Basel liebt Nietzsche nicht – trotzdem widmet die Stadt ihm nun einen Preis

Basel mochte ihn nicht und er mochte Basel nicht: Trotzdem wird hier nun alle vier Jahre ein hoch dotierter Preis zu Ehren von Friedrich Nietzsche vergeben. Das wurde auch Zeit.

Schnauzbärtiger Querschläger: Friedrich Nietzsche.

(Bild: Getty Images)

Basel mochte ihn nicht und er mochte Basel nicht: Trotzdem wird hier nun alle vier Jahre ein hoch dotierter Preis zu Ehren von Friedrich Nietzsche vergeben. Das wurde auch Zeit.

Trotz sichtlicher Bewunderung mochte ihn am Montag bei der Pressekonferenz niemand richtig loben: «provozierend» sei er gewesen, «schwer zu fassen», und wenn er von Basel sprach, so hätte er das nur «mit Widerwillen» getan. Die Rede ist von Friedrich Nietzsche, radikal anti-egalitärer Denker, Enfant terrible der Philosophie, zynisch, brillant, unzufrieden – und mit Basel verbunden. 

1869 wurde der gerade mal 24-jährige Nietzsche von Leipzig nach Basel berufen, um in der von wenigen Studenten und kündigenden Professoren geplagten Universität den Lehrstuhl für Klassische Philologie anzutreten. Zehn Jahre (immerhin weit länger als seine beiden Vorgänger) blieb er an der Universität, kündigte dann aus gesundheitlichen Gründen (Der Basler Föhn!), kassierte eine saftige Pension und trat seine Wanderjahre an. 

Seine Meinung über den verlassenen Basler Lehrstuhl liest sich treffend in den Zeilen, die Nietzsche 1889 an Jacob Burckhardt richtete, mit dem er Zeit seiner Professur befreundet war:

«Lieber Herr Professor, zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muss Opfer bringen, wie und wo man lebt.»

Kein Zweifel, der Mann hatte Humor. 





Humor, den ihm die Stadt Basel nicht unbedingt hoch anrechnete. Nietzsches Verhältnis zu Basel war stets ambivalent, obwohl er hier die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Und die Stadt zahlte es ihm mit gleichen Mitteln heim: Obwohl er hier länger lebte und unterrichtete als sonstwo, tut sich Basel schwer mit der Erinnerung an ihn. 

Internationaler Friedrich-Nietzsche-Preis

Der Friedrich-Nietzsche-Preis wird ab sofort alle zwei Jahre im Wechsel zwischen Basel und Naumburg verliehen. Er ist mit 15’000 Euro dotiert und richtet sich an ein essayistisches, wissenschaftliches oder literarisches Einzel- oder Gesamtwerk zu philosophischen Gegenständen und Fragen. 

Das soll sich nun ändern: Gemeinsam mit der Bürgergemeinde Basel (zu der Nietzsche übrigens nie gehört hat), der Elisabeth Jenny-Stiftung und der Stadt Naumburg hat die Friedrich-Nietzsche-Stiftung nun den Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis ins Leben gerufen, um an den grossen Denker zu erinnern.  Alle zwei Jahre wird abwechselnd in Basel und Nietzsches Geburtsort Naumburg ein mit 15’000 Euro dotierter Preis an internationale Verfasser herausragender essayistischer oder philosophischer Werke vergeben, die in irgendeiner Weise mit Nietzsche in Verbindung stehen.

Eine willkommene Aufgabe für den Basler Bürgerrat

Der Internationale Friedrich-Nietzsche-Preis sei eine willkommene Aufgabe für die Bürgergemeinde Basel, meinte Bürgerrat Leonhard Burckhardt. «Mit Freude und Begeisterung» hätten sie zugestimmt, sich als Gastgeber zu beteiligen. Bis vor Kurzem der Nietzsche-Brunnen eingeweiht wurde, habe eine Repräsentation Nietzsches weitgehend in Basel gefehlt. Zudem ginge die Bürgergemeinde immer ein bisschen vergessen, und es sei eine schöne Möglichkeit, sich zu profilieren und sich auf kultureller Ebene zu zeigen. 




Bleibt zu hoffen, dass der Gewinner nicht ganz im Sinne des latent griesgrämigen Nietzsche handelt und den Preis auch annimmt. Aber das wird – in Anbetracht des Preisgeldes – wohl kein Problem sein.

