«Armut ist nicht die Schuld des Einzelnen»

Carlo Knöpfel ist einer der besten Kenner der Armut in der Schweiz. Im Interview spricht er über strukturelle Ursachen von Armut, Fehlentwicklungen im Umgang mit den Armen und seine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema.

Es geht nicht nur um Geld. Für Carlo Knöpfel ist die Aussichtslosigkeit das Hauptproblem von Armutsbetroffenen. (Bild: Hansjörg Walter)

Soeben hat die Caritas das neue «Handbuch Armut in der Schweiz» herausgegeben. Co-Autor Carlo Knöpfel spricht im Interview über strukturelle Ursachen von Armut, Fehlentwicklungen im Umgang mit den Armen und seine persönlichen Erfahrungen mit diesem Thema.

Carlo Knöpfel, in einem Artikel zum neusten Armutsbericht des Bundes schrieb die NZZ das Wort Armut konsequent in Anführungszeichen. Existiert Armut in der Schweiz tatsächlich nur in Anführungszeichen oder betreibt diese Zeitung damit eine Verharmlosung des Problems?

Die Frage ist nicht zuletzt, wie man Armut misst und definiert. Die neuen Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BfS) sind eine Erhebung, die das BfS genauso macht wie andere Statistikämter in Europa – als Teil einer Eurostat-Statistik. Armut wird dabei als relativer Begriff definiert. Wer weniger als 60 Prozent eines sogenannten Medianeinkommens erzielt, gilt als armutsgefährdet – was immer das dann bedeutet. Das ist das Problem an dieser Statistik. Die Caritas verwendet diese Zahlen nicht ernsthaft, sie dienen mehr als ein zusätzlicher Indikator. Uns ist es viel wichtiger, eine absolute Armutsgrenze gemäss den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) zu haben. Eine Einzelperson braucht demnach 986 Franken pro Monat für den Lebensbedarf. Dazu kommen die Miete und die Krankenkassenprämie. Bei einer Familie mit zwei Kindern liegt die Armutsgrenze bei rund 4400 Franken.

Es gibt seit einigen Jahren bürgerliche Politiker, die hinter vorgehaltener Hand davon sprechen, wir müssten die Entstehung einer dauerhaften Unterschicht akzeptieren.

Ich glaube, eine solche Schicht gibt es bereits in der Schweiz. Die Frage ist mehr, wie wir sozialpolitisch damit umgehen.

Wie gehen wir denn damit um?

Es gab seit den 90er-Jahren einen Wandel: Leistungs-/Gegenleistungsprinzip, Fördern und Fordern, aktivierender Sozialstaat – das sind alles Schlagwörter, die darauf abzielen, dem Einzelnen zu sagen: Du musst dich einfach anstrengen, dann kommt das schon. Aus meiner Sicht ist das aber eine grundsätzlich falsche Interpretation der Situation. Es hat strukturelle Gründe, dass so viele Menschen Mühe haben, ihre Existenz im Arbeitsmarkt zu sichern. Es ist nicht die Schuld des Einzelnen. Das ist im Kern meine Kritik am Ganzen.

Welche Personen sind denn hauptsächlich von der Armut betroffen?

Es gibt zwei Treiber für Armut. Der eine ist der Arbeitsmarkt, der andere die Familiensituation. Der Wandel im Schweizer Arbeitsmarkt führt dazu, dass Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation oder anderen Einschränkungen – etwa gesundheitlichen Problemen oder mangelnden Sprachkompetenzen – Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Stelle zu finden oder eine Stelle, die ein Einkommen generiert, das für sie und ihre Familien existenzsichernd ist. Wir haben eine hohe Arbeitslosigkeit bei wenig Qualifizierten, die dann ausgesteuert werden und bei der Sozialhilfe landen. Und wir haben die Working Poor – Menschen, die mit ihrer Arbeit kein Einkommen erzielen, das reicht.

«Wir scannen im Laden unsere Waren selber ein und tanken unser Auto selber auf. Dadurch gehen Stellen für wenig Qualifizierte verloren.»

