man sie früher positiv anleiten kann in einer Leistungssportkarriere. Die, die ganz oben sind, so wie Dario Cologna, können ganz viele Menschen beeinflussen. So eine Goldmedaille ist schon ein Zeichen, das die Schweiz in der Welt setzt: Auch wir als kleine Nation sind in der Lage, etwas zu erreichen, wenn wir uns Ziele setzen. Das ist eine Transmitterfunktion, die der Spitzensport einfach hat.

Jugend und Sport bereits für Fünfjährige, mit dem Ziel, eine Leistungssportkarriere zu beeinflussen: Bedeutet das Spitzensport schon ab fünf?

Das ist nie und nimmer die Idee. Jedes Kind, das sich nicht bewegt, läuft irgendwann einmal in gesundheitliche Probleme: Übergewicht, soziale Isolation und so weiter. Diese Risiken sind schon mal gemindert, wenn sich ein Kind bewegt. Das ist das eine. Wenn man die sportliche Seite betrachtet, dann ist die Chance gross, dass ein Kind in einer Sportart weiterkommt, wenn es gut eingeführt wird. Also geht es in diesem Alter darum, Bewegung mit Freude zu verbinden. Und nicht um eine leistungsorientierte Sportförderung.

Warum dann nicht gleich die ­geeignetsten Kinder für eine spezifische Sportart suchen?

Studien zeigen, dass es ganz wenig Spitzensportler gibt, die in der Sportart eingestiegen sind, in der sie später Erfolge gefeiert haben. Meist haben sie zwei- bis dreimal gewechselt. Wir könnten schon in jeden Schweizer Kindergarten gehen und alle Kinder testen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Kinder entdecken, die eine Veranlagung für eine spezifische Sportart haben, ist allerdings sehr klein.

Wie soll es dann funktionieren?

Wir müssen schauen, dass sich viele Kinder bewegen und dann auch möglichst lange in Bewegung bleiben. Die, die später erfolgreich sind im Spitzensport, haben sowieso eine so grosse intrinsische Motivation, dass sie alleine in Richtung Leistungssport gehen.

Innere Motivation in Ehren. Aber Sie erleben bei der Kinder-Förderung Talent Eye sicher auch Eltern, die ihre Sprösslinge zum Spitzensport drängen.

Ich kann mich an eine Mutter erinnern, bei der ich zunächst nicht ­sicher war, ob sie mich auf die Schippe nimmt. Sie hat mir erzählt, sie wolle ein Kind, das sportliche Erfolge habe. Deswegen habe sie sich eine Nation ausgesucht, in der es einfacher sei, einmal in ein olympisches Team zu kommen. Das war die Schweiz. Also habe sie sich einen Schweizer gesucht, der selbst sportliche Erfolge vorzuweisen hatte, um das richtige genetische Material zu haben. Das war ihr voller Ernst.

Das hat funktioniert?

Mit sieben Jahren war das Kind in drei Sportclubs, es hat fast pausenlos trainiert und in seiner Sportart fast alle Wettkämpfe gewonnen. Aber das war kein Wunder. Bringen Sie mir Ihr Kind in einem gewissen Alter, ich trainiere mit ihm leistungsspezifisch, und es wird viele Wettkämpfe gewinnen. Weil die anderen technisch weniger weit sind.

Und später, gab es Erfolge?

Ich muss wieder einmal schauen, was aus dem Kind geworden ist. Eine solche Situation führt sehr häufig dazu, dass die Kinder mit dem Sport aufhören, sobald sie den Druck der Eltern realisieren.

Also sollten Eltern gar keinen Druck ausüben? Meine Tochter wollte zwar von sich aus Cello spielen. Trotzdem muss ich sie immer wieder mal daran erinnern, dass sie dafür auch üben sollte. Ist das bereits zu viel?

Es ist in der Musik genau gleich wie im Sport. In der heutigen Zeit gibt es tausend Möglichkeiten für die Kinder. Wenn die Eltern da nicht ein bisschen vorspuren, indem sie das Kind daran erinnern, dass es sich mal für etwas entschieden hat, kann es dazu kommen, dass die Kinder hüpfen. Bei einem Kind kann es von Lektion zu Lektion wechseln zwischen begeistert und zu Tode betrübt. Da ist es gut, wenn die Eltern dafür sorgen, dass ein Kind mal für ein Jahr bei jenem Sport bleibt, für den es sich entschieden hat. Wenn es natürlich immer zum Training aufgefordert werden muss, dann muss man fragen, was nicht stimmt.

Was braucht es, damit aus einem Kind, das Freude an Bewegung hat, ein Spitzenathlet wird?

Am Ende sind es tausend Zufälle. Es gibt einen genetischen Ansatz, der aber für gewisse Sportarten viel prägender ist als für andere. Es braucht die richtigen Trainer. Und es muss das richtige Trainings­ambiente herrschen. Ein sehr talentiertes Kind, das nicht in einer Gruppe von ähnlich starken Kindern gefordert wird, wird später kaum erfolgreich sein.

Und die Eltern?

Es gibt Untersuchungen in der Schweiz, die zeigen, dass eine zu starke Unterstützung durch die Eltern hinderlich ist. Wenn dem Kind die Trainingstasche gepackt und ­getragen wird, dann führt das genau­so wenig zum Erfolg, wie wenn die Eltern total desinteressiert sind. Eine mittlere Interessenslage ist das Beste. Oft behindern die Eltern die Karriere und fördern sie nicht.

Was ist mit all den Kindern, die kein Interesse daran haben, sich mit anderen zu messen?