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Die TagesWoche widmet dem Philosophen eine vierteilige Serie, bisher erschienen:

7 wissenswerte Fakten zu Friedrich Nietzsche

Konversation

  1. Basel und die Psychiatrie:
    – Mit Nietzsche bekam die Stadt einen blitzgescheiten Mann an die Universität, der bis heute seine spuren hinterlassen hat und bot so dem staatenlosen Heimat. Leider erkrankte er später psychiatrisch schwer an einer Psychose.
    Ein Leben vor der psychischen Erkrankung

    – Die Mutter von C.G. Jung litt an einer schweren psychiatrischen Erkrankung in Kleinhüningen.
    Ein Leben in der psychischen Erkrankung

    – Prof. Kielholz entwickelte zusammen mit der hiesigen Pharmaindustrie die ersten griffigen Antidepressiva und wirksamen Kombinationen, die noch jahrzehnte später Standart waren in dern Behandlung (bevor die neueren Mittel kamen.
    Ein Leben für die Behandlung der psychischen Erkrankungen.

    – Die Firma Roche entwickelte das wohl erste gut wirksame Beruhigungsmittel (Valium, Librium), dem später viele ähnliche substanzen nachfolgten aus der Klasse der Benzodiazepine. Nur sollte man sie nicht länger nehmen.
    Basler Firmen für die Behandlung von psychischen Erkrankungen.

    Ich weiss, man redet nicht gerne darüber.
    Vielleicht wäre man sogar noch stolzer, wenn ein Basler die Guillotine erfunden hätte.
    So ist die Welt halt nun einmal.

    P.S.: Etwas Nichtpsychiatrisches, was mancher Laie auch für verrückt hält, ist die mathematische Welt eines Leonhard Euler, ….ach, auch ein Basler!

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    1. Tatsächlich? Diese Ihre Aussage lässt wiederum tief blicken… nun ja: Narzissten lieben Narziss, so verwunderlich ist das also wiederum auch nicht!…
      Eine Sentenz immerhin- eine Einzige hören Sie!- rechne ich Nietzsche sehr hoch an:
      „Der Gläubige ist das genaue Gegenteil des Religiösen“ ( in also sprach Zarathustra)
      -auch ER hatte also manchmal seine lichten Momente- immerhin !

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    2. @Hage:
      Wer mit Nietzsche heiteren Sinns dem Sinn und dessen notorischer Abwesenheit nachspürt, soll ein Narzisst sein? Kapier‘ ich nicht.

      Wenn Sie bei einem so raren Klardenker wie Nietzsche nur einen einzigen brauchbaren Satz gefunden haben, kann Ihnen wohl keiner helfen.

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    3. @martens
      rein lebensgeschichtlich orte ich mal den bezug eher in einer späteren phase … schon mit hündchen idefix

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    4. @chröttli: Ok, fair enough.

      Nietzsche halte ich für ein Genie, aber auch für einen komplizierten Menschen. Immerhin hatte er sich nicht angemasst, die Welt in ein vermeintlich ewiggültiges Gedankengebäude zu pressen. Immer lernend und denkend, musste er sich selbst widersprechen, gelgentlich auch zünftig irren, v.a. wenn er die Grenzen neuer Ideen (noch) nicht erkannt hatte. Oder wenn er dem Zeitgeist unterlag. Seine Krankheit brachte ihn obendrein zu fragwürdigen Aussagen und Haltungen.

      Wie soll man also seine Texte lesen? Sicher nicht wie gewisse Kritiker aus heutiger Sicht einen Satz herausklauben und uns dann “beweisen”, dass er halt ein Rassist, Nazi, Narzisst, Spinner, Wahn-Sinniger etc. war. Check! Fall erledigt. Oder ganz besonders liebe ich den Textbaustein: “Sein Werk ist immer noch sehr umstritten”. Das ist Billigst-Journalismus oder -Feuilletonismus: Aussagenfreies Bla-Bla. Und sowas kommt natürlich gut an: Getrost dürfen wir darauf warten, dass das dereinst letzte Wort gesprochen werde.
      Sonst droht eben: Eeek! Provokation! Dann muss man ja *selber* , womöglich wohlwollend lesen, nachdenken, sich inspirieren lassen, interpretieren und noch schlimmer: Stellung beziehen zu müssen!

      So hat jeder seinen Spass dabei.

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