Früher fanden auch diese Menschen ein Auskommen.

Die Schweiz betreibt im globalen Wettbewerb eine Standortpolitik, die darauf abzielt, Firmen anzuziehen, die hochqualifizierte Arbeitskräfte brauchen: kapitalintensive, wissensintensive Aufgaben. Das ist spannend für uns als Erwerbstätige, aber auch für die Wirtschaft und Gesellschaft, denn es generiert unseren Wohlstand. Aber es führt automatisch dazu, dass die weniger Qualifizierten Probleme bekommen.

Welche Probleme sind das konkret?

Sie werden verdrängt in Hilfsjobs, etwa die Reinigung, Gastronomie, Hotellerie, das sind klassische Tieflohnbranchen. Kommt hinzu, dass wir als Kunden immer mehr zu Mitarbeitern der Firmen gemacht werden. Wir scannen in der Migros oder beim Coop unsere Waren selber ein und tanken unser Auto selber auf. Die Dienstleistungsunternehmen steigern dabei ihre Produktivität und bauen Personal ab. Dadurch gehen Stellen für wenig Qualifizierte verloren.

Sie erwähnten die Familie als zweiten Armutstreiber.

Da gibt es zwei Aspekte: Nach Scheidungen ist das Armutsrisiko, vor allem für alleinerziehende Mütter, relativ gross. Insbesondere dann, wenn man schon als Paar wenig verdient hat. Dann müssen aus diesem Einkommen zwei Haushalte finanziert werden. Und der Mann muss ja nur so viel Alimente bezahlen, dass er nicht selber unter die Armutsgrenze fällt. Das alles führt automatisch dazu, dass ein grosser Teil – und hier sprechen wir nun wirklich von einem grossen Teil – der Alleinerziehenden mit dem Geld nicht durchkommt und in der Sozialhilfe landet.

Und der zweite Aspekt?

Das betrifft Familien mit drei und mehr Kindern. Da kann man ein Einkommen haben, das weit über der Armutsgrenze liegt, aber mit drei Kindern in einer Stadt wie Basel oder Zürich  – denken wir an Mietpreise und Krankenkassenprämien – reicht es trotzdem nicht.

Wie viel Geld braucht es, um mit drei Kindern in Basel nicht in die Armut zu rutschen?

Wenn man von den Skos-Richtlinien ausgeht, dann 5500 bis 6000 Franken brutto.

«Die Armutsquote von Deutschen in der Schweiz liegt tiefer als jene der Schweizerinnen und Schweizer.»

Viele Arme gibt es laut Ihrem «Handbuch Armut» unter Einzelpersonen ab 65. Warum?

Da gibt es einmal ein statistisches Problem, weil das Vermögen nicht berücksichtigt wird. Ältere Leute hatten zum Teil die Möglichkeit, etwas auf die Seite zu legen. Das andere ist aber: Diese Leute sind um die Zeit des Zweiten Weltkriegs geboren worden. Als sie in die Arbeitswelt einstiegen, gab es erst die AHV, von einer zweiten Säule konnten die meisten nur träumen. Das bedeutet, dass diese Leute über ihr ganzes Leben viel weniger Rentenansprüche generieren konnten als die nachfolgenden Generationen.

Stark betroffen sind auch Ausländer.

Die Kategorie Ausländer ist verfänglich. Die Armutsquote von Deutschen in der Schweiz liegt tiefer als jene der Schweizerinnen und Schweizer. Es kommt also darauf an, aus welchem Land die Leute kommen. Und damit, wie im jeweiligen Land das Berufsbildungssystem funktioniert oder eben nicht. Die Gefahr, dass jemand vom Balkan, von den Philippinen oder aus Sri Lanka zu den Armutsbetroffenen gehört, ist grösser als wenn man aus Deutschland oder aus Frankreich stammt.

In welchen Kantonen leben die meisten Armen?

