Amtlich erwünschte Zwischennutzungen

Der Krach um illegale Partys hat die bewilligten Zwischennutzungsprojekte aus dem Blickfeld verdrängt. Hier ist in Basel in den letzten Wochen einiges in Gang gekommen. So strömten Hunderte zur Neueröffnung in die Lady Bar. Im Hafen hingegen ist eine Verstopfung auszumachen: Dort werfen erste Wettbewerbsgewinner das Handtuch. Das Projekt «F®ischer Village» wird eingestellt. 

Ein ausgedientes Rotlicht-Etablissement als neuer Hotspot zwischen «Friends»- und «Agora»-Bar: Die «Lady Bar» wird zwischengenutzt. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Der Krach um illegale Partys hat die bewilligten Zwischennutzungsprojekte aus dem Blickfeld verdrängt. Hier ist in Basel in den letzten Wochen einiges in Gang gekommen. Während die Leute in neue Lokale wie die Lady Bar strömen, ist im Hafen eine Verstopfung auszumachen: Dort werfen mit «F®ischer Village» erste Wettbewerbsgewinner das Handtuch.

Am Mittwochabend war High-life an der Feldbergstrasse: Klein­basler Designer und Läden präsentierten ihre Kreationen auf dem Trottoir. Der «Catwalk in Public Space» lockte viele Schaulustige an. Heuer aber galt der Andrang nicht nur der Modeschau unter freiem Himmel. Nein, viele nutzten die Gelegenheit auch, um einen Blick in die jüngste Basler Zwischennutzung zu werfen: die «Lady Bar». Hier wurden nach dem Catwalk, wörtlich en passant, alte Lokale neu eröffnet: Bislang versprühte die «Lady Bar» schummrige Rotlicht-Atmosphäre, das Restaurant Feldberg lockte Schnitzeljäger an.

Nachdem Immobilien Basel-Stadt das Gebäude übernommen hatte, wurden hier in den oberen Stockwerken Asylsuchende einquartiert und das Erd­geschoss, mit der Milieubar und dem Schnitzelrestaurant Feldberg, an den Verein Unterdessen vermietet.
Der Name klingt fremd, die Leute dahinter sind aber bekannt, haben sie doch mit der Kantensprung AG in Basel (Gundeldingerfeld) und Münchenstein (Walzwerk) grosse, alte Fabrik­areale umgenutzt und untervermietet. Der Verein Unterdessen möchte nun befristete Nutzungen ermöglichen. Der Begriff Zwischennutzung passt nicht zuletzt auch, weil der Verein zwischen den Immobilienbesitzern und möglichen Nutzern vermitteln will.

So geschehen bei der «Lady Bar», wo an der Eröffnung am Mittwoch dasselbe zu erleben war wie nach der «Liste»-Vernissage: ein Grossandrang – in der Bar, im Club (im UG), im Restaurant und im Innenhof. Mittendrin in diesem Gewusel humpelte Gastgeber Thomas Brunner an Krücken herum – er hatte sich bei den Renovationsarbeiten eine Fussverletzung zugezogen. Ebenfalls begegnen konnte man Pascal Biedermann vom Verein Unterdessen und Olivier Wyss, der beim Kanton für Zwischennutzungen zuständig ist.

Gemunkel über Geklüngel

Hinter ihren Rücken aber vernahm man – so feierlich die Eröffnung auch war – leise Kritik. Der Begriff einer neuen Zwischennutzungs-Seilschaft machte die Runde. Etwa weil Thomas Brunner auch im Hafen ein Projekt reali­sieren kann und zudem im Sommer zum dritten Mal den Innenhof des Kunstmuseums bespielt (Stadtmusikfestival). Weil Olivier Wyss nebst seiner Tätigkeit im Präsidialdepartement noch immer im Vorstand vom «Leuchtturm Kreative Wirtschaft» sitzt (im Stellwerk beim Bahnhof St. Johann). Oder weil der Verein Unterdessen von der Stadt bereits die ehemalige ­Galerie Beyeler an der Bäumleingasse zugesprochen bekommen hat – das stattliche Stadthaus wird seit Juni zwischengenutzt, im nächsten Jahr dann soll dort das Gericht einziehen.

