Baslerinnen spielen mit Wikipedias unrühmlichen Gender-Gap

Auf Wikipedia werden über 80 Prozent aller Einträge von Männern geschrieben. Sollte nicht sein, sagen Frauen auf der ganzen Welt und schliessen sich zu Gruppen zusammen, die gemeinsam Wikipedia-Artikel bearbeiten. Auch in Basel gibt es nun eine solche Veranstaltung, organisiert von lokalen Künstlerinnen.

Holen den Wikipedia-Hacktivismus nach Basel: Künstlerinnen Nicole Boillat, Daniela Brugger, Chris Regn, Lysann König und Muriel Staub von Wikimedia.

(Bild: Hansjörg Walter)

Auf Wikipedia werden über 80 Prozent aller Einträge von Männern geschrieben. Sollte nicht sein, sagen Frauen auf der ganzen Welt und schliessen sich zu Gruppen zusammen, die gemeinsam Wikipedia-Artikel bearbeiten. Auch in Basel gibt es nun eine solche Veranstaltung, organisiert von lokalen Künstlerinnen.

24 Millionen Artikel über alles nur erdenkbar Wissenswerte: Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia ist der Brockhaus unserer Zeit. Nur, was weiss man nach ein paar Mausklicks wirklich? Wer generiert dieses Wissen? Und macht es einen Unterschied, ob ein Artikel von einem Mann oder einer Frau verfasst wurde?

Gerade die letzte Frage ist von höchster Brisanz. Schliesslich werden weltweit bei Wikipedia nur knapp 13 Prozent aller Einträge von Frauen verfasst. In der Schweiz sind 88 Prozent der Webeinträge von Männern editiert. In der Internet-Enzyklopädie klafft einer der grössten Gender-Gaps unserer Zeit – und da es bei Wikipedia keinen Gatekeeper gibt, der die Frauen davon abhält, selber Inhalte zu produzieren, kann man sich darüber auch nicht beklagen. Bei Wikipedia dürfen alle ran. Gegensteuer geben kann Frau in diesem Fall also nur, wenn sie das Steuer selbst in die Hand nimmt.



So sieht die Vorbereitung zum Edit-a-thon aus: Die vier Organisatorinnen mit Wikimedia-Schulerin.

So sieht die Vorbereitung zum Edit-a-thon aus: Die vier Organisatorinnen mit Wikimedia-Schulerin. (Bild: Hansjörg Walter)

Das nahmen sich im März 2012 ein paar Frauen aus San Francisco zu Herzen und veranstalteten den ersten «Women’s Edit-a-thon» zum Internationalen Frauentag. Ein «Edit-a-thon» ist eigentlich dasselbe wie ein eintägiger Hackathon, nur dass die Teilnehmenden dabei nicht Software entwickeln, sondern Wikipedia-Inhalte generieren.

Einen Tag lang ergänzten, korrigierten und erstellten die Frauen also Wikipedia-Einträge über Frauen. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Es folgten Edit-a-thons in Princeton, Harvard und ein grosser Ada Lovelace-Day Edit-a-thon an der Brown University, wo Teilnehmer die Präsenz der «Mutter der Algorithmen» im Internet stärkten. 

Es dauerte nicht lange, und die Veranstaltungen tauchten auch im Rest der Welt auf. Heute wird allein im deutschsprachigen Raum alle paar Monate ein Edit-a-thon organisiert.

Veranstaltungsflyer der Basler Editathonistinnen.

Vier Jahre nach dem ersten feministischen Edit-a-thon kommt die Veranstaltung nun auch nach Basel. Künstlerin Daniela Brugger organisiert gemeinsam mit ihren Kolleginnen Chris Regn, Nicole Boillat, Muriel Staub und Lysann König ein Editier-Wochenende im Kaskadenkondensator. Wer seinen Laptop mitbringt, kann hier das ganze Wochenende lang Einträge zu Personen oder Begriffen zum Thema Kunst und Feminismus bearbeiten.