Der Jura, zum Teil das Waadtland, das Wallis und das Tessin. Es sind die strukturschwachen Kantone, deren wirtschaftliche Entwicklung nicht so weit fortgeschritten ist wie andernorts. Diese Kantone weisen auch eine höhere Arbeitslosenquote auf. Zudem leben viele Armutsbetroffene in den Städten – im Moment noch.

Was meinen Sie mit «im Moment noch»?

Die Aufwertung der Quartiere führt dazu, dass Armutsbetroffene verdrängt werden. Das sehen Sie hier in Basel: Es hat beispielsweise im St. Johann immer weniger Platz für Menschen in Armut. Sie können sich die Mieten gar nicht mehr leisten.

«Die Gentrifzierung in den Städten bekommen die Sozialhilfeämter in den Agglomerationen zu spüren.»

Und wohin ziehen die Armen?

In Basel etwas Günstiges zu finden, wird zunehmend schwieriger. Es leben deshalb immer mehr Armutsbetroffene in Allschwil, Muttenz oder Birsfelden. Die Gentrifzierung in den Städten, also die Aufwertung von Wohnvierteln wie das Matthäusquartier oder der Voltaplatz bekommen die Sozialhilfeämter in den Agglomerationen zu spüren, dort steigen die Bezugsquoten.

Das heisst, in Basel-Stadt geht die Sozialhilfequote dank der Gentrifizierung zurück?

In Basel-Stadt ist die Quote immer noch sehr hoch, aber das Problem wäre bestimmt noch gravierender, wenn es keine Gentrifizierung gegeben hätte.

Macht Basel-Stadt genug in der Armutsbekämpfung?

Das ist nicht nur eine Frage der Quantität, sondern auch der Qualität. Es geht aber in die richtige Richtung.

Wo besteht noch Handlungsbedarf?

Es ist vor allem wichtig, Armut im Lebenslauf zu vermeiden. Daher sollten Kinder aus sozial benachteiligten Familien früh gefördert werden – und in diesem Bereich könnte Basel-Stadt noch mehr machen. Es gibt zwar entsprechende Angebote, aber es liegt noch mehr drin. Ein weiteres Problem sind die über 50-Jährigen, die meines Erachtens ein Angebot in einem zweiten Arbeitsmarkt brauchen. Doch das kostet, und der Sozialstaat Basel ist unter Finanzierungsdruck.

Gerade in Basel gibt es viele nicht-staatliche Akteure wie die CMS, GGG oder andere Stiftungen, die quasi einen Schatten-Sozialstaat bilden. Eine gefährliche Entwicklung?

Eine gewisse Verführung seitens der Regierung, Angebote auf Private abzuschieben, ist sicher vorhanden. Der Staat soll und kann aber auch nicht alles machen. Ich sehe private Institutionen deshalb als komplementär und nicht als substitutiv zum Sozialstaat an. Die Gefahr von privaten Institutionen ist aber immer eine gewisse Willkürlichkeit und Zufälligkeit.

«Wenn jeder Millionär als Götti eines Sozialhilfebezügers auftreten würde, wäre das Problem auf materieller Ebene erledigt.»

Können Sie hinter den Zahlen zur Armut eine Tendenz erkennen?

Die Armutsquote ist mehr oder weniger konstant. Die Zahl der Sozialhilfebezüger steigt aber langsam an. Das heisst: Die Leute, die arm sind, werden sozusagen ärmer. Einige sind an der Armutsgrenze, gehen aber nicht aufs Sozialamt, weil sie sich noch irgendwie durchwursteln können. Wenn sie aber noch weniger Einkommen erzielen, dann bleibt irgendwann nichts anderes als der Gang aufs Sozialamt. Die Armut akzentuiert sich, würde ich sagen.

Wie die Reichen, die reicher werden.

Genau. Wir haben in der Schweiz 330’000 Millionäre und 290’000 Sozialhilfebezüger. Was wäre, wenn jeder Millionär als Götti eines Sozialhilfebezügers auftreten würde? Dann wäre das Problem auf materieller Ebene erledigt. Diese beiden Welten liegen aber weit auseinander. Die meisten Reichen kennen gar keine Armen. In der Schweiz ist Armut auch nicht so sichtbar wie in anderen Ländern. Die Betroffenen tun alles dafür, möglichst nicht aufzufallen.