Die Kantensprung-Leute kämen doch sonst schon immer zum Zug, lamentieren etwa manche alternative Szenemenschen. Ist das so? «Nein», entgegnet Pascal Biedermann klar: «Wir gingen bei Ausschreibungen der Stadt stets leer aus.» Vor einem halben Jahr hatten die Kantensprung-Leute bei der Stadt grundsätzlich Interesse an möglichen Zwischennutzungen angemeldet, daraufhin wochenlang nichts gehört. Bis im Frühling plötzlich alles schnell ging, zwei Häuser zur Verfügung standen, der Verein zugriff und Untermieter suchte, die die Räume mit Ideen und Leben füllten. Im Fall der «Lady Bar» erhielten der Kleinbasler Gastronom Pierre Mendy (le magaz-1) und Thomas Brunner (livingroom.fm) den Zuschlag für Gastro und Kultur, an der Bäumleingasse präsentieren sich unter dem Vereinsmotto «We Flash» Designer und Läden aus dem Reh4-Umfeld. Zudem werden hier Ateliers vermietet.

Testfeld für Behörden

Andreas Kressler von Immobilien Basel-Stadt spricht von «einem schweizweiten Novum», welches man auf diese Weise teste: Ein vertrauenswürdiger Player übernimmt gegenüber dem Liegenschaftsbesitzer die Verantwortung und sucht geeignete Zwischennutzer. Die Kantensprung-Leute sollen dabei auch garantieren, dass mit den städtischen Gebäuden sorgfältig umgegangen wird – und diese fristgerecht verlassen werden. Für Kressler eine Win-win-Situation: «Wir ermöglichen so die Zwischennutzung von Liegenschaften und sparen im Gegenzug Sicherheitskosten.» Denn würden die Gebäude monatelang einfach leer stehen, müsste die Stadt eine Besetzung fürchten und entsprechend teure Sicherheitsvorkehrungen treffen.

Dass der Verein Unterdessen die ­Gebäude gratis erhalte, von den Untermietern aber Geld verlange, sei nur ein Gerücht. «Immobilien Basel-Stadt stellt die Gebäude nicht unentgeltlich zur Verfügung, wir sind am Umsatz beteiligt», sagt Kressler. Pascal Biedermann ergänzt: «Der Erfolgsdruck trägt dazu bei, dass alle zügig und mit vereinten Kräften handelten und mit gros­sem Engagement bei der Sache sind.»

Was sagt er zum Vorwurf, dass jene Player zum Zug kommen, die sonst schon sehr präsent seien in der Stadt? «Gerade deshalb arbeiten wir mit ihnen zusammen, weil sie für gute Ideen, Qualität und Zuverlässigkeit stehen.» Und Andreas Kressler von Immobilien Basel-Stadt sagt darauf angesprochen, dass es doch immer dasselbe sei in einer überschaubaren Stadt wie Basel: «Gibt es zu wenig Zwischennutzungen, wird dies angeprangert. Gibt es aber welche, dann wird sogleich der Ruf laut, weshalb gerade diese oder jene zum Zug kämen. Dabei könnte man doch einfach froh sein darüber, dass diese neuen Zwischennutzungen überhaupt möglich geworden sind!»

Im Hafen herrscht Unmut

Und so sind nun also zwei von der Stadt begünstigte Zwischennutzungen gestartet, während private zu Ende gehen: Bei «Spiel und Brote» konnte man in der «Hall of Universe» auf dem nt/Areal, die einst für die Basel­world verwendet wurde, Musik, Kunst und Debatten erleben. Ebenso in der «Schlosserei» an der Rheingasse.