Mindestens ebenso wichtig wie das Editieren ist die Diskussionsebene: «Es geht mir nicht in erster Linie darum, möglichst viele Einträge zu verändern, sondern sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, im Internet Wissen zu produzieren», sagt Brugger. Also: Wer hat die Kontrolle darüber, was wir an Wissen vermittelt bekommen? Welche Art von Informationsübertragung geschieht im Internet, wenn die Geschlechterverhältnisse so unausgeglichen sind? Welchen Einfluss hat dieses fehlende Gleichgewicht auf die Art, wie wir Wissen verarbeiten und letztlich: auf unser Denken? 

Sexistische Algorithmen

Wie tief diese Fragen gründen, zeigt sich bereits in den fundamentalsten Strukturen der Internet-Enzyklopädie: Bevor ein veränderter oder neuer Beitrag bei Wikipedia raufgeladen wird, muss er erst einen Katalog an Relevanzkriterien erfüllen. Und wer entscheidet was relevant ist? Wer stellt diese Kriterien auf?

Wir gehen davon aus, dass Technik neutral sei, aber selbst Algorithmen seien von Menschen programmiert und würden oft antiquierte Geschlechterrollen reproduzieren, erklärt Brugger. Zumal sie hauptsächlich von weissen Männern generiert würden, wodurch ein Ungleichgewicht entstehe, das selten hinterfragt werde. 

Selten aufgeworfen wird auch die naheliegendste Frage: Wieso mischen Frauen so selten bei Wikipedia mit, erstellen und ändern Artikel? Daniela Brugger zuckt mit den Schultern. Weniger Musse, weniger Zeit, weniger Leidenschaft für digitale Projekte, vielleicht? Genau kann sie das nicht sagen. Nur entgegenwirken. Mit dem Edit-a-thon in Basel ist sie auf dem besten Weg dahin.

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Feministischer «Edit-a-thon» im Kasko Basel, Samstag, 5. März, ab 11 Uhr. Und nicht nur in Basel wird am Samstag in die Tasten gehackt – im Rahmen der Kampagne «Art+Feminism» werden am Samstag auf der ganzen Welt Edit-a-thons zu Frauenthemen abgehalten.

Konversation

  1. Warum werden uns vermehrt in den verschiedensten Teilbereichen des Lebens solche Frauenquoten aufgezwungen? Was ist daran verwerflich wenn offenbar 80% der Wikipedia-Artikel von Männern verfasst werden?

    Ich persönlich fokussiere mich beim Lesen eines Online Artikels ausschliesslich auf die Tatsächlichkeit des Inhalts und nicht auf das Geschlecht des Autors. Ausserdem bezweifle ich, dass an solchen Veranstaltungen seriös recherchierte und essentielle Artikel publiziert werden. Qualität geht vor Quantität und die „Gleichberechtigung“ wurde erneut an der falschen Stelle angefochten.

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    1. Erstens: es werden keine Frauenquoten aufgezwungen. Im Artikel steht sogar, dass genau dieses Aufzwingen in der Wikipedia eben nicht funktioniert.
      Zweitens: es geht nicht um Gleichberechtigung, denn die gibt es in der Wikipedia bereits. Es geht um den „Gender Gap“, der zu einem männerlastigen Bias führt, und zwar bei der Themenvielfalt, der Art der Darstellung und der „Tatsächlichkeit des Inhalts“.
      Drittens: die Wikipedia hat ihre Mittel, mit Artikeln umzugehen, die nicht seriös recherchiert und nicht essentiell sind. Es besteht überhaupt kein Grund, prophylaktisch gegen eine Verbesserungsinitiative vorzugehen, von der man (einfach mal so unbegründet aus dem Bauch heraus) vermutet, die dabei geschriebenen Artikel würden eh schlecht herauskommen.