«Die Schweizer neigten schon immer dazu, soziale Probleme unsichtbar zu machen.»

Dennoch gibt es immer wieder Leute, die sich an Randständigen stören, so etwa LDP-Politiker André Auderset, der die Alkoholiker vom Claraplatz weghaben möchte.

Die Schweizer neigten schon immer dazu, soziale Probleme unsichtbar zu machen. Ich befürchte, dass diese Tendenz noch mehr zunehmen wird.

Die Caritas verfolgt den Ansatz, dass man Armut in der Schweiz weniger als materielles, sondern als soziales Phänomen versteht. Wieso?

Armutsbetroffene haben sehr oft keine Perspektive mehr. Der Arbeitsmarkt und die Gesellschaft bieten den Betroffenen kaum noch vernünftige Optionen an, um aus dem Schlamassel wieder rauszukommen. Die Aussichtslosigkeit ist das gravierendste Problem von Armutsbetroffenen.

Woher kommt eigentlich Ihr Interesse für Armut? Waren Sie selber mal arm?

Ich bin tatsächlich in einer – wie man heute sagen würde – Working-Poor-Familie aufgewachsen. Mein Vater war Rheinschiffer, und ich bin auf dem Fluss unter auch in finanzieller Hinsicht engsten Verhältnissen aufgewachsen. Als junger Erwachsener geriet ich in die Diskussion um die Befreiungstheologie und in die Basisgemeinde-Bewegung. Zunächst ging es um globale Armut, doch dann kam bald die Frage: Wie siehts eigentlich in der Schweiz aus? Das hat mich nach dem Studium schnell zur Caritas geführt, die gerade eine neue Grundlagenstelle eingerichtet hatte, deren Aufbau mir übertragen wurde. Dadurch habe ich mich rasch einmal auf das Thema Armut in der Schweiz konzentriert.
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Carlo Knöpfel (55) studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Basel. Er arbeitete 19 Jahren lang bei der Caritas Schweiz, zuletzt als Verantwortlicher für die Inlandarbeit. Seit zwei Jahren ist er Professor für Sozialpolitik und Sozialarbeit am Institut für Sozialplanung und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit in Basel. Gemeinsam mit Claudia Schuwey hat er die Caritas-Publikation «Neues Handbuch Armut in der Schweiz» verfasst.

Konversation

  1. Irgendwo habe ich den Satz gelesen „Sind Menschen, die sich nichts kaufen können, aber dennoch alles haben, was sie zum Leben brauchen, arm?“

    Wie Maya Eldorado richtig beschreibt, gibt es eine relative und eine absolute Armut.
    Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, wie in Drittwelt-Ländern etwa.

    Die relative Armut sagt hingegen über den tatsächlichen, materiellen Lebensstandard der Menschen nichts aus, sondern misst lediglich den Abstand ihrer Ausstattung mit dem Einkommen zum gesellschaftlichen Durchschnitt.

    Die relative Armut kann man, im Gegensatz zur absoluten Armut – aus meiner Sicht – nicht bekämpfen, man könnte sie eliminieren wenn man wollte, in dem man jedem armutsbetroffenen Menschen ein garantiertes, am Durchschnittseinkommen adäquates Einkommen ermöglicht.

    Die geschilderte Armutsstudie der Gemeinde Allschwil, die Herr Meury erwähnt un die nicht zu Stande kam, wäre vielleicht nur eine Alibi-Übung gewesen.

    Weil wir Alle wissen, dass man die relative Armut wohl eliminieren könnte, wenn man nur wollte.

    Aber wer will das schon? Das garantierte Grundeinkommen lässt Grüssen!

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    1. «Die geschilderte Armutsstudie der Gemeinde Allschwil, die Herr Meury erwähnt und die nicht zu Stande kam, wäre vielleicht nur eine Alibi-Übung gewesen»
      Das ist die Crux an dem negativen Entscheid: Jetzt wissen wir nicht zu welchen Schlüssen die Studie gekommen wäre und können die Resultate nicht diskutieren.