Flussabwärts aber, wo neue Ideen besonders kräftig sprudeln sollten, ist derzeit aber eine Verstopfung aus­zumachen: Die Zwischennutzungen am Klybeckquai (die TagesWoche hat darüber berichtet) lassen auf sich warten. Ja, Kanton und Hafen haben die acht Siegerprojekte, die eine Fachjury im Frühjahr aus 60 Eingaben auswählte, noch immer nicht offiziell bekannt gegeben.
Das muss nicht weiter stören. Viel ärgerlicher ist für die Gewinner, dass anfänglich alles schnell gehen sollte, weshalb sie unzählige Nachtschichten für die Detailausarbeitung ihrer Projekte leisteten.

Und nun zieht sich alles in die Länge. Zum Beispiel, weil der Rückbau des Migrol-Areals noch immer im Gang ist und gewährleistet werden muss, dass der Warenumschlag nicht blockiert wird. Weil derzeit die einzelnen Mietverträge mit den Schweizerischen Rheinhäfen verhandelt werden und ­dabei – gemäss übereinstimmenden Aussagen künftiger Nutzer – noch um die finanziellen Leistungen gerungen wird. So sollen alle in einen gemeinsamen Topf Geld einzahlen, obschon in der Ausschreibung nicht die Rede davon war – zudem kämen Mietpreise, etwa von Buvettenplätzen, teurer als ursprünglich kommuniziert. Auch hätten manche Ämter ihren Teil noch nicht beigetragen (etwa die sanitären Einrichtungen).

Und zu allem war bis vor kurzem auch noch eine Verstimmung zwischen einigen Siegern auszumachen. Eine Partei habe sich leicht «fishy» gegeben und sich das Filetstück, das Ex-Esso-Areal sichern wollen, wie mehrere Leute sagen. «F®ischer Village» hätte sich tatsächlich nicht nur mit der Vermietung von Containern finanzieren lassen, sondern sah vor, auch die Bewirtschaftung und den Unterhalt des Ex-Esso-Areals zu übernehmen. 

Dieser Knatsch kam am Freitag zu einem überraschenden Ende: Die Initianten des Projekts F®ischer Village, welche die Schweigepflicht früh brachen und sich als erste öffentlich über den Sieg bei der Evaluation freuten, ziehen sich jetzt auch als erste aus dem Hafen zurück. Der Frust ist gross, wie wir auf Nachfrage erfahren: «Die Bedingungen haben sich in den letzten Wochen zu unserem Nachteil verändert», sagt Zeno Steuri. Er wirft Stadt und Hafen vor, dass man bei den gemeinsamen Sitzungen ständig mit neuen Überraschungen, mit neuen Auflagen, konfrontiert worden sei. 

«Ursprünglich war die Rede von vier bis fünf Projekten, nun müssen acht Projekte untergebracht werden», kritisiert Steuri und fügt an, dass der Raum für die Gewinnerprojekte zu knapp sei. Er hätte sein Projekt gerne schon gestartet, durch all die Verzögerungen wäre es jedoch Herbst geworden. Angesichts der unsicheren Finanzierung und der Verzögerung werfen Steuri und seine Mitstreiter jetzt verärgert das Handtuch. «Dabei haben wir bereits rund 400 Arbeitsstunden investiert», sagt er. 

Gewinner haben andere Sorgen

Wer im Hafen sonst noch mitmischen kann, ist mittlerweile durchgesickert: So zügelt die Skaterrampe vom nt/Areal hierhin, wird die Buvette Marina Basel, im letzten Herbst quasi Pilot­projekt, wieder betrieben, auch hat das livingroom-fm-Team um Thomas Brunner mit einem mobilen Gastro- und Kulturkonzept überzeugt.