Das ist ein ganz zentraler Punkt. Oft verliert man diese Kinder. Stichwort «Bewegungsmuffel». Wir müssen immer einen Weg finden, auf dem ein Freudenmoment entsteht. Beim einen ist das die Leistung. Beim ­anderen ist es das Erlebnis in der Gruppe. Bei Mädchen, die auf die Pubertät zugehen, ist es oft so, dass es die richtige Musik und der richtige Gruppenleiter sein müssen – und alle bewegen sich. Die Bewegung muss mit Spass verbunden sein.

«Kinder, die sich mehr bewegen, haben auch in der kognitiven Entwicklung Vorteile.»

Und wo lernen die Kinder, dass Bewegung Freude machen kann?

Wir von der Uni Basel führen zusammen mit dem Sportamt Basel-Stadt einen Sport-Check aller Erstklässler durch. Die Auswertung der Klasse geben wir der Lehrperson zusammen mit Hilfsmitteln ab, damit sie den Turnunterricht freudvoll ­gestalten können. Ausdauerübungen müssen nur genügend spannend in ein Spiel verpackt sein, dann sind die Kinder voll dabei. Die Eltern ­erhalten ebenfalls eine Auswertung zusammen mit einer spezifischen Empfehlung. Ist ein Kind talentiert, empfehlen wir das Talent Eye, ist es im normalen Bereich, empfehlen wir Kurse von Jugend und Sport. Die dritte Gruppe sind die Kinder, die Probleme haben. Auch dort will das Sportamt spezielle Kurse kreieren.

Früher hiess das «Buggeliturnen» und war nicht sehr populär.

Damals war es nur negativ behaftet. Auch, weil die Auswahl sehr subjektiv war, wer in dieses Buggeliturnen soll. Alle Kinder wussten, wer dort hin muss, trägt fast einen Makel mit sich herum. Wenn wir heute aber alle Kinder beurteilen und ihnen Empfehlungen mitgeben, wird das stark entschärft. Und ausserdem ist die Auswahl stark objektiviert.

Noch nie gab es so viel Sport in unseren Medien. Und doch muss man die Kinder vom Staat aus zum Sporttreiben motivieren?

Ja, so ist es. Viele Eltern sind heute nicht mehr bereit, einen gewissen Aufwand auf sich zu nehmen, wenn sie keinen direkten Profit sehen. Wir müssen darum besser kommunizieren, wie sehr ein Kind in der Gesamtentwicklung profitiert, wenn es in einem Sportverein ist.

Es rennt einfach schneller, oder?

Nein. Forschungsergebnisse zeigen, dass sich das Gehirn von Kindern, die sich mehr bewegen, morphologisch verändert. Dies kann ihnen beispielsweise bei der Memorisierungsfähigkeit Vorteile bringen. Kinder, die in Bewegung sind, haben also auch in der kognitiven Entwicklung Vorteile. Solche Erkenntnisse müssen wir einfach mehr in Umlauf bringen, damit die Bewegungs- und Sportförderung einen höheren Stellenwert erhält.

2012 haben Sie zusammen mit Ikea ein Kinder-Bewegungszimmer vorgestellt. Dafür mussten Sie mediale Prügel einstecken, weil es als Werbung für den Möbelgiganten verstanden wurde.

(Lacht.) Manchmal muss man auch etwas einstecken, wenn man etwas verändern will. Für unser Uni-Departement geht es darum, die Erkenntnisse der Wissenschaft in die Praxis zu übertragen. Darum gehen wir immer wieder neue Wege. Derzeit sind wir an einem Projekt, in dem wir alte Menschen mit Kindern zusammenbringen, weil die sich gegenseitig sehr positiv beeinflussen.

Und wie tun Sie das?

Wir haben Leute aus einem Altersheim, die sich kaum mehr bewegen, mit Vorkindergärtnern zusammengebracht. Die Kinder haben die Alten dazu gebracht, aus ihren Rollstühlen aufzustehen. Und die Kinder lernen dabei erst noch soziales Verhalten.

Und warum ganz Alt und ganz Jung zusammen?

Ältere Menschen und Kinder sind sich von der Bewegung her recht ähnlich. Alte verlieren schnell Kraft und Koordination, wenn sie nicht trainieren. Kinder müssen Kraft und Koordination erst entwickeln. Also können beide Gruppen in denselben Gebieten gefördert werden, sie ergeben eine richtige Powermischung, die sich positiv beeinflusst.

Klingt schön – aber auch nach einer künstlichen Konstellation.

Wenn ein Altersheim in der Nähe von Kindergärten oder Krippen ist, ist es relativ einfach, dass die beiden Gruppen zusammenkommen. Andererseits versuchen wir, eine Begegnungs- und Bewegungszone in einem öffentlichen Park einzurichten. Die Idee ist, dass Grosseltern und Enkel gemeinsam dorthin gehen, weil es einfach Spass macht. Wir sind dabei, zusammen mit einem Spielgeräteentwickler spezielle Geräte zu entwickeln, die nur funktionieren, wenn Alt und Jung zusammen etwas machen.

Das geht in Richtung Staatsgesundheit.

Ja, absolut.

Für Sie ist das kein negativer ­Begriff?

Nein, überhaupt nicht. Wenn das auf freiwilliger Basis passiert und die Leute sich so begegnen und sich gleichzeitig bewegen, dann finde ich das etwas sehr Positives. Und dann darf das auch etwas kosten. Gerade, wenn wir sehen, dass wir sehr hohe Ausgaben bei älteren Menschen haben, die immer bewegungsinaktiver werden. Anstatt immer die Reparaturkosten zu bezahlen, können wir doch in die Prävention investieren.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 14.02.14

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