      Warum aber Fritz Weber weiss, dass die Studie eine Alibi-Übung gewesen wäre, weiss ich nicht. Es ist ja im negativsten Fall der Auftraggeber, welcher eine solche Studie nur als Augenwischer-Übung in Auftrag gibt. Ich setze natürlich voraus, dass wer eine solche Studie in Auftrag gibt, ein allfälliges Resultat ernst nimmt. Zudem liegt es am Auftraggeber eine Studie in Auftrag zu geben, welche lösungsorientiert agiert und als Quintessenz eine Handlungsagenda mit entsprechenden Massnahmen vorlegt. Ein entsprechender präziser Auftrag wird vom Auftraggeber formuliert und nicht vom Verfasser der Studie. Damit wäre eine sinnvolle Grundlage geschaffen, um die notwendigen Diskussionen zu führen. Sollte die Handlungsagenda und ein Massnahmenkatalog von den Protagonisten abgelehnt werden, könne man den VVorgang als Alibi-Übung bezeichnen. Im Vorfeld ein solches Vorgehen zu negieren, würde voraussetzen, dass eine Alternative vorgelegt wird.
      Das garantierte Grundeinkommen wäre vielleicht eine Alternative gewesen, ist aber im Moment nicht mehrheitsfähig, ergo kann dieser Weg politisch nicht weiterverfolgt werden. Also, welche Alternative schlagen Sie vor?

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    2. Danke Fritz Weber, dass Sie meine Aussage noch mit etwas anderen Worten beleuchtet haben.

      Zu der nicht stattgefundenen Armutsstudie: Das ist Schreibtischtäterarbeit und trägt nichts dazu bei, das Problem zu beheben, weil die Quelle davon gar nicht bei den Armen liegt.

      Zum Grundeinkommen:
      Zuerst war ich auch hell begeistert davon. Nach und nach kamen mir aber auch Zweifel, nicht vom Grundgedanken her. Die Umsetzung bedient sich des Kapitalismus, lehnt sich an diesen an.

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  2. Ich habe soeben Bilder vom Gazastreifen gesehen – so viele Häuser geschliffen, die Infrastruktur funktionniert nicht mehr…… Das Gleiche gilt für Syrien und andere Brennpunkte.
    In anderen Ländern sind Arme sich selbst überlassen, ohne Sicherheit für genügend essen, ohne Möglichkeit zum Arzt zu gehen….

    Vergleicht man das mit den Problemen der Armutsbetroffenen in der Schweiz, ist das im Vergleich zu den obigen Beispielen eine komfortable Lage.

    Als alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern lernte ich die Fürsorge auch als Betroffene kennen. Ich lernte in dieser Zeit andere Armutsbetroffene kennen. Immer wurde die Lage am Mittelstand gemessen, von praktisch allen. Es wurde viel davon gesprochen, was man sich nicht leisten kann. Irgendwie fand ich das erdrückend. Mehr oder weniger zur gleichen Zeit kam meine Schwester mit ihrer Familie in die Schweiz in die Ferien. Sie waren Expats, unter anderem in Quito und Mexiko. Sie beschrieb, was dort Armut bedeutet. Ich verglich meine Situation mit den Menschen dort und eine grosse Dankbarkeit stieg in mir auf.
    Wir hatten, eine zwar einfache aber gute Wohnung, jeden Tag zu essen. Wir hatten Velos. Damit konnten wir Ausflüge machen, ab und zu in die Badi gehen und vieles mehr. Ab und zu bekam ich ein paar Reka-Checks. Das ermöglichte uns einen grösseren Ausflug oder bescheidene Ferien.
    Das einzige, was fehlte, war der soziale Kontakt. Die Freizeitaktivitäten in der Schweiz sind sehr auf Konsum ausgerichtet. Und wenn die nötigen Mittel dazu fehlen, ist man eben sehr viel allein.
    Dass meine Kinder wirkliche Nachteile dadurch erlitten, kann ich nicht sagen. Auch mit miinimalen Mitteln lassen sich Kinder fördern. Die Mittel dazu sind einfach nicht die übliche konventionelle Art.
    Da ich kein Gelf für Spielsachen hatte, sammelte ich in einer Schachtel Abfall und Sachen in der Natur und leistete mir einen Werkzeugkasten für Kinder. Ich sammelte allerhand Schrauben und Nägel und anderes auf Baustellen. Im Migro-Doitjourself in der Bottmingermühle hatten sie draussen einen Container mit Abfall, viel Holz, Sperrholz und andere nützliche Sachen zum Basteln. Damit fing ich an, selber irgendwie Spielzeug für meine Kinder zu machen. Schon bald machten sich auch meine beiden Mädchen an die Arbeit, bastelten und machten selber Spielzeug. Das hatte sogar grosse Anziehungskraft auf die Kinder in der Nachbarschaft. Schon bald hatte ich bei Regenwetter und im Winter die Wohnung voller Kinder. Warum kamen die wohl zu mir und nicht in irgend eine andere Wohnung, wo alles, was so üblich war, vorhanden war? Auf jeden Fall hat das die Kreativität meiner und aller anderen Kinder sehr gefördert. Und das ist doch etwas sehr Wichtiges für später.