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  2. „Ich persönlich fokussiere mich beim Lesen eines Online Artikels ausschliesslich auf die Tatsächlichkeit des Inhalts und nicht auf das Geschlecht des Autors.“ Leider nichts begriffen. Die „Tatsächlichkeit des Inhalts“ beruht auch auf Verwendung des gen. Maskulinums. Und genau DAS trägt unmittelbar dazu bei, dass die Wikipedia geschichts(ver)fälschend wirkt, wenn da v.a. eben Männer schreiben, die von Frauengeschichte keine Ahnung haben, wenn die ganze Zeit nur z.B. von „Architekten“ geschrieben wird (und dann eben auch in den „Auswahl“-Beispielen nur männliche Architekten stehen). Dadurch wird suggeriert, es gäbe eben keine kunst- und kulturschaffenden Frauen. Viele Artikel zu historischen Frauenpersönlichkeiten werden von Administratoren (ebenfalls allermeist männlich) als „unrelevant“ eingestuft und fliegen raus, obwohl diese Frauenpersönlichkeiten wichtig waren und sind. Und ein gen. Maskulinum KANN von vorneherein schlicht nicht „geschlechtsneutral“ sein, da eben maskulin und NICHT feminin. Man muss weit in die Geschichte zurückschauen: Frauen konnten sehr lange Zeit nicht als Architektinnen arbeiten, da man(n) sie schlicht davon abhielt. Frauen durften nicht studieren. „Mulier taceat in ecclesia“ (Paulus von Tarsus, 1. Korinther 14,34 ) – das hat sich bis heute durch die gesamte Geschichte gezogen. Frauen kamen in der Geschichtsschreibung so gut wie nicht vor. Man schaue dazu einfach in Schulbücher. Frauen existieren wenn dann nur am Rande. Und auf diese Art der Geschichtslehre basieren immens viele Bücher, aus denen für die Wikipedia zitiert wird. Von daher hat dieses seltsam einseitige Geschichtsbewusstsein (das viele Leute als „normal“ ansehen) immensen Einfluss auch auf die Artikel in der Wikipedia. Dort herrscht nach wie vor ein enormes Ungleichgewicht. Danke an die Basler Frauen und an viele andere auch männliche Unterstützer solcher Aktionen!

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    1. @souVereign

      von der andern seite her: ja was ums himmels willen sollte denn dabei verloren gehen?
      je breiter die einspeisung desto valider die inhalte.
      geht’s denn noch um sonst was?

      vicky & die vikingerinnen ahoi

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    2. danke SouVereign für die ausführungen. Ist mir auch als erstes aufgefallen. Tut richtig leseweh. Dabei das ist ja die aufgeschlossene tageswoche + nicht etwa die von frauen/ feministinnen gänzlich verängstige weltwoche… Dazu schlicht + einfach grammatikalisch falsch, wenn an einem edit-a-thon alle teilnehmenden frauen sind. Wie absurd verkehrt dies ist, ist leicht zu überprüfen in dem man sich vorstellt [oder es eben auch mal tut] über eine herrengesprächsrunde ausschliesslich von rednerinnen zu schreiben/ zu sprechen

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    3. @souVereign

      spannend wär’s als gesamtprojekt, sich zb mal die klassischen komponisten (sic) vorzuknöpfen … um nicht gleich die ganze scientific community aufzumischen.

      schinz hatten die im minimum teilweise hochmusikalische weibliche gesellschaft, zum schwulen schubert.

      wär ja witzig, künftig eher an fränzi liszt, amadea mozart und louise beethoven zu denken, so konzeptionell …

      und neulich hat mich jemand gefragt, ob’s eigentlich auch philosophinnen gäbe – tja da hersch wohl nachholbedarf und Ihr arendt da jedenfalls geschlossene türen ein.

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  3. Wenn da nur nicht Bullschit reingepfriemelt wird.

    Diesen Frauen sei eines ans Herz gelegt: Es mag ja sein, dass ein Assistent der Biologie der Uni Basel grösstenteils Alpenbotanik editiert* – aber seine Leserinnen sind 50% Frauen, da 50% der Biologie fest in Frauenhand ist.

    Wie kann Alpenbotanik sexistisch sein?

    (Eben. Es geht wiederum nur um die Brillenjustierung. Nein danke, darauf können wir verzichten. Hatten wir schon, kommt immer wieder rein: https://www.youtube.com/watch?v=wHfiCX_YdgA )

    * Dies war vor 6 Jahren so. Kann sein, dass heute das eine Frau erledigt. Tut aber hier nichts zu Sache.

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