Das führt mitunter zu Missgunst bei anderen Kreativen: Im Hafen seien «the usual suspects» berücksichtigt worden, kriegt man in den «usual smalltalks» immer wieder zu hören. Viele Siegerprojekte habe es in ähnlicher Form schon auf dem nt/Areal oder am Rheinufer gegeben: Buvetten, Urban Gardening, soziokulturelle Animationen. Die Gewinner braucht das Gemunkel nicht zu kümmern, sie haben an­dere Sorgen: Es scheint unklar, ob heuer überhaupt erste Projekte realisiert werden können. Sie fühlen sich derzeit aufs Abstellgleis rangiert.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 15.06.12

Aktualisiert am 16.06., da die Projektgruppe F®ischer Village bekannt gegeben hat, dass sie das Handtuch wirft.  http://shochzwei.ch/fischer-village-siegerprojekt-zwischennutzung-hafenareal/

Konversation

  1. Als direkter Anwohner freue ich mich über den Pioniergeist, den heute vor allem die Menschen vom Reh4 und früher schon viele andere an den Tag legen.

    Vor rund zehn Jahren sind wir in dieses Quartier gezogen, der festen Überzeugung, dass dieses (zumindest in unserer Vorherigen Wohngegend im Grossbasel) damals so verschrieene Quartier dank seiner Diversität und Belebtheit ein unglaubliches Potential an neuer Wohnlichkeit bietet. Seither war und ist es eine Freude zu beobachten, wie viele innovative, (zum Teil nicht mehr ganz) junge Menschen das Quartier (wieder?) angenommen und mit grossem Einsatz zur m.E. spannendsten Wohngegend der Stadt transformiert haben.

    Deshalb ist es für mich auch nicht erstaunlich – aber nicht weniger erfreulich – dass die Stadt gerade hier dieses fast schon geniale Pilotprojekt installiert hat: Ein seit Jahren heruntergekommenes, eher anrüchiges Lokal wird mittels einer Zwischennutzung durch Kräfte aus dem Quartier aufgewertet, gleichzeitig wird – meines Wissens erstmals in Basel – endlich versucht, die Lage im Asylwesen mittels kleiner, dezentraler Unterkünfte, zu entspannen. In dem soziologische Verdünnungseffekte ausgenutzt werden – salopp gesagt die Asylsuchenden in schlicht in der Masse untergehen können – wird das Damoklesschwert der bösen Fremden abgestumpft.
    Der eigentliche Clou an der Sache ist aber ein zweiter, psychologischer, Effekt: Asylunterkunft hin oder her, was Unterdessen und ihre Untermieter_innen an der Fäldbi 47 realisieren wird das Gebäude in der öffentlichen Wahrnehmung – im Vergleich zur vorherigen Nutzung als Milieubar und düsterer verrauchter „Spunte“ – massiv aufwerten. Verbunden mit der zu erwartenden marginalen Wahrnehmbarkeit der Asylsuchenden – immerhin nur 25 Personen und das im am dichtesten besiedelten Quartier der Stadt – bietet dies das Potential, wenn nicht gar eine positive Wahrnehmung der Asylunterkunft zu erreichen, dann doch zumindest den Schrecken und die Angst davor, die offensichtlich in Teilen der Bevölkerung herrschen, vergessen zu machen.

    Vor dem Hintergrund der Geschehnisse am Voltaplatz, beim Kinderspital auf der Erlenmatt und sonst wo stellt sich mir allerdings eine ganz andere Frage: Kann es sein, dass sich im Unterschied zwischen z.B. einem catwalk in public space oder der provisorischen Tramhaltestelle und der „ilegalen“ Party bei der Hall of universe eine semantische Differenzierung physisch manifestiert? Hier Menschen, die sich Freiräume suchen, sie vorübegehend ausgestalten, nutzen und dann wieder frei geben, dort solche, die sie „erkämpfen“ oder „besetzen“ wollen – im einen Fall wird dabei das Quartier „von unten herauf“ aufgewertet, im anderen kommt es zu Sachbeschädigungen und Gewalt. Honi soit qui mal y pense!

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