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    1. Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss!

      «In anderen Ländern sind Arme sich selbst überlassen, ohne Sicherheit für genügend essen und ohne Möglichkeit zum Arzt zu gehen. Vergleicht man das mit den Problemen der Armutsbetroffenen in der Schweiz, ist das im Vergleich eine komfortable Lage». Wenn dies die Quintessenz der Aussage von Maya Eldorado ist, dann können sich die Gegner von Mindestlöhnen und Armutsbekämpfungen bei Maya Eldorado bedanken. Das ist die reine Parade-Argumentation: Es gibt immer noch irgendwo ein paar Ärmer und bei uns leben ja auch die Armen (wie der Beschrieb zeigt) relativ komfortabel und in jedem Fall sicher.

      Fazit: Man kann seine Hände in den Schoss der Selbstzufriedenheit legen und kann weiterhin mit der Armut à la Suisse leben.

      Beispiel gefälligst.

      Kürzlich passiert: Der Allschwiler Einwohnerrat will keine Armutsstudie. Er hat es abgelehnt eine wissenschaftlich-fundierte Studie beim versierten Soziologieprofessor Ueli Mäder in Auftrag zu geben. Angeblich waren die Kosten von 60’000 Franken zu hoch. Offensichtlich will man keine Auskunft über die Ursachen der stetig ansteigen Sozialkosten. Man will das Phänomen „Armut“ nicht kennen und begreifen lernen. Man begnügt sich mit der Tatsache, dass die Sozialkosten für die knappe Gemeindekasse zum Problem geworden sind. Alleine im letzten Jahr sind die Kosten um rund 1.1 Millionen Franken auf 6.6 Millionen Franken gestiegen. Das ist kein Pappenstiel und drückt erheblich auf die Ausgaben der Gemeinde. Aber offensichtlich nimmt man dies klaglos in Kauf, auch wenn diese Kosten zu einem strukturellen Defizit führen.

      Ueli Mäder hätte mit seiner Studie das Problem logischerweise auch nicht gelöst. Aber er hätte vielleicht aufzeigen können bei welchen Menschen Armut virulent wird, welche Bedingungen zur Armut führen und ob es stimmt, dass vor allem junge, schlecht ausgebildete Menschen von Armut betroffen sind. Nur wenn man die Armut versteht, kann man etwas dagegen unternehmen. Es ist absurd, wenn man sich damit abfindet die Armut und allfälliges soziales Elend zu verwalten. Die Armut muss man bekämpfen. Nur adäquates Wissen, und eine Armutsstudie, wären dafür die Grundlage gewesen und hätten die Behörden befähigt die Armut und damit auch die steigen Sozialkosten zu bekämpfen.

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    2. Lieber Christoph Meury

      Sie haben meine Botschaft völlig falsch verstanden. Sie ist nicht bei Ihnen angekommen.
      Ich konnte in meinem Leben beide Seiten, den Mittelstand und die Armut kennenlernen und leben.
      Da sich armutsbetroffene Menschen selten äussern, habe ich mich entschlossen, etwas aus dieser Sicht zu schreiben. Es ist schon so, dass Armutsbetroffene stigmatisiert und ausgegrenzt werden, allein schon deswegen, dass praktisch alle Freizeittätigkeit auf Konsum ausgerichtet ist. Lesen Sie einfach weiter oben. Ich muss mich ja nicht wiederholen.
      Ich hab mit keinem Wort erwähnt, dass ich nicht gegen Unterstützung bin. Bei meinem ersten Beitrag habe ich zuoberst erwähnt, dass mir aufgefallen ist, dass Carlo Knöpfel nicht einmal erwähnt hat, dass man gegen die Armut kämpfen muss. Das bedeutet nämlich nichts anderes, als dass man gegen die Armen kämpft. Es ist ein Defizit und das soll bitte verschwinden.

      So wie sie schreiben, muss ich annehmen, dass Sie nie von Armut betroffen waren, ohne zu wissen, ob Sie da jemals wieder herauskommen werden.
      Mein Beitrag soll nichts anderes sein, als die Situation aus der Sicht der Armutsbetroffenen zu beschreiben.
      Der erstrebenswerte Zustand des Mittelstandes, der auch von oben eingeimpft wird, ist den meisten Armutsbetroffenen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich vor allem der Defizite bewusst sind – auf was muss ich alles verzichten, was der Mittelstand selbstverständlich hat. Das ist fatal und drückt und ist erdrückend noch zusätzlich zu den finanziellen Problemen und kann zu depressiven Verstimmungen oder mehr führen und zieht noch zusätzlich Kräfte ab, die man eigentlich dringend bräuchte für die erschwerten materiellen Umstände.
      Gerade das vertiefte Bewusstwerden der absoluten Armut, hat mir geholfen eine gewisse Leichtigkeit zu erlangen und mehr Lebensfreude zu haben. Ich mass mich nicht mehr, wie die meisten andern, die ich kannte am Mittelstand. Ich überlegte mir Folgendes: Was brauch ich zum Ueberleben in der Schweiz. Was brauch ich zum Leben. Auf was kann ich punktuell verzichten, was ich zum Leben brauche, dass ich mir für mich und meine Kinder kleine materielle Freuden leisten kann. Das ergibt, statt dauernde permanente Defizite ein wenig Luft für Freiraum.
      Armut ist kein Stigma. Armutsbetroffene haben genau so viel Respekt verdient wie Millionäre. Deshalb soll nicht gegen sie gekämpft werden. Das wird nur so gemacht, weil sich niemand getraut den heutigen Turbokapitalismus in Frage zu stellen und die geldgierige Wirtschaft, die sich kaum jemand getraut in Frage zu stellen.

      Zum Thema Armut kann ich Ihnen ein Buch ans Herz legen:
      http://www.urachhaus.de/buecher/9783825175801/marie-des-brebis
      Eine Frau mit unvorstellbaren Erschwernissen im Leben von Geburt an. Ihr innerer Reichtum, ihre Herzenswärme, hat ihr geholfen all das zu tragen und trotz grosser Armut immer für andere da zu sein.

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    3. Liebe Maya Eldorado

      Ich habe ihre Ausführungen durchaus verstanden und habe dem auch nichts entgegenzusetzen. Zumal ich kein Armutsexperte bin.
      Ich akzeptiere ich Sie als Expertin. Aber!
      Als politische Botschaft (und darauf habe ich reagiert) kann ich die von der TaWo herausgestrichene Feststellung «In anderen Ländern sind Arme sich selbst überlassen, ohne Sicherheit für genügend essen und ohne Möglichkeit zum Arzt zu gehen. Vergleicht man das mit den Problemen der Armutsbetroffenen in der Schweiz, ist das im Vergleich eine komfortable Lage» nicht stehen lassen. Sicher ist diese Aussage nicht falsch, aber solche Vergleiche sind wenig zielführend, weil es für eines der reichsten Länder wenig schmeichelhaft ist, wenn es in der Schweiz immer noch über 300’000 armutsbetroffene Menschen gibt. Der Vergleich und die Feststellung, dass es in anderen Ländern noch mehr Arme gibt und, dass diese Armen weniger gut „betreut“ sind, verführt unsere hiesigen PolitikerInnen dazu in Agonie zu verfallen und nichts mehr gegen die aktuelle Armut zu unternehmen.
      Zu meinem Beispiel: Hätte sich die Gemeinde Allschwil offiziell zu einer Armutsstudie bekennen können, dann hätte sie für eine Problemlösung Hand geboten. Das ist ein Bekenntnis und damit natürlich auch ein symbolischer Akt. Es ist aber ein Unterschied ob ein paar Leute über Armut Bescheid wissen, oder ob ein Gemeinwesen dazu eine Haltung einnimmt. Die Politik kann, sofern sie dazu bereit ist, sehr viel mehr erreichen als aktuell umgesetzt wird. Dazu muss man die Politik laufend ermuntern.

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  3. Carlo Knöpfel mir fällt auf, dass sie im Gespräch nicht ein einziges Mal erwähnt haben, dass man gegen die Armut kämpfen muss. „Hilft“ oder will man „helfen“ aus diesem Geist heraus, kämpft man im gleichen Atemzug auch gegen die Armen.
    Viele Armutsbetroffene arbeiten hart und das Geld reicht gerade oder es muss sogar von der Fürsorge aufgestockt werden. Sie ver-dienen genaus so Wertschätzung wie Menschen, die in einem Tag mehr verdienen, als Armutsbetroffene in einem Monat.

    Die Fürsorgeleistungen wurden immer mal wieder ein wenig herun-tergeschraubt, nicht nur teuerungsbedingt, sondern real.

    Fatal finde ich auch diese strickte Trennung in Erwerbs- und Gra-tisarbeit.

    Viele notwendige Arbeit wird auch nicht gemacht, weil „kein Geld“ vorhanden ist.
    Man denke nur an die Altersheime. Die Alten können immer mehr nur noch versorgt werden. Für Betreuung und Zuwendung bleibt kaum noch Zeit.
    Auch in den Spitälern könnte mehr Zuwendung den Heilungspro-zess bei vielen beschleunigen. Usw.

    Wenn ein Armutsbetroffener, vor allem wenn er daneben noch Für-sorgegelder beziehen muss, plötzlich weniger arbeitet oder ganz aufhört, weil er einfach am Boden ist, wird zuerst mal Faulheit ver-mutet und er wird durch Arbeitsprogramme gejagt. Menschen in einem gut bezahlten, angesehenen Beruf, können selbstverständ-lich ihr Burnout behandeln lassen, um dann anschliessend wieder gestärkt ihrer Arbeit nachgehen zu können.

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  4. Wie recht doch Carlo Knöpfel hat. Armutsbetroffene haben tatsächlich sehr oft keine Perspektiven mehr. Wer einmal in die Armut gefallen ist, ist stigmatisiert. Nicht selten ist es so, dass sie in der Gesellschaft keine Aktzeptanz finden und traumatisiert sind. Seit einigen Jahren arbeite ich in der ATD Vierten Welt, Region Basel und stehe immer wieder in direkten Kontakt mit Menschen die sozial ausgegrenzt sind. Armutsbetroffene brauchen eine Stimme und sollen ihrer Würde entsprechend in der Gesellschaft mitreden können.
    Was mich in den letzten Tagen sehr beschäftigt hat, ist die Idee des Bundesrates, dass Sozialhilfeempfangede Steuern bezahlten sollen. Ganz im Sinne von, wer wenig hat, dem wird genommen und wer viel hat, dem wird gegeben. Es lebe die soziale Ungerechtigkeit!!!
    Claude Hodel, Reinach

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